‚Nebelbeute’ von Benjamin Cors

Manchmal wird man von einem Buch schon lange vor dem Lesen angefixt.

Nicht wegen des Klappentextes. Nicht wegen des Covers. Sondern wegen euch.

Ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, wie viele begeisterte Rezensionen ich zu Nebelbeute’ von Benjamin Cors gesehen habe, bevor das Buch überhaupt bei mir eingezogen ist. Egal wo ich hingeschaut habe – überall wurde geschwärmt. Und das Schlimmste daran? Es war nicht eine einzige mittelmäßige Meinung dabei. 😅

Entsprechend hoch waren meine Erwartungen.

Und ihr kennt das sicher: Je größer die Vorfreude, desto größer manchmal auch die Angst, am Ende enttäuscht zu werden.

Zum Glück war das hier nicht der Fall.

Auch wenn wir zwei zu Beginn erst einmal einen kleinen Holperstart hatten.

Nebelbeute ist mittlerweile der dritte Band rund um die Gruppe 4 und auch wenn die Fälle grundsätzlich abgeschlossen sind, würde ich jedem empfehlen, die Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Nicht wegen des eigentlichen Falls, sondern wegen der Figuren. Denn genau die machen für mich einen großen Teil des Reizes dieser Reihe aus.

Diesmal steht zunächst Mila Weiss im Mittelpunkt.

Und da muss ich direkt gestehen: Von allen Mitgliedern der Gruppe 4 war sie bislang immer die Figur, mit der ich am wenigsten warm geworden bin.

Nicht, weil sie schlecht geschrieben wäre.

Ganz im Gegenteil.

Aber während ich die anderen schon längst ins Herz geschlossen hatte, blieb zwischen Mila und mir immer eine gewisse Distanz.

Deshalb fiel mir der Einstieg tatsächlich etwas schwerer als bei den Vorgängern.

Mila hat sich eine Auszeit genommen, um auf eigene Faust einem Fall aus ihrer Vergangenheit nachzugehen. Einem Fall, der sie nie wirklich losgelassen hat und der sie nun in ein abgelegenes Bergdorf führt.

Eigentlich ein spannender Ausgangspunkt.

Trotzdem brauchte ich ein wenig, um vollständig in die Geschichte hineinzufinden.

Das änderte sich schlagartig in dem Moment, als die restliche Gruppe 4 wieder auf der Bildfläche erschien.

Ab da war ich verloren. Im allerbesten Sinne.

Denn sobald Jakob Krogh und die anderen Ermittler ins Geschehen eingreifen, entwickelt das Buch genau die Dynamik, die ich an dieser Reihe so liebe.

Man merkt inzwischen einfach, wie sehr dieses Team zusammengewachsen ist.

Jeder bringt seine eigenen Stärken mit, jeder hat seine Macken und genau dadurch wirken die Figuren inzwischen unglaublich vertraut.

Es fühlt sich fast ein bisschen an, als würde man alte Bekannte wieder treffen.

Besonders gefallen hat mir auch diesmal wieder das Setting.

Benjamin Cors beweist erneut, wie wichtig Atmosphäre für einen Thriller sein kann.

Das abgelegene Bergdorf, die verschneiten Straßen, die zunehmende Isolation und dieser allgegenwärtige Nebel haben bei mir sofort Bilder im Kopf entstehen lassen.

Es ist eines dieser Settings, bei denen man schon früh spürt, dass etwas nicht stimmt.

Die Dorfbewohner wirken verschlossen.

Antworten werden nur zögerlich gegeben.

Jeder scheint etwas zu wissen, aber niemand möchte darüber sprechen.

Und je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto stärker wird dieses Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas Dunkles verborgen liegt.

Genau solche Schauplätze liebe ich in Thrillern.

Sie erzeugen Spannung, bevor überhaupt etwas passiert.

Und genau das funktioniert hier hervorragend.

Wie schon in den vorherigen Bänden wechselt auch diesmal regelmäßig die Perspektive.

