Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich

Von Alyssa Day, Jodi Meadows & Mary Weber

„Cinderella meets Herr der Ringe“ – ganz ehrlich, bei dieser Beschreibung war meine Neugier sofort geweckt. Denn so sehr ich Fantasy und Romantasy liebe, habe ich momentan manchmal das Gefühl, immer wieder ähnliche Geschichten zu lesen. Drachen, Akademien, Wettkämpfe – alles Dinge, die ich wirklich gerne mag, aber zwischendurch darf es dann doch gerne mal etwas anderes sein.

Und genau danach klang „Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“.

Alle Prophezeiungen sind sich einig: Niemand kann die Kriegsgöttin Corvynne besiegen. Also nimmt eine Magierin dieses „Niemand“ einfach wörtlich und schickt eine Gruppe vermeintlicher Niemande los, um Altarra zu retten.

Darunter Soli, eine Waise und Dienerin der königlichen Bibliothek, die wohl selbst am allerwenigsten damit gerechnet hätte, plötzlich die Hoffnung eines ganzen Königreiches zu sein.

Keine langen Vorreden – wir müssen schließlich ein Königreich retten

Der Einstieg hat mir direkt richtig gut gefallen. Wir bekommen einen ersten Eindruck von Soli und ihrem bisherigen Leben und dann geht es auch schon los: Sie wird vor den König gezerrt und findet sich plötzlich in einer Mission wieder, die eine Nummer größer ist als alles, was sie bisher kannte.

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass die Welt oder ihre Hintergründe dabei zu kurz kommen. Vieles erfahren wir ganz selbstverständlich während der Reise.

Und schnell wird auch klar: Diese Geschichte ist nicht so harmlos, wie sie vielleicht zunächst wirkt.

Es wird durchaus grausam und Gewalt nicht immer nur angedeutet. Mich hat das überhaupt nicht gestört, weil dadurch auch die Gefahr spürbar wird, in der sich die Figuren befinden.

Diese Truppe!

Mein größtes Highlight waren aber tatsächlich die Charaktere.

Ein Dieb ohne Ehre, ein Adliger ohne Vermögen, eine Zauberin ohne Magie, ein Soldat ohne Mut, ein Prinz ohne Königreich und mittendrin Soli.

Was auf dem Papier zunächst fast wie eine Ansammlung verschiedener Fantasyrollen klingt, bekommt im Laufe der Geschichte erstaunlich viel Tiefe.

Denn die Figuren sind eben nicht einfach nur irgendwelche Nebendarsteller, die Soli auf ihrer Quest begleiten. Sie sind wirklich Charaktere.

Jeder bringt eine eigene Vergangenheit, Schwächen, Geheimnisse und Beweggründe mit. Besonders schön fand ich, dass wir nicht sofort alles über sie erfahren. Stück für Stück kommen neue Details ans Licht und manche Figuren habe ich dadurch im Laufe der Geschichte noch einmal ganz anders wahrgenommen.

Ich mochte tatsächlich jeden auf seine ganz eigene Art.

Auch Soli hat mir als Protagonistin sehr gefallen. Ihre Entwicklung verläuft nicht einfach geradlinig nach oben. Sie entdeckt immer mehr von dem Potenzial, das in ihr steckt, zweifelt aber auch, macht Fehler und fällt zwischendurch wieder in alte Muster zurück.

Und dann wäre da noch das Grau.

Mehr verrate ich dazu lieber nicht, aber genau dieser Teil von Solis Geschichte hat mich besonders neugierig auf ihre weitere Entwicklung gemacht.

Bei der Romance habt ihr mich leider verloren

So begeistert ich von der Quest und den Figuren war, gab es allerdings einen Punkt, der für mich deutlich schwächer funktioniert hat: die Liebesgeschichte.

Ich liebe Romance in Fantasy – aber ich möchte sie auch fühlen können.

Hier hatte ich irgendwann das Gefühl, einige wichtige Schritte übersprungen zu haben. Die Gefühle sind plötzlich da und entwickeln sehr schnell eine Intensität, die ich nicht richtig nachvollziehen konnte.

Gerade weil die Charaktere ansonsten so schön ausgearbeitet sind, hätte ich mir hier viel mehr Zeit gewünscht. Mehr Annäherung, mehr kleine Momente, mehr Knistern und vor allem eine Entwicklung, bei der ich irgendwann selbst denke: Okay, jetzt verstehe ich euch beide.

