Manchmal greift man zu einem Buch mit einer ganz bestimmten Erwartung. Weil man die Autorin schon kennt, weil man ihre bisherigen Werke mochte, weil man weiß: Das könnte genau mein Ding werden.
So ging es mir mit Where the Night Falls von Beril Kehribar. Von ihr habe ich bereits das eine oder andere Buch gelesen, deshalb war ich entsprechend gespannt, wie sich diese neue Reihe entwickeln würde.
Ein Internat auf einer abgelegenen Insel, ein altes Kloster, Menschen und Nachtwesen unter einem Dach, Magie, Geheimnisse und verschwundene Schülerinnen – auf dem Papier klingt das nach einer perfekten Mischung aus Dark Academia, Fantasy und Romantasy. Genau mein Beuteschema. Also rein ins Buch.
Zuerst einmal das Positive: Der Schreibstil ist wirklich gut. Flüssig, angenehm, leicht zu lesen. So ein Stil, bei dem man automatisch immer noch ein Kapitel liest. Und noch eins. Und noch eins. Das Buch lässt sich sehr schnell „runterlesen“, ohne anstrengend zu werden. Das mochte ich sehr. Auch die Grundidee hat mir gefallen. Aurelia als Außenseiterin mit unkontrollierter Magie, die mysteriösen Vorfälle an der Schule, der düstere Unterton – das alles hat definitiv Potenzial.
Leider konnte mich das Setting nicht so mitnehmen, wie ich es mir gewünscht hätte. Wir befinden uns auf einer Insel, in einem alten Kloster, in einem Internat – eigentlich perfekte Voraussetzungen für eine dichte, atmosphärische Welt. Doch für mich blieb vieles erstaunlich blass. Ich hatte selten das Gefühl, wirklich dort zu sein. Die Umgebung wurde nicht so lebendig beschrieben, dass sie mich komplett in die Geschichte gezogen hätte. Oft wusste ich zwar, wo wir sind, habe es aber nicht wirklich gespürt.
Auch der Fantasy-Anteil war für mich überraschend zurückhaltend. Ja, es gibt magische Wesen und Kräfte, aber insgesamt fühlte sich das Buch eher wie ein Kriminalfall mit ein bisschen Magie an, statt wie eine echte High-Fantasy-Welt. Wer hier ein sehr ausgeprägtes Worldbuilding erwartet, könnte enttäuscht sein.
Mit etwa 480 Seiten ist das Buch nicht kurz, aber auch kein dicker Wälzer. Trotzdem gab es immer wieder Längen, vor allem im Mittelteil. Viel Aufbau, viele Gespräche, wenig Fortschritt. An einigen Stellen ist mein Interesse dadurch spürbar abgesackt, obwohl ich die Geschichte eigentlich mochte.
Was mich am meisten gestört hat, war jedoch die Liebesgeschichte. Ich mag Romance, wirklich – wenn sie gut geschrieben ist. Hier hat sie für mich leider nicht funktioniert. Nathanael ist der klassische mysteriöse, dunkle Typ, der emotional verschlossen ist und natürlich eine tragische Vergangenheit hat. Aurelia fühlt sich zu ihm hingezogen, was wenig überraschend ist. Das Problem war für mich weniger das Klischee, sondern die fehlende Chemie. Ihre Beziehung basiert vor allem auf Andeutungen aus der Vergangenheit, die man selbst kaum miterlebt. In der Gegenwart habe ich zwischen ihnen kaum Funken gespürt. Viele Dialoge wirkten mal authentisch, mal unnötig dramatisch, mal einfach seltsam. Dadurch konnte ich ihre Gefühle nicht richtig nachvollziehen – und weil ihre Beziehung so viel Raum einnimmt, zieht das leider einiges von der ansonsten guten Story herunter.
Positiv hervorheben möchte ich das Ende. Das Finale hat mir wirklich gefallen. Nach einem sehr langsamen Aufbau nimmt die Geschichte plötzlich Fahrt auf, die Spannung steigt, und auch wenn manches vorhersehbar war, war es gut umgesetzt. Ab etwa siebzig Prozent wurde das Buch für mich richtig interessant. Da hatte ich endlich das Gefühl, jetzt zeigt die Geschichte, was eigentlich in ihr steckt – fast ein bisschen zu spät, aber immerhin.
Insgesamt ist „Where the Night Falls“ für mich ein Buch mit viel Potenzial und einer soliden Grundlage, das sich aber nicht immer traut, dieses Potenzial voll auszuschöpfen. Der Schreibstil ist angenehm, die Grundidee spannend, das Finale gelungen. Gleichzeitig leidet das Buch unter schwachem Worldbuilding, einigen Längen und einer Liebesgeschichte, die mich emotional nicht abholen konnte.
Am Ende bin ich dem Buch gegenüber ziemlich neutral eingestellt. Es gibt genauso viel, was mir gefallen hat, wie Dinge, die mich gestört haben. Trotzdem hat mich das Ende neugierig genug gemacht, um Band zwei lesen zu wollen. Ich hoffe sehr, dass dort Welt, Spannung und Emotionen noch stärker ausgebaut werden.
3/5 Sterne.
Kein Highlight, aber auch kein Reinfall – ein solider Auftakt mit Luft nach oben.





