The Darkest Academy 1 – Bones von Beril Kehribar: Willkommen an einer Akademie, an der niemand unschuldig ist

Düstere Akademie, tödliche Prüfungen, eine Protagonistin auf Rachefeldzug, moralisch fragwürdige Charaktere und gleich mehrere Männer, bei denen man vermutlich besser einen ziemlich großen Sicherheitsabstand einhalten sollte?

Okay. Ich bin dabei.

„The Darkest Academy 1 – Bones“ von Beril Kehribar hatte schon vor dem Lesen ziemlich viele Zutaten, die genau meinen Geschmack treffen. Trotzdem war ich gespannt darauf, ob hinter den ganzen vielversprechenden Tropes auch eine Geschichte steckt, die mich wirklich packen kann.

Und ja – das konnte sie.

Vor allem Vorgoth hat es mir angetan. Denn wer bei einer Academy-Geschichte an gemütliche Unterrichtsstunden, Freundschaften fürs Leben und ein bisschen magisches Schulchaos denkt, dürfte hier ziemlich schnell eines Besseren belehrt werden.

Vorgoth ist düster. Brutal. Gefährlich.

Und genau das hat mir unglaublich gut gefallen.

Worum geht es in „The Darkest Academy – Bones“?

Lucinda Cross hat früh gelernt, dass sie sich auf niemanden verlassen kann.

Vor zehn Jahren wurden ihre Eltern brutal ermordet. Seitdem schlägt Luci sich in der Unterstadt durch und kämpft jeden Tag ums Überleben. Ihr treuester Begleiter ist Ash, ein Falke und ihr Familiar.

Dann erhält sie eine Einladung, die ihr Leben komplett verändert.

Luci soll nach Vorgoth kommen – eine Akademie der dunkelsten Künste, die jungen Hexen und Hexern einen Platz bietet, die in dieser Welt zu den Gejagten und Unterdrückten gehören.

Doch Vorgoth ist alles andere als ein sicherer Zufluchtsort.

Die Studierenden müssen lernen, mit mächtigen Familiaren umzugehen und dadurch ihre eigenen magischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Gleichzeitig warten gefährliche Prüfungen, Gewalt und Menschen auf Luci, denen sie besser nicht blind vertrauen sollte.

Und dann gibt es da noch Professor Ezra Aerion, der offenbar mehr über Lucis Vergangenheit weiß, als er ihr erzählen möchte.

Sowie Devriel Malkov und die Saints – eine Gruppe, die innerhalb der Akademie ihre ganz eigene Stellung einnimmt.

Während Luci versucht, in Vorgoth zu bestehen, verliert sie ihr eigentliches Ziel jedoch nie aus den Augen:

Sie möchte herausfinden, wer ihre Eltern getötet hat.

Und sie will Rache.

Vorgoth ist definitiv keine gemütliche Zauberschule

Einer der größten Pluspunkte des Buches war für mich ganz klar das Setting.

Ich mag Academy-Geschichten grundsätzlich sehr gerne, aber natürlich kennt man mittlerweile viele Varianten davon. Umso schöner finde ich es, wenn sich eine Geschichte nicht einfach auf dem bekannten Konzept ausruht.

Und Vorgoth ist alles andere als gemütlich.

Schon ziemlich schnell wird klar, dass man an dieser Akademie nicht unbedingt Freunde fürs Leben findet und anschließend gemeinsam fröhlich zum nächsten Unterricht spaziert. Die Atmosphäre ist rau, brutal und ständig von einem gewissen Misstrauen geprägt.

Hier kann praktisch jeder gefährlich werden.

Die Studenten sind keine harmlosen Nachwuchsmagier, sondern teilweise selbst Menschen mit einer ziemlich düsteren Vergangenheit. Dazu kommen tödliche Prüfungen und Machtverhältnisse, bei denen man schnell merkt, dass diese Welt ihre ganz eigenen Regeln besitzt.

