Was sie nicht weiß von Shari Lapena – ein Vermisstenfall, bei dem plötzlich jeder verdächtig erscheint

Von Shari Lapena hatte ich schon so viel gehört, dass ich mittlerweile wirklich neugierig auf ihre Thriller war. Trotzdem hatte ich bisher tatsächlich noch kein einziges Buch von ihr gelesen. „Was sie nicht weiß“ sollte das nun ändern – und bei einem verschwundenen Menschen, zahlreichen Geheimnissen und einer Geschichte, bei der offenbar niemand so ganz die Wahrheit sagt, musste ich eigentlich nicht lange überlegen.

Und nachdem ich das Buch beendet habe, weiß ich zumindest eines ganz sicher: Das war nicht mein letzter Thriller von Shari Lapena.

Dabei war ich nach den ersten Seiten noch gar nicht so überzeugt davon.

Worum geht es in „Was sie nicht weiß“?

Bryden und Sam führen nach außen ein ziemlich perfektes Leben. Sie sind verheiratet, beruflich erfolgreich, haben eine schöne Wohnung und mit ihrer dreijährigen Tochter Clara eigentlich alles, was sie sich gewünscht haben.

Bis zu diesem einen Abend.

Sam bekommt einen Anruf aus Claras Kindergarten. Niemand hat das kleine Mädchen abgeholt. Eigentlich wäre Bryden dafür zuständig gewesen, doch sie ist nicht aufgetaucht.

Sam holt Clara schließlich selbst ab und fährt nach Hause. Dort wird die Situation allerdings noch merkwürdiger. Brydens Auto steht in der Tiefgarage. Ihre persönlichen Sachen befinden sich in der Wohnung. Handy, Schlüssel und Portemonnaie sind da.

Nur Bryden nicht.

Was zunächst wie ein rätselhaftes Verschwinden aussieht, entwickelt sich immer weiter zu einem Fall, bei dem plötzlich die Menschen aus Brydens engstem Umfeld Fragen aufwerfen. Gleichzeitig gibt es noch andere Ereignisse, die zunächst vollkommen unabhängig von ihrem Verschwinden zu sein scheinen.

Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, wo Bryden ist, sondern auch, wie gut die Menschen um sie herum sie tatsächlich kannten.

Mein erstes Buch von Shari Lapena – und zunächst war ich etwas irritiert

Auf diesen Thriller war ich wirklich gespannt. Shari Lapena ist schließlich ein Name, über den ich im Thrillerbereich schon häufig gestolpert bin, und entsprechend neugierig war ich darauf, ob ihre Bücher auch meinen Geschmack treffen.

Mein erster Eindruck war allerdings tatsächlich etwas anders als erwartet.

Der Schreibstil ist sehr direkt, schnörkellos und zunächst überraschend schlicht. So schlicht, dass ich kurz gestutzt und tatsächlich noch einmal nachgesehen habe, ob ich hier vielleicht versehentlich bei einem YA-Thriller gelandet bin.

Das war einfach nicht das, womit ich gerechnet hatte.

Dieser Eindruck hielt allerdings nicht lange an. Nach einigen Kapiteln hatte ich mich an den Stil gewöhnt und plötzlich merkte ich, wie gut genau diese unkomplizierte Art zu erzählen für die Geschichte funktioniert. Es gibt wenig unnötigen Ballast, die Handlung bewegt sich stetig weiter und irgendwann flogen die Seiten bei mir nur noch dahin.

Gerade bei einem Thriller, der mit vielen verschiedenen Figuren, Perspektiven und kleinen Informationshäppchen arbeitet, hat mir dieser klare Schreibstil letztendlich sogar ziemlich gut gefallen.

Viele Perspektiven – und trotzdem verliert man nie den Überblick

Denn „Was sie nicht weiß“ konzentriert sich keineswegs ausschließlich auf Sam und das Verschwinden seiner Frau.

Wir begleiten unter anderem die Ermittlerin Jayne, Brydens Ehemann Sam, ihre Schwester Lizzie, ihre Mutter Donna und ihre beste Freundin Paige. Zusätzlich gibt es kurze Rückblicke aus Brydens Perspektive und weitere Handlungsstränge rund um Derek und Alice sowie Tracey und ihren Mann.

Das klingt erst einmal nach ziemlich viel.

