Von Shari Lapena hatte ich schon so viel gehört, dass ich mittlerweile wirklich neugierig auf ihre Thriller war. Trotzdem hatte ich bisher tatsächlich noch kein einziges Buch von ihr gelesen. „Was sie nicht weiß“ sollte das nun ändern – und bei einem verschwundenen Menschen, zahlreichen Geheimnissen und einer Geschichte, bei der offenbar niemand so ganz die Wahrheit sagt, musste ich eigentlich nicht lange überlegen.
Und nachdem ich das Buch beendet habe, weiß ich zumindest eines ganz sicher: Das war nicht mein letzter Thriller von Shari Lapena.
Dabei war ich nach den ersten Seiten noch gar nicht so überzeugt davon.
Worum geht es in „Was sie nicht weiß“?
Bryden und Sam führen nach außen ein ziemlich perfektes Leben. Sie sind verheiratet, beruflich erfolgreich, haben eine schöne Wohnung und mit ihrer dreijährigen Tochter Clara eigentlich alles, was sie sich gewünscht haben.
Bis zu diesem einen Abend.
Sam bekommt einen Anruf aus Claras Kindergarten. Niemand hat das kleine Mädchen abgeholt. Eigentlich wäre Bryden dafür zuständig gewesen, doch sie ist nicht aufgetaucht.
Sam holt Clara schließlich selbst ab und fährt nach Hause. Dort wird die Situation allerdings noch merkwürdiger. Brydens Auto steht in der Tiefgarage. Ihre persönlichen Sachen befinden sich in der Wohnung. Handy, Schlüssel und Portemonnaie sind da.
Nur Bryden nicht.
Was zunächst wie ein rätselhaftes Verschwinden aussieht, entwickelt sich immer weiter zu einem Fall, bei dem plötzlich die Menschen aus Brydens engstem Umfeld Fragen aufwerfen. Gleichzeitig gibt es noch andere Ereignisse, die zunächst vollkommen unabhängig von ihrem Verschwinden zu sein scheinen.
Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, wo Bryden ist, sondern auch, wie gut die Menschen um sie herum sie tatsächlich kannten.
Mein erstes Buch von Shari Lapena – und zunächst war ich etwas irritiert
Auf diesen Thriller war ich wirklich gespannt. Shari Lapena ist schließlich ein Name, über den ich im Thrillerbereich schon häufig gestolpert bin, und entsprechend neugierig war ich darauf, ob ihre Bücher auch meinen Geschmack treffen.
Mein erster Eindruck war allerdings tatsächlich etwas anders als erwartet.
Der Schreibstil ist sehr direkt, schnörkellos und zunächst überraschend schlicht. So schlicht, dass ich kurz gestutzt und tatsächlich noch einmal nachgesehen habe, ob ich hier vielleicht versehentlich bei einem YA-Thriller gelandet bin.
Das war einfach nicht das, womit ich gerechnet hatte.
Dieser Eindruck hielt allerdings nicht lange an. Nach einigen Kapiteln hatte ich mich an den Stil gewöhnt und plötzlich merkte ich, wie gut genau diese unkomplizierte Art zu erzählen für die Geschichte funktioniert. Es gibt wenig unnötigen Ballast, die Handlung bewegt sich stetig weiter und irgendwann flogen die Seiten bei mir nur noch dahin.
Gerade bei einem Thriller, der mit vielen verschiedenen Figuren, Perspektiven und kleinen Informationshäppchen arbeitet, hat mir dieser klare Schreibstil letztendlich sogar ziemlich gut gefallen.
Viele Perspektiven – und trotzdem verliert man nie den Überblick
Denn „Was sie nicht weiß“ konzentriert sich keineswegs ausschließlich auf Sam und das Verschwinden seiner Frau.
Wir begleiten unter anderem die Ermittlerin Jayne, Brydens Ehemann Sam, ihre Schwester Lizzie, ihre Mutter Donna und ihre beste Freundin Paige. Zusätzlich gibt es kurze Rückblicke aus Brydens Perspektive und weitere Handlungsstränge rund um Derek und Alice sowie Tracey und ihren Mann.
Das klingt erst einmal nach ziemlich viel.
Und normalerweise bin ich bei einer solchen Menge an Figuren durchaus skeptisch, weil ich keine Lust habe, ständig zurückblättern zu müssen, um herauszufinden, wer jetzt eigentlich noch einmal wer war.
Hier hatte ich dieses Problem erstaunlicherweise überhaupt nicht.
Obwohl die Perspektivwechsel nicht jedes Mal groß angekündigt oder besonders gekennzeichnet werden, konnte ich der Geschichte problemlos folgen. Die einzelnen Personen unterscheiden sich genug voneinander und nach und nach merkt man, wie sich aus den vielen kleinen Geschichten ein immer größeres Gesamtbild zusammensetzt.