Gerade dieses Gefühl, nie genau zu wissen, wem Luci wirklich vertrauen kann, mochte ich sehr.

Die Akademie fühlt sich dadurch tatsächlich gefährlich an und ist nicht nur eine hübsche Kulisse für die Romance.

Lucinda ist alles andere als eine strahlende Heldin

Und genauso gut passt Luci in diese Welt.

Sie ist keine klassische Fantasyheldin, die mit einem großen Herzen loszieht, um die Welt zu retten. Dafür hat sie in ihrem Leben viel zu viel erlebt.

Der gewaltsame Tod ihrer Eltern hat sie geprägt und die Jahre auf den Straßen der Unterstadt haben dafür gesorgt, dass sie gelernt hat, sich durchzuschlagen. Luci ist misstrauisch, kann sich behaupten und verfolgt ein sehr persönliches Ziel.

Sie will Antworten.

Und sie will die Menschen finden, die für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind.

Gerade diese Mischung aus Trauma, Wut und Rachegedanken fand ich bei ihr interessant. Luci ist nicht immer bequem und soll das meiner Meinung nach auch gar nicht sein. In einer Welt voller moralisch grauer Figuren hätte eine vollkommen makellose Protagonistin vermutlich sogar fehl am Platz gewirkt.

Stattdessen darf sie Ecken und Kanten haben.

Ihre Entwicklung hat mich bereits in diesem ersten Band überzeugen können und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass bei ihr noch unglaublich viel möglich ist. Schließlich stehen wir erst am Anfang einer Trilogie und längst nicht alle Fragen über ihre Vergangenheit sind beantwortet.

Gerade deshalb bin ich sehr gespannt, wohin Beril Kehribar sie in den nächsten Bänden noch führen wird.

Ash und das Magiesystem

Sehr gefallen hat mir außerdem die Idee der Familiare.

Lucis Begleiter Ash ist ein Falke, doch innerhalb dieser Welt gibt es noch wesentlich außergewöhnlichere Wesen. Die Verbindung zwischen Hexen beziehungsweise Hexern und ihren Familiaren spielt eine wichtige Rolle, denn durch sie entstehen unterschiedliche magische Fähigkeiten.

Und wenn dabei unter anderem Drachen, Basilisken und Seraphim ins Spiel kommen, bin ich natürlich neugierig.

Das Magiesystem war für mich insgesamt schlüssig aufgebaut und ich hatte nicht das Gefühl, vollkommen mit Begriffen und Regeln erschlagen zu werden. Besonders hilfreich fand ich die zusätzlichen Einblicke zu Beginn der Kapitel. Dadurch bekommt man immer wieder Informationen über die Welt und ihre Regeln, ohne dass innerhalb der eigentlichen Handlung ständig lange Erklärungen eingeschoben werden müssen.

So konnte ich mich nach und nach in Vorgoth und dem Magiesystem zurechtfinden.

Für mich ein schöner Weg, Worldbuilding und Handlung miteinander zu verbinden.

Professor Ezra Aerion – gefährlich interessant

Natürlich wäre es keine spicy Dark Romantasy, wenn neben tödlichen Prüfungen und Rache nicht auch noch ein bisschen anderes Chaos auf Luci warten würde.

Und davon gibt es definitiv genug.

Professor Ezra Aerion fand ich direkt interessant.

Vor allem, weil ziemlich schnell klar wird, dass er mehr weiß, als er Luci erzählt. Gerade in Verbindung mit ihrer Vergangenheit entsteht dadurch automatisch dieses Misstrauen: Was weiß er? Warum sagt er es ihr nicht? Und welche Rolle spielt er wirklich?

Gleichzeitig ist da diese Anziehung zwischen den beiden.

Und die hat für mich funktioniert.

Ich konnte nachvollziehen, warum Luci sich zu ihm hingezogen fühlt, obwohl es genügend Gründe gäbe, bei diesem Mann lieber vorsichtig zu sein. Die Dynamik zwischen ihnen hat mich neugierig gemacht und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir hier längst noch nicht alles gesehen haben.

