Bloom von Delilah S. Dawson – wenn Cottagecore plötzlich ziemlich düster wird

Bei einem Buch, das als Mischung aus Cottagecore und brutalem Horror beschrieben wird, hatte ich sofort ziemlich konkrete Bilder im Kopf. Eine idyllische Kleinstadtatmosphäre, ein hübscher Wochenmarkt, selbst gemachte Seifen und Kerzen – und irgendwo hinter dieser perfekten Fassade lauert etwas richtig Böses.

Ich war neugierig.

Allerdings kann ich direkt sagen: „Bloom“ von Delilah S. Dawson war ganz anders, als ich nach dem Klappentext erwartet hatte.

Wer hier einen klassischen Horrorroman erwartet, bei dem es von Anfang an düster und brutal zur Sache geht, sollte seine Erwartungen vielleicht ein wenig anpassen. Zumindest ging es mir so. Lange Zeit liest sich „Bloom“ nämlich eher wie eine intensive, zunehmend merkwürdige Liebesgeschichte, unter deren hübscher Oberfläche man zwar ständig etwas Unheilvolles vermutet, bei der der eigentliche Horror aber erstaunlich lange auf sich warten lässt.

Das meine ich allerdings gar nicht unbedingt negativ.

Denn obwohl ich ein völlig anderes Buch im Kopf hatte, konnte mich die Geschichte trotzdem gut unterhalten.

Worum geht es in „Bloom“?

Rosemary – oder Ro – versucht nach der schmerzhaften Trennung von ihrem Freund einen Neuanfang.

Sie zieht in eine andere Stadt, möchte Abstand zu ihrem bisherigen Leben gewinnen und endlich den Roman beenden, an dem sie schreibt.

Eigentlich könnte das der Beginn eines ziemlich ruhigen neuen Lebensabschnitts sein.

Bis Ro auf einem Wochenmarkt Ash begegnet.

Ash ist wunderschön, faszinierend und irgendwie anders als alle Menschen, denen Ro bisher begegnet ist. An ihrem Stand verkauft sie selbst hergestellte Seifen und Kerzen aus natürlichen Zutaten und Ro fühlt sich praktisch sofort zu ihr hingezogen.

Dabei ist diese Anziehung für sie selbst überraschend.

Bisher hatte Ro sich nicht zu Frauen hingezogen gefühlt, doch bei Ash ist plötzlich alles anders. Aus der anfänglichen Faszination entwickelt sich immer mehr und Ro beginnt, regelmäßig auf den Markt zurückzukehren.

Die beiden kommen sich näher.

Doch irgendetwas stimmt nicht.

Ash wirkt geheimnisvoll, es gibt Dinge in ihrem Leben, über die sie nicht spricht, und hinter der wunderschönen Cottagecore-Fassade verbirgt sich etwas, das Ro besser niemals entdeckt hätte.

Erst einmal überraschend wenig Horror

Ich glaube, mein größtes Problem mit „Bloom“ waren tatsächlich meine Erwartungen.

Denn nach der Beschreibung des Buches hatte ich mit einem deutlich klassischeren Horrorroman gerechnet.

Genau das bekommt man zunächst nicht.

Stattdessen nimmt sich Delilah S. Dawson ziemlich viel Zeit für Ro und Ash. Wir erleben, wie Ro sich immer stärker zu dieser Frau hingezogen fühlt, wie sich ihre Beziehung entwickelt und wie Ash langsam immer mehr Raum in ihren Gedanken einnimmt.

Über weite Strecken hatte ich deshalb eher das Gefühl, eine ungewöhnliche und zunehmend unheimliche Liebesgeschichte zu lesen.

Natürlich liegt die ganze Zeit etwas in der Luft.

Man weiß schließlich, welches Genre man aufgeschlagen hat. 😅

Und vielleicht ist genau das gleichzeitig Fluch und Vorteil dieser Geschichte. Denn selbst in den scheinbar harmlosen Momenten wartet man darauf, dass endlich etwas passiert.

