Man liest immer das, was man gerade braucht – stimmt das wirklich?

 „Man liest immer das, was man gerade braucht.“

Dieser Satz ist mir schon so oft begegnet, dass ich ihn irgendwann kaum noch bewusst wahrgenommen habe. Er taucht auf Instagram auf, in Buchblogs, in Rezensionen, in Gesprächen mit anderen Leserinnen. Fast wie ein stilles Mantra unserer kleinen Buchbubble. Und lange habe ich darüber hinweggenickt, ohne groß darüber nachzudenken.

Ja ja, klingt schön. Klingt klug. Klingt ein bisschen poetisch.

Aber stimmt das wirklich?

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Ich glaube, da ist tatsächlich etwas dran. Und zwar mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.

Wenn ich meine eigenen Lesephasen betrachte, erkenne ich oft erst im Nachhinein ein Muster. Zeiten, in denen ich nur leichte Romance verschlungen habe. Zeiten, in denen es plötzlich nur Thriller sein durften. Phasen voller Fantasy, Magie, Drachen und fremder Welten. Und dann wieder Monate, in denen ich kaum ein Buch beenden konnte.

Und fast immer hatte das etwas mit mir zu tun. Mit meinem Alltag. Meiner Stimmung. Meiner inneren Verfassung.

Gerade im Fantasy-Bereich fällt mir das extrem auf.

Wenn mein Kopf voll ist, wenn alles zu laut wird, wenn das echte Leben mir gerade zu viel abverlangt – dann greife ich fast automatisch zu Fantasy. Zu Geschichten, in denen andere Regeln gelten. In denen Magie existiert. In denen Probleme mit Schwertern, Zaubern oder Mut gelöst werden. In denen Gut und Böse oft klarer getrennt sind als im echten Leben.

Fantasy ist für mich dann keine Unterhaltung. Es ist Flucht. Rettungsboot. Atemholen.

Ich tauche ab in fremde Welten, weil meine eigene mir gerade zu eng ist.

Und plötzlich merke ich: Ich brauche gerade genau das.

An anderen Tagen wiederum habe ich Lust auf Thriller. Auf Spannung. Auf Rätsel. Auf dieses Miträtseln und Mitfiebern. Dann will mein Kopf beschäftigt werden. Ablenkung durch Adrenalin. Durch „Was passiert als Nächstes?“.

Manchmal greife ich zu emotionalen Liebesgeschichten. Meist dann, wenn ich selbst Nähe, Wärme oder Trost brauche. Wenn mein Herz ein bisschen angeschlagen ist. Oder einfach müde.

Und manchmal… lese ich fast gar nichts.

Auch das gehört dazu.

Dann sagt mein Inneres vielleicht: Ich brauche gerade Pause. Ruhe. Kein Input. Keine Geschichten. Nur Sein.

Früher habe ich mich dafür oft verurteilt. Habe gedacht: Warum liest du gerade so wenig? Was stimmt nicht mit dir?

Heute sehe ich das anders.

Vielleicht lese ich dann einfach gerade das, was ich brauche: nichts.

Was ich an diesem Spruch so schön finde, ist, dass er Lesen von Leistung befreit. Von Zahlen. Von Challenges. Von „Ich muss noch fünf Bücher diesen Monat schaffen“.

Er erinnert mich daran, dass Lesen etwas sehr Intimes ist. Etwas Persönliches. Etwas, das mit unserer Stimmung, unseren Sorgen, unseren Hoffnungen und unseren Bedürfnissen verknüpft ist.

Wir wählen unsere Bücher nicht zufällig. Sie wählen uns oft genauso.

Vielleicht greifen wir genau deshalb zu bestimmten Geschichten, ohne es bewusst zu planen. Weil irgendetwas in uns sagt: Das hier tut mir gerade gut. Oder: Das hier lenkt mich ab. Oder: Das hier hilft mir, Dinge zu fühlen, die ich sonst wegdrücke.