Zumal Ezra nicht der einzige Mann ist, der Lucis Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Saints bringen noch einmal eine ganz andere Dynamik hinein

Dann wären da nämlich noch die Saints.

Die Studenten-Elite besteht aus vier Charakteren, die ich allesamt auf ihre Art interessant fand. Sie haben innerhalb von Vorgoth eine besondere Stellung und passen wunderbar in diese moralisch graue Welt, in der man sowieso nie genau weiß, wem man trauen sollte.

Besonders Devriel Malkov spielt für Luci eine wichtige Rolle.

Zwischen den beiden besteht ebenfalls eine Verbindung, bei der ich unbedingt wissen möchte, wie sie sich weiterentwickelt. Gerade weil mit Ezra und Devriel unterschiedliche Dynamiken aufgebaut werden, lässt sich für mich momentan noch überhaupt nicht sicher sagen, in welche Richtung sich alles bewegen wird.

Und genau das gefällt mir.

Ich brauche in einem ersten Band noch keine endgültigen Antworten. Im Gegenteil: Bei einer Trilogie möchte ich am Ende neugierig sein, möchte Figuren hinterfragen und wissen wollen, welche Beziehungen sich noch verändern.

Das hat „Bones“ definitiv geschafft.

Düster, brutal und moralisch ziemlich grau

Was für mich insgesamt sehr gut funktioniert hat, ist die Atmosphäre.

„The Darkest Academy – Bones“ versucht gar nicht erst, Vorgoth oder seine Charaktere netter zu machen, als sie sind.

Es wird brutal. Menschen verfolgen ihre eigenen Ziele. Vertrauen ist gefährlich und selbst bei Figuren, die man langsam besser kennenlernt, bleibt immer ein gewisses Fragezeichen.

Das passt hervorragend zu Lucis Geschichte.

Auch die Spannung hat für mich funktioniert. Neben der Frage nach den Mördern ihrer Eltern gibt es an der Akademie genug andere Gefahren, Geheimnisse und Konflikte, sodass ich immer wissen wollte, was als Nächstes passiert.

Dabei lebt das Buch für mich nicht nur von der Romance.

Natürlich spielen die unterschiedlichen Anziehungen und Beziehungen eine wichtige Rolle – und bei den verschiedenen Love Interests dürfte in den nächsten Bänden noch einiges auf uns zukommen. Aber dahinter gibt es eine Welt und eine Geschichte, die mich ebenfalls interessieren.

Gerade diese Mischung ist mir bei Romantasy wichtig.

Ich möchte mit den Charakteren mitfiebern und das Knistern spüren, aber eben auch wissen wollen, was außerhalb ihrer Liebesgeschichte passiert.

Und hier möchte ich vor allem endlich erfahren, was wirklich hinter Lucis Vergangenheit steckt.

Und dann dieser Cliffhanger …

Ich wusste natürlich, dass ich hier den ersten Teil einer Trilogie lese.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich auf diesen Cliffhanger vorbereitet war.

Das Ende war emotional und hat dafür gesorgt, dass ich Band zwei am liebsten direkt hinterhergeschoben hätte.

Genau so darf ein erster Teil für mich enden.

Natürlich ist es gemein, wenn man anschließend warten muss. Gleichzeitig zeigt mir genau dieses Gefühl aber auch, dass die Geschichte etwas richtig gemacht hat. Wären mir Luci, ihre Vergangenheit und die Menschen um sie herum egal, würde mich schließlich auch ein Cliffhanger kaltlassen.

Tut er aber nicht.

Ganz im Gegenteil.

Ich möchte Antworten.

„The Darkest Academy 1 – Bones“ von Beril Kehribar ist für mich ein richtig gelungener Auftakt einer düsteren Romantasy-Trilogie und hat ziemlich genau die Atmosphäre getroffen, die ich mir von diesem Buch erhofft hatte.

