Nachdem mich „15 Sekunden“ komplett begeistert hatte, war für mich sofort klar, dass ich auch den zweiten Band lesen muss. Bis heute habe ich diese eine Szene vom Anfang des ersten Buches im Kopf. Diese einsame Landstraße, diese bedrückende Stimmung und das Gefühl, als würde man selbst mitten im Geschehen stehen. Genau das hatte ich mir auch diesmal wieder gewünscht.
Und tatsächlich hat Chris Warnat es geschafft, mich schon im Prolog wieder komplett abzuholen.
Ich war sofort auf diesem Festival. Ich konnte die drückende Hitze förmlich spüren, die schweren Gewitterwolken am Himmel sehen und dieses ungute Gefühl wahrnehmen, dass hier gleich irgendetwas passieren wird. Obwohl überall Menschen feiern, liegt von Anfang an eine Bedrohung in der Luft. Ich liebe es, wenn ein Thriller so beginnt. Nicht mit Action um jeden Preis, sondern mit einer Atmosphäre, die sich langsam aufbaut und einem nach und nach eine Gänsehaut beschert.
Kurz darauf wird an einem anderen Ort eine tote Frau gefunden, die nur von einer dünnen Schneeschicht bedeckt ist. Allein dieses Bild fand ich unglaublich stark. Zwei völlig unterschiedliche Ereignisse, bei denen ich mich die ganze Zeit gefragt habe: Wie soll das nur zusammenpassen?
Genau dieses Rätseln hat mich durch das ganze Buch begleitet.
Ich habe ständig neue Vermutungen aufgestellt, war zwischendurch sogar ziemlich überzeugt, den Fall durchschaut zu haben und wurde dann doch wieder in eine völlig andere Richtung geschickt. Genau das wünsche ich mir von einem Thriller.
Was ich an Chris Warnat außerdem besonders mag, sind ihre rechtsmedizinischen Details. Man merkt einfach, wie viel Recherche in ihren Büchern steckt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass sie mit Fachwissen um sich wirft. Alles fügt sich ganz natürlich in die Geschichte ein und macht die Ermittlungen unglaublich glaubwürdig.
Besonders gefreut habe ich mich darüber, bekannte Figuren wiederzutreffen. Gerade Lennart Bär und die Suche nach seinem Sohn haben mich schon im ersten Band beschäftigt. Ich mag es sehr, wenn solche Geschichten nicht einfach abgeschlossen werden, sondern sich über mehrere Bücher weiterentwickeln. Das lässt die Figuren für mich viel lebendiger wirken.
Und etwas fällt mir bei Chris Warnat tatsächlich jedes Mal wieder auf: ihre Figuren. Nicht nur ihre Charaktere wirken unglaublich echt, sondern auch ihre Namen. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, aber für mich macht genau das den Unterschied. Die Menschen in ihren Büchern fühlen sich an wie Menschen, denen man in Hamburg tatsächlich begegnen könnte. Nichts wirkt künstlich oder austauschbar.
Der Fall selbst ist diesmal etwas komplexer als in „15 Sekunden“. Rund um Rahels Tod tauchen immer neue Fragen auf und je mehr man über sie erfährt, desto bedrückender wird ihre Geschichte. Ich mochte, dass sich die Wahrheit Stück für Stück zusammensetzt und man nie das Gefühl hat, die Lösung läge auf der Hand.
Trotzdem muss ich sagen, dass mich „15 Sekunden“ insgesamt noch einen kleinen Tick mehr gepackt hat. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil mich dieses Buch damals komplett überrascht hat. „Vier Minuten Stille“ steht dem aber wirklich nur knapp nach. Vor allem das Ende hat mich emotional viel mehr berührt, als ich erwartet hätte.
Chris Warnat gehört für mich inzwischen zu den Autorinnen, bei denen ich ziemlich genau weiß, was mich erwartet: keine übertriebene Action, sondern Spannung, die sich langsam aufbaut, Figuren, die sich echt anfühlen, hervorragend recherchierte Ermittlungen und Geschichten, die einen auch emotional nicht kaltlassen.
Ich freue mich jetzt schon darauf, wieder mit Wase und Rahimi ermitteln zu dürfen.
🖤🖤🖤🖤 4 von 5