Neues Jahr, neue Vorsätze – aber bitte realistisch.
Keine leeren Versprechen, keine Listen, die im Februar schon Staub ansetzen. Wenn ich mir für das neue Jahr etwas vorgenommen habe, dann genau das: meinen Horizont zu erweitern. Neuen Autor:innen eine Chance zu geben. Kleinen Verlagen Raum zu lassen. Geschichten zu entdecken, die nicht überall auf Bookstagram rotieren – und genau deshalb vielleicht besonders sind.
Und genau mit diesem Vorsatz bin ich auf „Kinderseelen“ von Natalie Britz gestoßen.
Ein Krimi, der mich nicht mit Effekthascherei, sondern mit Atmosphäre, Emotionen und Figuren überzeugt hat.
Im Mittelpunkt steht der erste gemeinsame Fall von Lou Peters und Greg Tylor. Als der elfjährige Nick, Sohn eines mächtigen Pharmaunternehmers, spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Suche führt quer durch Zürich – von wohlhabenden Villenvierteln bis in die dunkleren Ecken der Stadt. Doch schnell wird klar: Dieser Fall ist alles andere als eindeutig. Zu viele Feinde, zu viele Geheimnisse, zu viele Motive.
Lou ist chaotisch, impulsiv, manchmal ein wenig zu direkt – und genau deshalb sofort sympathisch. Greg dagegen ist strukturiert, gewissenhaft, der Ruhepol an ihrer Seite. Beide sind „Ausländer“ in der Schweiz, haben sich ihren Platz erst erarbeiten müssen – und genau das verbindet sie. Ihre Dynamik wirkt ehrlich, natürlich und wohltuend unaufgeregt. Kein aufgesetztes Drama, sondern echtes Teamwork, das man ihnen abnimmt.Bereits der Prolog ist ein harter Einstieg. Man wird ohne Vorwarnung ins Geschehen gezogen, mitten hinein in eine Geschichte, die keine Rücksicht nimmt. Besonders intensiv fand ich die Perspektivwechsel: Neben den Ermittlungen begleiten wir Nick in seiner Gefangenschaft – ein Kind, das verzweifelt ist, Angst hat, aber gleichzeitig eine erstaunliche innere Stärke zeigt. Seine Gedanken, seine Erinnerungen an die verstorbene Mutter, der alte Teddybär als einziger Halt – das geht unter die Haut, ohne je reißerisch zu wirken.
Noch beklemmender sind die Kapitel aus Sicht des Täters. Sie geben Einblick in eine verstörte Gedankenwelt, lassen erahnen, wie fragil Kontrolle sein kann – und wie schnell sie kippt. Diese Passagen haben mir ehrliche Gänsehaut beschert, weil sie nicht laut, sondern leise grausam sind.
Der Schreibstil von Natalie Britz ist angenehm leicht und sehr flüssig. Kurze Kapitel, klare Sprache, kein unnötiger Ballast. Genau diese Struktur sorgt dafür, dass man immer weiterliest. „Nur noch ein Kapitel“ wird hier sehr schnell zur Selbstlüge – und plötzlich ist man durch.
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch: Die Auflösung war für meinen Geschmack etwas zu früh absehbar. Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Moment noch ein wenig hinausgezögert wird, um die Spannung länger zu halten. Durch das hohe Lesetempo wirkte die erste, ruhigere Hälfte stellenweise etwas beschleunigt. Das Ende selbst ist jedoch stimmig, rund und lässt definitiv hoffen, dass Lou und Greg noch weitere Fälle bekommen.
Unterm Strich ist „Kinderseelen“ ein spannender, emotionaler Krimi mit starken Figuren, einer beklemmenden Thematik und kleinen Schwächen, die den Gesamteindruck jedoch kaum trüben. Für mich ein gelungener Start ins neue Lesejahr – und eine Bestätigung dafür, dass es sich lohnt, auch abseits der bekannten Namen zu stöbern.
⭐️⭐️⭐️⭐️ 4/5 Sterne
Ein Krimi, der berührt, mitfiebern lässt und Lust auf mehr macht – von Lou, von Greg und von Natalie Britz.