Stattdessen wurde mir die Beziehung stellenweise fast zu obsessiv.

Auch den Spice hätte es für mich überhaupt nicht gebraucht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen explizite Szenen, aber sie müssen für mich zur emotionalen Entwicklung einer Beziehung passen. Hier hätte ich diese Seiten lieber gegen mehr Slow Burn eingetauscht.

Ich glaube sogar, dass gerade Solis Entwicklung davon profitiert hätte.

Dafür hat mich die Fantasy bekommen

Zum Glück konnte ich die Romance weitgehend ausblenden, denn die eigentliche Geschichte hat mir wirklich gut gefallen.

Dieses klassische Questgefühl, die ungewöhnliche Truppe, die verschiedenen Orte und die Geheimnisse rund um die Figuren haben einen richtigen Sog entwickelt. Gerade hier konnte ich auch den Vergleich mit „Herr der Ringe“ nachvollziehen – weniger wegen konkreter Ähnlichkeiten als wegen dieses Gefühls, gemeinsam mit einer Gruppe auf eine große Reise ins Ungewisse aufzubrechen.

Der Schreibstil ist angenehm flüssig und bildhaft, sodass ich mir die Welt und die Reise sehr gut vorstellen konnte. Gleichzeitig passiert genug, damit die Geschichte nicht ins Stocken gerät.

Und überraschenderweise braucht das Buch am Ende nicht einmal einen fiesen Cliffhanger.

Natürlich bleiben Fragen offen, schließlich ist es der Auftakt einer Trilogie. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, mitten aus der Geschichte geworfen zu werden. Und trotzdem möchte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Eigentlich ist das doch die viel schönere Art, einen Reihenauftakt zu beenden.

„Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“ war für mich endlich einmal wieder ein Fantasyauftakt, der sich etwas anders angefühlt hat.

Besonders die Idee hinter den „Niemanden“, die große Quest und die überraschend tief ausgearbeiteten Charaktere haben mir richtig gut gefallen. Soli entwickelt sich glaubwürdig, die Gruppe ist herrlich unterschiedlich und hinter vielen Figuren steckt offensichtlich noch einiges, das wir bisher gar nicht wissen.

Deutlich schwächer fand ich dagegen die Romance. Die Gefühle entwickeln sich für mich zu schnell und auch auf den Spice hätte ich problemlos verzichten können. Hier hätte ich mir deutlich mehr Zeit und emotionale Entwicklung gewünscht.

Trotzdem hat die Fantasyseite für mich klar überwogen. Ich bin gerne mit dieser ungewöhnlichen Truppe ins Unbekannte gezogen und möchte definitiv erfahren, was noch auf sie wartet.

Ein spannender, stellenweise überraschend grausamer Fantasyauftakt mit einer großartigen Heldentruppe, bei dem für mich vor allem die Romance noch Luft nach oben hat.

🖤 4 von 5 Herzen


Alaina Urquhart – Die Beute

Alaina Urquhart – Die Beute

Thriller dürfen für mich durchaus an Grenzen gehen. Ich mag Geschichten, die düster und kompromisslos sind, die mich schockieren und bei denen ein Autor nicht im entscheidenden Moment die Kamera wegdreht. Wenn dazu noch ein Täter kommt, der mir wirklich unangenehm wird, und eine Handlung, die mich immer tiefer hineinzieht, bin ich meistens schnell gefesselt.

„Die Beute“ von Alaina Urquhart hat genau das geschafft.

Allerdings bin ich mit einem kleinen Nachteil gestartet, denn erst im Zusammenhang mit „Die Beute“ wurde mir bewusst, dass es sich um den zweiten Band handelt. Der Auftakt „Die Jagd“ ist tatsächlich völlig an mir vorbeigegangen. Da die Geschichte an die vorherigen Ereignisse anknüpft und insbesondere die Vergangenheit zwischen Gerichtsmedizinerin Dr. Wren Muller und Serienkiller Jeremy Rose eine wichtige Rolle spielt, würde ich grundsätzlich empfehlen, die Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

Erstaunlicherweise hatte ich trotzdem keine größeren Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden. Die Vorgeschichte wird immer wieder so weit aufgegriffen, dass ich die Beziehung zwischen Wren und Jeremy verstehen konnte. Und gerade diese persönliche Verbindung ist für mich eine der großen Stärken des Thrillers.

