Manchmal entdeckt man ein Buch eher zufällig – und plötzlich eröffnet sich einem ein ganz neues Genre.
Genau so ging es mir mit „The Whispering Dead“.
Ich wusste zwar, dass ich einen Thriller in den Händen halte, aber erst später ist mir aufgefallen, dass er als Gothic-Thriller eingeordnet wird. Ehrlich gesagt habe ich mich vorher nie bewusst in dieser Ecke der Buchhandlung umgesehen. Nach diesem Buch? Das könnte sich definitiv ändern.
Denn genau diese Mischung aus Thriller, Mystery und düsterer Gothic-Atmosphäre hat mich total begeistert.
Schon der Einstieg macht neugierig. Keira erwacht verletzt mitten im Wald, ohne zu wissen, was passiert ist. Sie erinnert sich nur noch an ihren Namen und daran, dass sie offenbar vor jemandem auf der Flucht war. Auf ihrer Suche nach Sicherheit landet sie ausgerechnet an einem Friedhof – und stellt dort fest, dass sie die Toten sehen und mit ihnen sprechen kann.
Allein diese Ausgangssituation hat mich sofort gepackt.
Darcy Coates nimmt sich Zeit, ihre Geschichte aufzubauen. Statt von der ersten Seite an auf Schockmomente zu setzen, erschafft sie eine Atmosphäre, die sich ganz langsam unter die Haut schleicht. Mit jeder Seite wird die Stimmung ein bisschen düsterer, ein bisschen unheimlicher und irgendwann hatte ich das Gefühl, als würde ständig etwas zwischen den Grabsteinen auf mich warten.
Genau das hat mir unglaublich gut gefallen.
Blighty ist dabei der perfekte Schauplatz.
Eigentlich wirkt die kleine Stadt ruhig, gemütlich und fast idyllisch. So ein Ort, an dem jeder jeden kennt und an dem man sich sofort willkommen fühlen könnte. Wäre da nicht dieser alte Friedhof, der ständig im Nebel liegt und mit seinen verwitterten Grabsteinen eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt. Dieser Kontrast zwischen der friedlichen Kleinstadt und den unheimlichen Ereignissen macht einen großen Teil der Atmosphäre aus.
Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, selbst durch den Nebel zwischen den Gräbern zu laufen.
Auch die Figuren haben mir richtig gut gefallen.
Keira wirkt durch ihren Gedächtnisverlust zunächst eher zurückhaltend und vorsichtig. Das ist absolut nachvollziehbar, schließlich weiß sie selbst nicht einmal mehr, wer sie eigentlich ist. Gerade deshalb fiel es mir leicht, mit ihr mitzufühlen. Gemeinsam mit ihr entdeckt man Stück für Stück die Wahrheit und versucht herauszufinden, wem sie überhaupt noch vertrauen kann.
Mein heimlicher Liebling war allerdings Zoe.
Sie ist das komplette Gegenteil von Keira. Laut, chaotisch, herrlich schräg und überzeugt davon, dass hinter allem irgendeine Verschwörung steckt. Immer wieder musste ich über ihre Theorien schmunzeln. Gerade weil die Geschichte stellenweise ziemlich düster wird, sorgt Zoe immer wieder für kleine, humorvolle Momente, die alles wunderbar auflockern.
Während des Lesens musste ich übrigens ständig an die Serie Ghost Whisperer denken.
Nicht, weil die Geschichten identisch wären, sondern wegen der Grundidee. Keira hilft den Toten dabei, ihre letzten offenen Angelegenheiten zu klären, und genau diese Schicksale haben mich oft sehr berührt. Hinter jedem Geist steckt eine eigene Geschichte und nicht jede davon ist gruselig. Manche sind traurig, manche erschütternd und manche haben mich noch lange beschäftigt.
Obwohl der erste Fall am Ende vollständig aufgeklärt wird, bleiben genügend Fragen offen.
Vor allem Keiras eigene Vergangenheit interessiert mich unglaublich. Wer ist sie wirklich? Wer hat sie verfolgt? Und warum besitzt sie diese besondere Gabe?
Genau diese offenen Fragen sorgen dafür, dass ich unbedingt weiterlesen möchte.
Und wisst ihr, worüber ich mich im Nachhinein ein bisschen geärgert habe?
Dass ich das Buch mitten im Sommer gelesen habe.
Eigentlich schreit diese Geschichte nach einem regnerischen Herbstabend. Draußen Nebel, drinnen Kerzen, eine Tasse Pumpkin Spice Latte und vielleicht der Regen, der gegen die Fensterscheiben prasselt. Ich glaube, unter diesen Bedingungen wäre die Atmosphäre sogar noch intensiver gewesen.
Für mich war „The Whispering Dead“ eine richtig gelungene Mischung aus Thriller, Mystery und Gothic-Horror. Nicht übermäßig blutig, nicht auf billige Schockeffekte aus, sondern atmosphärisch, spannend und genau die richtige Portion unheimlich.
Ich freue mich jetzt schon darauf, wieder nach Blighty zurückzukehren.
🖤 4,5 von 5 Herzen