Wir begleiten nicht nur die Ermittler, sondern erhalten immer wieder Einblicke in andere Figuren und deren Sichtweisen.

Normalerweise kann so etwas schnell unübersichtlich werden.

Hier sorgt es jedoch dafür, dass die Spannung konstant hoch bleibt.

Man bekommt gerade genug Informationen, um neue Theorien aufzustellen.

Und gleichzeitig nie genug, um sich wirklich sicher zu sein.

Ich habe jedenfalls mehrfach geglaubt, den Fall durchschaut zu haben.

Und lag komplett daneben. 😅

Die Auflösung hat mich tatsächlich überrascht.

Ich war fest davon überzeugt, den Täter längst identifiziert zu haben.

Tja. Offensichtlich wäre ich eine katastrophale Ermittlerin.

Genau solche Momente liebe ich allerdings.

Wenn ein Thriller es schafft, falsche Fährten glaubwürdig auszulegen, ohne dabei unfair zu werden.

Benjamin Cors gelingt genau das.

Die Hinweise sind da.

Man übersieht sie nur.

Oder interpretiert sie falsch.

Und genau dadurch macht die Auflösung am Ende umso mehr Spaß.

Was ich an der gesamten Reihe inzwischen besonders schätze, ist die Mischung aus klassischer Ermittlungsarbeit und moderner Spannung.

Keine übertriebenen Actionsequenzen.

Keine völlig absurden Wendungen.

Stattdessen solide Ermittlungen, interessante Figuren, psychologische Abgründe, Zeitdruck und jede Menge Sackgassen.

Genau so mag ich meine Thriller.

Dabei verliert das Buch nie das Tempo.

Selbst die ruhigeren Momente dienen dazu, Figuren weiterzuentwickeln oder neue Hinweise einzustreuen.

Langweilig wird es nie.

Und genau deshalb sind die Seiten bei mir wieder nur so dahingeflogen.

Nebelbeute hat vielleicht ein paar Kapitel gebraucht, um mich vollständig abzuholen, danach konnte ich das Buch allerdings kaum noch aus der Hand legen.

Die düstere Atmosphäre, das eingeschneite Bergdorf, die vielen falschen Spuren und vor allem die mittlerweile großartig eingespielte Gruppe 4 haben dafür gesorgt, dass ich wieder komplett in der Geschichte versunken bin.

Benjamin Cors liefert erneut einen Thriller ab, der spannend, atmosphärisch und unglaublich unterhaltsam ist.

Und ganz ehrlich?

Ich hoffe sehr, dass dies noch lange nicht der letzte Fall für die Gruppe 4 gewesen ist.

Denn von diesem Ermittlerteam würde ich jederzeit noch viele weitere Fälle lesen.

🖤🖤🖤🖤🖤

5 von 5 Sternen


Darcy Coates – Where He Can’t Find You

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Nicht, weil ständig Blut fließt oder alle paar Kapitel der nächste Schockmoment wartet, sondern weil sich diese unangenehme, bedrückende Atmosphäre langsam ausbreitet und sich wie ein Schatten über die gesamte Geschichte legt. Genau dieses Gefühl hatte ich bei Where He Can’t Find You von Darcy Coates.

Wer bereits Bücher der Autorin gelesen hat, weiß, dass sie ein unglaubliches Gespür dafür besitzt, Spannung aufzubauen, ohne den Leser permanent mit Jumpscares oder übertriebenen Horrorelementen zu überfordern. Stattdessen setzt sie auf dieses schleichende Unbehagen, das einen Seite für Seite begleitet. Und genau das funktioniert auch hier wieder hervorragend.

Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt, in der Menschen immer wieder spurlos verschwinden. Wenn sie irgendwann gefunden werden, sind ihre Körper verstümmelt und auf grausame Weise wieder zusammengenäht – mit roten Fäden. Allein diese Vorstellung hat mir schon beim Lesen eine Gänsehaut beschert.

Kein Wunder also, dass die Bewohner der Stadt nach festen Regeln leben. Regeln, die sie schützen sollen. Nach Einbruch der Dunkelheit bleibt niemand freiwillig draußen. Niemand geht allein irgendwohin. Jeder kennt die Geschichten über den sogenannten Stitcher.

