Beim ersten Schärenlicht – Ein Fall für Thomas Andreasson von Viveca Sten

Seit ich die Åre-Morde gelesen habe, bin ich ein großer Fan von Viveca Stens Büchern. Sie hat für mich genau das, was einen richtig guten skandinavischen Krimi ausmacht: keine übertriebene Action, keine künstlich erzeugte Spannung, sondern Geschichten, die sich langsam entfalten, dabei aber immer tiefer unter die Haut gehen.

Als ich gesehen habe, dass der dtv Verlag die Sandhamn-Reihe neu auflegt, war für mich sofort klar, dass ich diese Bücher unbedingt kennenlernen möchte.

Und schon nach wenigen Seiten wusste ich wieder, warum ich den Schreibstil der Autorin so gerne mag.

Viveca Sten braucht keine spektakulären Explosionen oder blutigen Schockmomente, um Spannung zu erzeugen. Stattdessen beginnt alles mit einer Szene, die sofort Fragen aufwirft und mich neugierig gemacht hat. Ein verängstigtes Mädchen bricht vor den Augen der Polizei zusammen, gleichzeitig verschwindet ein junges Mädchen spurlos und wenig später wird ein Jugendlicher tot am Strand gefunden.

Von da an entwickelt sich die Geschichte in dem typisch skandinavischen Erzähltempo, das ich inzwischen richtig zu schätzen gelernt habe.

Man merkt schnell, dass hier nicht nur ein Mord aufgeklärt werden soll. Vielmehr geht es um Menschen, ihre Beziehungen, ihre Geheimnisse und die Abgründe, die sich oft hinter einer scheinbar perfekten Fassade verbergen.

Genau das liebe ich an Scandi Crime.

Die Schäreninsel wirkt auf den ersten Blick wie der perfekte Ort für einen Sommerurlaub. Boote im Hafen, Mittsommerfeiern, traumhafte Landschaften und dieses Gefühl von Freiheit. Ehrlich gesagt hatte ich beim Lesen ständig Fernweh und hätte am liebsten sofort meinen Koffer gepackt.

Doch genau diese idyllische Kulisse macht die Geschichte so wirkungsvoll.

Denn während die Insel nach außen hin friedlich wirkt, brodelt unter der Oberfläche längst etwas ganz anderes. Nach und nach kommen Geheimnisse ans Licht, Beziehungen bekommen Risse und plötzlich stellt sich immer wieder die Frage, wem man überhaupt noch vertrauen kann.

Diese Gegensätze zwischen wunderschöner Natur und menschlichen Abgründen sind für mich eine der größten Stärken des Buches.

Auch die Figuren haben mir wieder richtig gut gefallen.

Viveca Sten schreibt Charaktere, die nicht perfekt sind. Sie haben Fehler, treffen fragwürdige Entscheidungen und kämpfen mit ihren eigenen Problemen. Genau deshalb wirken sie so glaubwürdig. Ich hatte nie das Gefühl, dass hier einfach nur Ermittler ihren Job machen. Stattdessen begleiten wir Menschen, die genauso mit ihrem Privatleben zu kämpfen haben wie mit dem aktuellen Fall.

Besonders Thomas Andreasson und Nora Linde waren mir schnell sympathisch. Ihre langjährige Verbindung verleiht der Geschichte eine angenehme Vertrautheit und sorgt dafür, dass man sich auf ihre gemeinsamen Szenen immer wieder freut.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu Beginn kurz verwirrt war.

Ich hatte das Gefühl, mitten in eine bereits laufende Geschichte einzusteigen. Es tauchten viele Namen auf, Beziehungen waren bereits gewachsen und ich fragte mich ständig, ob ich vielleicht etwas übersehen hatte.

Bis ich nachgeschaut habe.

Dabei habe ich festgestellt, dass „Beim ersten Schärenlicht“ ursprünglich bereits der fünfte Fall von Thomas Andreasson ist. Durch die Neuauflage der Reihe erscheint er jetzt nach und nach wieder im dtv Verlag.

Damit war meine anfängliche Verwirrung sofort erklärt.

Zum Glück hat sich das während des Lesens schnell gelegt und ich konnte den Figuren problemlos folgen. Im Gegenteil – jetzt freue ich mich sogar darauf, die ersten vier Bände ebenfalls kennenzulernen und die Entwicklung der Figuren von Anfang an mitzuerleben.

