Machen wir es uns erst einmal gemütlich. Schnappt euch einen Kaffee, einen Tee oder meinetwegen auch direkt etwas Stärkeres – je nachdem, wie sehr euch dieses Thema emotional belastet. Denn heute reden wir Tacheles.
Unter uns Buchverrückten gibt es schließlich diese eine Frage, die früher oder später in jeder guten Leserunde auf den Tisch kommt. Eine Frage, bei der wir vermutlich alle sofort mehrere Antworten im Kopf haben, obwohl wir unser Lieblingsgenre gleichzeitig mit jeder Faser unseres Herzens verteidigen würden:
Was regt euch an eurem absoluten Lieblingsgenre eigentlich so richtig auf?
Ich mache heute einfach mal den Anfang und setze mich freiwillig mitten in die Nesseln.
Ihr wisst, wie sehr ich Romantasy liebe. Magische Welten, geheimnisvolle Wesen, uralte Prophezeiungen, knisternde Gefühle und ein düsterer Mann, bei dem sämtliche Alarmglocken schrillen – genau mein Ding. Ich kann stundenlang in fremden Königreichen verschwinden, mit Drachen durch die Lüfte fliegen und mich in Geschichten verlieren, in denen die Grenzen zwischen Gut und Böse irgendwann vollkommen verschwimmen.
Aber – und dieses Aber ist wirklich riesig – manchmal treiben mich die immer gleichen Klischees in den Wahnsinn.
Das Verrückte daran ist, dass ich genau diese Dinge an anderen Tagen wieder dringend brauche. Dann möchte ich keine Realität, keine komplizierten Alltagsprobleme und schon gar keinen Mann, der nach der Arbeit erst einmal mit Jogginghose auf dem Sofa einschläft. Dann möchte ich den gefährlichen Schattenkönig, der ein ganzes Reich niederbrennen würde, nur weil jemand seine Auserwählte falsch angesehen hat.
Es ist also eine ziemlich klassische Hassliebe.
Von der unscheinbaren Anfängerin zur unbesiegbaren Göttin
Kennt ihr diese Protagonistinnen, die am Anfang eines Buches noch wunderbar normal wirken?
Sie stolpern über ihre eigenen Füße, können kaum ein Schwert richtig halten, haben keine Ahnung von Magie und versuchen eigentlich nur, irgendwie den nächsten Tag zu überleben. Man liest die ersten Kapitel und denkt sich: Ja, mit ihr könnte ich mich im echten Leben richtig gut verstehen.
Und dann passiert es.
Sie berührt einmal ein magisches Amulett, sieht kurz einem Drachen in die Augen oder bekommt in einer dramatischen Szene plötzlich ein Schwert in die Hand gedrückt – und schon ist sie die mächtigste Frau des gesamten Kontinents.
Gestandene Krieger, die seit ihrer Kindheit trainieren? Kein Problem.
Jahrhundertealte Magier? Werden mal eben in die Schranken gewiesen.
Drachenreiten? Kann sie selbstverständlich sofort.
Ganz ehrlich: Ich würde vermutlich nicht einmal elegant auf einen Drachen hinaufkommen. Ich würde irgendwo am Flügel hängen, um Hilfe schreien und mich fragen, warum ich nicht einfach zu Hause geblieben bin. Mein Gleichgewichtssinn verabschiedet sich schon auf einer Schaukel. Aber unsere Romantasy-Heldinnen fliegen nach fünf Minuten die wildesten Manöver und retten dabei nebenbei noch das Königreich.
Natürlich ist es toll, wenn eine Figur über sich hinauswächst. Ich liebe starke Protagonistinnen. Aber ein kleines bisschen Training, Scheitern und echtes Lernen würde der Geschichte manchmal wirklich nicht schaden. Ich möchte sehen, wie sie hinfällt, flucht, wieder aufsteht und sich ihre Stärke tatsächlich erarbeitet.
Die plötzliche Model-Mutation
Und wo wir gerade bei unrealistischen Entwicklungen sind: Können wir bitte kurz über das Aussehen vieler Protagonistinnen sprechen?
Am Anfang halten sie sich selbstverständlich für vollkommen durchschnittlich. Vielleicht sogar für unscheinbar. Niemand hat ihnen jemals gesagt, wie wunderschön sie sind – bis natürlich der geheimnisvolle Prinz auftaucht und sofort erkennt, dass ihre Augen wie Sterne leuchten und ihr Haar im Mondlicht schimmert.
Und spätestens beim ersten Ball folgt dann die große Verwandlung.