Vorgoth ist keine gewöhnliche magische Akademie, sondern ein gnadenloser Ort voller gefährlicher Prüfungen, Gewalt, Geheimnisse und Menschen, denen man besser nicht vorschnell vertraut. Genau diese dunkle Grundstimmung hat mich sehr schnell in die Geschichte gezogen.

Mit Lucinda bekommen wir außerdem keine strahlende Heldin, sondern eine traumatisierte und vielschichtige Protagonistin, die ihre Vergangenheit mit sich herumträgt und von einem starken Wunsch nach Rache angetrieben wird. Gerade ihre moralisch grauen Seiten passen für mich hervorragend in diese Welt.

Auch das Magiesystem mit den Familiaren konnte mich überzeugen. Es ist interessant, nachvollziehbar aufgebaut und bietet für die kommenden Bände noch unglaublich viele Möglichkeiten.

Und natürlich dürfen wir über Ezra, Devriel und die Saints nicht schweigen.

Die verschiedenen Dynamiken haben mich neugierig gemacht und gerade weil noch überhaupt nicht klar ist, wem Luci wirklich vertrauen kann und wohin sich ihre Beziehungen entwickeln werden, möchte ich unbedingt weiterlesen.

Düsteres Academy-Setting, moralisch graue Charaktere, spannende Magie, gefährliche Prüfungen, mehrere interessante Love Interests und eine Protagonistin auf Rachefeldzug – für mich hat diese Mischung richtig gut funktioniert.

Und nach diesem emotionalen Cliffhanger bleibt eigentlich nur noch eine Frage:

Wann kann ich endlich Band zwei lesen?

★★★★½ 4,5 von 5 Sternen




Was sie nicht weiß von Shari Lapena – ein Vermisstenfall, bei dem plötzlich jeder verdächtig erscheint

Von Shari Lapena hatte ich schon so viel gehört, dass ich mittlerweile wirklich neugierig auf ihre Thriller war. Trotzdem hatte ich bisher tatsächlich noch kein einziges Buch von ihr gelesen. „Was sie nicht weiß“ sollte das nun ändern – und bei einem verschwundenen Menschen, zahlreichen Geheimnissen und einer Geschichte, bei der offenbar niemand so ganz die Wahrheit sagt, musste ich eigentlich nicht lange überlegen.

Und nachdem ich das Buch beendet habe, weiß ich zumindest eines ganz sicher: Das war nicht mein letzter Thriller von Shari Lapena.

Dabei war ich nach den ersten Seiten noch gar nicht so überzeugt davon.

Worum geht es in „Was sie nicht weiß“?

Bryden und Sam führen nach außen ein ziemlich perfektes Leben. Sie sind verheiratet, beruflich erfolgreich, haben eine schöne Wohnung und mit ihrer dreijährigen Tochter Clara eigentlich alles, was sie sich gewünscht haben.

Bis zu diesem einen Abend.

Sam bekommt einen Anruf aus Claras Kindergarten. Niemand hat das kleine Mädchen abgeholt. Eigentlich wäre Bryden dafür zuständig gewesen, doch sie ist nicht aufgetaucht.

Sam holt Clara schließlich selbst ab und fährt nach Hause. Dort wird die Situation allerdings noch merkwürdiger. Brydens Auto steht in der Tiefgarage. Ihre persönlichen Sachen befinden sich in der Wohnung. Handy, Schlüssel und Portemonnaie sind da.

Nur Bryden nicht.

Was zunächst wie ein rätselhaftes Verschwinden aussieht, entwickelt sich immer weiter zu einem Fall, bei dem plötzlich die Menschen aus Brydens engstem Umfeld Fragen aufwerfen. Gleichzeitig gibt es noch andere Ereignisse, die zunächst vollkommen unabhängig von ihrem Verschwinden zu sein scheinen.

Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, wo Bryden ist, sondern auch, wie gut die Menschen um sie herum sie tatsächlich kannten.