Doch wie so oft reichen auch die besten Regeln irgendwann nicht mehr aus.

Als Abbys kleine Schwester Hope verschwindet, bleibt ihr keine andere Wahl, als sich selbst auf die Suche nach ihr zu machen. Und mit jedem Schritt kommt sie einer Wahrheit näher, die erschreckender ist, als sie es sich jemals hätte vorstellen können.

Was mir von Anfang an unglaublich gut gefallen hat, war die Atmosphäre.

Darcy Coates erschafft eine Welt, in der von der ersten Seite an das Gefühl mitschwingt, dass jederzeit etwas Schreckliches passieren könnte. Über der gesamten Geschichte liegt eine bedrückende Hoffnungslosigkeit. Die Stadt wirkt trostlos, die Bewohner leben in ständiger Angst und dieses Gefühl der Hilflosigkeit überträgt sich beim Lesen beinahe automatisch.

Ich liebe Horror, der nicht nur über Schockmomente funktioniert, sondern über Stimmung. Und genau das beherrscht Darcy Coates einfach unglaublich gut.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich außerdem Abbys Freundeskreis.

Während des Lesens musste ich tatsächlich mehr als einmal an ES von Stephen King denken. Nicht, weil sich die Geschichten gleichen, sondern wegen dieser besonderen Dynamik innerhalb der Gruppe. Unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Ängste und trotzdem halten alle zusammen, wenn es darauf ankommt.

Genau dieser Zusammenhalt hat mich immer wieder berührt.

Man fiebert automatisch mit ihnen mit, hofft, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen, und weiß gleichzeitig die ganze Zeit, dass in einem Horrorroman eigentlich niemand wirklich sicher ist.

Auch Abby selbst mochte ich unglaublich gern.

Sie ist mutig, ohne unbesiegbar zu wirken. Verzweifelt, ohne den Kopf zu verlieren. Gerade ihre Sorge um Hope und ihr Wunsch, sie um jeden Preis zu retten, machen viele ihrer Entscheidungen nachvollziehbar. Dass sie dabei immer wieder an ihre Grenzen stößt, macht sie als Figur nur noch authentischer.

Überhaupt fand ich die Charaktere sehr gelungen.

Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, jeder reagiert anders auf die Ereignisse und niemand wirkt wie eine bloße Nebenfigur, die nur dazu da ist, die Handlung voranzutreiben.

Und genau das sorgt dafür, dass die Gefahr noch realer wirkt.

Ein weiterer Punkt, den ich an Darcy Coates unglaublich schätze, ist ihr Talent, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken.

Mehr als einmal war ich mir sicher, genau zu wissen, wohin die Geschichte führt. Die Autorin präsentiert einem scheinbar offensichtliche Antworten und schafft es trotzdem, genau diese irgendwann wieder einzureißen. Dadurch bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten, ohne dabei konstruiert zu wirken.

Der Showdown hat mir dann richtig gut gefallen.

Man spürt förmlich, wie sich die Spannung immer weiter aufbaut, bis schließlich alles eskaliert. Die Auflösung entwickelt sich nicht plötzlich, sondern wächst langsam heran und genau dadurch wirkt sie umso intensiver.

Natürlich spart Darcy Coates auch diesmal nicht an makabren Szenen.

Gerade gegen Ende wird es stellenweise ziemlich brutal und blutig. Wer empfindlich auf Body Horror reagiert, sollte das definitiv im Hinterkopf behalten. Gleichzeitig hatte ich aber nie das Gefühl, dass die Gewalt nur des Effekts wegen eingesetzt wird. Sie passt zur Geschichte und unterstreicht den Horror, statt ihn künstlich größer wirken zu lassen.

Besonders gefallen hat mir außerdem der Schreibstil.

