Manchmal entdeckt man eine Autorin erst ziemlich spät und fragt sich anschließend ernsthaft, wie sie einem so lange entgehen konnte.
Genau so geht es mir mit Catherine Shepherd. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit habe ich mein erstes Buch von ihr gelesen, inzwischen gehört sie für mich aber längst zu den Autorinnen, bei denen ich eigentlich gar nicht mehr groß überlegen muss. Steht ihr Name auf dem Cover, bin ich sofort neugierig. Denn mittlerweile weiß ich: Mich erwartet nicht einfach nur ein spannender Thriller, sondern meistens auch eine richtig ungewöhnliche Idee, jede Menge falsche Fährten und mindestens ein Moment, in dem ich merke, dass ich mich mal wieder komplett in die falsche Richtung verrannt habe.
Bei „Böse Stunde“ kommt noch etwas hinzu, das ich an der Zons-Reihe besonders liebe: Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Während Kommissar Oliver Bergmann in der Gegenwart ermittelt, bekommen wir es im Jahr 1507 erneut mit Bastian Mühlenberg zu tun. Zwei unterschiedliche Zeiten, zwei Ermittler und Verbrechen, die auf den ersten Blick Jahrhunderte voneinander entfernt liegen – und sich trotzdem auf eine ganz besondere Weise ähneln.
Schon der Prolog hat mich wieder sofort gehabt.
Auf einem einsamen Parkplatz sitzt ein Mann reglos hinter dem Steuer seines Autos. Seine Hände umklammern noch das Lenkrad, doch er lebt längst nicht mehr. Der Wagen wurde luftdicht verschlossen, der Tote mit Kabelbindern fixiert und in seinem Mund befindet sich ein kleines Zahnrad. Alles wirkt sorgfältig vorbereitet. Fast wie eine Inszenierung.
Und schon da war dieses unangenehme Gefühl, das Catherine Shepherd so gut erzeugen kann. Man weiß, dass hinter diesem Mord viel mehr steckt. Dass der Täter nicht einfach nur töten will. Er möchte eine Botschaft hinterlassen – und Oliver Bergmann soll sie verstehen.
Wenig später erhält Oliver eine Audiodatei. Ein neues Opfer befindet sich bereits in der Gewalt des Täters und plötzlich beginnt ein gnadenloser Countdown. Eine Stunde läuft rückwärts. Eine Stunde, in der der Gefangene Reue zeigen soll. Eine Stunde, in der Oliver versuchen muss, einen Menschen zu finden, von dem er kaum etwas weiß.
Allein diese Idee fand ich unglaublich beklemmend.
Zeit spielt in diesem Buch eine riesige Rolle. Nicht nur als etwas, das unaufhaltsam vergeht, sondern als Druckmittel. Als Strafe. Als Erinnerung daran, dass man manche Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen kann. Die Opfer haben Schuld auf sich geladen, zumindest aus Sicht des Täters. Doch wer entscheidet, was Vergebung verdient und was nicht? Und wer gibt einem Menschen das Recht, sich zum Richter über andere zu machen?
Während Oliver in der Gegenwart versucht, die Hinweise zu entschlüsseln, wird im Jahr 1507 am Rheinufer die Leiche der jungen Magd Agathe gefunden. Neben ihr liegt eine Sanduhr, gefüllt mit Sand, der so rot ist wie Blut. Auch in ihrem Mund steckt ein kleines Zahnrad.
Damit war sofort klar, dass beide Fälle zumindest thematisch miteinander verbunden sind.
Natürlich handelt es sich nicht einfach um denselben Täter. Zwischen den Morden liegen schließlich mehr als fünfhundert Jahre. Trotzdem entstehen immer wieder Parallelen, die mich neugierig gemacht haben. Die Zahnräder, die Sanduhren, die Schuld der Opfer und die Frage, wem die Zeit davonläuft – alles greift ineinander, ohne dass man sofort erkennt, wie das Gesamtbild aussehen wird.
Genau das macht diese Reihe für mich so reizvoll.
Catherine Shepherd wechselt in kurzen Kapiteln immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Normalerweise besteht bei mehreren Zeitebenen schnell die Gefahr, dass man eine Handlung lieber liest als die andere. Hier ging es mir überhaupt nicht so. Kaum war ich bei Oliver angekommen und wollte unbedingt wissen, ob er das nächste Opfer noch rechtzeitig finden kann, wechselte die Geschichte zurück zu Bastian. Und plötzlich war ich genauso gespannt darauf, durch die engen Gassen des mittelalterlichen Zons zu folgen und herauszufinden, welches Geheimnis hinter Agathes Tod steckt.
Die kurzen Kapitel haben zusätzlich dafür gesorgt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Man denkt sich: Nur noch ein Kapitel.
Dann endet dieses natürlich genau an der spannendsten Stelle, die Perspektive wechselt und schon muss man dort ebenfalls weiterlesen. Ehe man sich versieht, sind wieder hundert Seiten vorbei.
Auch die beiden Ermittler mochte ich erneut sehr gerne.
Oliver Bergmann steht in der Gegenwart enorm unter Druck. Der Täter spielt mit ihm, setzt ihn gezielt unter Zeitdruck und lässt keinen Zweifel daran, dass ein Fehler ein weiteres Menschenleben kosten könnte. Ich konnte seine Anspannung beim Lesen regelrecht spüren. Gleichzeitig musste er immer wieder überlegen, welche der zahlreichen Spuren tatsächlich wichtig sind und welche bewusst gelegt wurden, um ihn abzulenken.
Und davon gibt es einige.
