Puppenherz von Max Bentow

Es gibt Thriller, die spannend sind. Es gibt Thriller, die einen überraschen. Und dann gibt es diese ganz besonderen Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt: Das wird unangenehm. Richtig unangenehm.

Genau solche Thriller liebe ich.

Und „Puppenherz“ von Max Bentow ist für mich genau so ein Buch.

Schon die Ausgangsidee hat bei mir gereicht, um dieses ganz bestimmte Gefühl auszulösen. Diese Mischung aus Neugier, Gänsehaut und der leisen Frage, ob ich wirklich wissen möchte, was sich hinter all dem verbirgt.

Natürlich wollte ich es wissen.

Ich wollte es sogar unbedingt wissen.

Auch wenn ich an manchen Stellen wirklich ein kleines bisschen Angst davor hatte, die nächste Seite umzublättern, weil ich schon ahnte, dass dort nichts Gutes auf mich warten würde.

Ein Tatort, der sich sofort im Kopf festsetzt

Nils Trojan und seine Kollegin Carlotta Weiss werden zu einem Tatort gerufen, der selbst für die beiden erfahrenen Ermittler nur schwer zu ertragen ist. Eine Frau wurde auf brutale Weise ermordet. Doch als wäre das allein nicht schon grausam genug, hat der Täter eine makabre Signatur hinterlassen.

Eine kleine Puppe.

Gefertigt aus einem menschlichen Knochen.

Ganz ehrlich? Allein bei dieser Vorstellung hat sich bei mir schon alles zusammengezogen.

Max Bentow schafft es immer wieder, Bilder zu erschaffen, die man eigentlich gar nicht so genau vor Augen haben möchte – die sich aber trotzdem sofort im Kopf festsetzen. Seine Tatorte sind grausam, blutig und verstörend. Dabei wirkt die Brutalität nicht einfach nur wie ein Mittel, um möglichst viel zu schockieren. Sie gehört zu der düsteren Atmosphäre und sorgt dafür, dass man die Bedrohung von Anfang an ernst nimmt.

Als die forensische Untersuchung ergibt, dass der Knochen von einem Opfer stammt, das bereits zehn Jahre zuvor getötet wurde, bekommt der Fall noch einmal eine völlig neue Dimension.

Der damalige Mord wurde nie aufgeklärt.

Doch warum taucht ausgerechnet jetzt ein Teil dieses Opfers wieder auf? Welche Verbindung besteht zwischen dem Cold Case und dem neuen Mord? Und vor allem: Was möchte der Täter damit sagen?

Ich war sofort gefesselt.

Wenn man der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut

Was ich an Max Bentows Thrillern besonders liebe, ist dieses ständige Spiel mit der Frage, was eigentlich real ist.

Ist das, was die Figuren erleben, tatsächlich passiert?

Oder bildet sich jemand etwas ein?

Steckt hinter den Ereignissen ein Mensch aus Fleisch und Blut – oder gibt es vielleicht doch etwas, das sich nicht so einfach erklären lässt?

Auch in „Puppenherz“ liegt über der Geschichte von Anfang an etwas Bedrohliches, beinahe Übernatürliches. Es ist dieses unterschwellige Gefühl, dass irgendwo im Hintergrund etwas lauert. Etwas, das sich noch nicht vollständig zeigt, aber längst da ist.

Genau das macht die Geschichte so unheimlich.

Max Bentow spielt mit dunklen Räumen, verstörenden Bildern und Ängsten, die sich tief in den Gedanken festsetzen. Man weiß nie genau, ob man seinen eigenen Vermutungen trauen kann. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sich die Geschichte in eine bestimmte Richtung entwickelt – nur um kurz darauf wieder an allem zu zweifeln.

Und ich liebe so etwas.

Ich liebe Thriller, die nicht nur durch grausame Morde schockieren, sondern auch im Kopf arbeiten. Die dafür sorgen, dass man beim Lesen jedes Geräusch plötzlich ein bisschen bewusster wahrnimmt und vielleicht doch noch einmal prüft, ob im dunklen Flur wirklich niemand steht.

Was sagt es eigentlich über mich aus, dass ich solche Geschichten so sehr feiere?

Vermutlich denken sich das viele Thrillerfans regelmäßig.

Solange ich anschließend noch schlafen kann, ist wohl alles in Ordnung. Wobei ich mir bei diesem Buch zwischendurch nicht ganz sicher war.

Atemlos durch die Geschichte

Der Untertitel verspricht einen Psychothriller, der atemlos schnell und verstörend raffiniert ist.

Und genau das trifft es für mich ziemlich gut.

