Darcy Coates – Where He Can’t Find You

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Nicht, weil ständig Blut fließt oder alle paar Kapitel der nächste Schockmoment wartet, sondern weil sich diese unangenehme, bedrückende Atmosphäre langsam ausbreitet und sich wie ein Schatten über die gesamte Geschichte legt. Genau dieses Gefühl hatte ich bei Where He Can’t Find You von Darcy Coates.

Wer bereits Bücher der Autorin gelesen hat, weiß, dass sie ein unglaubliches Gespür dafür besitzt, Spannung aufzubauen, ohne den Leser permanent mit Jumpscares oder übertriebenen Horrorelementen zu überfordern. Stattdessen setzt sie auf dieses schleichende Unbehagen, das einen Seite für Seite begleitet. Und genau das funktioniert auch hier wieder hervorragend.

Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt, in der Menschen immer wieder spurlos verschwinden. Wenn sie irgendwann gefunden werden, sind ihre Körper verstümmelt und auf grausame Weise wieder zusammengenäht – mit roten Fäden. Allein diese Vorstellung hat mir schon beim Lesen eine Gänsehaut beschert.

Kein Wunder also, dass die Bewohner der Stadt nach festen Regeln leben. Regeln, die sie schützen sollen. Nach Einbruch der Dunkelheit bleibt niemand freiwillig draußen. Niemand geht allein irgendwohin. Jeder kennt die Geschichten über den sogenannten Stitcher.

Doch wie so oft reichen auch die besten Regeln irgendwann nicht mehr aus.

Als Abbys kleine Schwester Hope verschwindet, bleibt ihr keine andere Wahl, als sich selbst auf die Suche nach ihr zu machen. Und mit jedem Schritt kommt sie einer Wahrheit näher, die erschreckender ist, als sie es sich jemals hätte vorstellen können.

Was mir von Anfang an unglaublich gut gefallen hat, war die Atmosphäre.

Darcy Coates erschafft eine Welt, in der von der ersten Seite an das Gefühl mitschwingt, dass jederzeit etwas Schreckliches passieren könnte. Über der gesamten Geschichte liegt eine bedrückende Hoffnungslosigkeit. Die Stadt wirkt trostlos, die Bewohner leben in ständiger Angst und dieses Gefühl der Hilflosigkeit überträgt sich beim Lesen beinahe automatisch.

Ich liebe Horror, der nicht nur über Schockmomente funktioniert, sondern über Stimmung. Und genau das beherrscht Darcy Coates einfach unglaublich gut.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich außerdem Abbys Freundeskreis.

Während des Lesens musste ich tatsächlich mehr als einmal an ES von Stephen King denken. Nicht, weil sich die Geschichten gleichen, sondern wegen dieser besonderen Dynamik innerhalb der Gruppe. Unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Ängste und trotzdem halten alle zusammen, wenn es darauf ankommt.

Genau dieser Zusammenhalt hat mich immer wieder berührt.

Man fiebert automatisch mit ihnen mit, hofft, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen, und weiß gleichzeitig die ganze Zeit, dass in einem Horrorroman eigentlich niemand wirklich sicher ist.

Auch Abby selbst mochte ich unglaublich gern.

Sie ist mutig, ohne unbesiegbar zu wirken. Verzweifelt, ohne den Kopf zu verlieren. Gerade ihre Sorge um Hope und ihr Wunsch, sie um jeden Preis zu retten, machen viele ihrer Entscheidungen nachvollziehbar. Dass sie dabei immer wieder an ihre Grenzen stößt, macht sie als Figur nur noch authentischer.

Überhaupt fand ich die Charaktere sehr gelungen.

Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, jeder reagiert anders auf die Ereignisse und niemand wirkt wie eine bloße Nebenfigur, die nur dazu da ist, die Handlung voranzutreiben.

Und genau das sorgt dafür, dass die Gefahr noch realer wirkt.

Ein weiterer Punkt, den ich an Darcy Coates unglaublich schätze, ist ihr Talent, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken.

Mehr als einmal war ich mir sicher, genau zu wissen, wohin die Geschichte führt. Die Autorin präsentiert einem scheinbar offensichtliche Antworten und schafft es trotzdem, genau diese irgendwann wieder einzureißen. Dadurch bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten, ohne dabei konstruiert zu wirken.

Der Showdown hat mir dann richtig gut gefallen.