Besonders gefallen hat mir außerdem, dass Viveca Sten ihre Geschichte nicht nur als klassischen Kriminalfall erzählt. Immer wieder greift sie aktuelle gesellschaftliche Themen auf und verbindet diese mit einer intelligent aufgebauten Handlung. Nichts wirkt übertrieben oder konstruiert. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte Schritt für Schritt und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen.

Mehr als einmal war ich überzeugt zu wissen, wohin die Ermittlungen führen würden.

Und jedes Mal hat mich die Autorin eines Besseren belehrt.

Genau diese ruhige, aber raffinierte Art, Spannung aufzubauen, gefällt mir unglaublich gut.

Wer einen rasanten Actionthriller sucht, wird hier vermutlich nicht fündig.

Anfangs war ich allerdings kurz verwirrt. Beim Lesen hatte ich ständig das Gefühl, ich hätte einen Band verpasst. Die Figuren kannten sich bereits, Beziehungen waren gewachsen und immer wieder wurden Ereignisse erwähnt, die offensichtlich schon vorher passiert waren. Erst später habe ich erfahren, warum: Der dtv Verlag legt die komplette Sandhamn-Reihe aktuell neu auf – gestartet wurde dabei aber nicht mit Band 1, sondern ausgerechnet mit Band 5. Die vorherigen Bände erscheinen erst nach und nach ebenfalls als Neuauflage. 

Als ich das wusste, ergab plötzlich alles Sinn. Meine anfängliche Verwirrung war schnell verflogen und stattdessen hat sie etwas anderes ausgelöst: Jetzt möchte ich die ersten vier Fälle unbedingt noch nachholen. Ich freue mich richtig darauf, Thomas Andreasson und Nora Linde von Anfang an kennenzulernen und ihre Entwicklung chronologisch mitzuerleben.

Wer aber atmosphärische Krimis liebt, in denen Figuren genauso wichtig sind wie der eigentliche Fall, wird an Viveca Stens Büchern wahrscheinlich genauso viel Freude haben wie ich.

Für mich war „Beim ersten Schärenlicht“ ein wunderbarer Einstieg in die neu aufgelegte Sandhamn-Reihe. Ein traumhaftes Setting, vielschichtige Figuren und eine klug konstruierte Geschichte haben dafür gesorgt, dass ich am liebsten direkt den nächsten Band lesen möchte.

Und ganz ehrlich?

Die Schären stehen nach diesem Buch ziemlich weit oben auf meiner Liste möglicher Urlaubsziele.

🖤 4,5 von 5 Herzen


Puppenherz von Max Bentow

Es gibt Thriller, die spannend sind. Es gibt Thriller, die einen überraschen. Und dann gibt es diese ganz besonderen Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt: Das wird unangenehm. Richtig unangenehm.

Genau solche Thriller liebe ich.

Und „Puppenherz“ von Max Bentow ist für mich genau so ein Buch.

Schon die Ausgangsidee hat bei mir gereicht, um dieses ganz bestimmte Gefühl auszulösen. Diese Mischung aus Neugier, Gänsehaut und der leisen Frage, ob ich wirklich wissen möchte, was sich hinter all dem verbirgt.

Natürlich wollte ich es wissen.

Ich wollte es sogar unbedingt wissen.

Auch wenn ich an manchen Stellen wirklich ein kleines bisschen Angst davor hatte, die nächste Seite umzublättern, weil ich schon ahnte, dass dort nichts Gutes auf mich warten würde.

Ein Tatort, der sich sofort im Kopf festsetzt

Nils Trojan und seine Kollegin Carlotta Weiss werden zu einem Tatort gerufen, der selbst für die beiden erfahrenen Ermittler nur schwer zu ertragen ist. Eine Frau wurde auf brutale Weise ermordet. Doch als wäre das allein nicht schon grausam genug, hat der Täter eine makabre Signatur hinterlassen.

Eine kleine Puppe.

Gefertigt aus einem menschlichen Knochen.

Ganz ehrlich? Allein bei dieser Vorstellung hat sich bei mir schon alles zusammengezogen.

Max Bentow schafft es immer wieder, Bilder zu erschaffen, die man eigentlich gar nicht so genau vor Augen haben möchte – die sich aber trotzdem sofort im Kopf festsetzen. Seine Tatorte sind grausam, blutig und verstörend. Dabei wirkt die Brutalität nicht einfach nur wie ein Mittel, um möglichst viel zu schockieren. Sie gehört zu der düsteren Atmosphäre und sorgt dafür, dass man die Bedrohung von Anfang an ernst nimmt.