Mein erstes Buch von Shari Lapena – und zunächst war ich etwas irritiert

Auf diesen Thriller war ich wirklich gespannt. Shari Lapena ist schließlich ein Name, über den ich im Thrillerbereich schon häufig gestolpert bin, und entsprechend neugierig war ich darauf, ob ihre Bücher auch meinen Geschmack treffen.

Mein erster Eindruck war allerdings tatsächlich etwas anders als erwartet.

Der Schreibstil ist sehr direkt, schnörkellos und zunächst überraschend schlicht. So schlicht, dass ich kurz gestutzt und tatsächlich noch einmal nachgesehen habe, ob ich hier vielleicht versehentlich bei einem YA-Thriller gelandet bin.

Das war einfach nicht das, womit ich gerechnet hatte.

Dieser Eindruck hielt allerdings nicht lange an. Nach einigen Kapiteln hatte ich mich an den Stil gewöhnt und plötzlich merkte ich, wie gut genau diese unkomplizierte Art zu erzählen für die Geschichte funktioniert. Es gibt wenig unnötigen Ballast, die Handlung bewegt sich stetig weiter und irgendwann flogen die Seiten bei mir nur noch dahin.

Gerade bei einem Thriller, der mit vielen verschiedenen Figuren, Perspektiven und kleinen Informationshäppchen arbeitet, hat mir dieser klare Schreibstil letztendlich sogar ziemlich gut gefallen.

Viele Perspektiven – und trotzdem verliert man nie den Überblick

Denn „Was sie nicht weiß“ konzentriert sich keineswegs ausschließlich auf Sam und das Verschwinden seiner Frau.

Wir begleiten unter anderem die Ermittlerin Jayne, Brydens Ehemann Sam, ihre Schwester Lizzie, ihre Mutter Donna und ihre beste Freundin Paige. Zusätzlich gibt es kurze Rückblicke aus Brydens Perspektive und weitere Handlungsstränge rund um Derek und Alice sowie Tracey und ihren Mann.

Das klingt erst einmal nach ziemlich viel.

Und normalerweise bin ich bei einer solchen Menge an Figuren durchaus skeptisch, weil ich keine Lust habe, ständig zurückblättern zu müssen, um herauszufinden, wer jetzt eigentlich noch einmal wer war.

Hier hatte ich dieses Problem erstaunlicherweise überhaupt nicht.

Obwohl die Perspektivwechsel nicht jedes Mal groß angekündigt oder besonders gekennzeichnet werden, konnte ich der Geschichte problemlos folgen. Die einzelnen Personen unterscheiden sich genug voneinander und nach und nach merkt man, wie sich aus den vielen kleinen Geschichten ein immer größeres Gesamtbild zusammensetzt.

Genau das hat für mich einen großen Teil des Reizes ausgemacht.

Man bekommt eben nicht nur die Perspektive eines verzweifelten Ehemannes präsentiert. Stattdessen erlebt man, was Brydens Verschwinden mit ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem gesamten Umfeld macht – und gleichzeitig beginnt man automatisch, jede Aussage und jede Reaktion ein bisschen genauer zu betrachten.

Denn bei einem Thriller ist natürlich sofort diese kleine Stimme im Kopf da:

Wer sagt eigentlich wirklich die Wahrheit?

Die Ermittlungen haben mir besonders gut gefallen

Ein echtes Highlight waren für mich die Ermittlungen.

Ich mag Thriller, in denen man nicht nur auf eine spektakuläre Auflösung am Ende hinarbeitet, sondern unterwegs tatsächlich das Gefühl bekommt, gemeinsam mit den Ermittlern Informationen zusammenzutragen.

Genau das funktioniert hier sehr gut.

Immer wieder tauchen kleine Details auf, Aussagen bekommen plötzlich eine andere Bedeutung und neue Informationen sorgen dafür, dass man die bisherigen Vermutungen wieder überdenken muss.

Dabei hatte ich selbst natürlich ständig irgendwelche Theorien.