Man spürt förmlich, wie sich die Spannung immer weiter aufbaut, bis schließlich alles eskaliert. Die Auflösung entwickelt sich nicht plötzlich, sondern wächst langsam heran und genau dadurch wirkt sie umso intensiver.

Natürlich spart Darcy Coates auch diesmal nicht an makabren Szenen.

Gerade gegen Ende wird es stellenweise ziemlich brutal und blutig. Wer empfindlich auf Body Horror reagiert, sollte das definitiv im Hinterkopf behalten. Gleichzeitig hatte ich aber nie das Gefühl, dass die Gewalt nur des Effekts wegen eingesetzt wird. Sie passt zur Geschichte und unterstreicht den Horror, statt ihn künstlich größer wirken zu lassen.

Besonders gefallen hat mir außerdem der Schreibstil.

Er liest sich unglaublich flüssig, baut konstant Spannung auf und sorgt dafür, dass man immer noch ein Kapitel lesen möchte. Oder zwei. Oder drei. 😅 Ich hatte mehrfach den Vorsatz, das Buch zur Seite zu legen – und habe ihn genauso oft wieder verworfen, weil ich einfach wissen musste, was als Nächstes passiert.

Where He Can’t Find You ist für mich genau die Art von Horror-Thriller, die ich liebe. Keine billigen Schockeffekte, sondern eine Geschichte, die von ihrer Atmosphäre lebt. Düster, beklemmend und voller unterschwelliger Spannung, die einen bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt.

Dazu kommen authentische Figuren, ein großartiger Freundeskreis, der mir starke ES-Vibes vermittelt hat, eine clevere Handlung und ein Finale, das mich komplett überzeugen konnte.

Wer atmosphärischen Horror liebt, düstere Kleinstädte mag und Geschichten sucht, bei denen die Angst langsam unter die Haut kriecht, sollte sich dieses Buch unbedingt ansehen.

Für mich war Where He Can’t Find You ein absoluter Pageturner und eines meiner bisherigen Horror-Highlights.

5 von 5 schwarzen Herzen. 🖤


S. F. Williamson – Der Kodex der Drachen

Nachdem mich Die Sprache der Drachen wirklich begeistert hat, habe ich mich riesig auf die Fortsetzung gefreut. Das Ende von Band 1 hatte schließlich einige Fragen offen gelassen und ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Viv weitergeht.

Der Wiedereinstieg war für mich allerdings gar nicht so einfach.

Die Geschichte setzt zwar nach den Ereignissen des ersten Bandes an, nimmt einen aber ziemlich schnell wieder mit ins Geschehen. Das Problem war nur: Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau, wer jetzt eigentlich wer war. 😅

Es tauchen direkt wieder jede Menge Namen, Orte und politische Gruppierungen auf und ich habe mich am Anfang mehr als einmal gefragt, ob ich vielleicht doch nochmal Band 1 hätte querlesen sollen. Eine kleine Zusammenfassung hätte mir hier wirklich geholfen, denn so brauchte ich erst einmal einige Kapitel, bis ich wieder komplett in der Geschichte angekommen war.

Als das geschafft war, hatte mich die Welt aber ziemlich schnell wieder.

Dieses Mal verbringen wir deutlich weniger Zeit in London. Stattdessen geht es gemeinsam mit Viv und der Rebellenbewegung hinaus auf verschiedene Dracheninseln. Ihr Ziel: eine uralte Wyvern-Art finden und sie davon überzeugen, sich dem Kampf anzuschließen.

Gerade dieser Teil hat mir grundsätzlich richtig gut gefallen.

Ich liebe Drachen einfach. Und noch mehr liebe ich Geschichten, in denen Drachen eben nicht alle gleich sind. Hier gibt es unterschiedliche Arten mit ganz eigenen Eigenheiten, Sprachen und Lebensweisen. Genau das macht diese Reihe für mich so besonders.

Überhaupt finde ich die Idee, Sprache zum wichtigsten Element der Fantasywelt zu machen, unglaublich spannend. Nicht Schwerter oder Magie entscheiden hier alles, sondern Kommunikation. Vertrauen entsteht über Sprache, Bündnisse entstehen über Sprache und manchmal scheitert eben auch alles daran.

Dieses Konzept hebt die Reihe für mich wirklich von vielen anderen Drachenfantasys ab.