Ein schöner Wochenmarkt.

Duftende Seifen.

Kerzen.

Essen.

Eine attraktive Frau, in die Ro sich immer mehr verliebt.

Eigentlich könnte alles so gemütlich sein.

Nur weiß man eben: Das hier ist ein Horrorroman.

Und plötzlich betrachtet man jedes noch so harmlose Detail ein bisschen misstrauischer.

Ro hat die Geschichte für mich getragen

Sehr gut funktioniert hat für mich Rosemary.

Die Geschichte wird durch ihre Gefühle unglaublich intensiv, weil man ihre Faszination für Ash so unmittelbar miterlebt.

Ro befindet sich ohnehin in einer verletzlichen Phase ihres Lebens. Die Trennung liegt hinter ihr, sie versucht, noch einmal neu anzufangen und ihren eigenen Weg zu finden. Dann taucht Ash auf und löst etwas in ihr aus, mit dem sie selbst nicht gerechnet hat.

Diese zunehmende Faszination konnte ich gut nachvollziehen.

Man erlebt, wie Ro immer tiefer in diese Beziehung hineingerät und wie wichtig Ash für sie wird. Gleichzeitig sitzt man als Leser natürlich da und möchte sie manchmal am liebsten an den Schultern packen und fragen:

Ro … bist du dir wirklich sicher, dass hier alles in Ordnung ist?

Denn während sie sich immer stärker verliebt, bleibt dieses ungute Gefühl.

Ich wusste zwar relativ früh, in welche Richtung sich das Geheimnis um Ash bewegen könnte, trotzdem wollte ich wissen, wann Ro endlich hinter die Fassade blickt.

Gerade dadurch entsteht eine ganz eigene Art von Spannung.

Bei Ash hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht

Ash selbst blieb für mich dagegen etwas schwieriger.

Natürlich gehört ihre geheimnisvolle Art zur Geschichte. Sie soll nicht sofort vollkommen durchschaubar sein. Schließlich lebt ein großer Teil der Handlung davon, dass Ro immer weiter in Ashs Welt hineingezogen wird, während man gleichzeitig spürt, dass dort irgendetwas überhaupt nicht stimmt.

Trotzdem hätte ich mir gerade im weiteren Verlauf mehr über sie gewünscht.

Vor allem ihre Vergangenheit hätte mich unglaublich interessiert.

Es gibt Hinweise und einzelne Informationen, die einen kleinen Blick darauf ermöglichen, was hinter Ash steckt. Für meinen Geschmack wurde dieser Teil allerdings nur angerissen.

Und das fand ich schade.

Gerade nachdem immer deutlicher wird, was für ein Mensch Ash tatsächlich ist, hatte ich so viele Fragen. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Verhaltensweisen kommen, was sie geprägt hat und wie sie zu der Person geworden ist, die Ro kennenlernt.

Hier wäre für mich definitiv noch Potenzial gewesen.

Ein paar zusätzliche Einblicke hätten Ash vermutlich noch faszinierender und gleichzeitig verstörender gemacht.

Cottagecore trifft auf etwas ziemlich Hässliches

Was ich dagegen richtig gelungen fand, ist der Kontrast.

Denn optisch beziehungsweise atmosphärisch beginnt diese Geschichte fast schon gemütlich.

Der Wochenmarkt, handgemachte Produkte, natürliche Zutaten, Seifen, Kerzen – Ash verkörpert zunächst ziemlich genau diese wunderschöne Cottagecore-Ästhetik.

Alles wirkt weich, natürlich und irgendwie heimelig.

Und genau deshalb funktioniert die dunkle Seite der Geschichte umso besser.

Denn irgendwann bekommt diese perfekte Oberfläche Risse.

