Manchmal taucht ein Buch irgendwie auf meinem Radar auf, ohne dass ich vorher groß etwas darüber gehört habe. Genau so war es bei „The Poison Daughter – Zum Sterben schön“ von Sheila Masterson. Erst im Nachhinein habe ich gesehen, wie unglaublich gut das Buch im englischsprachigen Raum angekommen ist und wie viele begeisterte Bewertungen es bereits gesammelt hat.
Meine Erwartungen sind dadurch natürlich noch einmal ein kleines Stück nach oben gewandert.
Zum Glück konnte mich die Geschichte ziemlich schnell davon überzeugen, dass an der Begeisterung durchaus etwas dran ist.
Denn allein die Ausgangsidee ist schon herrlich düster: Eine Frau, deren Kuss für Männer tödlich endet. Ein Mann, bei dem genau diese Fähigkeit plötzlich nicht funktioniert. Eine arrangierte Ehe. Eine komplizierte Familie. Politische Intrigen. Gefährliche Kreaturen vor den schützenden Mauern und zwei Menschen, die sich eigentlich nicht vertrauen sollten.
Das klang nach meinem Geschmack.
Und tatsächlich hat mich dieser High-Fantasy-Einzelband ziemlich schnell gepackt.
Worum geht es in „The Poison Daughter“?
Harlow Carrenwell besitzt eine ziemlich außergewöhnliche und tödliche Fähigkeit: Ihr Kuss ist giftig.
Eine Gabe, die sie längst nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil nutzt. Harlow hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Männer vorzugehen, die anderen Gewalt antun und ihre Macht missbrauchen.
Bis einer ihrer Aufträge plötzlich vollkommen anders läuft als geplant.
Harlow küsst einen Mann, der eigentlich sterben müsste.
Doch er überlebt.
Und damit nicht genug: Ausgerechnet dieser Mann entpuppt sich später als Henry Havenwood – der Mann, den Harlow heiraten soll.
Statt ihres nächsten Opfers steht plötzlich ein Ehemann vor ihr, den sie mit ihrer gefährlichsten Waffe nicht töten kann. Und Henry hat mindestens genauso viele Geheimnisse wie Harlow selbst.
Als sie ihm schließlich in seine Heimat folgt, findet sie sich zwischen politischen Interessen, familiären Konflikten und einer ganz eigenen Bedrohung wieder. Außerhalb der schützenden Mauern lauern vampirähnliche Wesen und schnell wird klar, dass Harlow und Henry wesentlich größere Probleme haben als ihre unfreiwillige Verbindung.
Harlow hat mich immer mehr für sich eingenommen
Der Einstieg in die Geschichte hat mir unglaublich gut gefallen.
Es geht ziemlich schnell los und ich hatte früh das Gefühl, dass hinter den Figuren und den Ereignissen viel mehr steckt, als man zunächst erkennen kann. Genau dieses Gefühl mag ich bei Fantasy sehr gerne. Man bekommt genug Informationen, um neugierig zu werden, aber längst noch nicht alle Antworten.
Vor allem Harlow fand ich sofort interessant.
Nach außen ist sie stark, selbstbewusst und durchaus gefährlich. Schließlich trägt sie ihre tödlichste Waffe praktisch immer bei sich. Doch je mehr man über ihre Vergangenheit erfährt, desto deutlicher wird, dass hinter ihrer Stärke eine Geschichte steckt, die wesentlich tragischer und komplexer ist.
Und genau dadurch ist sie für mich immer weiter gewachsen.
Harlow ist wütend. Sie hat erlebt, wie Frauen benutzt, verletzt und zum Schweigen gebracht werden, und sie ist nicht bereit, das einfach hinzunehmen. Sie will nicht nur darauf warten, dass jemand anderes sie oder die Menschen beschützt, die ihr wichtig sind. Sie handelt selbst.
Dabei ist sie allerdings keineswegs unverwundbar.