Max Bentow verliert sich nicht in langen Erklärungen oder nebensächlichen Handlungssträngen. Er braucht keine hundert Seiten, bis der Fall endlich an Fahrt aufnimmt. Die Geschichte beginnt spannend und bleibt es auch.

Es passiert ständig etwas.

Neue Opfer tauchen auf. Weitere Puppen werden gefunden. Alte Spuren führen zu neuen Fragen und mit jeder Entdeckung wird deutlicher, dass hinter diesen Morden etwas viel Größeres steckt.

Der Druck auf Nils Trojan und Carlotta Weiss wächst zunehmend. Sie müssen nicht nur einen Täter stoppen, sondern gleichzeitig herausfinden, wie die aktuellen Morde mit dem ungelösten Fall von damals zusammenhängen.

Der Schreibstil ist dabei wieder genauso, wie ich ihn von Max Bentow liebe: flüssig, direkt und unglaublich fesselnd.

Die Seiten sind nur so dahingeflogen.

Eigentlich wollte ich immer nur noch ein Kapitel lesen. Doch kaum war dieses beendet, stand schon die nächste Frage im Raum. Natürlich konnte ich dann nicht aufhören.

Und plötzlich war wieder ein großer Teil des Buches vorbei.

Genau so muss sich ein Thriller für mich lesen.

Keine unnötigen Längen. Keine Passagen, bei denen ich darauf warte, dass endlich wieder etwas passiert. Stattdessen eine Geschichte, die mich immer tiefer hineinzieht und kaum Raum zum Durchatmen lässt.

Nils Trojan und Carlotta Weiss

Nils Trojan gehört für mich inzwischen zu den Ermittlern, die ich immer wieder gerne begleite.

Er ist kein unverwundbarer Superkommissar, der jeden Tatort völlig unbeeindruckt betrachtet und sofort die richtige Lösung kennt. Er trägt seine eigenen Ängste, Verletzungen und Erfahrungen mit sich herum. Genau dadurch wirkt er für mich greifbar.

Auch Carlotta Weiss habe ich wieder sehr gerne an seiner Seite erlebt.

Die beiden müssen sich diesmal mit einem Fall auseinandersetzen, der selbst für ihre Verhältnisse außergewöhnlich verstörend ist. Gerade die Verbindung zwischen den neuen Morden und dem alten, ungelösten Verbrechen macht die Ermittlungen so schwierig.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto enger zieht sich das Netz zusammen.

Oder zumindest glaubt man das.

Denn Max Bentow wäre nicht Max Bentow, wenn er seine Leser einfach geradewegs zur Lösung führen würde.

Immer wieder tauchen neue Hinweise auf, die alles verändern. Manche Details wirken zunächst nebensächlich und bekommen später plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Dadurch hatte ich ständig das Gefühl, kurz vor einer wichtigen Erkenntnis zu stehen – nur um festzustellen, dass mir immer noch ein entscheidendes Puzzleteil fehlt.

Das Turmzimmer einer alten Villa

Spätestens als die Spur in das Turmzimmer einer alten Villa führt, hatte mich die Geschichte endgültig.

Alte Villen sind in Thrillern ja grundsätzlich nie ein gutes Zeichen.

Noch weniger, wenn sie über ein geheimnisvolles Turmzimmer verfügen.

Und eigentlich weiß man als Leserin ganz genau, dass dort nichts Harmloses warten wird. Trotzdem möchte man unbedingt hinein. Man muss wissen, was sich dort verbirgt, auch wenn man gleichzeitig das Gefühl hat, dass man es später vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Die Atmosphäre rund um diese Villa war für mich eines der Highlights des Buches.

Düster, bedrückend und voller Geheimnisse.

Ich hatte beim Lesen ständig Bilder vor Augen und konnte mir die Räume, die Schatten und dieses Gefühl, beobachtet zu werden, unglaublich gut vorstellen. Genau diese bildhafte Art zu schreiben beherrscht Max Bentow für mich einfach perfekt.

Er beschreibt nicht nur, was passiert.

Er sorgt dafür, dass man sich mitten darin befindet.

Brutal, blutig und nichts für schwache Nerven

Über die Brutalität müssen wir bei einem Max-Bentow-Thriller eigentlich kaum noch sprechen.

Wer seine Bücher kennt, weiß, dass er nicht zimperlich ist.

Auch „Puppenherz“ enthält blutige Tatorte, schrecklich entstellte Leichen und einige Szenen, die man nicht mal eben nebenbei liest, während man gemütlich sein Abendessen genießt.

Zumindest würde ich davon eher abraten.

Einige Beschreibungen sind wirklich heftig und bleiben im Gedächtnis. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass die Geschichte nur von ihrer Brutalität lebt.