Das Geheimnis um Ash ist düster, brutal und definitiv nichts, was man hinter diesem hübschen Marktstand erwarten möchte. Gerade dieser Gegensatz hat für mich den Reiz von „Bloom“ ausgemacht.

Das Buch ist nicht über seine gesamte Länge hinweg ein brutaler Horrorroman.

Der Horror schleicht sich vielmehr in etwas hinein, das zunächst wunderschön aussieht.

Und plötzlich fühlt sich die Gemütlichkeit gar nicht mehr so gemütlich an.

Vorhersehbar – bis es das plötzlich nicht mehr war

Bei einem Teil der Handlung hatte ich relativ schnell eine Ahnung, worauf das Ganze hinauslaufen könnte.

Das hat mir allerdings nicht unbedingt die Spannung genommen.

Denn irgendwann war für mich weniger die Frage, ob mein Verdacht stimmt, sondern vielmehr, wann Ro die Wahrheit erkennen wird und was anschließend passiert.

Ich wollte wissen, wie weit die Geschichte gehen würde.

Und dann kam das Ende.

Tja.

Damit hatte ich wiederum überhaupt nicht gerechnet.

Nachdem ich mich während des Buches bei einigen Dingen ziemlich sicher gefühlt hatte, hat mir das Finale tatsächlich noch einmal den Teppich unter den Füßen weggezogen.

Und genau das fand ich großartig.

Plötzlich war dieses Gefühl da, das ich bei Horror und Thrillern so gerne habe: Man beendet die letzten Seiten, klappt das Buch zu und muss das Gelesene erst einmal kurz sacken lassen.

Das Ende hat meinen Gesamteindruck von „Bloom“ für mich noch einmal deutlich aufgewertet.

Mein Fazit zu „Bloom“

„Bloom“ von Delilah S. Dawson ist für mich kein klassischer Horrorroman und genau das sollte man meiner Meinung nach vor dem Lesen wissen.

Wer aufgrund der Beschreibung eine Geschichte erwartet, die von Anfang bis Ende brutal und erschreckend ist, könnte zunächst etwas irritiert sein. Mir ging es jedenfalls so.

Stattdessen beginnt „Bloom“ fast wie eine Liebesgeschichte.

Wir begleiten Ro dabei, wie sie nach einer schmerzhaften Trennung versucht, ihr Leben neu zu ordnen und dabei auf die faszinierende Ash trifft. Ihre Beziehung entwickelt sich intensiv und gleichzeitig liegt über allem dieses unangenehme Gefühl, dass hinter Ashs perfekter Fassade etwas nicht stimmt.

Ro konnte mich dabei als Protagonistin überzeugen. Ich habe mit ihr mitgefühlt, teilweise mit ihr gelitten und gleichzeitig darauf gewartet, dass sie endlich erkennt, was sich direkt vor ihren Augen abspielt.

Bei Ash hätte ich mir dagegen noch mehr Tiefe gewünscht. Gerade ihre Vergangenheit und die Hintergründe ihres Verhaltens hätten für meinen Geschmack ausführlicher erzählt werden dürfen.

Trotzdem funktioniert der Kontrast zwischen der wunderschönen Cottagecore-Atmosphäre und dem brutalen Geheimnis dahinter richtig gut.

Und dann ist da dieses Ende.

Nachdem ich einen Teil der Geschichte durchaus kommen gesehen hatte, hat mich das Finale komplett überrascht. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet – und genau deshalb blieb mir „Bloom“ nach der letzten Seite noch eine ganze Weile im Kopf.

Anders als erwartet? Definitiv.

Aber trotzdem faszinierend, intensiv und auf seine ganz eigene Weise ziemlich verstörend.

Und vielleicht ist die wichtigste Frage nach diesem Buch sowieso eine ganz andere:

Wie weit würdet ihr gehen, um euer eigenes Leben zu retten?