Denn Wren jagt keinen Täter, den sie lediglich aus Akten, Tatortbildern und Obduktionsberichten kennt.

Sie weiß, wozu Jeremy Rose fähig ist.

Sie hat es selbst erlebt.

Jeremy ist auf der Flucht aus Louisiana und setzt sein Morden fort. Während er sich immer weiter von den Sümpfen des Südens entfernt, hinterlässt er eine Spur, die Wren und Detective John Leroux aufnehmen. Doch immer wieder scheint er ihnen voraus zu sein. Sie kommen näher, finden neue Hinweise und versuchen, seine nächsten Schritte vorherzusehen, während gleichzeitig klar ist, dass irgendwo bereits das nächste Opfer in Gefahr sein könnte.

Dieses Wissen hat für mich einen enormen Druck erzeugt.

Besonders gelungen fand ich dabei, dass Alaina Urquhart die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt. Wir bleiben nicht ausschließlich auf der Seite der Ermittler, sondern kommen auch Jeremy sehr nahe. Dadurch entsteht eine ganz andere Art von Spannung: Man fragt sich nicht nur, wer der Täter ist, denn das steht längst fest. Stattdessen geht es darum, wann und wie er zuschlagen wird, ob Wren ihn rechtzeitig erreicht und vor allem, welches Ziel er tatsächlich verfolgt.

Jeremy Rose ist dabei ein Täter, den die Autorin konsequent als grausam und kaltblütig zeichnet. Seine Handlungen sind teilweise nur schwer auszuhalten, weil Urquhart Gewalt nicht lediglich andeutet. Einige Szenen werden sehr deutlich und bildhaft beschrieben.

Wer mit expliziter Gewalt, Folter und verstümmelten Leichen Schwierigkeiten hat, sollte deshalb wissen, dass „Die Beute“ definitiv kein zurückhaltender Thriller ist.

Für mich hat gerade diese Konsequenz allerdings zur Geschichte gepasst. Die Brutalität wirkt nicht wie ein nachträglich aufgesetzter Schockeffekt, sondern ist eng mit Jeremy und seiner Art zu töten verbunden. Man soll sich in seiner Nähe unwohl fühlen – und genau das ist der Autorin bei mir gelungen.

Noch interessanter als die reine Härte fand ich jedoch das psychologische Verhältnis zwischen Täter und Verfolgerin.

Wren ist für Jeremy nicht einfach eine weitere Person auf seiner Liste. Sie ist diejenige, die ihm entkommen ist, und damit etwas, das er nicht abschließen kann. Gleichzeitig kann auch Wren das Erlebte nicht einfach hinter sich lassen. Die erneute Jagd auf ihn ist deshalb weit mehr als eine berufliche Aufgabe.

Diese persönliche Ebene hat Wren für mich sehr greifbar gemacht. Ihre Vergangenheit wird nicht vergessen, sobald die eigentliche Handlung beginnt. Man merkt, dass die Begegnung mit Jeremy etwas mit ihr gemacht hat. Trotzdem möchte sie sich von ihrer Angst nicht bestimmen lassen und entscheidet sich bewusst dafür, ihm erneut entgegenzutreten.

Gemeinsam mit Detective John Leroux ergibt sich daraus eine Ermittlungsseite, der ich sehr gerne gefolgt bin. Beide wirkten auf mich nahbar, ohne dass ihre persönlichen Geschichten die eigentliche Thrillerhandlung verdrängt hätten.

Ein Thriller mit enormem Sog

Alaina Urquharts Schreibstil hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich „Die Beute“ kaum aus der Hand legen konnte.

Sie schreibt flüssig und gleichzeitig sehr bildhaft. Gerade die düsteren und brutalen Szenen entstehen dadurch unmittelbar vor dem inneren Auge, aber auch ruhigere Momente verlieren nie dieses unterschwellige Gefühl von Bedrohung.

Hinzu kommen die eher kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel, die das Tempo hochhalten. Immer wieder endet eine Szene an einem Punkt, an dem ich unbedingt wissen wollte, was als Nächstes passiert.

Was mir besonders gefallen hat: Die Spannung entsteht nicht hauptsächlich durch die Frage nach der Identität des Täters.

Jeremy ist bekannt.

Wir begleiten ihn sogar.