Und normalerweise bin ich bei einer solchen Menge an Figuren durchaus skeptisch, weil ich keine Lust habe, ständig zurückblättern zu müssen, um herauszufinden, wer jetzt eigentlich noch einmal wer war.

Hier hatte ich dieses Problem erstaunlicherweise überhaupt nicht.

Obwohl die Perspektivwechsel nicht jedes Mal groß angekündigt oder besonders gekennzeichnet werden, konnte ich der Geschichte problemlos folgen. Die einzelnen Personen unterscheiden sich genug voneinander und nach und nach merkt man, wie sich aus den vielen kleinen Geschichten ein immer größeres Gesamtbild zusammensetzt.

Genau das hat für mich einen großen Teil des Reizes ausgemacht.

Man bekommt eben nicht nur die Perspektive eines verzweifelten Ehemannes präsentiert. Stattdessen erlebt man, was Brydens Verschwinden mit ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem gesamten Umfeld macht – und gleichzeitig beginnt man automatisch, jede Aussage und jede Reaktion ein bisschen genauer zu betrachten.

Denn bei einem Thriller ist natürlich sofort diese kleine Stimme im Kopf da:

Wer sagt eigentlich wirklich die Wahrheit?

Die Ermittlungen haben mir besonders gut gefallen

Ein echtes Highlight waren für mich die Ermittlungen.

Ich mag Thriller, in denen man nicht nur auf eine spektakuläre Auflösung am Ende hinarbeitet, sondern unterwegs tatsächlich das Gefühl bekommt, gemeinsam mit den Ermittlern Informationen zusammenzutragen.

Genau das funktioniert hier sehr gut.

Immer wieder tauchen kleine Details auf, Aussagen bekommen plötzlich eine andere Bedeutung und neue Informationen sorgen dafür, dass man die bisherigen Vermutungen wieder überdenken muss.

Dabei hatte ich selbst natürlich ständig irgendwelche Theorien.

Und dann kam wieder irgendeine Kleinigkeit und ich konnte meine schöne Theorie gedanklich direkt wieder zusammenknüllen.

Besonders spannend fand ich allerdings etwas, das mit der eigentlichen Polizeiarbeit nur indirekt zu tun hat: die True-Crime-Gruppe im Internet.

Wenn das Internet plötzlich selbst ermittelt

Dieser Teil der Geschichte hat mich wirklich gepackt, weil er erschreckend realistisch wirkte.

Kaum wird ein Vermisstenfall öffentlich, entstehen Theorien. Menschen analysieren Bilder, Aussagen und Verhaltensweisen. Irgendjemand entdeckt angeblich ein verdächtiges Detail und plötzlich entwickelt sich daraus eine Geschichte, die innerhalb kürzester Zeit von immer mehr Menschen übernommen wird.

Und aus Spekulationen werden irgendwann vermeintliche Tatsachen.

Gerade wenn man selbst viel in sozialen Medien unterwegs ist, erkennt man diese Dynamik leider ziemlich schnell wieder. Menschen haben nur einen Bruchteil der Informationen und sind trotzdem vollkommen überzeugt davon, einen Fall durchschaut zu haben. Verdächtigungen verbreiten sich rasend schnell und was das für die Menschen bedeutet, die plötzlich öffentlich beschuldigt werden, gerät dabei schnell in den Hintergrund.

Diese True-Crime-Komponente fand ich deshalb richtig interessant und gleichzeitig ziemlich beklemmend.

Sie ergänzt den eigentlichen Vermisstenfall, ohne wie ein künstlich eingebautes modernes Thema zu wirken.

Und plötzlich gibt es noch viel mehr Fragen

Shari Lapena belässt es allerdings nicht bei Brydens Verschwinden.

Parallel tauchen weitere Geschichten auf: ein vermeintlicher Unfall mit Fahrerflucht und eine mutmaßliche Vergewaltigung. Zunächst scheinen diese Ereignisse neben dem eigentlichen Vermisstenfall zu stehen und ich habe mich natürlich gefragt, warum sie überhaupt so viel Raum bekommen.

Aber genau dadurch beginnt dieses typische Thriller-Rätseln.

Hat das alles miteinander zu tun?

Ist irgendeines dieser Ereignisse entscheidend?

Oder versucht die Geschichte gerade nur, mich vollkommen auf die falsche Spur zu schicken?

Diese zusätzlichen Handlungsstränge haben für mich sehr gut funktioniert, weil dadurch ständig neue Fragen entstanden sind. Ich war permanent damit beschäftigt, irgendwelche Verbindungen herzustellen und meine Verdächtigen gedanklich hin und her zu schieben.