★★★★☆ 4 von 5 Sternen 



The Poison Daughter – Zum Sterben schön von Sheila Masterson: Giftige Küsse, Intrigen und ganz große Gefühle

Manchmal taucht ein Buch irgendwie auf meinem Radar auf, ohne dass ich vorher groß etwas darüber gehört habe. Genau so war es bei „The Poison Daughter – Zum Sterben schön“ von Sheila Masterson. Erst im Nachhinein habe ich gesehen, wie unglaublich gut das Buch im englischsprachigen Raum angekommen ist und wie viele begeisterte Bewertungen es bereits gesammelt hat.

Meine Erwartungen sind dadurch natürlich noch einmal ein kleines Stück nach oben gewandert.

Zum Glück konnte mich die Geschichte ziemlich schnell davon überzeugen, dass an der Begeisterung durchaus etwas dran ist.

Denn allein die Ausgangsidee ist schon herrlich düster: Eine Frau, deren Kuss für Männer tödlich endet. Ein Mann, bei dem genau diese Fähigkeit plötzlich nicht funktioniert. Eine arrangierte Ehe. Eine komplizierte Familie. Politische Intrigen. Gefährliche Kreaturen vor den schützenden Mauern und zwei Menschen, die sich eigentlich nicht vertrauen sollten.

Das klang nach meinem Geschmack.

Und tatsächlich hat mich dieser High-Fantasy-Einzelband ziemlich schnell gepackt.

Worum geht es in „The Poison Daughter“?

Harlow Carrenwell besitzt eine ziemlich außergewöhnliche und tödliche Fähigkeit: Ihr Kuss ist giftig.

Eine Gabe, die sie längst nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil nutzt. Harlow hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Männer vorzugehen, die anderen Gewalt antun und ihre Macht missbrauchen.

Bis einer ihrer Aufträge plötzlich vollkommen anders läuft als geplant.

Harlow küsst einen Mann, der eigentlich sterben müsste.

Doch er überlebt.

Und damit nicht genug: Ausgerechnet dieser Mann entpuppt sich später als Henry Havenwood – der Mann, den Harlow heiraten soll.

Statt ihres nächsten Opfers steht plötzlich ein Ehemann vor ihr, den sie mit ihrer gefährlichsten Waffe nicht töten kann. Und Henry hat mindestens genauso viele Geheimnisse wie Harlow selbst.

Als sie ihm schließlich in seine Heimat folgt, findet sie sich zwischen politischen Interessen, familiären Konflikten und einer ganz eigenen Bedrohung wieder. Außerhalb der schützenden Mauern lauern vampirähnliche Wesen und schnell wird klar, dass Harlow und Henry wesentlich größere Probleme haben als ihre unfreiwillige Verbindung.

Harlow hat mich immer mehr für sich eingenommen

Der Einstieg in die Geschichte hat mir unglaublich gut gefallen.

Es geht ziemlich schnell los und ich hatte früh das Gefühl, dass hinter den Figuren und den Ereignissen viel mehr steckt, als man zunächst erkennen kann. Genau dieses Gefühl mag ich bei Fantasy sehr gerne. Man bekommt genug Informationen, um neugierig zu werden, aber längst noch nicht alle Antworten.

Vor allem Harlow fand ich sofort interessant.

Nach außen ist sie stark, selbstbewusst und durchaus gefährlich. Schließlich trägt sie ihre tödlichste Waffe praktisch immer bei sich. Doch je mehr man über ihre Vergangenheit erfährt, desto deutlicher wird, dass hinter ihrer Stärke eine Geschichte steckt, die wesentlich tragischer und komplexer ist.

Und genau dadurch ist sie für mich immer weiter gewachsen.

Harlow ist wütend. Sie hat erlebt, wie Frauen benutzt, verletzt und zum Schweigen gebracht werden, und sie ist nicht bereit, das einfach hinzunehmen. Sie will nicht nur darauf warten, dass jemand anderes sie oder die Menschen beschützt, die ihr wichtig sind. Sie handelt selbst.