Als die forensische Untersuchung ergibt, dass der Knochen von einem Opfer stammt, das bereits zehn Jahre zuvor getötet wurde, bekommt der Fall noch einmal eine völlig neue Dimension.

Der damalige Mord wurde nie aufgeklärt.

Doch warum taucht ausgerechnet jetzt ein Teil dieses Opfers wieder auf? Welche Verbindung besteht zwischen dem Cold Case und dem neuen Mord? Und vor allem: Was möchte der Täter damit sagen?

Ich war sofort gefesselt.

Wenn man der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut

Was ich an Max Bentows Thrillern besonders liebe, ist dieses ständige Spiel mit der Frage, was eigentlich real ist.

Ist das, was die Figuren erleben, tatsächlich passiert?

Oder bildet sich jemand etwas ein?

Steckt hinter den Ereignissen ein Mensch aus Fleisch und Blut – oder gibt es vielleicht doch etwas, das sich nicht so einfach erklären lässt?

Auch in „Puppenherz“ liegt über der Geschichte von Anfang an etwas Bedrohliches, beinahe Übernatürliches. Es ist dieses unterschwellige Gefühl, dass irgendwo im Hintergrund etwas lauert. Etwas, das sich noch nicht vollständig zeigt, aber längst da ist.

Genau das macht die Geschichte so unheimlich.

Max Bentow spielt mit dunklen Räumen, verstörenden Bildern und Ängsten, die sich tief in den Gedanken festsetzen. Man weiß nie genau, ob man seinen eigenen Vermutungen trauen kann. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sich die Geschichte in eine bestimmte Richtung entwickelt – nur um kurz darauf wieder an allem zu zweifeln.

Und ich liebe so etwas.

Ich liebe Thriller, die nicht nur durch grausame Morde schockieren, sondern auch im Kopf arbeiten. Die dafür sorgen, dass man beim Lesen jedes Geräusch plötzlich ein bisschen bewusster wahrnimmt und vielleicht doch noch einmal prüft, ob im dunklen Flur wirklich niemand steht.

Was sagt es eigentlich über mich aus, dass ich solche Geschichten so sehr feiere?

Vermutlich denken sich das viele Thrillerfans regelmäßig.

Solange ich anschließend noch schlafen kann, ist wohl alles in Ordnung. Wobei ich mir bei diesem Buch zwischendurch nicht ganz sicher war.

Atemlos durch die Geschichte

Der Untertitel verspricht einen Psychothriller, der atemlos schnell und verstörend raffiniert ist.

Und genau das trifft es für mich ziemlich gut.

Max Bentow verliert sich nicht in langen Erklärungen oder nebensächlichen Handlungssträngen. Er braucht keine hundert Seiten, bis der Fall endlich an Fahrt aufnimmt. Die Geschichte beginnt spannend und bleibt es auch.

Es passiert ständig etwas.

Neue Opfer tauchen auf. Weitere Puppen werden gefunden. Alte Spuren führen zu neuen Fragen und mit jeder Entdeckung wird deutlicher, dass hinter diesen Morden etwas viel Größeres steckt.

Der Druck auf Nils Trojan und Carlotta Weiss wächst zunehmend. Sie müssen nicht nur einen Täter stoppen, sondern gleichzeitig herausfinden, wie die aktuellen Morde mit dem ungelösten Fall von damals zusammenhängen.

Der Schreibstil ist dabei wieder genauso, wie ich ihn von Max Bentow liebe: flüssig, direkt und unglaublich fesselnd.

Die Seiten sind nur so dahingeflogen.

Eigentlich wollte ich immer nur noch ein Kapitel lesen. Doch kaum war dieses beendet, stand schon die nächste Frage im Raum. Natürlich konnte ich dann nicht aufhören.

Und plötzlich war wieder ein großer Teil des Buches vorbei.

Genau so muss sich ein Thriller für mich lesen.

Keine unnötigen Längen. Keine Passagen, bei denen ich darauf warte, dass endlich wieder etwas passiert. Stattdessen eine Geschichte, die mich immer tiefer hineinzieht und kaum Raum zum Durchatmen lässt.

Nils Trojan und Carlotta Weiss

Nils Trojan gehört für mich inzwischen zu den Ermittlern, die ich immer wieder gerne begleite.