Und trotzdem verliert die Geschichte dadurch nichts von ihrer Spannung. Im Gegenteil. Gerade weil ich als Leserin teilweise wusste, was Wren und Leroux noch nicht wussten, wurde die Situation für mich stellenweise noch beklemmender. Man sieht die Gefahr näher kommen und kann gleichzeitig nur dabei zusehen, wie die Ermittler versuchen, die entscheidenden Puzzleteile rechtzeitig zusammenzusetzen.

Dabei hatte ich über weite Strecken nicht das Gefühl, dass die Handlung auf der Stelle tritt. Neue Entwicklungen verändern die Situation immer wieder und das Duell zwischen Jeremy und Wren wird zunehmend persönlicher.

Das Finale entscheidet

Gerade bei Thrillern ist das Ende für mich unglaublich wichtig.

Eine Geschichte kann mich über Hunderte Seiten hervorragend unterhalten – wenn die Auflösung konstruiert wirkt oder nur auf einen möglichst spektakulären Überraschungsmoment ausgerichtet ist, kann das meinen gesamten Eindruck noch einmal verändern.

Deshalb hatte ich entsprechend hohe Erwartungen an die letzten Kapitel.

Und genau dort konnte mich „Die Beute“ noch einmal richtig überzeugen.

Die Handlung zieht deutlich an, die zuvor gelegten Spuren bekommen zunehmend Bedeutung und schließlich nimmt die Geschichte eine Wendung, mit der ich in dieser Form nicht gerechnet hatte. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass die Überraschung lediglich um ihrer selbst willen eingebaut wurde.

Das Finale ist düster, konsequent und vor allem perfide.

Und dann kommt dieses Ende.

Ich möchte natürlich nichts vorwegnehmen, aber für mich war nach den letzten Seiten sofort klar, dass ich diese Geschichte noch nicht verlassen möchte. Dafür bleiben die Ereignisse viel zu spannend stehen und das Duell zwischen Wren und Jeremy fühlt sich noch lange nicht abgeschlossen an.

Fazit

Mit „Die Beute“ hat Alaina Urquhart einen Thriller geschrieben, der ziemlich genau meinen Geschmack getroffen hat.

Die Geschichte lebt weniger von einem klassischen Täterrätsel als von der Frage, wie weit Jeremy Rose gehen wird und ob Wren ihm tatsächlich gewachsen ist. Durch ihre gemeinsame Vergangenheit bekommt die Jagd eine persönliche und psychologische Ebene, die für mich deutlich spannender war als eine reine Aneinanderreihung brutaler Morde.

Gleichzeitig sollte man den Härtegrad nicht unterschätzen. Die Autorin beschreibt einige Taten sehr deutlich und spart weder Gewalt noch Grausamkeit aus. Für empfindliche Leserinnen und Leser ist das sicherlich nicht die richtige Geschichte.

Ich dagegen mochte genau diese Mischung aus psychologischem Katz-und-Maus-Spiel, Ermittlungen, hohem Tempo und kompromissloser Härte. Der bildhafte Schreibstil hat mich schnell in die Handlung gezogen, die kurzen Kapitel haben für einen starken Lesesog gesorgt und insbesondere im letzten Teil konnte ich das Buch kaum noch weglegen.

Dass ich ausgerechnet mit Band zwei eingestiegen bin, war sicherlich nicht optimal. Umso mehr spricht für das Buch, dass es mich trotzdem so stark packen konnte.

Nach diesem Finale hoffe ich vor allem auf eines:

Dass die Geschichte von Wren Muller und Jeremy Rose weitergeht.

Für Fans harter, blutiger Thriller eine klare Empfehlung – allerdings definitiv nichts für schwache Nerven.

🖤 5 von 5 Herzen


Was nervt euch an eurem absoluten Lieblingsgenre?

Machen wir es uns erst einmal gemütlich. Schnappt euch einen Kaffee, einen Tee oder meinetwegen auch direkt etwas Stärkeres – je nachdem, wie sehr euch dieses Thema emotional belastet. Denn heute reden wir Tacheles.

Unter uns Buchverrückten gibt es schließlich diese eine Frage, die früher oder später in jeder guten Leserunde auf den Tisch kommt. Eine Frage, bei der wir vermutlich alle sofort mehrere Antworten im Kopf haben, obwohl wir unser Lieblingsgenre gleichzeitig mit jeder Faser unseres Herzens verteidigen würden:

Was regt euch an eurem absoluten Lieblingsgenre eigentlich so richtig auf?