Genau das hat für mich einen großen Teil des Reizes ausgemacht.
Man bekommt eben nicht nur die Perspektive eines verzweifelten Ehemannes präsentiert. Stattdessen erlebt man, was Brydens Verschwinden mit ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem gesamten Umfeld macht – und gleichzeitig beginnt man automatisch, jede Aussage und jede Reaktion ein bisschen genauer zu betrachten.
Denn bei einem Thriller ist natürlich sofort diese kleine Stimme im Kopf da:
Wer sagt eigentlich wirklich die Wahrheit?
Die Ermittlungen haben mir besonders gut gefallen
Ein echtes Highlight waren für mich die Ermittlungen.
Ich mag Thriller, in denen man nicht nur auf eine spektakuläre Auflösung am Ende hinarbeitet, sondern unterwegs tatsächlich das Gefühl bekommt, gemeinsam mit den Ermittlern Informationen zusammenzutragen.
Genau das funktioniert hier sehr gut.
Immer wieder tauchen kleine Details auf, Aussagen bekommen plötzlich eine andere Bedeutung und neue Informationen sorgen dafür, dass man die bisherigen Vermutungen wieder überdenken muss.
Dabei hatte ich selbst natürlich ständig irgendwelche Theorien.
Und dann kam wieder irgendeine Kleinigkeit und ich konnte meine schöne Theorie gedanklich direkt wieder zusammenknüllen.
Besonders spannend fand ich allerdings etwas, das mit der eigentlichen Polizeiarbeit nur indirekt zu tun hat: die True-Crime-Gruppe im Internet.
Wenn das Internet plötzlich selbst ermittelt
Dieser Teil der Geschichte hat mich wirklich gepackt, weil er erschreckend realistisch wirkte.
Kaum wird ein Vermisstenfall öffentlich, entstehen Theorien. Menschen analysieren Bilder, Aussagen und Verhaltensweisen. Irgendjemand entdeckt angeblich ein verdächtiges Detail und plötzlich entwickelt sich daraus eine Geschichte, die innerhalb kürzester Zeit von immer mehr Menschen übernommen wird.
Und aus Spekulationen werden irgendwann vermeintliche Tatsachen.
Gerade wenn man selbst viel in sozialen Medien unterwegs ist, erkennt man diese Dynamik leider ziemlich schnell wieder. Menschen haben nur einen Bruchteil der Informationen und sind trotzdem vollkommen überzeugt davon, einen Fall durchschaut zu haben. Verdächtigungen verbreiten sich rasend schnell und was das für die Menschen bedeutet, die plötzlich öffentlich beschuldigt werden, gerät dabei schnell in den Hintergrund.
Diese True-Crime-Komponente fand ich deshalb richtig interessant und gleichzeitig ziemlich beklemmend.
Sie ergänzt den eigentlichen Vermisstenfall, ohne wie ein künstlich eingebautes modernes Thema zu wirken.
Und plötzlich gibt es noch viel mehr Fragen
Shari Lapena belässt es allerdings nicht bei Brydens Verschwinden.
Parallel tauchen weitere Geschichten auf: ein vermeintlicher Unfall mit Fahrerflucht und eine mutmaßliche Vergewaltigung. Zunächst scheinen diese Ereignisse neben dem eigentlichen Vermisstenfall zu stehen und ich habe mich natürlich gefragt, warum sie überhaupt so viel Raum bekommen.
Aber genau dadurch beginnt dieses typische Thriller-Rätseln.
Hat das alles miteinander zu tun?
Ist irgendeines dieser Ereignisse entscheidend?
Oder versucht die Geschichte gerade nur, mich vollkommen auf die falsche Spur zu schicken?
Diese zusätzlichen Handlungsstränge haben für mich sehr gut funktioniert, weil dadurch ständig neue Fragen entstanden sind. Ich war permanent damit beschäftigt, irgendwelche Verbindungen herzustellen und meine Verdächtigen gedanklich hin und her zu schieben.
Und genau so mag ich Thriller.
Ich möchte nicht nach der Hälfte des Buches ziemlich sicher wissen, was am Ende herauskommt. Ich möchte zweifeln, umdenken und irgendwann feststellen, dass ich einem vollkommen falschen Gedanken hinterhergelaufen bin.
Besonders Claras Geschichte hat mich getroffen
Neben all den Ermittlungen, Verdächtigungen und Wendungen gibt es allerdings noch eine andere Seite des Buches, die mich deutlich emotionaler erwischt hat, als ich erwartet hatte.