Und manchmal merken wir erst nach dem Lesen, warum genau dieses Buch jetzt richtig war.

Ich glaube, man liest nicht immer nur aus Lust.

Man liest aus Sehnsucht.

Aus Müdigkeit.

Aus Überforderung.

Aus Hoffnung.

Aus Neugier.

Aus dem Wunsch, für ein paar Stunden jemand anders zu sein.

Und vielleicht ist genau das der Zauber daran.

Wie ist das bei euch?

Habt ihr auch das Gefühl, dass eure Bücher oft zu eurer Lebensphase passen?

Greift ihr in stressigen Zeiten eher zu Fantasy?

In ruhigen Phasen zu anderen Genres?

Oder lest ihr einfach, worauf ihr Lust habt – ganz ohne Analyse?

Ich bin gespannt auf eure Gedanken. 📚💙


‚Bluttochter – Die Schwarzen Juwelen‘

Puh. Ich sag’s euch, ich musste nach diesem Buch erst mal durchatmen.

Mehr Dark Romantasy geht wirklich kaum.

Bluttochter – Die Schwarzen Juwelen‘ ist kein Buch, das man gemütlich nebenbei liest. Es ist kein sanfter Einstieg in eine magische Welt, kein zartes Herantasten. Es ist eher wie ein Schubs. Und plötzlich steht man mitten in einer düsteren, hierarchischen, gefährlich erotisch aufgeladenen Welt – ohne Anleitung.

Am Anfang war ich ehrlich gesagt komplett überfordert. Juwelenränge, Blut, Hierarchien, Regeln, Bezeichnungen – ich hatte das Gefühl, ich müsste erst ein Lexikon studieren, bevor ich verstehe, was hier eigentlich passiert. Anne Bishop erklärt nicht viel. Sie erwartet, dass man sich hineinwirft. Und entweder schwimmt – oder untergeht.

Aber dann passiert etwas.

Plötzlich begreift man: Es geht hier gar nicht in erster Linie um das System. Nicht um politische Strukturen oder sauber konstruiertes Worldbuilding. Es geht um Macht. Um Kontrolle. Um emotionale Abhängigkeiten. Um das, was passiert, wenn Magie und Begehren miteinander verschmelzen.

Und mittendrin: Jaenelle.

Ein Kind – und gleichzeitig etwas, das viel größer ist als ein Mensch sein dürfte. Ihre Präsenz allein verändert alles. Und um sie herum versammeln sich Figuren, die mich gleichzeitig abgestoßen und fasziniert haben.

Daemon.

Lucivar.

Saetan.

Das sind keine netten Fantasy-Bookboyfriends. Das sind keine moralisch einwandfreien Helden. Sie sind dunkel. Kaputt. Gefährlich. Und trotzdem voller Loyalität und auf ihre Art beschützend. Genau diese Mischung macht sie so intensiv. Man weiß beim Lesen oft nicht: Soll ich sie bewundern oder fürchten?

Anne Bishop geht dahin, wo andere Fantasy-Autorinnen stoppen. Gewalt, Manipulation, psychischer Schmerz – das ist hier nicht angedeutet, sondern Teil der Geschichte. Und das muss man aushalten können. Es gibt Szenen, die tun weh. Szenen, die triggern können. Szenen, bei denen ich dachte: Das ist heftig.

Und trotzdem konnte ich nicht aufhören.

Weil zwischen all der Dunkelheit etwas pulsiert. Eine emotionale Wucht. Eine fast obsessive Bindung zwischen den Figuren. Eine Intensität, die nicht auf „romantisch süß“ setzt, sondern auf „alles oder nichts“.

Dieses Buch ist nicht subtil. Es ist laut in seiner Dunkelheit. Dramatisch. Überzogen. Und genau deshalb wirkt es. Es fühlt sich fast ein bisschen wie guilty pleasure an – nur dass es gleichzeitig tief unter die Haut geht.