Und genau so mag ich Thriller.

Ich möchte nicht nach der Hälfte des Buches ziemlich sicher wissen, was am Ende herauskommt. Ich möchte zweifeln, umdenken und irgendwann feststellen, dass ich einem vollkommen falschen Gedanken hinterhergelaufen bin.

Besonders Claras Geschichte hat mich getroffen

Neben all den Ermittlungen, Verdächtigungen und Wendungen gibt es allerdings noch eine andere Seite des Buches, die mich deutlich emotionaler erwischt hat, als ich erwartet hatte.

Denn hinter diesem Vermisstenfall stehen Menschen, die Bryden lieben.

Die Gedanken ihrer Mutter, ihrer Schwester und der Menschen aus ihrem direkten Umfeld fand ich teilweise wirklich bedrückend. Diese Ungewissheit – nicht zu wissen, wo jemand ist, was passiert sein könnte und ob dieser Mensch überhaupt wiederkommt – wird sehr greifbar.

Am meisten ging mir allerdings Clara nahe.

Sie ist erst drei Jahre alt und kann natürlich überhaupt nicht verstehen, warum ihre Mutter plötzlich nicht mehr da ist.

Vielleicht haben mich diese Szenen auch deshalb so getroffen, weil ich selbst Kinder habe. Bei Clara musste ich immer wieder daran denken, wie wenig ein so kleines Kind von all dem begreifen kann und wie sehr sich gleichzeitig seine gesamte vertraute Welt verändert.

Ihre Szenen haben mir wirklich das Herz gebrochen.

Gerade diese emotionale Ebene hat dafür gesorgt, dass „Was sie nicht weiß“ für mich nicht einfach nur ein Rätsel darum war, was mit Bryden passiert ist. Ich wollte natürlich unbedingt die Wahrheit erfahren – aber gleichzeitig wollte ich irgendwann einfach nur noch, dass diese Familie endlich Gewissheit bekommt.

Dieses Finale!

Und dann zieht Shari Lapena zum Ende hin noch einmal richtig an.

Je näher ich dem Finale kam, desto schneller wurde das Tempo und desto mehr hatte ich das Gefühl, dass mir die Geschichte ständig eine neue Information vor die Füße wirft.

Die Wendungen kamen Schlag auf Schlag.

Und nein: Ich habe die Auflösung nicht kommen sehen.

Kein bisschen.

Das ist bei Thrillern mittlerweile tatsächlich gar nicht mehr so selbstverständlich, denn wenn man viele davon liest, entwickelt man irgendwann automatisch einen gewissen Verdacht dafür, wohin eine Geschichte führen könnte.

Hier lag ich daneben.

Und das Beste daran war für mich, dass die Auflösung trotzdem nicht wie ein billiger Überraschungseffekt wirkte. Ich möchte am Ende eines Thrillers nicht das Gefühl haben, dass irgendeine vollkommen absurde Wendung aus dem Hut gezaubert wurde, nur damit niemand sie vorhersehen konnte.

Ich möchte überrascht werden und anschließend denken: Okay. Das ergibt Sinn.

Genau dieses Gefühl hatte ich hier.

Mein erstes Buch von Shari Lapena hat mir definitiv Lust auf weitere Thriller der Autorin gemacht.

„Was sie nicht weiß“ ist kein Thriller, der permanent mit Blut, Gewalt oder möglichst drastischen Szenen schockieren möchte. Die Spannung entsteht vielmehr durch Unsicherheit, Geheimnisse, Verdächtigungen und die immer wiederkehrende Frage, wem man eigentlich glauben kann.

Besonders die verschiedenen Perspektiven haben für mich richtig gut funktioniert. Trotz der vielen Figuren hatte ich nie das Gefühl, vollkommen den Überblick zu verlieren. Stattdessen fügte sich nach und nach immer mehr zusammen, während gleichzeitig ständig neue Fragen entstanden.

Die True-Crime-Gruppe war für mich eines der interessantesten Elemente der Geschichte, weil sie erschreckend authentisch zeigt, wie schnell im Internet aus einer Vermutung eine vermeintliche Wahrheit werden kann.

Und dann ist da noch die emotionale Seite des Falls. Vor allem Clara hat mir unglaublich leidgetan und einige ihrer Szenen sind mir wirklich nahegegangen.