Er liest sich unglaublich flüssig, baut konstant Spannung auf und sorgt dafür, dass man immer noch ein Kapitel lesen möchte. Oder zwei. Oder drei. 😅 Ich hatte mehrfach den Vorsatz, das Buch zur Seite zu legen – und habe ihn genauso oft wieder verworfen, weil ich einfach wissen musste, was als Nächstes passiert.

Where He Can’t Find You ist für mich genau die Art von Horror-Thriller, die ich liebe. Keine billigen Schockeffekte, sondern eine Geschichte, die von ihrer Atmosphäre lebt. Düster, beklemmend und voller unterschwelliger Spannung, die einen bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt.

Dazu kommen authentische Figuren, ein großartiger Freundeskreis, der mir starke ES-Vibes vermittelt hat, eine clevere Handlung und ein Finale, das mich komplett überzeugen konnte.

Wer atmosphärischen Horror liebt, düstere Kleinstädte mag und Geschichten sucht, bei denen die Angst langsam unter die Haut kriecht, sollte sich dieses Buch unbedingt ansehen.

Für mich war Where He Can’t Find You ein absoluter Pageturner und eines meiner bisherigen Horror-Highlights.

5 von 5 schwarzen Herzen. 🖤


S. F. Williamson – Der Kodex der Drachen

Nachdem mich Die Sprache der Drachen wirklich begeistert hat, habe ich mich riesig auf die Fortsetzung gefreut. Das Ende von Band 1 hatte schließlich einige Fragen offen gelassen und ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Viv weitergeht.

Der Wiedereinstieg war für mich allerdings gar nicht so einfach.

Die Geschichte setzt zwar nach den Ereignissen des ersten Bandes an, nimmt einen aber ziemlich schnell wieder mit ins Geschehen. Das Problem war nur: Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau, wer jetzt eigentlich wer war. 😅

Es tauchen direkt wieder jede Menge Namen, Orte und politische Gruppierungen auf und ich habe mich am Anfang mehr als einmal gefragt, ob ich vielleicht doch nochmal Band 1 hätte querlesen sollen. Eine kleine Zusammenfassung hätte mir hier wirklich geholfen, denn so brauchte ich erst einmal einige Kapitel, bis ich wieder komplett in der Geschichte angekommen war.

Als das geschafft war, hatte mich die Welt aber ziemlich schnell wieder.

Dieses Mal verbringen wir deutlich weniger Zeit in London. Stattdessen geht es gemeinsam mit Viv und der Rebellenbewegung hinaus auf verschiedene Dracheninseln. Ihr Ziel: eine uralte Wyvern-Art finden und sie davon überzeugen, sich dem Kampf anzuschließen.

Gerade dieser Teil hat mir grundsätzlich richtig gut gefallen.

Ich liebe Drachen einfach. Und noch mehr liebe ich Geschichten, in denen Drachen eben nicht alle gleich sind. Hier gibt es unterschiedliche Arten mit ganz eigenen Eigenheiten, Sprachen und Lebensweisen. Genau das macht diese Reihe für mich so besonders.

Überhaupt finde ich die Idee, Sprache zum wichtigsten Element der Fantasywelt zu machen, unglaublich spannend. Nicht Schwerter oder Magie entscheiden hier alles, sondern Kommunikation. Vertrauen entsteht über Sprache, Bündnisse entstehen über Sprache und manchmal scheitert eben auch alles daran.

Dieses Konzept hebt die Reihe für mich wirklich von vielen anderen Drachenfantasys ab.

Trotzdem muss ich sagen, dass sich die erste Hälfte des Buches für mich etwas gezogen hat.

Die Suche nach den Wyvern nimmt einen großen Teil der Handlung ein. Natürlich passiert immer wieder etwas und es gibt auch gefährliche Situationen, aber insgesamt fehlte mir zwischendurch einfach ein bisschen das Tempo.

Vor allem die politischen Verstrickungen konnten mich nicht immer komplett abholen.

Das liegt aber auch ein bisschen an mir. Ich merke immer wieder, dass mir zu viel Politik in Fantasy irgendwann etwas zu trocken wird. Andere werden genau das wahrscheinlich lieben, für mich hat es den Lesefluss stellenweise eher ausgebremst.