Ich mache heute einfach mal den Anfang und setze mich freiwillig mitten in die Nesseln.

Ihr wisst, wie sehr ich Romantasy liebe. Magische Welten, geheimnisvolle Wesen, uralte Prophezeiungen, knisternde Gefühle und ein düsterer Mann, bei dem sämtliche Alarmglocken schrillen – genau mein Ding. Ich kann stundenlang in fremden Königreichen verschwinden, mit Drachen durch die Lüfte fliegen und mich in Geschichten verlieren, in denen die Grenzen zwischen Gut und Böse irgendwann vollkommen verschwimmen.

Aber – und dieses Aber ist wirklich riesig – manchmal treiben mich die immer gleichen Klischees in den Wahnsinn.

Das Verrückte daran ist, dass ich genau diese Dinge an anderen Tagen wieder dringend brauche. Dann möchte ich keine Realität, keine komplizierten Alltagsprobleme und schon gar keinen Mann, der nach der Arbeit erst einmal mit Jogginghose auf dem Sofa einschläft. Dann möchte ich den gefährlichen Schattenkönig, der ein ganzes Reich niederbrennen würde, nur weil jemand seine Auserwählte falsch angesehen hat.

Es ist also eine ziemlich klassische Hassliebe.

Von der unscheinbaren Anfängerin zur unbesiegbaren Göttin

Kennt ihr diese Protagonistinnen, die am Anfang eines Buches noch wunderbar normal wirken?

Sie stolpern über ihre eigenen Füße, können kaum ein Schwert richtig halten, haben keine Ahnung von Magie und versuchen eigentlich nur, irgendwie den nächsten Tag zu überleben. Man liest die ersten Kapitel und denkt sich: Ja, mit ihr könnte ich mich im echten Leben richtig gut verstehen.

Und dann passiert es.

Sie berührt einmal ein magisches Amulett, sieht kurz einem Drachen in die Augen oder bekommt in einer dramatischen Szene plötzlich ein Schwert in die Hand gedrückt – und schon ist sie die mächtigste Frau des gesamten Kontinents.

Gestandene Krieger, die seit ihrer Kindheit trainieren? Kein Problem.

Jahrhundertealte Magier? Werden mal eben in die Schranken gewiesen.

Drachenreiten? Kann sie selbstverständlich sofort.

Ganz ehrlich: Ich würde vermutlich nicht einmal elegant auf einen Drachen hinaufkommen. Ich würde irgendwo am Flügel hängen, um Hilfe schreien und mich fragen, warum ich nicht einfach zu Hause geblieben bin. Mein Gleichgewichtssinn verabschiedet sich schon auf einer Schaukel. Aber unsere Romantasy-Heldinnen fliegen nach fünf Minuten die wildesten Manöver und retten dabei nebenbei noch das Königreich.

Natürlich ist es toll, wenn eine Figur über sich hinauswächst. Ich liebe starke Protagonistinnen. Aber ein kleines bisschen Training, Scheitern und echtes Lernen würde der Geschichte manchmal wirklich nicht schaden. Ich möchte sehen, wie sie hinfällt, flucht, wieder aufsteht und sich ihre Stärke tatsächlich erarbeitet.

Die plötzliche Model-Mutation

Und wo wir gerade bei unrealistischen Entwicklungen sind: Können wir bitte kurz über das Aussehen vieler Protagonistinnen sprechen?

Am Anfang halten sie sich selbstverständlich für vollkommen durchschnittlich. Vielleicht sogar für unscheinbar. Niemand hat ihnen jemals gesagt, wie wunderschön sie sind – bis natürlich der geheimnisvolle Prinz auftaucht und sofort erkennt, dass ihre Augen wie Sterne leuchten und ihr Haar im Mondlicht schimmert.

Und spätestens beim ersten Ball folgt dann die große Verwandlung.

Die Welt steht kurz vor dem Untergang, draußen werden Dörfer angegriffen und irgendeine uralte Macht droht zurückzukehren. Aber zum Glück liegt plötzlich ein maßgeschneidertes Abendkleid auf dem Bett. Natürlich in genau der richtigen Größe. Jemand flechtet ihr innerhalb weniger Minuten eine kunstvolle Frisur, das Make-up sitzt perfekt und selbst nach einer anstrengenden Flucht durch den Wald sieht sie aus, als könnte sie direkt bei Germany’s Next Topmodel auftreten.