Handwerklich ist nicht alles glatt. Manche Übergänge sind holprig, manches wirkt fast zu viel. Aber genau dieses „zu viel“ macht auch den Reiz aus. Es ist exzessiv. Und kompromisslos.

Für mich war Bluttochter kein perfektes Buch. Aber ein intensives. Eines, das mich gepackt, verstört und neugierig gemacht hat. Ich wollte wissen, wie weit Anne Bishop noch geht. Wie dunkel es noch wird.

Wenn ihr klassische, sanfte Romantasy sucht, seid ihr hier falsch.

Wenn ihr moralische Grauzonen liebt, obsessive Dynamiken spannend findet und euch vor düsterer, erotisch aufgeladener Fantasy nicht scheut – dann könnte das euer Ding sein.

Für mich:

4/5 Sterne ⭐️

Nicht perfekt.

Aber definitiv der Beginn von etwas, das süchtig machen könnte.


Beneath Cursed Stars 2: Between Broken Hearts“ von Lexi Ryan

Endlich ging es weiter. Und gleichzeitig wusste ich: Das hier ist schon das Ende.

Ich liebe ja dieses Gefühl, wenn eine Geschichte fortgesetzt wird, auf die man sehnsüchtig gewartet hat – und ich hasse es ein bisschen, wenn man weiß, dass man sich danach verabschieden muss. Genau so ging es mir mit „Beneath Cursed Stars 2: Between Broken Hearts“ von Lexi Ryan, dem epischen Finale des Romantasy-Spin-offs zur Court-of-Sun-Dilogie.

Schon Band eins hatte mich komplett abgeholt. Die Mischung aus Magie, Intrigen, starken Heldinnen und emotionalen Verstrickungen war für mich ein echtes Highlight. Entsprechend groß war meine Vorfreude – und vielleicht auch meine Erwartungshaltung.

In diesem zweiten Band stehen erneut Jasalyn und Felicity im Mittelpunkt. Zwei junge Frauen, zwei völlig unterschiedliche Kämpfe – und doch sind ihre Schicksale enger miteinander verknüpft, als es zunächst scheint.

Jasalyn erwacht in einem Albtraum, der keiner zu sein scheint. Immer wieder verliert sie die Kontrolle über ihren eigenen Körper. Momente verschwimmen, Erinnerungen sind lückenhaft, und die Angst wächst: Hat der totgeglaubte Schattenkönig Mordeus bereits Besitz von ihr ergriffen? Dieses Gefühl des Kontrollverlusts zieht sich wie ein dunkler Schatten durch ihre Kapitel. Dazu kommt, dass Kendrick – ausgerechnet Kendrick, ihr sicherer Hafen – sie belogen hat. Vertrauen, das einst selbstverständlich war, ist plötzlich brüchig. Und inmitten politischer Spannungen zwischen zwei Reichen bleibt kaum Zeit, sich zu sortieren.

Parallel dazu kämpfen wir an Felicitys Seite. Die Gestaltwandlerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sie selbst sein zu dürfen. Doch ausgerechnet jetzt gerät sie immer tiefer in die Machtspiele von Elora – und damit gefährlich nah an ihre leibliche Familie. Eine Familie, die seit Jahren Jagd auf sie macht. Als Misha schließlich ihre Täuschung durchschaut, bricht auch hier ein wichtiger Halt weg. Felicity steht vor der Frage, ob sie bereit ist, alles zu riskieren, um endlich frei zu sein.

Was mir besonders gefallen hat, war die Entwicklung der beiden Protagonistinnen. Jasalyn ist innerlich zerrissen, traumatisiert, voller Zweifel – und doch spürt man ihren Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch wenn ich zugeben muss: Ihr Verhalten hat mich zwischendurch herausgefordert. Manche Entscheidungen wirkten impulsiv, beinahe selbstsabotierend. Ich konnte ihr Trauma nachvollziehen, aber nicht immer ihre Reaktionen. Einige Konflikte fühlten sich dadurch unnötig kompliziert an.