Einzig der Einstieg konnte mich noch nicht vollkommen überzeugen. Hier musste ich mich zunächst an den sehr schlichten und direkten Schreibstil gewöhnen und die Geschichte brauchte für mich ein bisschen, bis sie mich richtig gepackt hatte.

Danach wurde es allerdings immer stärker.

Spätestens beim Finale hatte mich Shari Lapena dann endgültig. Die Auflösung hat mich vollkommen überrascht und trotzdem wunderbar zur Geschichte gepasst.

Für mich ist „Was sie nicht weiß“ ein richtig guter psychologischer Thriller für alle, die lieber miträtseln und ständig ihre eigenen Theorien über Bord werfen, als sich von einer blutigen Szene zur nächsten zu lesen.

Und für mich steht nach diesem ersten Ausflug in die Bücher von Shari Lapena fest: Es wird garantiert nicht mein letzter gewesen sein.

★★★★☆ 4 von 5 Sternen




Krönchen richten und weiterlesen 👑📚

 Krönchen richten und weiterlesen 👑📚

Hier war es in den letzten Wochen ziemlich ruhig. Ruhiger, als ich es eigentlich wollte. Und ich hatte zwischendurch sogar ein schlechtes Gewissen, weil kaum Beiträge kamen, ich wenig kommentiert habe und generell nicht besonders viel von mir zu sehen war.

Aber manchmal läuft das Leben eben nicht so, wie man es gerne hätte.

Die letzten Wochen waren für mich ziemlich schwer. Es gab ein paar Dinge in meinem Leben, die mich mehr mitgenommen haben, als ich zunächst wahrhaben wollte. Irgendwann war einfach die Luft raus. Ich war müde, erschöpft und hatte auf so ziemlich gar nichts Lust.

Normalerweise bin ich jemand, der sich immer irgendeine Beschäftigung sucht. Lesen, Fotos machen, Beiträge schreiben, Ideen sammeln – irgendwas geht eigentlich immer.

Diesmal ging irgendwie gar nichts.

Ich habe mich eingeigelt. Es gab Tage, da hätte ich am liebsten einfach nur die Decke über den Kopf gezogen und beschlossen, dass die Welt heute ohne mich klarkommen muss. Couch, Tee, Decke. Mehr brauchte ich nicht. Manchmal habe ich tatsächlich einfach nur die Wand angestarrt, weil selbst die Dinge, die mir normalerweise Freude machen, plötzlich nach viel zu viel Energie klangen.

Und wisst ihr was?

Vielleicht muss das manchmal auch sein.

Ich habe lange gedacht, ich müsste trotzdem funktionieren. Schließlich läuft das Leben weiter. Der Alltag wartet nicht darauf, dass man sich wieder besser fühlt, und die ganzen kleinen und großen Verpflichtungen verschwinden leider auch nicht einfach, nur weil man gerade gerne auf Pause drücken würde.

Also habe ich irgendwie weitergemacht – nur eben auf Sparflamme.

Und auch hier wurde es still.

Dabei ist dieser Account eigentlich mein kleiner Rückzugsort. Bücher sind mein Rückzugsort. Diese ganzen verrückten Welten, in denen wir Drachen begegnen, Mörder jagen, Königreiche retten und uns regelmäßig in Männer verlieben, die wir im echten Leben vermutlich mit einer ganzen Parade roter Flaggen davonjagen würden. 😂

Aber selbst dafür hatte ich zeitweise einfach keinen Kopf.

Langsam merke ich allerdings, dass es wiederkommt.

Die Lust zu lesen. Die Lust, über Bücher zu sprechen. Fotos zu machen, Beiträge zu schreiben und mich darüber aufzuregen, dass mein SuB auf wundersame Weise wächst, obwohl ich mir GANZ FEST vorgenommen hatte, keine neuen Bücher zu kaufen.

Ihr kennt das. 😂

Und vielleicht kommt auch der Rest Stück für Stück wieder.

Ich glaube nämlich nicht, dass man nach schwierigen Wochen morgens aufwacht und plötzlich ist alles wieder gut. Man zieht nicht irgendeinen imaginären Schalter um und ist wieder die alte Version seiner selbst.

Aber man kann anfangen, sich zurückzukämpfen.

Ein bisschen mehr nach vorne schauen. Wieder Dinge machen, die einem guttun. Sich erlauben, Pläne zu schmieden und darauf zu vertrauen, dass nach beschissenen Zeiten auch wieder bessere kommen.