Ich hingegen sehe nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf aus, als hätte ich selbst gegen drei Dämonen gekämpft.

Auch schlechte Hauttage scheint es in magischen Welten nicht zu geben. Keine Augenringe, keine Pickel, keine Haare, die morgens in sämtliche Himmelsrichtungen stehen. Selbst nach mehreren Tagen auf der Flucht sitzen die Locken noch traumhaft und die Lippen sehen aus, als hätte jemand heimlich Lipgloss verteilt.

Während der Thronsaal brennt, sitzt das Make-up perfekt.

Man muss eben Prioritäten setzen.

Reden wir über die Bookboyfriends

Natürlich dürfen die Männer nicht fehlen.

Ihr wisst genau, von wem ich spreche.

Er ist düster. Geheimnisvoll. Unnahbar. Wahrscheinlich mehrere hundert Jahre alt, sieht aber selbstverständlich aus wie Ende zwanzig. Er besitzt ein perfekt definiertes Sixpack, obwohl ich ihn noch nie beim Training oder überhaupt bei einer normalen Mahlzeit erlebt habe.

Nebenbei ist er der mächtigste Krieger des Reiches, beherrscht irgendeine besonders seltene Form der Magie, hat den trockensten Humor und ein tragisches Geheimnis, über das er natürlich niemals sprechen möchte.

Alle warnen die Protagonistin vor ihm.

Er sei gefährlich. Skrupellos. Vielleicht sogar ein Monster.

Und wir?

Wir lesen weiter und denken uns: Ja gut, aber vielleicht ist er ja nur missverstanden.

Natürlich behandelt er alle anderen Menschen miserabel, doch bei ihr zeigt er plötzlich seine sanfte Seite. Für sie würde er töten, ein Königreich zerstören oder direkt die ganze Welt anzünden. Was im echten Leben vermutlich ein ziemlich deutlicher Grund wäre, sehr schnell und sehr weit wegzulaufen, wird im Buch zur romantischsten Liebeserklärung überhaupt.

Und ich falle jedes Mal darauf herein.

Ich weiß genau, dass er vermutlich sämtliche Warnzeichen persönlich erfunden hat. Trotzdem sitze ich da und hoffe, dass die beiden sich endlich küssen.

Noch schlimmer wird es, wenn die Protagonistin eigentlich zwei Männer zur Auswahl hat. Auf der einen Seite der liebevolle, zuverlässige Freund, der immer für sie da ist. Auf der anderen Seite der gefährliche, moralisch graue Mann, bei dem wirklich alles kompliziert ist.

Wir wissen natürlich alle, wen sie nimmt.

Und vermutlich würden wir uns beim Lesen sogar beschweren, wenn sie sich anders entscheiden würde.

Missverständnisse, die ein Gespräch lösen könnte

Ein weiteres Klischee, das mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt: Konflikte, die sich mit einem einzigen ehrlichen Gespräch lösen ließen.

Sie sieht ihn mit einer anderen Frau.

Er hört nur die Hälfte eines Gesprächs.

Jemand überbringt absichtlich eine falsche Nachricht.

Und statt einfach zu fragen, was passiert ist, verlassen beide dramatisch den Raum, kämpfen wochenlang gegeneinander und sind überzeugt davon, dass der andere sie verraten hat.

Ich sitze währenddessen vor dem Buch und möchte hineinrufen:

Redet doch einfach miteinander!

Natürlich weiß ich, dass wir ohne Missverständnisse deutlich weniger Drama hätten. Wahrscheinlich wäre das Buch dann nach zweihundert Seiten vorbei. Trotzdem wünsche ich mir manchmal Figuren, die sich hinsetzen, durchatmen und einen vollständigen Satz miteinander sprechen.

Besonders schlimm ist es, wenn einer von beiden denkt, er müsse den anderen „zu seinem eigenen Schutz“ verlassen. Statt die Gefahr gemeinsam zu besprechen, verschwindet er einfach, verhält sich absichtlich grausam und glaubt ernsthaft, das sei die beste Lösung.

Nein.

Ist es nicht.

Es macht alles nur schlimmer und sorgt dafür, dass ich zwanzig Kapitel lang genervt auf die Seiten starre.

Die außergewöhnlichste Frau der Welt – selbstverständlich

Natürlich ist die Protagonistin niemals einfach nur irgendeine junge Frau.