Ihre Vergangenheit, ihre Familie und besonders die Beziehung zu ihren Eltern haben für mich viel dazu beigetragen, sie zu verstehen. Stück für Stück erfährt man mehr darüber, warum Harlow so geworden ist, wie sie heute ist. Aus der zunächst einfach sehr starken und kämpferischen Frau wurde dadurch für mich eine deutlich vielschichtigere Figur.
Besonders ihr Wunsch, ihre Schwester und andere Frauen zu beschützen, hat mir gefallen. Harlow hat Ecken und Kanten, trifft nicht immer bequeme Entscheidungen und ist sicherlich keine klassische strahlende Heldin.
Gerade deshalb mochte ich sie.
Henry ist endlich einmal ein Love Interest auf Augenhöhe
Natürlich braucht eine gute Enemies-to-Lovers-Geschichte einen entsprechenden Gegenpart.
Und Henry konnte mich ebenfalls überzeugen.
Bei der Ausgangslage hätte die Beziehung zwischen den beiden sehr schnell in eine dieser typischen Fantasy-Romance-Dynamiken abrutschen können, bei denen man eigentlich nach wenigen Kapiteln schon weiß, wie sich alles entwickeln wird.
Dieses Gefühl hatte ich hier nicht.
Harlow und Henry müssen sich ihre Beziehung tatsächlich erarbeiten.
Aus Feindschaft und Misstrauen entsteht nicht plötzlich innerhalb weniger Seiten die große Liebe. Zunächst müssen die beiden überhaupt lernen, miteinander auszukommen. Dann kommt langsam Verständnis hinzu. Aus Ablehnung wird Toleranz, aus Toleranz entsteht Nähe – und irgendwann entwickeln sich Gefühle, die beide so vermutlich nicht eingeplant hatten.
Diese Entwicklung hat sich für mich erstaunlich echt angefühlt.
Vor allem das Geplänkel zwischen Harlow und Henry hat mir richtig viel Spaß gemacht. Genau diese kleinen Wortgefechte, Provokationen und Momente, in denen man merkt, dass zwischen den beiden längst mehr passiert, als sie sich eingestehen wollen, haben die Geschichte für mich unglaublich unterhaltsam gemacht.
Und Henry steht Harlow dabei tatsächlich auf Augenhöhe gegenüber.
Das war mir wichtig.
Sie braucht keinen Mann, der plötzlich kommt und ihre gesamte Geschichte für sie löst. Und Henry wirkt auch nicht wie eine Figur, die ausschließlich erschaffen wurde, damit Harlow einen möglichst attraktiven Love Interest bekommt. Er bringt seine eigenen Probleme, Ziele und Geheimnisse mit.
Zusammen ergeben die beiden deshalb ein Paar, dessen Entwicklung ich wirklich gerne verfolgt habe.
Ja, es gibt ordentlich Spice
Wer bei „The Poison Daughter“ ausschließlich mit ein bisschen romantischem Knistern rechnet, dürfte allerdings überrascht werden.
Denn das Buch hat durchaus einiges an Spice.
Mich persönlich hat das nicht gestört. Im Gegenteil: Ich fand viele dieser Szenen überraschend originell und passend zur Dynamik zwischen Harlow und Henry. Sie wirkten für mich nicht einfach wahllos eingeschoben, sondern waren eng mit ihrer Beziehung und den Charakteren verbunden.
Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum dieser Punkt bei anderen Leserinnen und Lesern unterschiedlich ankommt.
Denn es ist nicht wenig.
Und gerade im Mittelteil trägt der starke Fokus auf die Beziehung für mich dazu bei, dass die eigentliche Handlung ein bisschen an Tempo verliert. Nach dem sehr spannenden Einstieg hatte ich hier stellenweise das Gefühl, dass die Geschichte etwas auf der Stelle tritt.
