Von Alyssa Day, Jodi Meadows & Mary Weber
„Cinderella meets Herr der Ringe“ – ganz ehrlich, bei dieser Beschreibung war meine Neugier sofort geweckt. Denn so sehr ich Fantasy und Romantasy liebe, habe ich momentan manchmal das Gefühl, immer wieder ähnliche Geschichten zu lesen. Drachen, Akademien, Wettkämpfe – alles Dinge, die ich wirklich gerne mag, aber zwischendurch darf es dann doch gerne mal etwas anderes sein.
Und genau danach klang „Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“.
Alle Prophezeiungen sind sich einig: Niemand kann die Kriegsgöttin Corvynne besiegen. Also nimmt eine Magierin dieses „Niemand“ einfach wörtlich und schickt eine Gruppe vermeintlicher Niemande los, um Altarra zu retten.
Darunter Soli, eine Waise und Dienerin der königlichen Bibliothek, die wohl selbst am allerwenigsten damit gerechnet hätte, plötzlich die Hoffnung eines ganzen Königreiches zu sein.
Keine langen Vorreden – wir müssen schließlich ein Königreich retten
Der Einstieg hat mir direkt richtig gut gefallen. Wir bekommen einen ersten Eindruck von Soli und ihrem bisherigen Leben und dann geht es auch schon los: Sie wird vor den König gezerrt und findet sich plötzlich in einer Mission wieder, die eine Nummer größer ist als alles, was sie bisher kannte.
Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass die Welt oder ihre Hintergründe dabei zu kurz kommen. Vieles erfahren wir ganz selbstverständlich während der Reise.
Und schnell wird auch klar: Diese Geschichte ist nicht so harmlos, wie sie vielleicht zunächst wirkt.
Es wird durchaus grausam und Gewalt nicht immer nur angedeutet. Mich hat das überhaupt nicht gestört, weil dadurch auch die Gefahr spürbar wird, in der sich die Figuren befinden.
Diese Truppe!
Mein größtes Highlight waren aber tatsächlich die Charaktere.
Ein Dieb ohne Ehre, ein Adliger ohne Vermögen, eine Zauberin ohne Magie, ein Soldat ohne Mut, ein Prinz ohne Königreich und mittendrin Soli.
Was auf dem Papier zunächst fast wie eine Ansammlung verschiedener Fantasyrollen klingt, bekommt im Laufe der Geschichte erstaunlich viel Tiefe.
Denn die Figuren sind eben nicht einfach nur irgendwelche Nebendarsteller, die Soli auf ihrer Quest begleiten. Sie sind wirklich Charaktere.
Jeder bringt eine eigene Vergangenheit, Schwächen, Geheimnisse und Beweggründe mit. Besonders schön fand ich, dass wir nicht sofort alles über sie erfahren. Stück für Stück kommen neue Details ans Licht und manche Figuren habe ich dadurch im Laufe der Geschichte noch einmal ganz anders wahrgenommen.
Ich mochte tatsächlich jeden auf seine ganz eigene Art.
Auch Soli hat mir als Protagonistin sehr gefallen. Ihre Entwicklung verläuft nicht einfach geradlinig nach oben. Sie entdeckt immer mehr von dem Potenzial, das in ihr steckt, zweifelt aber auch, macht Fehler und fällt zwischendurch wieder in alte Muster zurück.
Und dann wäre da noch das Grau.
Mehr verrate ich dazu lieber nicht, aber genau dieser Teil von Solis Geschichte hat mich besonders neugierig auf ihre weitere Entwicklung gemacht.
Bei der Romance habt ihr mich leider verloren
So begeistert ich von der Quest und den Figuren war, gab es allerdings einen Punkt, der für mich deutlich schwächer funktioniert hat: die Liebesgeschichte.
Ich liebe Romance in Fantasy – aber ich möchte sie auch fühlen können.
Hier hatte ich irgendwann das Gefühl, einige wichtige Schritte übersprungen zu haben. Die Gefühle sind plötzlich da und entwickeln sehr schnell eine Intensität, die ich nicht richtig nachvollziehen konnte.
Gerade weil die Charaktere ansonsten so schön ausgearbeitet sind, hätte ich mir hier viel mehr Zeit gewünscht. Mehr Annäherung, mehr kleine Momente, mehr Knistern und vor allem eine Entwicklung, bei der ich irgendwann selbst denke: Okay, jetzt verstehe ich euch beide.
Stattdessen wurde mir die Beziehung stellenweise fast zu obsessiv.
Auch den Spice hätte es für mich überhaupt nicht gebraucht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen explizite Szenen, aber sie müssen für mich zur emotionalen Entwicklung einer Beziehung passen. Hier hätte ich diese Seiten lieber gegen mehr Slow Burn eingetauscht.
Ich glaube sogar, dass gerade Solis Entwicklung davon profitiert hätte.
Dafür hat mich die Fantasy bekommen
Zum Glück konnte ich die Romance weitgehend ausblenden, denn die eigentliche Geschichte hat mir wirklich gut gefallen.
Dieses klassische Questgefühl, die ungewöhnliche Truppe, die verschiedenen Orte und die Geheimnisse rund um die Figuren haben einen richtigen Sog entwickelt. Gerade hier konnte ich auch den Vergleich mit „Herr der Ringe“ nachvollziehen – weniger wegen konkreter Ähnlichkeiten als wegen dieses Gefühls, gemeinsam mit einer Gruppe auf eine große Reise ins Ungewisse aufzubrechen.
Der Schreibstil ist angenehm flüssig und bildhaft, sodass ich mir die Welt und die Reise sehr gut vorstellen konnte. Gleichzeitig passiert genug, damit die Geschichte nicht ins Stocken gerät.
Und überraschenderweise braucht das Buch am Ende nicht einmal einen fiesen Cliffhanger.
Natürlich bleiben Fragen offen, schließlich ist es der Auftakt einer Trilogie. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, mitten aus der Geschichte geworfen zu werden. Und trotzdem möchte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.
Eigentlich ist das doch die viel schönere Art, einen Reihenauftakt zu beenden.
„Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“ war für mich endlich einmal wieder ein Fantasyauftakt, der sich etwas anders angefühlt hat.
Besonders die Idee hinter den „Niemanden“, die große Quest und die überraschend tief ausgearbeiteten Charaktere haben mir richtig gut gefallen. Soli entwickelt sich glaubwürdig, die Gruppe ist herrlich unterschiedlich und hinter vielen Figuren steckt offensichtlich noch einiges, das wir bisher gar nicht wissen.
Deutlich schwächer fand ich dagegen die Romance. Die Gefühle entwickeln sich für mich zu schnell und auch auf den Spice hätte ich problemlos verzichten können. Hier hätte ich mir deutlich mehr Zeit und emotionale Entwicklung gewünscht.
Trotzdem hat die Fantasyseite für mich klar überwogen. Ich bin gerne mit dieser ungewöhnlichen Truppe ins Unbekannte gezogen und möchte definitiv erfahren, was noch auf sie wartet.
Ein spannender, stellenweise überraschend grausamer Fantasyauftakt mit einer großartigen Heldentruppe, bei dem für mich vor allem die Romance noch Luft nach oben hat.
🖤 4 von 5 Herzen