Alaina Urquhart – Die Beute

Alaina Urquhart – Die Beute

Thriller dürfen für mich durchaus an Grenzen gehen. Ich mag Geschichten, die düster und kompromisslos sind, die mich schockieren und bei denen ein Autor nicht im entscheidenden Moment die Kamera wegdreht. Wenn dazu noch ein Täter kommt, der mir wirklich unangenehm wird, und eine Handlung, die mich immer tiefer hineinzieht, bin ich meistens schnell gefesselt.

„Die Beute“ von Alaina Urquhart hat genau das geschafft.

Allerdings bin ich mit einem kleinen Nachteil gestartet, denn erst im Zusammenhang mit „Die Beute“ wurde mir bewusst, dass es sich um den zweiten Band handelt. Der Auftakt „Die Jagd“ ist tatsächlich völlig an mir vorbeigegangen. Da die Geschichte an die vorherigen Ereignisse anknüpft und insbesondere die Vergangenheit zwischen Gerichtsmedizinerin Dr. Wren Muller und Serienkiller Jeremy Rose eine wichtige Rolle spielt, würde ich grundsätzlich empfehlen, die Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

Erstaunlicherweise hatte ich trotzdem keine größeren Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden. Die Vorgeschichte wird immer wieder so weit aufgegriffen, dass ich die Beziehung zwischen Wren und Jeremy verstehen konnte. Und gerade diese persönliche Verbindung ist für mich eine der großen Stärken des Thrillers.

Denn Wren jagt keinen Täter, den sie lediglich aus Akten, Tatortbildern und Obduktionsberichten kennt.

Sie weiß, wozu Jeremy Rose fähig ist.

Sie hat es selbst erlebt.

Jeremy ist auf der Flucht aus Louisiana und setzt sein Morden fort. Während er sich immer weiter von den Sümpfen des Südens entfernt, hinterlässt er eine Spur, die Wren und Detective John Leroux aufnehmen. Doch immer wieder scheint er ihnen voraus zu sein. Sie kommen näher, finden neue Hinweise und versuchen, seine nächsten Schritte vorherzusehen, während gleichzeitig klar ist, dass irgendwo bereits das nächste Opfer in Gefahr sein könnte.

Dieses Wissen hat für mich einen enormen Druck erzeugt.

Besonders gelungen fand ich dabei, dass Alaina Urquhart die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt. Wir bleiben nicht ausschließlich auf der Seite der Ermittler, sondern kommen auch Jeremy sehr nahe. Dadurch entsteht eine ganz andere Art von Spannung: Man fragt sich nicht nur, wer der Täter ist, denn das steht längst fest. Stattdessen geht es darum, wann und wie er zuschlagen wird, ob Wren ihn rechtzeitig erreicht und vor allem, welches Ziel er tatsächlich verfolgt.

Jeremy Rose ist dabei ein Täter, den die Autorin konsequent als grausam und kaltblütig zeichnet. Seine Handlungen sind teilweise nur schwer auszuhalten, weil Urquhart Gewalt nicht lediglich andeutet. Einige Szenen werden sehr deutlich und bildhaft beschrieben.

Wer mit expliziter Gewalt, Folter und verstümmelten Leichen Schwierigkeiten hat, sollte deshalb wissen, dass „Die Beute“ definitiv kein zurückhaltender Thriller ist.

Für mich hat gerade diese Konsequenz allerdings zur Geschichte gepasst. Die Brutalität wirkt nicht wie ein nachträglich aufgesetzter Schockeffekt, sondern ist eng mit Jeremy und seiner Art zu töten verbunden. Man soll sich in seiner Nähe unwohl fühlen – und genau das ist der Autorin bei mir gelungen.

Noch interessanter als die reine Härte fand ich jedoch das psychologische Verhältnis zwischen Täter und Verfolgerin.

Wren ist für Jeremy nicht einfach eine weitere Person auf seiner Liste. Sie ist diejenige, die ihm entkommen ist, und damit etwas, das er nicht abschließen kann. Gleichzeitig kann auch Wren das Erlebte nicht einfach hinter sich lassen. Die erneute Jagd auf ihn ist deshalb weit mehr als eine berufliche Aufgabe.

Diese persönliche Ebene hat Wren für mich sehr greifbar gemacht. Ihre Vergangenheit wird nicht vergessen, sobald die eigentliche Handlung beginnt. Man merkt, dass die Begegnung mit Jeremy etwas mit ihr gemacht hat. Trotzdem möchte sie sich von ihrer Angst nicht bestimmen lassen und entscheidet sich bewusst dafür, ihm erneut entgegenzutreten.