Er ist kein unverwundbarer Superkommissar, der jeden Tatort völlig unbeeindruckt betrachtet und sofort die richtige Lösung kennt. Er trägt seine eigenen Ängste, Verletzungen und Erfahrungen mit sich herum. Genau dadurch wirkt er für mich greifbar.

Auch Carlotta Weiss habe ich wieder sehr gerne an seiner Seite erlebt.

Die beiden müssen sich diesmal mit einem Fall auseinandersetzen, der selbst für ihre Verhältnisse außergewöhnlich verstörend ist. Gerade die Verbindung zwischen den neuen Morden und dem alten, ungelösten Verbrechen macht die Ermittlungen so schwierig.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto enger zieht sich das Netz zusammen.

Oder zumindest glaubt man das.

Denn Max Bentow wäre nicht Max Bentow, wenn er seine Leser einfach geradewegs zur Lösung führen würde.

Immer wieder tauchen neue Hinweise auf, die alles verändern. Manche Details wirken zunächst nebensächlich und bekommen später plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Dadurch hatte ich ständig das Gefühl, kurz vor einer wichtigen Erkenntnis zu stehen – nur um festzustellen, dass mir immer noch ein entscheidendes Puzzleteil fehlt.

Das Turmzimmer einer alten Villa

Spätestens als die Spur in das Turmzimmer einer alten Villa führt, hatte mich die Geschichte endgültig.

Alte Villen sind in Thrillern ja grundsätzlich nie ein gutes Zeichen.

Noch weniger, wenn sie über ein geheimnisvolles Turmzimmer verfügen.

Und eigentlich weiß man als Leserin ganz genau, dass dort nichts Harmloses warten wird. Trotzdem möchte man unbedingt hinein. Man muss wissen, was sich dort verbirgt, auch wenn man gleichzeitig das Gefühl hat, dass man es später vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Die Atmosphäre rund um diese Villa war für mich eines der Highlights des Buches.

Düster, bedrückend und voller Geheimnisse.

Ich hatte beim Lesen ständig Bilder vor Augen und konnte mir die Räume, die Schatten und dieses Gefühl, beobachtet zu werden, unglaublich gut vorstellen. Genau diese bildhafte Art zu schreiben beherrscht Max Bentow für mich einfach perfekt.

Er beschreibt nicht nur, was passiert.

Er sorgt dafür, dass man sich mitten darin befindet.

Brutal, blutig und nichts für schwache Nerven

Über die Brutalität müssen wir bei einem Max-Bentow-Thriller eigentlich kaum noch sprechen.

Wer seine Bücher kennt, weiß, dass er nicht zimperlich ist.

Auch „Puppenherz“ enthält blutige Tatorte, schrecklich entstellte Leichen und einige Szenen, die man nicht mal eben nebenbei liest, während man gemütlich sein Abendessen genießt.

Zumindest würde ich davon eher abraten.

Einige Beschreibungen sind wirklich heftig und bleiben im Gedächtnis. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass die Geschichte nur von ihrer Brutalität lebt.

Das Grauen entsteht nicht allein durch das Blut.

Es entsteht durch die Idee hinter den Morden. Durch die Puppen. Durch die alten Geheimnisse und die Frage, was einen Menschen dazu bringt, so etwas zu tun.

Gerade diese Verbindung aus psychologischem Horror und körperlicher Gewalt macht die Geschichte so intensiv.

Ich hatte Gänsehaut, war angespannt und wollte gleichzeitig unbedingt weiterlesen.

Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Thriller.

Ein Finale, das alles zusammenführt

Und dann kam das Finale.

Ich dachte eigentlich, das Tempo könne kaum noch gesteigert werden. Doch auf den letzten Seiten überschlagen sich die Ereignisse regelrecht.

Der Plottwist hat für mich hervorragend funktioniert.

Nach und nach fügen sich die einzelnen Teile zusammen. Hinweise, die zuvor noch rätselhaft erschienen, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Zusammenhänge werden sichtbar und aus all den losen Fäden entsteht ein Gesamtbild.

Ein ziemlich grausames Gesamtbild.

Aber eben auch eines, das logisch funktioniert.

Ich liebe es, wenn ein Thriller mich überrascht und ich im Nachhinein trotzdem erkennen kann, dass die Lösung die ganze Zeit vorbereitet wurde. Wenn ich zurückdenke und merke, dass manche Hinweise direkt vor mir lagen, ich sie aber nicht richtig eingeordnet habe.