Die Welt steht kurz vor dem Untergang, draußen werden Dörfer angegriffen und irgendeine uralte Macht droht zurückzukehren. Aber zum Glück liegt plötzlich ein maßgeschneidertes Abendkleid auf dem Bett. Natürlich in genau der richtigen Größe. Jemand flechtet ihr innerhalb weniger Minuten eine kunstvolle Frisur, das Make-up sitzt perfekt und selbst nach einer anstrengenden Flucht durch den Wald sieht sie aus, als könnte sie direkt bei Germany’s Next Topmodel auftreten.
Ich hingegen sehe nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf aus, als hätte ich selbst gegen drei Dämonen gekämpft.
Auch schlechte Hauttage scheint es in magischen Welten nicht zu geben. Keine Augenringe, keine Pickel, keine Haare, die morgens in sämtliche Himmelsrichtungen stehen. Selbst nach mehreren Tagen auf der Flucht sitzen die Locken noch traumhaft und die Lippen sehen aus, als hätte jemand heimlich Lipgloss verteilt.
Während der Thronsaal brennt, sitzt das Make-up perfekt.
Man muss eben Prioritäten setzen.
Reden wir über die Bookboyfriends
Natürlich dürfen die Männer nicht fehlen.
Ihr wisst genau, von wem ich spreche.
Er ist düster. Geheimnisvoll. Unnahbar. Wahrscheinlich mehrere hundert Jahre alt, sieht aber selbstverständlich aus wie Ende zwanzig. Er besitzt ein perfekt definiertes Sixpack, obwohl ich ihn noch nie beim Training oder überhaupt bei einer normalen Mahlzeit erlebt habe.
Nebenbei ist er der mächtigste Krieger des Reiches, beherrscht irgendeine besonders seltene Form der Magie, hat den trockensten Humor und ein tragisches Geheimnis, über das er natürlich niemals sprechen möchte.
Alle warnen die Protagonistin vor ihm.
Er sei gefährlich. Skrupellos. Vielleicht sogar ein Monster.
Und wir?
Wir lesen weiter und denken uns: Ja gut, aber vielleicht ist er ja nur missverstanden.
Natürlich behandelt er alle anderen Menschen miserabel, doch bei ihr zeigt er plötzlich seine sanfte Seite. Für sie würde er töten, ein Königreich zerstören oder direkt die ganze Welt anzünden. Was im echten Leben vermutlich ein ziemlich deutlicher Grund wäre, sehr schnell und sehr weit wegzulaufen, wird im Buch zur romantischsten Liebeserklärung überhaupt.
Und ich falle jedes Mal darauf herein.
Ich weiß genau, dass er vermutlich sämtliche Warnzeichen persönlich erfunden hat. Trotzdem sitze ich da und hoffe, dass die beiden sich endlich küssen.
Noch schlimmer wird es, wenn die Protagonistin eigentlich zwei Männer zur Auswahl hat. Auf der einen Seite der liebevolle, zuverlässige Freund, der immer für sie da ist. Auf der anderen Seite der gefährliche, moralisch graue Mann, bei dem wirklich alles kompliziert ist.
Wir wissen natürlich alle, wen sie nimmt.
Und vermutlich würden wir uns beim Lesen sogar beschweren, wenn sie sich anders entscheiden würde.
Missverständnisse, die ein Gespräch lösen könnte
Ein weiteres Klischee, das mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt: Konflikte, die sich mit einem einzigen ehrlichen Gespräch lösen ließen.
Sie sieht ihn mit einer anderen Frau.
Er hört nur die Hälfte eines Gesprächs.
Jemand überbringt absichtlich eine falsche Nachricht.
Und statt einfach zu fragen, was passiert ist, verlassen beide dramatisch den Raum, kämpfen wochenlang gegeneinander und sind überzeugt davon, dass der andere sie verraten hat.
Ich sitze währenddessen vor dem Buch und möchte hineinrufen:
Redet doch einfach miteinander!
Natürlich weiß ich, dass wir ohne Missverständnisse deutlich weniger Drama hätten. Wahrscheinlich wäre das Buch dann nach zweihundert Seiten vorbei. Trotzdem wünsche ich mir manchmal Figuren, die sich hinsetzen, durchatmen und einen vollständigen Satz miteinander sprechen.
Besonders schlimm ist es, wenn einer von beiden denkt, er müsse den anderen „zu seinem eigenen Schutz“ verlassen. Statt die Gefahr gemeinsam zu besprechen, verschwindet er einfach, verhält sich absichtlich grausam und glaubt ernsthaft, das sei die beste Lösung.
Nein.
Ist es nicht.
Es macht alles nur schlimmer und sorgt dafür, dass ich zwanzig Kapitel lang genervt auf die Seiten starre.