Catherine Shepherd streut unzählige kleine Hinweise ein. Manche wirken zunächst nebensächlich, andere springen einem sofort ins Auge. Dazu kommen mehrere Verdächtige, unterschiedliche Motive und immer wieder neue Informationen, die das bisherige Bild verändern. Mehr als einmal war ich überzeugt, den Täter durchschaut zu haben.
Natürlich lag ich falsch.
Zumindest in der Gegenwart.
Den Täter im Jahr 1507 hatte ich tatsächlich früher im Verdacht. Dort setzte sich das Bild für mich nach und nach zusammen und irgendwann war ich ziemlich sicher, in welche Richtung es gehen würde. Trotzdem blieb die Handlung spannend, weil mir noch lange nicht klar war, warum alles passiert war und wie Bastian die Wahrheit ans Licht bringen würde.
In der Gegenwart sah es dagegen ganz anders aus.
Dort hat Catherine Shepherd ihre Spuren so geschickt gelegt, dass ich mich immer wieder von einer neuen Theorie überzeugen ließ. Kaum glaubte ich, endlich alles verstanden zu haben, tauchte ein weiteres Detail auf und brachte meine Überlegungen wieder durcheinander. Besonders gelungen fand ich, dass die falschen Fährten am Ende nicht einfach bedeutungslos waren. Sie standen durchaus mit der Geschichte in Verbindung, nur eben anders, als ich zunächst gedacht hatte.
Dadurch wirkte die Auflösung nicht konstruiert.
Im Gegenteil: Als schließlich alles zusammengeführt wurde, hatte ich dieses herrliche Gefühl, dass die einzelnen Puzzleteile die ganze Zeit vor mir gelegen hatten. Ich hatte sie nur nicht richtig zusammengesetzt.
Neben den grausamen Morden und dem Wettlauf gegen die Zeit gibt es auch wieder diese ganz besondere Verbindung zwischen Anna und Bastian.
Ihre Beziehung lässt sich kaum in normale Worte fassen. Es ist keine klassische Liebesgeschichte, sondern etwas, das Zeit und Raum überwindet. Eine tiefe, fast schon unerklärliche Nähe zwischen zwei Menschen, die eigentlich niemals aufeinandertreffen dürften. Gerade diese leisen und beinahe übernatürlichen Momente bilden einen schönen Gegenpol zu den düsteren Ermittlungen.
Ich mag diese Verbindung sehr.
Sie bringt eine emotionale Ebene in die Geschichte, ohne den Thriller auszubremsen. Und auch diesmal hat sich Catherine Shepherd etwas einfallen lassen, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich war neugierig, berührt und gleichzeitig ein wenig sprachlos darüber, welche Richtung diese außergewöhnliche Beziehung genommen hat.
Überhaupt ist es beeindruckend, wie selbstverständlich die Autorin historische Elemente, moderne Ermittlungsarbeit und beinahe mystische Momente miteinander verbindet.
Das mittelalterliche Zons wirkt dabei wieder unglaublich lebendig. Die engen Gassen, die Stadtmauer, die einfachen Häuser und die gesellschaftlichen Unterschiede dieser Zeit sind nicht nur eine Kulisse. Sie beeinflussen die Ermittlungen, das Verhalten der Menschen und die Möglichkeiten, die Bastian überhaupt zur Verfügung stehen. Während Oliver auf moderne Technik, Audiodateien und kriminalistische Untersuchungen zurückgreifen kann, muss Bastian beobachten, zuhören und die richtigen Schlüsse aus dem Verhalten der Menschen ziehen.
Trotzdem begegnen beide Ermittler denselben menschlichen Abgründen.
Schuld, Angst, Gier und das verzweifelte Bedürfnis, Geheimnisse um jeden Preis zu schützen, haben sich offenbar auch nach Jahrhunderten kaum verändert.
Das Finale hat mir dann noch einmal genau das gegeben, was ich mir von einem Catherine-Shepherd-Thriller wünsche.
Das Tempo zieht an, die Ereignisse überschlagen sich und nach und nach werden die letzten offenen Fragen beantwortet. Alle losen Fäden werden miteinander verknüpft und die beiden Fälle bekommen einen schlüssigen Abschluss. Es bleibt nichts zurück, bei dem ich das Gefühl hatte, die Erklärung sei vergessen oder nur halbherzig abgehandelt worden.
Stattdessen fügt sich am Ende alles logisch zusammen.
Und genau das liebe ich bei Thrillern. Ich möchte überrascht werden, aber die Lösung muss im Nachhinein trotzdem Sinn ergeben. Ich möchte zurückdenken und erkennen können, an welchen Stellen die Hinweise bereits versteckt waren. Bei „Böse Stunde“ hat das für mich wieder hervorragend funktioniert.
Catherine Shepherd hat mit diesem Buch erneut bewiesen, warum ich ihre Geschichten inzwischen so gerne lese. Sie schafft es, spannende Fälle mit ungewöhnlichen Ideen zu verbinden, ihre Täter lange im Verborgenen zu halten und gleichzeitig Figuren zu erschaffen, denen ich gerne folge.
Dabei ist die Geschichte düster und stellenweise grausam, ohne sich nur auf blutige Einzelheiten zu verlassen. Die eigentliche Spannung entsteht durch den Zeitdruck, die rätselhaften Botschaften und die ständige Frage, ob das nächste Opfer noch gerettet werden kann.
Für mich war „Böse Stunde“ wieder ein kurzweiliges und fesselndes Leseabenteuer, das ich viel zu schnell beendet hatte.
Eine Autorin, die ich erst spät entdeckt, aber längst lieben gelernt habe – und von der hoffentlich noch sehr viele Thriller auf mich warten.
Von mir gibt es eine ganz klare Kauf- und Leseempfehlung.
🖤 5 von 5 Herzen

