Seit ich die Åre-Morde gelesen habe, bin ich ein großer Fan von Viveca Stens Büchern. Sie hat für mich genau das, was einen richtig guten skandinavischen Krimi ausmacht: keine übertriebene Action, keine künstlich erzeugte Spannung, sondern Geschichten, die sich langsam entfalten, dabei aber immer tiefer unter die Haut gehen.
Als ich gesehen habe, dass der dtv Verlag die Sandhamn-Reihe neu auflegt, war für mich sofort klar, dass ich diese Bücher unbedingt kennenlernen möchte.
Und schon nach wenigen Seiten wusste ich wieder, warum ich den Schreibstil der Autorin so gerne mag.
Viveca Sten braucht keine spektakulären Explosionen oder blutigen Schockmomente, um Spannung zu erzeugen. Stattdessen beginnt alles mit einer Szene, die sofort Fragen aufwirft und mich neugierig gemacht hat. Ein verängstigtes Mädchen bricht vor den Augen der Polizei zusammen, gleichzeitig verschwindet ein junges Mädchen spurlos und wenig später wird ein Jugendlicher tot am Strand gefunden.
Von da an entwickelt sich die Geschichte in dem typisch skandinavischen Erzähltempo, das ich inzwischen richtig zu schätzen gelernt habe.
Man merkt schnell, dass hier nicht nur ein Mord aufgeklärt werden soll. Vielmehr geht es um Menschen, ihre Beziehungen, ihre Geheimnisse und die Abgründe, die sich oft hinter einer scheinbar perfekten Fassade verbergen.
Genau das liebe ich an Scandi Crime.
Die Schäreninsel wirkt auf den ersten Blick wie der perfekte Ort für einen Sommerurlaub. Boote im Hafen, Mittsommerfeiern, traumhafte Landschaften und dieses Gefühl von Freiheit. Ehrlich gesagt hatte ich beim Lesen ständig Fernweh und hätte am liebsten sofort meinen Koffer gepackt.
Doch genau diese idyllische Kulisse macht die Geschichte so wirkungsvoll.
Denn während die Insel nach außen hin friedlich wirkt, brodelt unter der Oberfläche längst etwas ganz anderes. Nach und nach kommen Geheimnisse ans Licht, Beziehungen bekommen Risse und plötzlich stellt sich immer wieder die Frage, wem man überhaupt noch vertrauen kann.
Diese Gegensätze zwischen wunderschöner Natur und menschlichen Abgründen sind für mich eine der größten Stärken des Buches.
Auch die Figuren haben mir wieder richtig gut gefallen.
Viveca Sten schreibt Charaktere, die nicht perfekt sind. Sie haben Fehler, treffen fragwürdige Entscheidungen und kämpfen mit ihren eigenen Problemen. Genau deshalb wirken sie so glaubwürdig. Ich hatte nie das Gefühl, dass hier einfach nur Ermittler ihren Job machen. Stattdessen begleiten wir Menschen, die genauso mit ihrem Privatleben zu kämpfen haben wie mit dem aktuellen Fall.
Besonders Thomas Andreasson und Nora Linde waren mir schnell sympathisch. Ihre langjährige Verbindung verleiht der Geschichte eine angenehme Vertrautheit und sorgt dafür, dass man sich auf ihre gemeinsamen Szenen immer wieder freut.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu Beginn kurz verwirrt war.
Ich hatte das Gefühl, mitten in eine bereits laufende Geschichte einzusteigen. Es tauchten viele Namen auf, Beziehungen waren bereits gewachsen und ich fragte mich ständig, ob ich vielleicht etwas übersehen hatte.
Bis ich nachgeschaut habe.
Dabei habe ich festgestellt, dass „Beim ersten Schärenlicht“ ursprünglich bereits der fünfte Fall von Thomas Andreasson ist. Durch die Neuauflage der Reihe erscheint er jetzt nach und nach wieder im dtv Verlag.
Damit war meine anfängliche Verwirrung sofort erklärt.
Zum Glück hat sich das während des Lesens schnell gelegt und ich konnte den Figuren problemlos folgen. Im Gegenteil – jetzt freue ich mich sogar darauf, die ersten vier Bände ebenfalls kennenzulernen und die Entwicklung der Figuren von Anfang an mitzuerleben.
Besonders gefallen hat mir außerdem, dass Viveca Sten ihre Geschichte nicht nur als klassischen Kriminalfall erzählt. Immer wieder greift sie aktuelle gesellschaftliche Themen auf und verbindet diese mit einer intelligent aufgebauten Handlung. Nichts wirkt übertrieben oder konstruiert. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte Schritt für Schritt und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen.
Mehr als einmal war ich überzeugt zu wissen, wohin die Ermittlungen führen würden.
Und jedes Mal hat mich die Autorin eines Besseren belehrt.
Genau diese ruhige, aber raffinierte Art, Spannung aufzubauen, gefällt mir unglaublich gut.
Wer einen rasanten Actionthriller sucht, wird hier vermutlich nicht fündig.
Anfangs war ich allerdings kurz verwirrt. Beim Lesen hatte ich ständig das Gefühl, ich hätte einen Band verpasst. Die Figuren kannten sich bereits, Beziehungen waren gewachsen und immer wieder wurden Ereignisse erwähnt, die offensichtlich schon vorher passiert waren. Erst später habe ich erfahren, warum: Der dtv Verlag legt die komplette Sandhamn-Reihe aktuell neu auf – gestartet wurde dabei aber nicht mit Band 1, sondern ausgerechnet mit Band 5. Die vorherigen Bände erscheinen erst nach und nach ebenfalls als Neuauflage.
Als ich das wusste, ergab plötzlich alles Sinn. Meine anfängliche Verwirrung war schnell verflogen und stattdessen hat sie etwas anderes ausgelöst: Jetzt möchte ich die ersten vier Fälle unbedingt noch nachholen. Ich freue mich richtig darauf, Thomas Andreasson und Nora Linde von Anfang an kennenzulernen und ihre Entwicklung chronologisch mitzuerleben.
Wer aber atmosphärische Krimis liebt, in denen Figuren genauso wichtig sind wie der eigentliche Fall, wird an Viveca Stens Büchern wahrscheinlich genauso viel Freude haben wie ich.
Für mich war „Beim ersten Schärenlicht“ ein wunderbarer Einstieg in die neu aufgelegte Sandhamn-Reihe. Ein traumhaftes Setting, vielschichtige Figuren und eine klug konstruierte Geschichte haben dafür gesorgt, dass ich am liebsten direkt den nächsten Band lesen möchte.
Und ganz ehrlich?
Die Schären stehen nach diesem Buch ziemlich weit oben auf meiner Liste möglicher Urlaubsziele.
🖤 4,5 von 5 Herzen