Und genau das versuche ich gerade.

Oder um es passend zu all den Fantasyprinzessinnen zu sagen, die regelmäßig ihr Königreich verlieren, hintergangen werden, halb tot durch irgendwelche Wälder kriechen und drei Kapitel später trotzdem wieder mit einem Schwert in der Hand vor ihrem Feind stehen:

Krönchen richten. Kopf hoch. Weitermachen. 👑

Vielleicht nicht gleich das nächste Königreich retten.

Klein anfangen. 😂

Ich weiß nicht, was die nächsten Wochen und Monate bringen werden. Einige Dinge beschäftigen mich weiterhin und es ist definitiv nicht plötzlich alles verschwunden, nur weil ich beschlossen habe, wieder nach vorne zu schauen.

Aber ich möchte mich davon nicht mehr komplett runterziehen lassen.

Also bin ich wieder hier.

Mit Büchern. Mit viel zu langen Wunschlisten. Mit meinem SuB, über den wir besser nicht sprechen. Mit Fantasywelten, Thrillern, Drachen, Bookboyfriends und wahrscheinlich auch wieder jeder Menge Chaos.

Und vor allem mit ein bisschen mehr Hoffnung auf das, was kommt.

Krönchen sitzt wieder. Vielleicht noch ein kleines bisschen schief – aber hey, wir arbeiten dran. 👑🖤

Und jetzt wird weitergelesen.


Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich

Von Alyssa Day, Jodi Meadows & Mary Weber

„Cinderella meets Herr der Ringe“ – ganz ehrlich, bei dieser Beschreibung war meine Neugier sofort geweckt. Denn so sehr ich Fantasy und Romantasy liebe, habe ich momentan manchmal das Gefühl, immer wieder ähnliche Geschichten zu lesen. Drachen, Akademien, Wettkämpfe – alles Dinge, die ich wirklich gerne mag, aber zwischendurch darf es dann doch gerne mal etwas anderes sein.

Und genau danach klang „Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“.

Alle Prophezeiungen sind sich einig: Niemand kann die Kriegsgöttin Corvynne besiegen. Also nimmt eine Magierin dieses „Niemand“ einfach wörtlich und schickt eine Gruppe vermeintlicher Niemande los, um Altarra zu retten.

Darunter Soli, eine Waise und Dienerin der königlichen Bibliothek, die wohl selbst am allerwenigsten damit gerechnet hätte, plötzlich die Hoffnung eines ganzen Königreiches zu sein.

Keine langen Vorreden – wir müssen schließlich ein Königreich retten

Der Einstieg hat mir direkt richtig gut gefallen. Wir bekommen einen ersten Eindruck von Soli und ihrem bisherigen Leben und dann geht es auch schon los: Sie wird vor den König gezerrt und findet sich plötzlich in einer Mission wieder, die eine Nummer größer ist als alles, was sie bisher kannte.

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass die Welt oder ihre Hintergründe dabei zu kurz kommen. Vieles erfahren wir ganz selbstverständlich während der Reise.

Und schnell wird auch klar: Diese Geschichte ist nicht so harmlos, wie sie vielleicht zunächst wirkt.

Es wird durchaus grausam und Gewalt nicht immer nur angedeutet. Mich hat das überhaupt nicht gestört, weil dadurch auch die Gefahr spürbar wird, in der sich die Figuren befinden.

Diese Truppe!

Mein größtes Highlight waren aber tatsächlich die Charaktere.

Ein Dieb ohne Ehre, ein Adliger ohne Vermögen, eine Zauberin ohne Magie, ein Soldat ohne Mut, ein Prinz ohne Königreich und mittendrin Soli.

Was auf dem Papier zunächst fast wie eine Ansammlung verschiedener Fantasyrollen klingt, bekommt im Laufe der Geschichte erstaunlich viel Tiefe.

Denn die Figuren sind eben nicht einfach nur irgendwelche Nebendarsteller, die Soli auf ihrer Quest begleiten. Sie sind wirklich Charaktere.

Jeder bringt eine eigene Vergangenheit, Schwächen, Geheimnisse und Beweggründe mit. Besonders schön fand ich, dass wir nicht sofort alles über sie erfahren. Stück für Stück kommen neue Details ans Licht und manche Figuren habe ich dadurch im Laufe der Geschichte noch einmal ganz anders wahrgenommen.

