Warum habe ich von dieser Reihe nicht früher gehört? Und wieso steige ich bitte erst bei Band 7 ein?
Manchmal frage ich mich wirklich, wo ich literarisch unterwegs war, während andere längst mitten in einer Reihe steckten, die inzwischen Kultstatus hat. Die Niels-Oxen-Reihe von Jens Henrik Jensen ist so ein Fall. Sieben Bände. Sieben! Und ich stolpere erst jetzt darüber. Spätzünderin? Offenbar.
Mit „Oxen. Interregnum“ bin ich also direkt im siebten Band gelandet. Ja, man kann ihn unabhängig lesen – aber man merkt natürlich, dass hier eine Geschichte mitschwingt, die über Jahre gewachsen ist. Beziehungen, alte Wunden, vergangene Kämpfe – all das schwingt zwischen den Zeilen mit. Und genau das macht es gleichzeitig reizvoll und herausfordernd.
Im Zentrum stehen erneut Niels Oxen und Margrethe Franck. Zwei Figuren, die man sofort als gezeichnet erkennt – nicht im Sinne von schwach, sondern im Sinne von geprägt. Oxen trägt Narben, sichtbar und unsichtbar. Franck ist klug, strategisch, entschlossen. Und gemeinsam geraten sie wieder in den Sog einer alten Verschwörung: Der Geheimbund Danehof, den sie einst zerschlagen glaubten, scheint zurück zu sein. Oder war er nie ganz verschwunden?
Axel Mossman, wieder im Amt als Geheimdienstchef, bittet die beiden erneut um Hilfe. Und plötzlich geht es nicht mehr nur um alte Rechnungen, sondern um ein internationales Geflecht aus Macht, Manipulation und Spionage. Als ein mutmaßlicher Anführer tot in einem schwedischen See auftaucht und gleichzeitig der mysteriöse Tod eines chinesischen IT-Studenten Fragen aufwirft, wird klar: Hier läuft etwas Größeres im Hintergrund. Und jede falsche Bewegung könnte eine Kettenreaktion auslösen.
Was mich besonders fasziniert hat, war der starke Realitätsbezug. Die Thematik rund um internationale Spionage, digitale Überwachung und der mögliche Druck auf chinesische Studierende, Informationen weiterzugeben – das ist kein überzogenes Thriller-Szenario, sondern erschreckend nah an unserer Gegenwart. Genau das macht das Buch so intensiv. Es geht nicht um fiktive Super-Schurken, sondern um Systeme, Strukturen und Machtmechanismen, die durchaus plausibel wirken.
Und trotzdem – ich muss ehrlich sein: Der Einstieg war für mich zäh. Sehr zäh. Die Handlung nimmt sich viel Zeit. Vielleicht bewusst. Vielleicht, um die Mühsal von Ermittlungsarbeit realistisch darzustellen. Aber ich habe gemerkt, dass ich Geduld brauchte. Viel Geduld. Es dauert lange, bis sich die Fäden sichtbar verbinden und das Tempo anzieht.
Doch dann kam dieses Ende.
Fulminant. Verdichtet. Spannend. Alles, was vorher langsam aufgebaut wurde, entlädt sich in einem Finale, das keine Fragen offenlässt und emotional nachhallt. Und plötzlich ergibt die Länge Sinn. Plötzlich merkt man, wie sorgfältig alles vorbereitet wurde.
„Interregnum“ ist kein schneller Pageturner für zwischendurch. Es ist ein komplexer, politischer Spionage-Thriller mit Tiefgang. Einer, der Aufmerksamkeit verlangt. Und einen langen Atem. Aber wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird belohnt.
Für mich ein intensiver Einstieg in eine Reihe, die ich definitiv weiterverfolgen möchte – auch wenn ich jetzt wohl ganz von vorne anfangen muss.
4,5 von 5 Sternen. Und die leise Erkenntnis: Manchmal lohnt es sich, auch spät noch einzusteigen.