Felicity hingegen hat mich emotional sehr berührt. Ihre Sehnsucht nach Identität, nach Zugehörigkeit, nach einem Ort, an dem sie einfach sie selbst sein darf – das ging mir nahe. Besonders ihre familiären Hintergründe wurden hier vertieft, und ich mochte, wie sich nach und nach die Puzzleteile zusammenfügten. Ihre Entwicklung war für mich einer der stärksten Aspekte des Buches.

Der Plot insgesamt konnte mich nicht durchgehend so fesseln wie im ersten Band. Es gab Passagen, in denen ich mir mehr Dynamik oder klarere Konfliktlinien gewünscht hätte. Doch irgendwann zog die Geschichte wieder an, die Fäden verdichteten sich, und plötzlich war ich wieder mittendrin.

Lexi Ryans Schreibstil ist erneut sehr emotional, atmosphärisch und flüssig. Die wechselnde Ich-Perspektive von Jasalyn und Felicity sorgt dafür, dass man beiden Handlungssträngen gleichermaßen nah kommt. Gerade die inneren Kämpfe werden dadurch intensiv und greifbar.

Und dann das Finale. Ohne zu spoilern: Es ist rund. Es gibt Wendungen, die überraschen. Antworten, die lange offen waren. Und einen Abschluss, der sich verdient anfühlt. Keine losen Enden, keine hastigen Lösungen – sondern ein stimmiger, emotionaler Ausklang.

Besonders die beiden Liebesgeschichten haben mir gefallen. Sie sind unterschiedlich, entwickeln sich glaubwürdig und tragen viel Herz in diese ohnehin schon gefühlsgeladene Geschichte. Vielleicht ist genau das auch der Kern dieses Buches: weniger epische Schlachten, mehr emotionale Entscheidungen. Weniger Spektakel, mehr innere Entwicklung.

Unterm Strich mochte ich Band eins einen Hauch mehr – er hatte für mich den stärkeren Sog. Aber dennoch habe ich dieses Finale sehr gerne gelesen. Vor allem wegen der Charakterentwicklung, der emotionalen Tiefe und der gelungenen Abrundung dieser Dilogie.

Für mich ein würdiger Abschluss mit kleinen Schwächen, aber viel Herz.

4/5 Sterne ⭐️


‚The Knight and the Moth’ von Rachel Gillig

Manchmal gibt es diese Autor:innen, die etwas mit einem machen. Die nicht einfach nur Geschichten erzählen, sondern einen verschlucken. Die eine Atmosphäre erschaffen, die sich wie Nebel um die Gedanken legt und selbst Tage später noch nicht ganz verschwunden ist. Rachel Gillig ist für mich genau so eine Autorin. Ihre Sprache ist eigen, fast poetisch, immer ein wenig düster und doch voller Gefühl. Und ich muss es zugeben: Mein inneres Buch-Alarm-System hat komplett versagt – ich habe diese Neuerscheinung einfach nicht mitbekommen. Wie konnte das passieren?

Wenn ihr ‚One Dark Window‘ und ‚Two Twisted Crowns’ geliebt habt, dann werdet ihr mit ‚The Knight and the Moth’ wieder genau dieses besondere Gefühl erleben. Dieses leise Frösteln. Dieses Ziehen im Herzen. Dieses „Nur noch ein Kapitel“, obwohl es längst nach Mitternacht ist.

Sybil Delling lebt seit neun Jahren in der Kathedrale von Aisling. Neun Jahre voller Rituale, Omen, Weissagungen. Sie trägt ihren Schleier, ihre Nummer, ihre Rolle – wie eine zweite Haut. Sie glaubt an das, was man ihr beigebracht hat. An die Zeichen der Götter. An die Ordnung der Kirche. Und doch spürt man von Anfang an diese leise Sehnsucht in ihr. Nach Nähe. Nach echter Zuneigung. Nach einem Leben außerhalb der kalten Mauern.