Wer hauptsächlich wegen der High-Fantasy-Handlung zugreift und mit Spice eher wenig anfangen kann, könnte sich an dieser Stelle vermutlich deutlich mehr daran stören als ich.
Für mich war es kein großer Kritikpunkt, aber etwas straffer hätte dieser Teil trotzdem sein dürfen.
Die Nebenfiguren sind viel mehr als schmückendes Beiwerk
Was mich dagegen richtig positiv überrascht hat, waren die Nebencharaktere.
Bei einem Einzelband mit einer derart großen Welt besteht schnell die Gefahr, dass neben den beiden Hauptfiguren kaum noch jemand richtig ausgearbeitet wird.
Hier hatte ich dieses Gefühl überhaupt nicht.
Harlows große Familie, Henrys abgeschieden lebendes Volk und weitere wichtige Persönlichkeiten haben ihre eigenen Interessen, Überzeugungen und teilweise ziemlich brutalen Seiten. Viele Figuren verfolgen ihre eigene Agenda und genau dadurch entsteht immer wieder Unsicherheit.
Wem kann man wirklich vertrauen?
Wer hilft Harlow und Henry aus Überzeugung?
Und wer wartet vielleicht nur auf den richtigen Moment, um seine eigenen Ziele durchzusetzen?
Gerade dadurch wurde die Geschichte für mich lebendig. Die Nebenfiguren existieren nicht nur, damit sie Harlow und Henry an der richtigen Stelle irgendeine wichtige Information geben können. Sie haben eine eigene Präsenz und tragen tatsächlich etwas zur Welt und ihren Konflikten bei.
Und bei einigen war ich mir lange überhaupt nicht sicher, was ich von ihnen halten sollte.
Die Plottwists haben mich komplett bekommen
Mein eigentliches Highlight waren aber die Wendungen.
Ich liebe Bücher, bei denen ich irgendwann glaube, verstanden zu haben, wohin die Reise geht – nur damit meine schöne Theorie ein paar Kapitel später komplett auseinanderfällt.
Genau das ist hier mehrfach passiert.
Natürlich hatte ich meine Vermutungen. Ich dachte, bestimmte Figuren einschätzen zu können, glaubte Zusammenhänge erkannt zu haben und war mir bei einigen Entwicklungen schon ziemlich sicher, wohin sie führen würden.
Tja.
Nicht unbedingt. 😅
Immer wieder kamen neue Informationen hinzu, die meinen Blick auf Figuren oder Ereignisse verändert haben. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass die Geschichte zwanghaft versucht, möglichst viele überraschende Wendungen unterzubringen. Vieles ergibt rückblickend Sinn und fügt sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammen.
Genau solche Plottwists funktionieren für mich.
Ich möchte überrascht werden, aber am Ende trotzdem verstehen können, warum etwas passiert ist.
Auch die Fantasyhandlung bekommt genügend Raum
Trotz des starken Fokus auf Harlow, Henry und ihre Beziehung geht die eigentliche Fantasygeschichte zum Glück nicht unter.
Außerhalb der schützenden Mauern lauern vampirähnliche Kreaturen, während innerhalb der Gesellschaft verschiedene Familien und Gruppierungen ihre eigenen Interessen verfolgen. Politische Intrigen, Machtspiele und Kämpfe sorgen dafür, dass es neben der Romance genügend andere Konflikte gibt.
Besonders gut gefallen haben mir die unterschiedlichen magischen Fähigkeiten.
Fantasy braucht für mich einfach Magie. Natürlich gibt es großartige Fantasyromane, die vollkommen anders funktionieren, aber persönlich liebe ich es, besondere Fähigkeiten, Regeln und magische Elemente zu entdecken.
Und Harlows giftiger Kuss ist dafür natürlich die perfekte Grundlage.
Ihre Gabe ist nicht einfach irgendein cooles Extra, das gelegentlich erwähnt wird. Sie beeinflusst ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen und ihre Möglichkeiten und stößt wichtige Situationen innerhalb der Geschichte überhaupt erst an.