Dabei ist sie allerdings keineswegs unverwundbar.

Ihre Vergangenheit, ihre Familie und besonders die Beziehung zu ihren Eltern haben für mich viel dazu beigetragen, sie zu verstehen. Stück für Stück erfährt man mehr darüber, warum Harlow so geworden ist, wie sie heute ist. Aus der zunächst einfach sehr starken und kämpferischen Frau wurde dadurch für mich eine deutlich vielschichtigere Figur.

Besonders ihr Wunsch, ihre Schwester und andere Frauen zu beschützen, hat mir gefallen. Harlow hat Ecken und Kanten, trifft nicht immer bequeme Entscheidungen und ist sicherlich keine klassische strahlende Heldin.

Gerade deshalb mochte ich sie.

Henry ist endlich einmal ein Love Interest auf Augenhöhe

Natürlich braucht eine gute Enemies-to-Lovers-Geschichte einen entsprechenden Gegenpart.

Und Henry konnte mich ebenfalls überzeugen.

Bei der Ausgangslage hätte die Beziehung zwischen den beiden sehr schnell in eine dieser typischen Fantasy-Romance-Dynamiken abrutschen können, bei denen man eigentlich nach wenigen Kapiteln schon weiß, wie sich alles entwickeln wird.

Dieses Gefühl hatte ich hier nicht.

Harlow und Henry müssen sich ihre Beziehung tatsächlich erarbeiten.

Aus Feindschaft und Misstrauen entsteht nicht plötzlich innerhalb weniger Seiten die große Liebe. Zunächst müssen die beiden überhaupt lernen, miteinander auszukommen. Dann kommt langsam Verständnis hinzu. Aus Ablehnung wird Toleranz, aus Toleranz entsteht Nähe – und irgendwann entwickeln sich Gefühle, die beide so vermutlich nicht eingeplant hatten.

Diese Entwicklung hat sich für mich erstaunlich echt angefühlt.

Vor allem das Geplänkel zwischen Harlow und Henry hat mir richtig viel Spaß gemacht. Genau diese kleinen Wortgefechte, Provokationen und Momente, in denen man merkt, dass zwischen den beiden längst mehr passiert, als sie sich eingestehen wollen, haben die Geschichte für mich unglaublich unterhaltsam gemacht.

Und Henry steht Harlow dabei tatsächlich auf Augenhöhe gegenüber.

Das war mir wichtig.

Sie braucht keinen Mann, der plötzlich kommt und ihre gesamte Geschichte für sie löst. Und Henry wirkt auch nicht wie eine Figur, die ausschließlich erschaffen wurde, damit Harlow einen möglichst attraktiven Love Interest bekommt. Er bringt seine eigenen Probleme, Ziele und Geheimnisse mit.

Zusammen ergeben die beiden deshalb ein Paar, dessen Entwicklung ich wirklich gerne verfolgt habe.

Ja, es gibt ordentlich Spice

Wer bei „The Poison Daughter“ ausschließlich mit ein bisschen romantischem Knistern rechnet, dürfte allerdings überrascht werden.

Denn das Buch hat durchaus einiges an Spice.

Mich persönlich hat das nicht gestört. Im Gegenteil: Ich fand viele dieser Szenen überraschend originell und passend zur Dynamik zwischen Harlow und Henry. Sie wirkten für mich nicht einfach wahllos eingeschoben, sondern waren eng mit ihrer Beziehung und den Charakteren verbunden.

Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum dieser Punkt bei anderen Leserinnen und Lesern unterschiedlich ankommt.

Denn es ist nicht wenig.

Und gerade im Mittelteil trägt der starke Fokus auf die Beziehung für mich dazu bei, dass die eigentliche Handlung ein bisschen an Tempo verliert. Nach dem sehr spannenden Einstieg hatte ich hier stellenweise das Gefühl, dass die Geschichte etwas auf der Stelle tritt.