Als der Ritter Rodrick „Rory“ Myndacious auftaucht, gerät dieses sorgfältig errichtete Weltbild ins Wanken. Er glaubt nicht an ihre Visionen. Er begegnet ihr mit Skepsis, mit Spott – und doch mit einer Intensität, die Sybil aus dem Gleichgewicht bringt. Und als sie in seiner Zukunft ein Omen sieht, das selbst sie nicht deuten kann, beginnt etwas zu bröckeln. Nicht nur in ihrer Welt, sondern auch in ihrem Glauben.

Dann verschwinden ihre Schwestern. Eine nach der anderen. Und mit ihnen Sybils letzte Sicherheit.

Was ich an dieser Geschichte so liebe, ist die Entwicklung. Sybil ist keine Rebellin von Anfang an. Sie ist geprägt, indoktriniert, fest verwurzelt im System. Und genau deshalb ist ihr innerer Wandel so kraftvoll. Man spürt jede Unsicherheit, jeden Zweifel, jeden Schritt in Richtung Freiheit. Ihr Mut wächst nicht laut – er wächst still. Und gerade das macht ihn so stark.

Rory ist anfangs alles, was sie nicht braucht. Arrogant. Ketzerisch. Provokant. Und doch zeigt sich unter dieser rauen Oberfläche eine Loyalität, die mich überrascht hat. Seine Gefühle für Sybil sind nicht großspurig oder dramatisch inszeniert – sie liegen in Blicken, in kleinen Gesten, in Momenten des Schutzes. Diese leise Intensität zwischen den beiden hat mich mehr berührt als jede laute Liebeserklärung.

Und dann das Setting. Das Land Traum mit seinen fünf Weilern, die jeweils einem Omen unterstehen. Die Kirche als allgegenwärtige Macht. Die Äbtissin, die alles lenkt wie eine unsichtbare Hand. Es ist düster, gotisch, bedrückend – aber nie überladen. Rachel Gillig versteht es, Atmosphäre zu weben. Wie Spinnfäden, die man erst bemerkt, wenn man längst darin gefangen ist.

Auch die Nebenfiguren tragen die Geschichte. Die Schwestern, die Sybils Herz bilden. Maude, die Ritterin, die ihr zum ersten Mal echte Wärme schenkt. Der junge König, dessen Entwicklung schmerzlich zu beobachten ist. Und der Gargoyle – trocken, respektlos, überraschend weise. Er brachte genau die richtige Portion Leichtigkeit in all die Dunkelheit.

Die Spannung bleibt konstant. Durch die Weissagungen, die Reisen, die Jagd nach den Omen, die ständige Gefahr, entdeckt zu werden. Und dann dieses Ende. Dieser Cliffhanger. Er kam nicht leise. Er kam wie ein Schlag. Und ließ mich mit offenem Mund zurück.

The Knight and the Moth’ ist düster, emotional, intensiv. Eine Geschichte über Glauben und Manipulation. Über Mut und Selbstbestimmung. Über Liebe, die sich langsam entfaltet und dabei umso stärker wirkt.

Für mich ein absolutes Highlight.

5/5 Sterne – und ich warte jetzt schon sehnsüchtig auf Band zwei.


Zwischen Helikoptermutter und „asi

Zwischen Helikoptermutter und „asi“ – warum wir als Eltern eigentlich nur verlieren können (und trotzdem lachen sollten)

Ich sag’s, wie es ist: Ich liebe Carolin Kebekus. Wirklich. Diese Mischung aus laut, direkt, unbequem und gleichzeitig so unfassbar treffend – genau mein Humor. Und als ich den Titel „8000 Arten, als Mutter zu versagen“ gesehen habe, wusste ich: Das wird wehtun. Aber auf die gute Art.

Denn mal ehrlich – heute kannst du als Eltern doch eigentlich nur verlieren.

Machst du zu viel, bist du die Helikoptermutter.

Machst du zu wenig, bist du verantwortungslos.

Stillst du zu lange – Problem.

Stillst du nicht – Problem.

Gehst du früh arbeiten – Rabenmutter.