Zum Glück ändert sich das im letzten Drittel komplett.

Ab ungefähr den letzten 150 Seiten nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und ich wollte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Genau dieses Gefühl hatte ich im ersten Band fast durchgehend.

Besonders gefallen hat mir außerdem, wie sich Viv entwickelt.

Sie trägt inzwischen unglaublich viel Verantwortung und wirkt deutlich reifer als noch zu Beginn der Reihe. Trotzdem bleibt sie sich selbst treu und genau das mag ich an ihr. Auch einige der neuen Nebenfiguren fand ich richtig gelungen und ich hoffe, dass sie im Finale noch eine größere Rolle spielen werden.

Ein paar Wendungen konnte ich leider schon recht früh vorhersehen. Das hat zwar etwas Spannung genommen, wirklich gestört hat es mich aber nicht.

Was ich an der Reihe nach wie vor liebe, ist einfach diese Welt.

Der Krieg zwischen Menschen und Drachen ist inzwischen allgegenwärtig und gleichzeitig zeigt die Geschichte sehr schön, dass es eben nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Auch innerhalb der Drachen gibt es Konflikte und unterschiedliche Interessen. Dadurch wirkt alles deutlich komplexer.

Und dann kam das Ende…

Bis zu diesem Buch war ich tatsächlich davon ausgegangen, dass die Reihe mit Band 2 abgeschlossen wird. Tja… falsch gedacht. 😅

Inzwischen wissen wir ja, dass Die Sprache der Drachen eine Trilogie wird und genau so fühlt sich dieser Band auch an. Viele Dinge werden vorbereitet, einiges bleibt bewusst offen und natürlich endet alles genau so, dass man sofort wissen möchte, wie es weitergeht.

Fazit

Für mich konnte Der Kodex der Drachen leider nicht ganz mit seinem Vorgänger mithalten. Der Einstieg war etwas holprig und gerade die erste Hälfte zog sich für meinen Geschmack stellenweise etwas.

Dafür punktet die Geschichte wieder mit ihrem außergewöhnlichen Sprachkonzept, den unterschiedlichen Drachenarten und einer Welt, die ich nach wie vor unglaublich spannend finde. Vor allem das letzte Drittel konnte mich dann wieder richtig packen und hat meine Vorfreude auf das Finale deutlich gesteigert.

Es ist für mich so ein typischer Mittelband einer Trilogie: Er bereitet vieles vor, entwickelt die Figuren weiter und erweitert die Welt, erreicht aber noch nicht ganz die Sogwirkung des ersten Bandes.

Trotzdem freue ich mich jetzt schon darauf zu erfahren, wie Vivs Geschichte am Ende ausgehen wird.

3,5 von 5 schwarzen Herzen. 🖤



‚Witch Hunt‘ von Susanne Kaiser

Manchmal greife ich zu einem Krimi, weil ich Lust auf einen spannenden Fall habe. Ein Verbrechen, ein paar falsche Fährten, vielleicht ein Ermittlerteam, das sich durch ein Netz aus Lügen arbeitet. Und dann gibt es Bücher wie Witch Hunt‘ von Susanne Kaiser, die zwar all das mitbringen, aber gleichzeitig noch etwas ganz anderes machen.

Sie halten einem einen Spiegel vor.

Und genau deshalb hat mich dieses Buch so beschäftigt.

Im Mittelpunkt steht eine Politikerin, die Ziel einer massiven Hasskampagne wird. Was zunächst wie die Tat einzelner Täter wirkt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Größerem. Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen, digitale Hetze – die Angriffe werden immer heftiger und immer persönlicher. Um herauszufinden, wer dahintersteckt, wird Obalski undercover in ihr Umfeld eingeschleust. Doch je tiefer die Ermittlungen führen, desto deutlicher wird, dass hier nicht nur einzelne Menschen handeln, sondern ganze Strukturen wirken.