Wer hauptsächlich wegen der High-Fantasy-Handlung zugreift und mit Spice eher wenig anfangen kann, könnte sich an dieser Stelle vermutlich deutlich mehr daran stören als ich.

Für mich war es kein großer Kritikpunkt, aber etwas straffer hätte dieser Teil trotzdem sein dürfen.

Die Nebenfiguren sind viel mehr als schmückendes Beiwerk

Was mich dagegen richtig positiv überrascht hat, waren die Nebencharaktere.

Bei einem Einzelband mit einer derart großen Welt besteht schnell die Gefahr, dass neben den beiden Hauptfiguren kaum noch jemand richtig ausgearbeitet wird.

Hier hatte ich dieses Gefühl überhaupt nicht.

Harlows große Familie, Henrys abgeschieden lebendes Volk und weitere wichtige Persönlichkeiten haben ihre eigenen Interessen, Überzeugungen und teilweise ziemlich brutalen Seiten. Viele Figuren verfolgen ihre eigene Agenda und genau dadurch entsteht immer wieder Unsicherheit.

Wem kann man wirklich vertrauen?

Wer hilft Harlow und Henry aus Überzeugung?

Und wer wartet vielleicht nur auf den richtigen Moment, um seine eigenen Ziele durchzusetzen?

Gerade dadurch wurde die Geschichte für mich lebendig. Die Nebenfiguren existieren nicht nur, damit sie Harlow und Henry an der richtigen Stelle irgendeine wichtige Information geben können. Sie haben eine eigene Präsenz und tragen tatsächlich etwas zur Welt und ihren Konflikten bei.

Und bei einigen war ich mir lange überhaupt nicht sicher, was ich von ihnen halten sollte.

Die Plottwists haben mich komplett bekommen

Mein eigentliches Highlight waren aber die Wendungen.

Ich liebe Bücher, bei denen ich irgendwann glaube, verstanden zu haben, wohin die Reise geht – nur damit meine schöne Theorie ein paar Kapitel später komplett auseinanderfällt.

Genau das ist hier mehrfach passiert.

Natürlich hatte ich meine Vermutungen. Ich dachte, bestimmte Figuren einschätzen zu können, glaubte Zusammenhänge erkannt zu haben und war mir bei einigen Entwicklungen schon ziemlich sicher, wohin sie führen würden.

Tja.

Nicht unbedingt. 😅

Immer wieder kamen neue Informationen hinzu, die meinen Blick auf Figuren oder Ereignisse verändert haben. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass die Geschichte zwanghaft versucht, möglichst viele überraschende Wendungen unterzubringen. Vieles ergibt rückblickend Sinn und fügt sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammen.

Genau solche Plottwists funktionieren für mich.

Ich möchte überrascht werden, aber am Ende trotzdem verstehen können, warum etwas passiert ist.

Auch die Fantasyhandlung bekommt genügend Raum

Trotz des starken Fokus auf Harlow, Henry und ihre Beziehung geht die eigentliche Fantasygeschichte zum Glück nicht unter.

Außerhalb der schützenden Mauern lauern vampirähnliche Kreaturen, während innerhalb der Gesellschaft verschiedene Familien und Gruppierungen ihre eigenen Interessen verfolgen. Politische Intrigen, Machtspiele und Kämpfe sorgen dafür, dass es neben der Romance genügend andere Konflikte gibt.

Besonders gut gefallen haben mir die unterschiedlichen magischen Fähigkeiten.

Fantasy braucht für mich einfach Magie. Natürlich gibt es großartige Fantasyromane, die vollkommen anders funktionieren, aber persönlich liebe ich es, besondere Fähigkeiten, Regeln und magische Elemente zu entdecken.

Und Harlows giftiger Kuss ist dafür natürlich die perfekte Grundlage.

Ihre Gabe ist nicht einfach irgendein cooles Extra, das gelegentlich erwähnt wird. Sie beeinflusst ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen und ihre Möglichkeiten und stößt wichtige Situationen innerhalb der Geschichte überhaupt erst an.