Bleibst du zu Hause – nicht ambitioniert genug.

Es gibt kein Dazwischen. Also bleibt doch eigentlich nur eins: Humor.

Mein persönlicher Tiefpunkt als Mutter? Der Pekip-Kurs.

Ich bin reingegangen mit der naiven Vorstellung von Austausch, Gemeinschaft und vielleicht sogar netten Gesprächen.

Ich bin raus – innerlich schreiend.

Und ich laufe bis heute. Weg von Mütter-Wettbewerben, von Entwicklungsvergleichen, von „Meiner schläft schon durch“ und „Meine macht Baby-Yoga seit der dritten Woche“.

Kebekus packt genau diese gesellschaftliche Dauerbeobachtung bei den Hörnern. Sie zerlegt dieses perfekt inszenierte Mutterbild, das uns täglich aus Social Media entgegenlacht: makellose Frauen, die drei Tage nach der Geburt aussehen wie frisch aus dem Spa. Babys, die friedlich schlummern, während Mama mit Flat White und High-Waist-Leggings in die Kamera lächelt.

Und dann die Realität: Blut, Schweiß, Wochenbett, Schlafmangel, Zweifel.

Sie schreibt über Schwangerschaft, als wäre sie nicht dieses rosafarbene Wunderland, sondern das, was sie oft auch ist: überwältigend, absurd, körperlich extrem. Über Instagram-Körperbilder. Über das Konzept der „Belly-Only-Pregnancy“, bei der angeblich nur der Bauch wächst – während sie sich eher der „Ass-Only“-Fraktion zuordnet. Ich habe laut gelacht. Und gleichzeitig genickt.

Und dann dieser gesellschaftliche Chor der Besserwisser.

„Zu alt.“

„Zu unverantwortlich.“

„Im achten Monat noch auf der Bühne?“

Als dürfte eine Frau nicht gleichzeitig schwanger UND berufstätig sein. Als müsste sie sich rechtfertigen für ihre Existenz.

Was ich an diesem Buch so liebe, ist die Ehrlichkeit. Kebekus romantisiert nichts – aber sie verteufelt auch nichts. Sie zeigt beides: die unfassbare Liebe. Und die unfassbare Überforderung. Sie spricht über Geburten, die nicht nach Instagram-Ästhetik riechen, über Wochenbett-Realität, über blutige Brustwarzen und über das absurde Phänomen, dass Brüste im Internet gefeiert werden – solange sie keinen biologischen Zweck erfüllen.

Sie spricht über Druck.

Druck, perfekt auszusehen.

Druck, perfekt zu erziehen.

Druck, perfekt zu funktionieren.

Und sie sagt im Grunde: Ihr könnt euch eure Meinung sonst wohin stecken.

Dieses Buch hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Und vermutlich werden genau die, die ihn am dringendsten bräuchten, ihn nicht lesen. Aber für alle anderen ist es eine Befreiung. Eine Erinnerung daran, dass Mutterschaft kein Wettbewerb ist. Kein Hochglanzprojekt. Kein Leistungssport.

Kinder sind ein Geschenk.

Und gleichzeitig sind sie Arbeit, Schmerz, Chaos und Selbstzweifel.

Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Wahrheit überhaupt.

Ich bin dreifachmutter. Und ich kann euch sagen: Jeder einzelne Abschnitt fühlte sich an wie ein Blick in mein eigenes Leben. Diese To-Do-Listen in der Schwangerschaft. Die Vorsätze. Die Vorstellung, was man alles „besser“ machen wird. Und dann kommt das echte Leben – und lacht laut. Der Druck beginnt schon mit dem positiven Test. Instagram zeigt durchtrainierte „Belly-only“-Bäuche, während man selbst eher zur „Alles-only“-Fraktion gehört. Ernährungsvorschriften. Sportprogramme. Rasur-Tipps für die Geburt – man könnte ja kommentiert werden. Ernsthaft?