Die außergewöhnlichste Frau der Welt – selbstverständlich
Natürlich ist die Protagonistin niemals einfach nur irgendeine junge Frau.
Sie ist die letzte Erbin eines vergessenen Königreichs.
Die erste Person seit tausend Jahren, die alle Elemente beherrscht.
Die einzige Frau, die den Drachen berühren kann.
Die verlorene Tochter einer Göttin.
Oder direkt die prophezeite Retterin der gesamten Welt.
Und selbstverständlich wusste sie davon bis gestern noch nichts.
Manchmal wünsche ich mir tatsächlich eine Heldin, die nicht heimlich die mächtigste Person des Universums ist. Eine Figur, die keine verborgene Blutlinie besitzt, sondern einfach durch Mut, Freundschaft und eigene Entscheidungen wichtig wird.
Keine Auserwählte.
Keine wiedergeborene Göttin.
Einfach eine Frau, die sagt: Ich kann das vielleicht nicht, aber ich versuche es trotzdem.
Das würde ich manchmal viel stärker finden.
Sterben dürfen meistens nur die Nebenfiguren
Auch so ein Punkt: Die Hauptfiguren können scheinbar alles überleben.
Sie werden vergiftet, erstochen, aus großer Höhe hinuntergeworfen, von Magie getroffen und kämpfen direkt danach noch stundenlang weiter. Vielleicht humpeln sie kurz oder haben für drei Kapitel eine dramatische Narbe, aber spätestens beim nächsten großen Kampf sind sie wieder vollkommen einsatzbereit.
Dafür sterben dann die liebenswerten Nebenfiguren.
Natürlich genau die, die uns gerade ans Herz gewachsen sind.
Am liebsten opfern sie sich noch mit einem letzten bedeutungsvollen Satz, während ich das Buch anschreie und der eigentliche Hauptcharakter fünf Minuten später wieder irgendeine unmögliche Verletzung überlebt.
Ich möchte nicht, dass ständig Figuren sterben. Wirklich nicht. Aber manchmal würde ich mir wünschen, dass gefährliche Situationen auch spürbare Folgen haben. Dass Verletzungen Zeit brauchen. Dass Entscheidungen Konsequenzen besitzen und nicht alles durch irgendeine plötzlich entdeckte Heilkraft rückgängig gemacht wird.
Und trotzdem liebe ich es
Das Absurde ist: Während ich all diese Dinge aufzähle, bekomme ich direkt wieder Lust auf Romantasy.
Gebt mir einen Drachen, einen geheimnisvollen Schattenprinzen und eine Protagonistin mit verborgener Magie – und ich bin dabei.
Denn an manchen Tagen brauche ich genau diesen schönen Schein.
Ich möchte eine Welt, in der Liebe sämtliche Grenzen überwindet. Ich möchte an unbesiegbare Heldinnen glauben, die sich gegen ganze Armeen stellen. Ich möchte Männer, die ein Königreich niederbrennen würden, und Ballkleider, die selbstverständlich perfekt sitzen. Ich möchte Kitsch, große Gefühle, dramatische Geständnisse und einen Kuss mitten im Weltuntergang.
An anderen Tagen sitze ich allerdings kopfschüttelnd auf dem Sofa und wünsche mir ein kleines bisschen mehr Realität.
Mehr Ecken und Kanten.
Mehr Figuren, die nicht sofort alles können.
Mehr Beziehungen, die sich langsam und nachvollziehbar entwickeln.
Mehr echte Fehler, unangenehme Gespräche und Konsequenzen.
Vielleicht ist genau diese Mischung aber auch der Grund, warum ich Romantasy so sehr liebe. Sie kann mich vollkommen verzaubern und im nächsten Moment furchtbar aufregen. Ich rolle mit den Augen, schimpfe über die Figuren und lese trotzdem bis tief in die Nacht weiter.
Eine ziemlich perfekte Hassliebe also.
Jetzt seid ihr dran
Welches Genre liebt ihr über alles – und welche typischen Klischees treiben euch darin regelmäßig in den Wahnsinn?
Sind es im Thriller die Ermittler, die grundsätzlich allein in den dunklen Keller gehen? Im Liebesroman das ewige Missverständnis? Oder in Fantasygeschichten die Protagonistin, die nach einer Trainingseinheit plötzlich die beste Kämpferin des gesamten Königreichs ist?
Erzählt mir unbedingt davon. Ich möchte wissen, bei welchen Szenen ihr regelmäßig die Augen verdreht – und sie insgeheim trotzdem immer wieder lesen würdet.