Ich mochte tatsächlich jeden auf seine ganz eigene Art.

Auch Soli hat mir als Protagonistin sehr gefallen. Ihre Entwicklung verläuft nicht einfach geradlinig nach oben. Sie entdeckt immer mehr von dem Potenzial, das in ihr steckt, zweifelt aber auch, macht Fehler und fällt zwischendurch wieder in alte Muster zurück.

Und dann wäre da noch das Grau.

Mehr verrate ich dazu lieber nicht, aber genau dieser Teil von Solis Geschichte hat mich besonders neugierig auf ihre weitere Entwicklung gemacht.

Bei der Romance habt ihr mich leider verloren

So begeistert ich von der Quest und den Figuren war, gab es allerdings einen Punkt, der für mich deutlich schwächer funktioniert hat: die Liebesgeschichte.

Ich liebe Romance in Fantasy – aber ich möchte sie auch fühlen können.

Hier hatte ich irgendwann das Gefühl, einige wichtige Schritte übersprungen zu haben. Die Gefühle sind plötzlich da und entwickeln sehr schnell eine Intensität, die ich nicht richtig nachvollziehen konnte.

Gerade weil die Charaktere ansonsten so schön ausgearbeitet sind, hätte ich mir hier viel mehr Zeit gewünscht. Mehr Annäherung, mehr kleine Momente, mehr Knistern und vor allem eine Entwicklung, bei der ich irgendwann selbst denke: Okay, jetzt verstehe ich euch beide.

Stattdessen wurde mir die Beziehung stellenweise fast zu obsessiv.

Auch den Spice hätte es für mich überhaupt nicht gebraucht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen explizite Szenen, aber sie müssen für mich zur emotionalen Entwicklung einer Beziehung passen. Hier hätte ich diese Seiten lieber gegen mehr Slow Burn eingetauscht.

Ich glaube sogar, dass gerade Solis Entwicklung davon profitiert hätte.

Dafür hat mich die Fantasy bekommen

Zum Glück konnte ich die Romance weitgehend ausblenden, denn die eigentliche Geschichte hat mir wirklich gut gefallen.

Dieses klassische Questgefühl, die ungewöhnliche Truppe, die verschiedenen Orte und die Geheimnisse rund um die Figuren haben einen richtigen Sog entwickelt. Gerade hier konnte ich auch den Vergleich mit „Herr der Ringe“ nachvollziehen – weniger wegen konkreter Ähnlichkeiten als wegen dieses Gefühls, gemeinsam mit einer Gruppe auf eine große Reise ins Ungewisse aufzubrechen.

Der Schreibstil ist angenehm flüssig und bildhaft, sodass ich mir die Welt und die Reise sehr gut vorstellen konnte. Gleichzeitig passiert genug, damit die Geschichte nicht ins Stocken gerät.

Und überraschenderweise braucht das Buch am Ende nicht einmal einen fiesen Cliffhanger.

Natürlich bleiben Fragen offen, schließlich ist es der Auftakt einer Trilogie. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, mitten aus der Geschichte geworfen zu werden. Und trotzdem möchte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Eigentlich ist das doch die viel schönere Art, einen Reihenauftakt zu beenden.

„Nobody’s Quest – Der Prinz ohne Königreich“ war für mich endlich einmal wieder ein Fantasyauftakt, der sich etwas anders angefühlt hat.

Besonders die Idee hinter den „Niemanden“, die große Quest und die überraschend tief ausgearbeiteten Charaktere haben mir richtig gut gefallen. Soli entwickelt sich glaubwürdig, die Gruppe ist herrlich unterschiedlich und hinter vielen Figuren steckt offensichtlich noch einiges, das wir bisher gar nicht wissen.

Deutlich schwächer fand ich dagegen die Romance. Die Gefühle entwickeln sich für mich zu schnell und auch auf den Spice hätte ich problemlos verzichten können. Hier hätte ich mir deutlich mehr Zeit und emotionale Entwicklung gewünscht.

Trotzdem hat die Fantasyseite für mich klar überwogen. Ich bin gerne mit dieser ungewöhnlichen Truppe ins Unbekannte gezogen und möchte definitiv erfahren, was noch auf sie wartet.

Ein spannender, stellenweise überraschend grausamer Fantasyauftakt mit einer großartigen Heldentruppe, bei dem für mich vor allem die Romance noch Luft nach oben hat.

🖤 4 von 5 Herzen