Und dann kam wieder irgendeine Kleinigkeit und ich konnte meine schöne Theorie gedanklich direkt wieder zusammenknüllen.

Besonders spannend fand ich allerdings etwas, das mit der eigentlichen Polizeiarbeit nur indirekt zu tun hat: die True-Crime-Gruppe im Internet.

Wenn das Internet plötzlich selbst ermittelt

Dieser Teil der Geschichte hat mich wirklich gepackt, weil er erschreckend realistisch wirkte.

Kaum wird ein Vermisstenfall öffentlich, entstehen Theorien. Menschen analysieren Bilder, Aussagen und Verhaltensweisen. Irgendjemand entdeckt angeblich ein verdächtiges Detail und plötzlich entwickelt sich daraus eine Geschichte, die innerhalb kürzester Zeit von immer mehr Menschen übernommen wird.

Und aus Spekulationen werden irgendwann vermeintliche Tatsachen.

Gerade wenn man selbst viel in sozialen Medien unterwegs ist, erkennt man diese Dynamik leider ziemlich schnell wieder. Menschen haben nur einen Bruchteil der Informationen und sind trotzdem vollkommen überzeugt davon, einen Fall durchschaut zu haben. Verdächtigungen verbreiten sich rasend schnell und was das für die Menschen bedeutet, die plötzlich öffentlich beschuldigt werden, gerät dabei schnell in den Hintergrund.

Diese True-Crime-Komponente fand ich deshalb richtig interessant und gleichzeitig ziemlich beklemmend.

Sie ergänzt den eigentlichen Vermisstenfall, ohne wie ein künstlich eingebautes modernes Thema zu wirken.

Und plötzlich gibt es noch viel mehr Fragen

Shari Lapena belässt es allerdings nicht bei Brydens Verschwinden.

Parallel tauchen weitere Geschichten auf: ein vermeintlicher Unfall mit Fahrerflucht und eine mutmaßliche Vergewaltigung. Zunächst scheinen diese Ereignisse neben dem eigentlichen Vermisstenfall zu stehen und ich habe mich natürlich gefragt, warum sie überhaupt so viel Raum bekommen.

Aber genau dadurch beginnt dieses typische Thriller-Rätseln.

Hat das alles miteinander zu tun?

Ist irgendeines dieser Ereignisse entscheidend?

Oder versucht die Geschichte gerade nur, mich vollkommen auf die falsche Spur zu schicken?

Diese zusätzlichen Handlungsstränge haben für mich sehr gut funktioniert, weil dadurch ständig neue Fragen entstanden sind. Ich war permanent damit beschäftigt, irgendwelche Verbindungen herzustellen und meine Verdächtigen gedanklich hin und her zu schieben.

Und genau so mag ich Thriller.

Ich möchte nicht nach der Hälfte des Buches ziemlich sicher wissen, was am Ende herauskommt. Ich möchte zweifeln, umdenken und irgendwann feststellen, dass ich einem vollkommen falschen Gedanken hinterhergelaufen bin.

Besonders Claras Geschichte hat mich getroffen

Neben all den Ermittlungen, Verdächtigungen und Wendungen gibt es allerdings noch eine andere Seite des Buches, die mich deutlich emotionaler erwischt hat, als ich erwartet hatte.

Denn hinter diesem Vermisstenfall stehen Menschen, die Bryden lieben.

Die Gedanken ihrer Mutter, ihrer Schwester und der Menschen aus ihrem direkten Umfeld fand ich teilweise wirklich bedrückend. Diese Ungewissheit – nicht zu wissen, wo jemand ist, was passiert sein könnte und ob dieser Mensch überhaupt wiederkommt – wird sehr greifbar.

Am meisten ging mir allerdings Clara nahe.

Sie ist erst drei Jahre alt und kann natürlich überhaupt nicht verstehen, warum ihre Mutter plötzlich nicht mehr da ist.