Dadurch fühlt sich die Magie wirklich als Bestandteil dieser Welt an.

Auch das Worldbuilding konnte mich überzeugen. Die Hintergründe des Landes, seine Geschichte, die verschiedenen Familien und Völker sowie die Gefahren außerhalb der Mauern greifen immer stärker ineinander. Besonders zum Ende hin merkt man, dass viele Dinge nicht zufällig erwähnt wurden.

Für einen Einzelband finde ich das wirklich beeindruckend.

Und dann kommt dieses Finale …

Nach dem etwas ruhigeren Mittelteil zieht die Geschichte zum Ende hin noch einmal ordentlich an.

Und zwar richtig.

Die letzten Kapitel haben für mich vieles von dem eingelöst, was der Anfang bereits versprochen hatte. Plötzlich greifen verschiedene Handlungsstränge ineinander, die Spannung steigt und die ganzen Informationen und Wendungen ergeben immer mehr Sinn.

Aber überraschenderweise war es gar nicht nur die Spannung, die mich am Ende bekommen hat.

Es waren die Emotionen.

Ich musste tatsächlich ein kleines bisschen weinen.

Dabei würde ich das Finale nicht einmal als klassisch todtraurig bezeichnen. Es war vielmehr die Art, wie die Gefühle der Figuren beschrieben wurden. Der Schreibstil hat es geschafft, diese Momente so intensiv werden zu lassen, dass sie mich einfach erwischt haben.

Nach all den Intrigen, Kämpfen, Geheimnissen, giftigen Küssen und Plottwists plötzlich noch einmal auf dieser emotionalen Ebene getroffen zu werden, hatte ich überhaupt nicht erwartet.

Und genau deshalb ist mir das Ende besonders im Gedächtnis geblieben.

Was für ein Debüt.

„The Poison Daughter – Zum Sterben schön“ von Sheila Masterson verbindet für mich ziemlich viele Dinge, die ich bei Fantasy gerne lese: eine starke und gleichzeitig verletzliche Protagonistin, einen Love Interest auf Augenhöhe, eine Enemies-to-Lovers-Dynamik, Magie, politische Intrigen, gefährliche Kreaturen und vor allem richtig gute Wendungen.

Harlow war für mich eine unglaublich interessante Protagonistin. Je mehr ich über ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre Beweggründe erfahren habe, desto besser konnte ich sie verstehen. Und gemeinsam mit Henry entsteht eine Dynamik, die mir wirklich Spaß gemacht hat. Besonders das Geplänkel zwischen den beiden und die Entwicklung von Feindschaft über vorsichtige Annäherung bis hin zu echten Gefühlen haben mich überzeugt.

Der Spice nimmt durchaus einiges an Raum ein und dürfte vermutlich nicht jeden Geschmack treffen. Mich hat er größtenteils nicht gestört, weil ich ihn passend zu den Figuren fand. Trotzdem verliert die Handlung dadurch im Mittelteil ein wenig an Tempo.

Dafür haben mich die Plottwists umso mehr begeistert. Mehrfach wurden meine Vermutungen komplett über den Haufen geworfen und trotzdem ergab am Ende alles Sinn.

Dazu kommen ein durchdachtes Worldbuilding, interessante magische Fähigkeiten, starke Nebenfiguren und ein Finale, das nicht nur spannend war, sondern mich überraschenderweise auch emotional richtig erwischt hat.

Dass all das in einem High-Fantasy-Einzelband funktioniert, finde ich umso beeindruckender. Keine fünf Folgebände, auf die ich warten muss, sondern eine umfangreiche Fantasygeschichte, die tatsächlich innerhalb eines Buches erzählt wird.

Für mich hätte man einen Debüt-Einzelband kaum besser hinbekommen können.

★★★★½ 4,5 von 5 Sternen