Und dann diese Kommentare. „Zu alt.“ „Zu unverantwortlich.“ „Muss das jetzt sein?“ Die Dreistigkeit, mit der wildfremde Menschen glauben, ein Urteil über Körper, Alter oder Lebensentscheidungen fällen zu dürfen, ist beeindruckend. Kebekus kontert das brillant – mit Humor und einem feinen Gespür dafür, wie absurd das alles ist.

Besonders gefeiert habe ich ihre ehrliche Beschreibung von Geburt und Wochenbett. Kein weichgezeichneter Filter. Kein „Ich lag mit Baby im Arm im Bett und sah aus wie aus dem Katalog“. Sondern Schmerzen. Tränen. Überforderung. Und dieser enorme innere Druck, sofort alles perfekt machen zu wollen. Das Kind. Den Haushalt. Die Beziehung. Den eigenen Körper. Und bitte dabei lächeln.

Ich musste beim Lesen immer wieder an meinen ersten Pekip-Kurs denken. Mein persönlicher Tiefpunkt. Diese perfekt organisierten Mütter mit pädagogischem Überbau und selbstgemachter Quetschie. Ich bin gelaufen. Und ich laufe innerlich noch heute. Fort von diesem subtilen Wettbewerb, wer das beste Bio-Kind großzieht.

Kebekus spricht genau darüber: über diesen gesellschaftlichen Dauerkommentar. Wie man sein Kind schlafen legt. Wie lange man stillt. Ob man stillt. Warum man stillt. Warum man nicht stillt. Und ja – Männer dürfen Brüste feiern, aber bitte nicht, wenn sie ihren biologischen Zweck erfüllen. Willkommen im Paradox.

Dieses Buch ist keine Abrechnung mit Mutterschaft. Es ist eine liebevolle, ehrliche Umarmung für alle, die mittendrin stecken. Für die, die nachts wachliegen. Für die, die zweifeln. Für die, die lachen, obwohl sie weinen könnten.

Kinder sind ein Geschenk. Aber sie sind auch Arbeit. Schmerz. Chaos. Und unfassbar viel Verantwortung. Und ich habe großen Respekt vor jeder Frau, die diesen Weg geht – egal wie. Mit Make-up oder ohne. Mit Karriere oder ohne. Mit Pekip oder ohne.

Carolin Kebekus hält uns den Spiegel vor – und sagt dabei im Grunde nur: Du bist nicht allein. Und du darfst unperfekt sein.

Und vielleicht ist genau das der größte Trost von allen.


Ein stilles Buch mit gewaltiger Wirkung

Manchmal sind es nicht die laut beworbenen Neuerscheinungen, die einen am meisten berühren. Manchmal ist es dieses eine, unscheinbare Buch, an dem man fast vorbeigegangen wäre. Eines, das nicht schreit: „Lies mich!“, sondern eher leise flüstert. Und wenn man hinhört, merkt man plötzlich: Dieses Flüstern hat Kraft.

Genau so ging es mir mit Die Schwarzgeherin von Regina Denk.

Zum Glück habe ich diesem Roman eine Chance gegeben. Denn ich hätte sonst eine Geschichte verpasst, die mich tief bewegt, beeindruckt und lange begleitet hat.

Wir befinden uns in einem abgelegenen Tal in den Tiroler Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Fortschritt und Aufklärung hier kaum angekommen sind. Das Leben ist hart, karg, entbehrungsreich. Wer nicht funktioniert, fällt durch. Wer anders ist, wird ausgegrenzt.

Im Mittelpunkt steht Theres. Als junges Mädchen wächst sie in dieser rauen Welt auf, geprägt von Armut, Strenge und emotionaler Kälte. Diese Kindheit macht sie hart – aber auch mutig, stolz und widerstandsfähig. Als der geheimnisvolle Xaver ins Tal kommt, verliebt sie sich. Doch diese Liebe endet abrupt, in einer Nacht voller Gewalt, Misstrauen und Angst. Xaver verschwindet. Theres bleibt zurück – schwanger, verstoßen, allein.