Vielleicht haben mich diese Szenen auch deshalb so getroffen, weil ich selbst Kinder habe. Bei Clara musste ich immer wieder daran denken, wie wenig ein so kleines Kind von all dem begreifen kann und wie sehr sich gleichzeitig seine gesamte vertraute Welt verändert.

Ihre Szenen haben mir wirklich das Herz gebrochen.

Gerade diese emotionale Ebene hat dafür gesorgt, dass „Was sie nicht weiß“ für mich nicht einfach nur ein Rätsel darum war, was mit Bryden passiert ist. Ich wollte natürlich unbedingt die Wahrheit erfahren – aber gleichzeitig wollte ich irgendwann einfach nur noch, dass diese Familie endlich Gewissheit bekommt.

Dieses Finale!

Und dann zieht Shari Lapena zum Ende hin noch einmal richtig an.

Je näher ich dem Finale kam, desto schneller wurde das Tempo und desto mehr hatte ich das Gefühl, dass mir die Geschichte ständig eine neue Information vor die Füße wirft.

Die Wendungen kamen Schlag auf Schlag.

Und nein: Ich habe die Auflösung nicht kommen sehen.

Kein bisschen.

Das ist bei Thrillern mittlerweile tatsächlich gar nicht mehr so selbstverständlich, denn wenn man viele davon liest, entwickelt man irgendwann automatisch einen gewissen Verdacht dafür, wohin eine Geschichte führen könnte.

Hier lag ich daneben.

Und das Beste daran war für mich, dass die Auflösung trotzdem nicht wie ein billiger Überraschungseffekt wirkte. Ich möchte am Ende eines Thrillers nicht das Gefühl haben, dass irgendeine vollkommen absurde Wendung aus dem Hut gezaubert wurde, nur damit niemand sie vorhersehen konnte.

Ich möchte überrascht werden und anschließend denken: Okay. Das ergibt Sinn.

Genau dieses Gefühl hatte ich hier.

Mein erstes Buch von Shari Lapena hat mir definitiv Lust auf weitere Thriller der Autorin gemacht.

„Was sie nicht weiß“ ist kein Thriller, der permanent mit Blut, Gewalt oder möglichst drastischen Szenen schockieren möchte. Die Spannung entsteht vielmehr durch Unsicherheit, Geheimnisse, Verdächtigungen und die immer wiederkehrende Frage, wem man eigentlich glauben kann.

Besonders die verschiedenen Perspektiven haben für mich richtig gut funktioniert. Trotz der vielen Figuren hatte ich nie das Gefühl, vollkommen den Überblick zu verlieren. Stattdessen fügte sich nach und nach immer mehr zusammen, während gleichzeitig ständig neue Fragen entstanden.

Die True-Crime-Gruppe war für mich eines der interessantesten Elemente der Geschichte, weil sie erschreckend authentisch zeigt, wie schnell im Internet aus einer Vermutung eine vermeintliche Wahrheit werden kann.

Und dann ist da noch die emotionale Seite des Falls. Vor allem Clara hat mir unglaublich leidgetan und einige ihrer Szenen sind mir wirklich nahegegangen.

Einzig der Einstieg konnte mich noch nicht vollkommen überzeugen. Hier musste ich mich zunächst an den sehr schlichten und direkten Schreibstil gewöhnen und die Geschichte brauchte für mich ein bisschen, bis sie mich richtig gepackt hatte.

Danach wurde es allerdings immer stärker.

Spätestens beim Finale hatte mich Shari Lapena dann endgültig. Die Auflösung hat mich vollkommen überrascht und trotzdem wunderbar zur Geschichte gepasst.

Für mich ist „Was sie nicht weiß“ ein richtig guter psychologischer Thriller für alle, die lieber miträtseln und ständig ihre eigenen Theorien über Bord werfen, als sich von einer blutigen Szene zur nächsten zu lesen.

Und für mich steht nach diesem ersten Ausflug in die Bücher von Shari Lapena fest: Es wird garantiert nicht mein letzter gewesen sein.

★★★★☆ 4 von 5 Sternen