Sie ist die letzte Erbin eines vergessenen Königreichs.

Die erste Person seit tausend Jahren, die alle Elemente beherrscht.

Die einzige Frau, die den Drachen berühren kann.

Die verlorene Tochter einer Göttin.

Oder direkt die prophezeite Retterin der gesamten Welt.

Und selbstverständlich wusste sie davon bis gestern noch nichts.

Manchmal wünsche ich mir tatsächlich eine Heldin, die nicht heimlich die mächtigste Person des Universums ist. Eine Figur, die keine verborgene Blutlinie besitzt, sondern einfach durch Mut, Freundschaft und eigene Entscheidungen wichtig wird.

Keine Auserwählte.

Keine wiedergeborene Göttin.

Einfach eine Frau, die sagt: Ich kann das vielleicht nicht, aber ich versuche es trotzdem.

Das würde ich manchmal viel stärker finden.

Sterben dürfen meistens nur die Nebenfiguren

Auch so ein Punkt: Die Hauptfiguren können scheinbar alles überleben.

Sie werden vergiftet, erstochen, aus großer Höhe hinuntergeworfen, von Magie getroffen und kämpfen direkt danach noch stundenlang weiter. Vielleicht humpeln sie kurz oder haben für drei Kapitel eine dramatische Narbe, aber spätestens beim nächsten großen Kampf sind sie wieder vollkommen einsatzbereit.

Dafür sterben dann die liebenswerten Nebenfiguren.

Natürlich genau die, die uns gerade ans Herz gewachsen sind.

Am liebsten opfern sie sich noch mit einem letzten bedeutungsvollen Satz, während ich das Buch anschreie und der eigentliche Hauptcharakter fünf Minuten später wieder irgendeine unmögliche Verletzung überlebt.

Ich möchte nicht, dass ständig Figuren sterben. Wirklich nicht. Aber manchmal würde ich mir wünschen, dass gefährliche Situationen auch spürbare Folgen haben. Dass Verletzungen Zeit brauchen. Dass Entscheidungen Konsequenzen besitzen und nicht alles durch irgendeine plötzlich entdeckte Heilkraft rückgängig gemacht wird.

Und trotzdem liebe ich es

Das Absurde ist: Während ich all diese Dinge aufzähle, bekomme ich direkt wieder Lust auf Romantasy.

Gebt mir einen Drachen, einen geheimnisvollen Schattenprinzen und eine Protagonistin mit verborgener Magie – und ich bin dabei.

Denn an manchen Tagen brauche ich genau diesen schönen Schein.

Ich möchte eine Welt, in der Liebe sämtliche Grenzen überwindet. Ich möchte an unbesiegbare Heldinnen glauben, die sich gegen ganze Armeen stellen. Ich möchte Männer, die ein Königreich niederbrennen würden, und Ballkleider, die selbstverständlich perfekt sitzen. Ich möchte Kitsch, große Gefühle, dramatische Geständnisse und einen Kuss mitten im Weltuntergang.

An anderen Tagen sitze ich allerdings kopfschüttelnd auf dem Sofa und wünsche mir ein kleines bisschen mehr Realität.

Mehr Ecken und Kanten.

Mehr Figuren, die nicht sofort alles können.

Mehr Beziehungen, die sich langsam und nachvollziehbar entwickeln.

Mehr echte Fehler, unangenehme Gespräche und Konsequenzen.

Vielleicht ist genau diese Mischung aber auch der Grund, warum ich Romantasy so sehr liebe. Sie kann mich vollkommen verzaubern und im nächsten Moment furchtbar aufregen. Ich rolle mit den Augen, schimpfe über die Figuren und lese trotzdem bis tief in die Nacht weiter.

Eine ziemlich perfekte Hassliebe also.

Jetzt seid ihr dran

Welches Genre liebt ihr über alles – und welche typischen Klischees treiben euch darin regelmäßig in den Wahnsinn?

Sind es im Thriller die Ermittler, die grundsätzlich allein in den dunklen Keller gehen? Im Liebesroman das ewige Missverständnis? Oder in Fantasygeschichten die Protagonistin, die nach einer Trainingseinheit plötzlich die beste Kämpferin des gesamten Königreichs ist?

Erzählt mir unbedingt davon. Ich möchte wissen, bei welchen Szenen ihr regelmäßig die Augen verdreht – und sie insgeheim trotzdem immer wieder lesen würdet.