Was sie dann tut, ist mutig und radikal: Sie kehrt der Dorfgemeinschaft den Rücken und zieht sich in die Hochalpen zurück. Dort bringt sie ihre Tochter Maria zur Welt und lebt fortan in Einsamkeit, von dem, was die Berge ihr schenken. Frei. Unabhängig. Und doch niemals ganz losgelöst von ihrer Vergangenheit.

Der Roman begleitet Theres und später auch Maria über viele Jahre hinweg – etwa von 1850 bis 1883. Die Kapitel wechseln zwischen den beiden Perspektiven, ergänzt durch einzelne geheimnisvolle Einschübe einer unbekannten Erzählerin und durch poetische Zwischenspiele aus der Sicht eines Adlerweibchens. Was auf dem Papier vielleicht ungewöhnlich klingt, fügt sich beim Lesen erstaunlich harmonisch zusammen.

Regina Denks Schreibstil ist dabei eine große Stärke dieses Buches. Er ist bildhaft, intensiv, manchmal schonungslos, dann wieder leise und zart. Die Landschaft wird so lebendig beschrieben, dass man den Wind spürt, den Schnee knirschen hört und die Kälte fast selbst fühlt. Der eingesetzte Dialekt verleiht der Geschichte zusätzliche Authentizität und sorgt für eine ganz eigene, alpine Atmosphäre.

Schon das erste Kapitel – mit der kleinen Theres und den Kätzchen, die keine Chance bekommen – hat mich erschüttert. Es macht sofort klar, in welcher Welt wir uns hier bewegen: einer Welt ohne viel Platz für Mitgefühl. Und doch erzählt dieser Roman nicht nur von Härte, sondern auch von Liebe, Loyalität und stiller Hoffnung. Von Leopold. Von seinem Sohn. Von Menschen, die trotz allem füreinander einstehen.

Besonders gefallen hat mir die Spiegelung der Handlung durch das Leben des Steinadlers. Diese Passagen waren für mich wie kleine Atempausen. Fast meditativ. Naturbeobachtung als Gegenpol zum menschlichen Drama.

Die verschiedenen Zeitebenen sind klar gekennzeichnet, was die Orientierung erleichtert. Außerdem ist die Geschichte in eine Rahmenerzählung eingebettet, die zum Miträtseln einlädt. Immer wieder dachte ich: Jetzt habe ich es verstanden. Nur um später festzustellen: Vielleicht doch nicht. Diese kleinen Irreführungen haben mir großen Spaß gemacht.

Natürlich ist auch dieses Buch nicht vollkommen. Ein paar Fragen bleiben offen. Ich hätte zum Beispiel gern mehr darüber erfahren, woher Theres ihr medizinisches Wissen nimmt. Manche zeitlichen Abläufe wirken nicht ganz rund. Und gegen Ende werden die schroffen Kanten der Geschichte ein kleines bisschen geglättet.

Aber ehrlich? Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Ich war von der ersten bis zur letzten Seite gefangen. Gefangen in einer Welt voller Überlebenswillen, Stolz, Verletzlichkeit und innerer Stärke. In einer Landschaft, die wunderschön und gnadenlos zugleich ist. In einer Geschichte, die zeigt, wie sehr Herkunft, Umgebung und Erwartungen ein Leben prägen – und wie schwer es ist, sich davon zu befreien.

„Die Schwarzgeherin“ ist für mich ein kraftvoller, intensiver und atmosphärisch dichter Roman, der lange nachhallt. Einer, der nicht laut ist, aber tief trifft.

Für mich schon jetzt eines meiner Highlights des Jahres.

Ich empfehle dieses Buch allen, die starke Frauenfiguren lieben, sich von Bergpanoramen verzaubern lassen und Geschichten mögen, die nicht beschönigen, sondern ehrlich erzählen. Wer Lokalkolorit, historische Tiefe und emotionale Wucht schätzt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

So müssen Bergromane sein. 🏔️📚