Genau dieses Gefühl hatte ich bei „Puppenherz“.

Das Finale fühlte sich für mich wie ein echtes Feuerwerk an. Düster, schnell und voller Enthüllungen. Ich konnte das Buch in diesem Teil überhaupt nicht mehr aus der Hand legen.

Die Geschichte hat sich nicht einfach irgendwie aufgelöst.

Sie hat sich Stück für Stück zusammengesetzt.

Und am Ende passte alles.

Ein kleiner Kritikpunkt

Ganz ohne Kritik komme ich allerdings nicht aus.

Dadurch, dass die Geschichte so kompakt erzählt wird und sich Max Bentow kaum mit Nebensächlichkeiten aufhält, blieb für mich als Leserin relativ wenig Raum, selbst aktiv zu ermitteln.

Es tauchen nicht besonders viele Figuren auf, denen man die Morde glaubhaft hätte anlasten können. Dadurch hatte ich weniger unterschiedliche Verdächtige und Theorien, mit denen ich spielen konnte.

Ich liebe es normalerweise, bei Thrillern selbst mitzurätseln. Verdächtige zu sammeln, Motive zu hinterfragen und meine Meinung immer wieder zu ändern.

Das war hier nur eingeschränkt möglich.

Die Handlung lebt stärker von ihrer Atmosphäre, den grausamen Entdeckungen und der Frage, wie alles zusammenhängt, als von einer langen Liste möglicher Täter.

Dadurch war ich zwar durchgehend gefesselt, hatte aber weniger Gelegenheit, selbst auf Tätersuche zu gehen.

Allerdings ist das wirklich Jammern auf hohem Niveau.

Denn gleichzeitig ist genau diese kompakte Erzählweise auch eine der großen Stärken des Buches. Es gibt keine unnötigen Umwege und keine Längen. Die Geschichte bleibt fokussiert und treibt den Fall konsequent voran.

Man kann eben nicht alles haben.

Mein Fazit

„Puppenherz“ ist genau die Art von Psychothriller, die ich von Max Bentow lesen möchte.

Düster, brutal, gruselig und unglaublich fesselnd.

Die Idee mit den Puppen aus menschlichen Knochen ist makaber, verstörend und erschreckend einprägsam. Dazu kommt dieses permanente Spiel mit der eigenen Wahrnehmung: Ist alles erklärbar oder verbirgt sich hinter den Ereignissen vielleicht doch etwas Übernatürliches?

Der Schreibstil hat mich wieder durch die Seiten fliegen lassen. Die Geschichte hat keine Längen, verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten und steuert konsequent auf ein Finale zu, das alle losen Fäden überzeugend zusammenführt.

Lediglich etwas mehr Raum zum Mitermitteln hätte ich mir gewünscht.

Trotzdem war „Puppenherz“ für mich ein richtig starker Thriller, der mir genau das gegeben hat, was ich mir erhofft hatte: Gänsehaut, Anspannung, grausame Bilder und dieses Gefühl, unbedingt weiterlesen zu müssen – obwohl man eigentlich ein bisschen Angst davor hat, was auf der nächsten Seite wartet.

Ein toller Psychothriller für alle, die starke Nerven haben und es gerne düster, blutig und verstörend mögen.

🖤 4,5 von 5 Herzen


Killer Trail – Dreh dich nicht um von Eliza Jabore

Kennt ihr diese Thriller, bei denen schon der Klappentext nach einem perfekten Leseabend klingt?

Ein abgelegener Wanderweg. Dichte Wälder. Drei Freundinnen. Ein ehemaliger Tatort eines Serienkillers. Und dann noch die Frage, ob der Mörder wirklich gefasst wurde.

Ganz ehrlich?

Damit hatte mich das Buch sofort.

Ich liebe Thriller, die fernab der Zivilisation spielen. Je einsamer das Setting, desto besser. Wälder, Berge, verlassene Hütten und das Gefühl, dass Hilfe kilometerweit entfernt ist – genau das sorgt bei mir für Gänsehaut. Deshalb war ich überzeugt, dass „Killer Trail“ genau mein Ding werden könnte.

Der Einstieg hat mich auch direkt abgeholt.