Das Grauen entsteht nicht allein durch das Blut.

Es entsteht durch die Idee hinter den Morden. Durch die Puppen. Durch die alten Geheimnisse und die Frage, was einen Menschen dazu bringt, so etwas zu tun.

Gerade diese Verbindung aus psychologischem Horror und körperlicher Gewalt macht die Geschichte so intensiv.

Ich hatte Gänsehaut, war angespannt und wollte gleichzeitig unbedingt weiterlesen.

Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Thriller.

Ein Finale, das alles zusammenführt

Und dann kam das Finale.

Ich dachte eigentlich, das Tempo könne kaum noch gesteigert werden. Doch auf den letzten Seiten überschlagen sich die Ereignisse regelrecht.

Der Plottwist hat für mich hervorragend funktioniert.

Nach und nach fügen sich die einzelnen Teile zusammen. Hinweise, die zuvor noch rätselhaft erschienen, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Zusammenhänge werden sichtbar und aus all den losen Fäden entsteht ein Gesamtbild.

Ein ziemlich grausames Gesamtbild.

Aber eben auch eines, das logisch funktioniert.

Ich liebe es, wenn ein Thriller mich überrascht und ich im Nachhinein trotzdem erkennen kann, dass die Lösung die ganze Zeit vorbereitet wurde. Wenn ich zurückdenke und merke, dass manche Hinweise direkt vor mir lagen, ich sie aber nicht richtig eingeordnet habe.

Genau dieses Gefühl hatte ich bei „Puppenherz“.

Das Finale fühlte sich für mich wie ein echtes Feuerwerk an. Düster, schnell und voller Enthüllungen. Ich konnte das Buch in diesem Teil überhaupt nicht mehr aus der Hand legen.

Die Geschichte hat sich nicht einfach irgendwie aufgelöst.

Sie hat sich Stück für Stück zusammengesetzt.

Und am Ende passte alles.

Ein kleiner Kritikpunkt

Ganz ohne Kritik komme ich allerdings nicht aus.

Dadurch, dass die Geschichte so kompakt erzählt wird und sich Max Bentow kaum mit Nebensächlichkeiten aufhält, blieb für mich als Leserin relativ wenig Raum, selbst aktiv zu ermitteln.

Es tauchen nicht besonders viele Figuren auf, denen man die Morde glaubhaft hätte anlasten können. Dadurch hatte ich weniger unterschiedliche Verdächtige und Theorien, mit denen ich spielen konnte.

Ich liebe es normalerweise, bei Thrillern selbst mitzurätseln. Verdächtige zu sammeln, Motive zu hinterfragen und meine Meinung immer wieder zu ändern.

Das war hier nur eingeschränkt möglich.

Die Handlung lebt stärker von ihrer Atmosphäre, den grausamen Entdeckungen und der Frage, wie alles zusammenhängt, als von einer langen Liste möglicher Täter.

Dadurch war ich zwar durchgehend gefesselt, hatte aber weniger Gelegenheit, selbst auf Tätersuche zu gehen.

Allerdings ist das wirklich Jammern auf hohem Niveau.

Denn gleichzeitig ist genau diese kompakte Erzählweise auch eine der großen Stärken des Buches. Es gibt keine unnötigen Umwege und keine Längen. Die Geschichte bleibt fokussiert und treibt den Fall konsequent voran.

Man kann eben nicht alles haben.

Mein Fazit

„Puppenherz“ ist genau die Art von Psychothriller, die ich von Max Bentow lesen möchte.

Düster, brutal, gruselig und unglaublich fesselnd.

Die Idee mit den Puppen aus menschlichen Knochen ist makaber, verstörend und erschreckend einprägsam. Dazu kommt dieses permanente Spiel mit der eigenen Wahrnehmung: Ist alles erklärbar oder verbirgt sich hinter den Ereignissen vielleicht doch etwas Übernatürliches?

Der Schreibstil hat mich wieder durch die Seiten fliegen lassen. Die Geschichte hat keine Längen, verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten und steuert konsequent auf ein Finale zu, das alle losen Fäden überzeugend zusammenführt.

Lediglich etwas mehr Raum zum Mitermitteln hätte ich mir gewünscht.

Trotzdem war „Puppenherz“ für mich ein richtig starker Thriller, der mir genau das gegeben hat, was ich mir erhofft hatte: Gänsehaut, Anspannung, grausame Bilder und dieses Gefühl, unbedingt weiterlesen zu müssen – obwohl man eigentlich ein bisschen Angst davor hat, was auf der nächsten Seite wartet.

Ein toller Psychothriller für alle, die starke Nerven haben und es gerne düster, blutig und verstörend mögen.

🖤 4,5 von 5 Herzen