Schon nach wenigen Kapiteln war ich komplett in der Geschichte drin. Nicht nur wegen des Falls selbst, sondern vor allem wegen der Atmosphäre. Über allem liegt diese permanente Anspannung. Dieses Gefühl, dass jederzeit etwas eskalieren könnte. Dass irgendwo jemand zusieht. Dass hinter jeder Nachricht, jedem Kommentar und jeder scheinbar harmlosen Begegnung etwas Größeres lauert.

Besonders beeindruckt hat mich, wie geschickt Susanne Kaiser Spannung und gesellschaftliche Themen miteinander verbindet. Oft habe ich bei Romanen, die aktuelle Debatten aufgreifen, das Gefühl, dass entweder die Botschaft oder die Handlung im Vordergrund steht. Hier funktioniert beides gleichzeitig. Die gesellschaftliche Dimension macht den Kriminalfall sogar noch stärker, weil sie ihm eine erschreckende Glaubwürdigkeit verleiht.

Was mich dabei besonders beschäftigt hat, war das Motiv der modernen Hexenjagd. Frauen, die sichtbar sind. Frauen, die laut sind. Frauen, die Macht haben oder Einfluss ausüben. Genau diese Frauen geraten ins Visier. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht haben, sondern weil sie existieren und Raum einnehmen. Dieses Thema zieht sich durch die gesamte Geschichte und wirkt nie aufgesetzt. Im Gegenteil. Es ergibt sich ganz selbstverständlich aus den Ereignissen und macht vieles noch bedrückender.

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie viel davon eigentlich Fiktion ist.

Und irgendwann kam ich zu dem Punkt, an dem ich diese Frage gar nicht mehr beantworten konnte.

Denn vieles wirkt erschreckend real. Die Mechanismen hinter digitalem Hass, die Dynamik von Hetzkampagnen und die Geschwindigkeit, mit der sich Empörung und Aggression verbreiten, kennen wir alle längst aus den Nachrichten oder sozialen Medien. Genau deshalb hat mich das Buch stellenweise so unangenehm erwischt. Nicht, weil die Autorin besonders drastische Szenen beschreibt, sondern weil man ständig das Gefühl hat, dass all das genauso auch außerhalb der Buchseiten passieren könnte.

Oder längst passiert.

Trotz dieser gesellschaftlichen Schwere verliert die Geschichte aber nie ihre Spannung. Ich habe wirklich bis zum Schluss gerätselt, wem man vertrauen kann und wer welche Rolle in diesem Geflecht aus Manipulation, Angst und Macht spielt. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, worauf alles hinausläuft, kam eine neue Information, die meine Theorie wieder über den Haufen geworfen hat.

Genau solche Krimis liebe ich.

Nicht die, die auf möglichst viele Leichen setzen, sondern die, die einen ständig zum Nachdenken bringen.

Auch die Figuren haben für mich hervorragend funktioniert. Sie wirken nicht wie Schablonen, die eine bestimmte Botschaft transportieren sollen, sondern wie Menschen mit eigenen Motiven, Unsicherheiten und Interessen. Gerade dadurch wirken viele Konflikte so glaubwürdig.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Tatsache, dass Witch Hunt keine einfachen Antworten liefert. Das Buch zeigt, wie komplex die Themen sind, die es verhandelt. Es gibt nicht den einen Schuldigen, der alles ausgelöst hat und dessen Verhaftung plötzlich alle Probleme löst. Stattdessen geht es um Systeme, Dynamiken und gesellschaftliche Strukturen. Genau das macht die Geschichte so stark und gleichzeitig so unbequem.

Für mich war Witch Hunt deshalb weit mehr als ein spannender Krimi. Es ist ein Gesellschaftskrimi, der aktuelle Themen aufgreift, ohne jemals belehrend zu wirken. Ein Buch, das Spannung erzeugt und gleichzeitig Fragen stellt, die noch lange nach der letzten Seite im Kopf bleiben.

Und genau solche Geschichten bleiben mir am Ende oft am stärksten in Erinnerung.

Weil sie nicht nur unterhalten.

Sondern etwas auslösen.