Dadurch fühlt sich die Magie wirklich als Bestandteil dieser Welt an.
Auch das Worldbuilding konnte mich überzeugen. Die Hintergründe des Landes, seine Geschichte, die verschiedenen Familien und Völker sowie die Gefahren außerhalb der Mauern greifen immer stärker ineinander. Besonders zum Ende hin merkt man, dass viele Dinge nicht zufällig erwähnt wurden.
Für einen Einzelband finde ich das wirklich beeindruckend.
Und dann kommt dieses Finale …
Nach dem etwas ruhigeren Mittelteil zieht die Geschichte zum Ende hin noch einmal ordentlich an.
Und zwar richtig.
Die letzten Kapitel haben für mich vieles von dem eingelöst, was der Anfang bereits versprochen hatte. Plötzlich greifen verschiedene Handlungsstränge ineinander, die Spannung steigt und die ganzen Informationen und Wendungen ergeben immer mehr Sinn.
Aber überraschenderweise war es gar nicht nur die Spannung, die mich am Ende bekommen hat.
Es waren die Emotionen.
Ich musste tatsächlich ein kleines bisschen weinen.
Dabei würde ich das Finale nicht einmal als klassisch todtraurig bezeichnen. Es war vielmehr die Art, wie die Gefühle der Figuren beschrieben wurden. Der Schreibstil hat es geschafft, diese Momente so intensiv werden zu lassen, dass sie mich einfach erwischt haben.
Nach all den Intrigen, Kämpfen, Geheimnissen, giftigen Küssen und Plottwists plötzlich noch einmal auf dieser emotionalen Ebene getroffen zu werden, hatte ich überhaupt nicht erwartet.
Und genau deshalb ist mir das Ende besonders im Gedächtnis geblieben.
Was für ein Debüt.
„The Poison Daughter – Zum Sterben schön“ von Sheila Masterson verbindet für mich ziemlich viele Dinge, die ich bei Fantasy gerne lese: eine starke und gleichzeitig verletzliche Protagonistin, einen Love Interest auf Augenhöhe, eine Enemies-to-Lovers-Dynamik, Magie, politische Intrigen, gefährliche Kreaturen und vor allem richtig gute Wendungen.
Harlow war für mich eine unglaublich interessante Protagonistin. Je mehr ich über ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre Beweggründe erfahren habe, desto besser konnte ich sie verstehen. Und gemeinsam mit Henry entsteht eine Dynamik, die mir wirklich Spaß gemacht hat. Besonders das Geplänkel zwischen den beiden und die Entwicklung von Feindschaft über vorsichtige Annäherung bis hin zu echten Gefühlen haben mich überzeugt.
Der Spice nimmt durchaus einiges an Raum ein und dürfte vermutlich nicht jeden Geschmack treffen. Mich hat er größtenteils nicht gestört, weil ich ihn passend zu den Figuren fand. Trotzdem verliert die Handlung dadurch im Mittelteil ein wenig an Tempo.
Dafür haben mich die Plottwists umso mehr begeistert. Mehrfach wurden meine Vermutungen komplett über den Haufen geworfen und trotzdem ergab am Ende alles Sinn.
Dazu kommen ein durchdachtes Worldbuilding, interessante magische Fähigkeiten, starke Nebenfiguren und ein Finale, das nicht nur spannend war, sondern mich überraschenderweise auch emotional richtig erwischt hat.
Dass all das in einem High-Fantasy-Einzelband funktioniert, finde ich umso beeindruckender. Keine fünf Folgebände, auf die ich warten muss, sondern eine umfangreiche Fantasygeschichte, die tatsächlich innerhalb eines Buches erzählt wird.
Für mich hätte man einen Debüt-Einzelband kaum besser hinbekommen können.
★★★★½ 4,5 von 5 Sternen