Der Schreibstil von Eliza Jabore liest sich angenehm und flüssig. Man fliegt förmlich durch die Seiten und merkt schnell, dass die Geschichte bewusst auf Tempo setzt. Gerade bei einem eher kurzen Thriller finde ich das grundsätzlich genau richtig. Lange Vorgeschichten braucht es hier nicht, stattdessen ist man schnell mitten im Geschehen.

Auch das Setting hat mir wirklich gefallen.

Der Bones Hollow Trail mit seiner düsteren Vergangenheit bringt eigentlich alles mit, was ich mir von einem Survival-Thriller wünsche. Dichte Wälder, ein abgelegener Wanderweg und das ungute Gefühl, dass hinter jedem Baum jemand stehen könnte. Leider hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass dieses Potenzial nicht vollständig genutzt wurde. Die Natur hätte für mich noch viel bedrückender, gefährlicher und präsenter sein dürfen. Ich wollte dieses Gefühl haben, gemeinsam mit den Figuren völlig verloren zu sein – genau das blieb für mich leider etwas auf der Strecke.

Was für mich allerdings deutlich schwieriger war, waren die Figuren.

Mit Jade konnte ich noch am ehesten etwas anfangen. Auch wenn ich manche ihrer Entscheidungen überhaupt nicht nachvollziehen konnte, war sie für mich noch die greifbarste der drei Freundinnen.

Steph blieb dagegen ziemlich blass.

Und dann war da noch Zoe.

Ich kann mich ehrlich gesagt kaum daran erinnern, wann mich eine Figur das letzte Mal so genervt hat.

Wirklich.

Jedes Mal, wenn sie den Mund aufgemacht hat, musste ich innerlich mit den Augen rollen. Ich habe selten eine Figur erlebt, die bei mir so konsequent für Frust gesorgt hat. Das Problem war dabei nicht einmal, dass sie unsympathisch ist – auch unsympathische Figuren können großartig geschrieben sein. Aber ihr Verhalten wirkte auf mich häufig so überzogen und teilweise so unüberlegt, dass es mir immer schwerer fiel, die Geschichte ernst zu nehmen.

Und genau das war letztlich mein größtes Problem.

Wenn man mit keiner Figur wirklich mitfiebert, verliert selbst ein spannender Plot einen Teil seiner Wirkung.

Ab ungefähr der Hälfte des Buches war ich tatsächlich an einem Punkt, an dem ich kurz überlegt habe, ob ich abbrechen soll. Nicht, weil die Geschichte langweilig gewesen wäre, sondern weil mich die Charaktere zunehmend aus der Handlung gerissen haben.

Am Ende hat dann doch meine Neugier gesiegt.

Ich wollte einfach wissen, ob meine Vermutungen stimmen.

Und leider… Sie haben gestimmt.

Als jemand, der sehr viele Thriller liest, waren die meisten Wendungen für mich relativ früh erkennbar. Immer wieder hoffte ich noch auf eine Überraschung oder einen Twist, der mich komplett auf dem falschen Fuß erwischt.

Dieser Moment kam leider nicht.

Das Ende konnte mich deshalb ebenfalls nicht vollständig überzeugen. Zwar werden die offenen Fragen beantwortet und die Geschichte findet einen Abschluss, dennoch wirkte das Finale auf mich etwas überhastet. Mir fehlte einfach dieser letzte Aha-Moment, bei dem ich das Buch zuklappe und denke: Damit hätte ich niemals gerechnet.

Eine Kleinigkeit ist mir außerdem noch aufgefallen.

Trotz aller Kritik möchte ich aber auch sagen, dass das Buch keineswegs schlecht ist.

Es liest sich schnell, ist kurzweilig und sorgt immerhin dafür, dass man wissen möchte, wie alles ausgeht. Gerade Thriller-Einsteiger oder Leserinnen und Leser, die noch nicht unzählige Bücher dieses Genres gelesen haben, könnten hier deutlich mehr Überraschungen erleben als ich.

Für mich persönlich blieb „Killer Trail“ allerdings hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das spannende Grundkonzept, das atmosphärische Setting und die flotte Erzählweise konnten die für mich schwachen Figuren und die vorhersehbaren Wendungen leider nicht ganz ausgleichen.

Trotzdem werde ich Eliza Jabore definitiv im Auge behalten. Der Schreibstil hat mir gefallen und ich kann mir gut vorstellen, einem weiteren Buch der Autorin noch einmal eine Chance zu geben.

🖤 2,5 von 5 Herzen