Gemeinsam mit Detective John Leroux ergibt sich daraus eine Ermittlungsseite, der ich sehr gerne gefolgt bin. Beide wirkten auf mich nahbar, ohne dass ihre persönlichen Geschichten die eigentliche Thrillerhandlung verdrängt hätten.

Ein Thriller mit enormem Sog

Alaina Urquharts Schreibstil hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich „Die Beute“ kaum aus der Hand legen konnte.

Sie schreibt flüssig und gleichzeitig sehr bildhaft. Gerade die düsteren und brutalen Szenen entstehen dadurch unmittelbar vor dem inneren Auge, aber auch ruhigere Momente verlieren nie dieses unterschwellige Gefühl von Bedrohung.

Hinzu kommen die eher kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel, die das Tempo hochhalten. Immer wieder endet eine Szene an einem Punkt, an dem ich unbedingt wissen wollte, was als Nächstes passiert.

Was mir besonders gefallen hat: Die Spannung entsteht nicht hauptsächlich durch die Frage nach der Identität des Täters.

Jeremy ist bekannt.

Wir begleiten ihn sogar.

Und trotzdem verliert die Geschichte dadurch nichts von ihrer Spannung. Im Gegenteil. Gerade weil ich als Leserin teilweise wusste, was Wren und Leroux noch nicht wussten, wurde die Situation für mich stellenweise noch beklemmender. Man sieht die Gefahr näher kommen und kann gleichzeitig nur dabei zusehen, wie die Ermittler versuchen, die entscheidenden Puzzleteile rechtzeitig zusammenzusetzen.

Dabei hatte ich über weite Strecken nicht das Gefühl, dass die Handlung auf der Stelle tritt. Neue Entwicklungen verändern die Situation immer wieder und das Duell zwischen Jeremy und Wren wird zunehmend persönlicher.

Das Finale entscheidet

Gerade bei Thrillern ist das Ende für mich unglaublich wichtig.

Eine Geschichte kann mich über Hunderte Seiten hervorragend unterhalten – wenn die Auflösung konstruiert wirkt oder nur auf einen möglichst spektakulären Überraschungsmoment ausgerichtet ist, kann das meinen gesamten Eindruck noch einmal verändern.

Deshalb hatte ich entsprechend hohe Erwartungen an die letzten Kapitel.

Und genau dort konnte mich „Die Beute“ noch einmal richtig überzeugen.

Die Handlung zieht deutlich an, die zuvor gelegten Spuren bekommen zunehmend Bedeutung und schließlich nimmt die Geschichte eine Wendung, mit der ich in dieser Form nicht gerechnet hatte. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass die Überraschung lediglich um ihrer selbst willen eingebaut wurde.

Das Finale ist düster, konsequent und vor allem perfide.

Und dann kommt dieses Ende.

Ich möchte natürlich nichts vorwegnehmen, aber für mich war nach den letzten Seiten sofort klar, dass ich diese Geschichte noch nicht verlassen möchte. Dafür bleiben die Ereignisse viel zu spannend stehen und das Duell zwischen Wren und Jeremy fühlt sich noch lange nicht abgeschlossen an.

Fazit

Mit „Die Beute“ hat Alaina Urquhart einen Thriller geschrieben, der ziemlich genau meinen Geschmack getroffen hat.

Die Geschichte lebt weniger von einem klassischen Täterrätsel als von der Frage, wie weit Jeremy Rose gehen wird und ob Wren ihm tatsächlich gewachsen ist. Durch ihre gemeinsame Vergangenheit bekommt die Jagd eine persönliche und psychologische Ebene, die für mich deutlich spannender war als eine reine Aneinanderreihung brutaler Morde.

Gleichzeitig sollte man den Härtegrad nicht unterschätzen. Die Autorin beschreibt einige Taten sehr deutlich und spart weder Gewalt noch Grausamkeit aus. Für empfindliche Leserinnen und Leser ist das sicherlich nicht die richtige Geschichte.

Ich dagegen mochte genau diese Mischung aus psychologischem Katz-und-Maus-Spiel, Ermittlungen, hohem Tempo und kompromissloser Härte. Der bildhafte Schreibstil hat mich schnell in die Handlung gezogen, die kurzen Kapitel haben für einen starken Lesesog gesorgt und insbesondere im letzten Teil konnte ich das Buch kaum noch weglegen.

Dass ich ausgerechnet mit Band zwei eingestiegen bin, war sicherlich nicht optimal. Umso mehr spricht für das Buch, dass es mich trotzdem so stark packen konnte.

Nach diesem Finale hoffe ich vor allem auf eines:

Dass die Geschichte von Wren Muller und Jeremy Rose weitergeht.

Für Fans harter, blutiger Thriller eine klare Empfehlung – allerdings definitiv nichts für schwache Nerven.

🖤 5 von 5 Herzen