Denn hinter diesem Vermisstenfall stehen Menschen, die Bryden lieben.
Die Gedanken ihrer Mutter, ihrer Schwester und der Menschen aus ihrem direkten Umfeld fand ich teilweise wirklich bedrückend. Diese Ungewissheit – nicht zu wissen, wo jemand ist, was passiert sein könnte und ob dieser Mensch überhaupt wiederkommt – wird sehr greifbar.
Am meisten ging mir allerdings Clara nahe.
Sie ist erst drei Jahre alt und kann natürlich überhaupt nicht verstehen, warum ihre Mutter plötzlich nicht mehr da ist.
Vielleicht haben mich diese Szenen auch deshalb so getroffen, weil ich selbst Kinder habe. Bei Clara musste ich immer wieder daran denken, wie wenig ein so kleines Kind von all dem begreifen kann und wie sehr sich gleichzeitig seine gesamte vertraute Welt verändert.
Ihre Szenen haben mir wirklich das Herz gebrochen.
Gerade diese emotionale Ebene hat dafür gesorgt, dass „Was sie nicht weiß“ für mich nicht einfach nur ein Rätsel darum war, was mit Bryden passiert ist. Ich wollte natürlich unbedingt die Wahrheit erfahren – aber gleichzeitig wollte ich irgendwann einfach nur noch, dass diese Familie endlich Gewissheit bekommt.
Dieses Finale!
Und dann zieht Shari Lapena zum Ende hin noch einmal richtig an.
Je näher ich dem Finale kam, desto schneller wurde das Tempo und desto mehr hatte ich das Gefühl, dass mir die Geschichte ständig eine neue Information vor die Füße wirft.
Die Wendungen kamen Schlag auf Schlag.
Und nein: Ich habe die Auflösung nicht kommen sehen.
Kein bisschen.
Das ist bei Thrillern mittlerweile tatsächlich gar nicht mehr so selbstverständlich, denn wenn man viele davon liest, entwickelt man irgendwann automatisch einen gewissen Verdacht dafür, wohin eine Geschichte führen könnte.
Hier lag ich daneben.
Und das Beste daran war für mich, dass die Auflösung trotzdem nicht wie ein billiger Überraschungseffekt wirkte. Ich möchte am Ende eines Thrillers nicht das Gefühl haben, dass irgendeine vollkommen absurde Wendung aus dem Hut gezaubert wurde, nur damit niemand sie vorhersehen konnte.
Ich möchte überrascht werden und anschließend denken: Okay. Das ergibt Sinn.
Genau dieses Gefühl hatte ich hier.
Mein erstes Buch von Shari Lapena hat mir definitiv Lust auf weitere Thriller der Autorin gemacht.
„Was sie nicht weiß“ ist kein Thriller, der permanent mit Blut, Gewalt oder möglichst drastischen Szenen schockieren möchte. Die Spannung entsteht vielmehr durch Unsicherheit, Geheimnisse, Verdächtigungen und die immer wiederkehrende Frage, wem man eigentlich glauben kann.
Besonders die verschiedenen Perspektiven haben für mich richtig gut funktioniert. Trotz der vielen Figuren hatte ich nie das Gefühl, vollkommen den Überblick zu verlieren. Stattdessen fügte sich nach und nach immer mehr zusammen, während gleichzeitig ständig neue Fragen entstanden.
Die True-Crime-Gruppe war für mich eines der interessantesten Elemente der Geschichte, weil sie erschreckend authentisch zeigt, wie schnell im Internet aus einer Vermutung eine vermeintliche Wahrheit werden kann.
Und dann ist da noch die emotionale Seite des Falls. Vor allem Clara hat mir unglaublich leidgetan und einige ihrer Szenen sind mir wirklich nahegegangen.
Einzig der Einstieg konnte mich noch nicht vollkommen überzeugen. Hier musste ich mich zunächst an den sehr schlichten und direkten Schreibstil gewöhnen und die Geschichte brauchte für mich ein bisschen, bis sie mich richtig gepackt hatte.
Danach wurde es allerdings immer stärker.
Spätestens beim Finale hatte mich Shari Lapena dann endgültig. Die Auflösung hat mich vollkommen überrascht und trotzdem wunderbar zur Geschichte gepasst.
Für mich ist „Was sie nicht weiß“ ein richtig guter psychologischer Thriller für alle, die lieber miträtseln und ständig ihre eigenen Theorien über Bord werfen, als sich von einer blutigen Szene zur nächsten zu lesen.
Und für mich steht nach diesem ersten Ausflug in die Bücher von Shari Lapena fest: Es wird garantiert nicht mein letzter gewesen sein.
★★★★☆ 4 von 5 Sternen