Trotzdem muss ich sagen, dass sich die erste Hälfte des Buches für mich etwas gezogen hat.

Die Suche nach den Wyvern nimmt einen großen Teil der Handlung ein. Natürlich passiert immer wieder etwas und es gibt auch gefährliche Situationen, aber insgesamt fehlte mir zwischendurch einfach ein bisschen das Tempo.

Vor allem die politischen Verstrickungen konnten mich nicht immer komplett abholen.

Das liegt aber auch ein bisschen an mir. Ich merke immer wieder, dass mir zu viel Politik in Fantasy irgendwann etwas zu trocken wird. Andere werden genau das wahrscheinlich lieben, für mich hat es den Lesefluss stellenweise eher ausgebremst.

Zum Glück ändert sich das im letzten Drittel komplett.

Ab ungefähr den letzten 150 Seiten nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und ich wollte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Genau dieses Gefühl hatte ich im ersten Band fast durchgehend.

Besonders gefallen hat mir außerdem, wie sich Viv entwickelt.

Sie trägt inzwischen unglaublich viel Verantwortung und wirkt deutlich reifer als noch zu Beginn der Reihe. Trotzdem bleibt sie sich selbst treu und genau das mag ich an ihr. Auch einige der neuen Nebenfiguren fand ich richtig gelungen und ich hoffe, dass sie im Finale noch eine größere Rolle spielen werden.

Ein paar Wendungen konnte ich leider schon recht früh vorhersehen. Das hat zwar etwas Spannung genommen, wirklich gestört hat es mich aber nicht.

Was ich an der Reihe nach wie vor liebe, ist einfach diese Welt.

Der Krieg zwischen Menschen und Drachen ist inzwischen allgegenwärtig und gleichzeitig zeigt die Geschichte sehr schön, dass es eben nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Auch innerhalb der Drachen gibt es Konflikte und unterschiedliche Interessen. Dadurch wirkt alles deutlich komplexer.

Und dann kam das Ende…

Bis zu diesem Buch war ich tatsächlich davon ausgegangen, dass die Reihe mit Band 2 abgeschlossen wird. Tja… falsch gedacht. 😅

Inzwischen wissen wir ja, dass Die Sprache der Drachen eine Trilogie wird und genau so fühlt sich dieser Band auch an. Viele Dinge werden vorbereitet, einiges bleibt bewusst offen und natürlich endet alles genau so, dass man sofort wissen möchte, wie es weitergeht.

Fazit

Für mich konnte Der Kodex der Drachen leider nicht ganz mit seinem Vorgänger mithalten. Der Einstieg war etwas holprig und gerade die erste Hälfte zog sich für meinen Geschmack stellenweise etwas.

Dafür punktet die Geschichte wieder mit ihrem außergewöhnlichen Sprachkonzept, den unterschiedlichen Drachenarten und einer Welt, die ich nach wie vor unglaublich spannend finde. Vor allem das letzte Drittel konnte mich dann wieder richtig packen und hat meine Vorfreude auf das Finale deutlich gesteigert.

Es ist für mich so ein typischer Mittelband einer Trilogie: Er bereitet vieles vor, entwickelt die Figuren weiter und erweitert die Welt, erreicht aber noch nicht ganz die Sogwirkung des ersten Bandes.

Trotzdem freue ich mich jetzt schon darauf zu erfahren, wie Vivs Geschichte am Ende ausgehen wird.

3,5 von 5 schwarzen Herzen. 🖤



‚Witch Hunt‘ von Susanne Kaiser

Manchmal greife ich zu einem Krimi, weil ich Lust auf einen spannenden Fall habe. Ein Verbrechen, ein paar falsche Fährten, vielleicht ein Ermittlerteam, das sich durch ein Netz aus Lügen arbeitet. Und dann gibt es Bücher wie Witch Hunt‘ von Susanne Kaiser, die zwar all das mitbringen, aber gleichzeitig noch etwas ganz anderes machen.

Sie halten einem einen Spiegel vor.

Und genau deshalb hat mich dieses Buch so beschäftigt.

Im Mittelpunkt steht eine Politikerin, die Ziel einer massiven Hasskampagne wird. Was zunächst wie die Tat einzelner Täter wirkt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Größerem. Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen, digitale Hetze – die Angriffe werden immer heftiger und immer persönlicher. Um herauszufinden, wer dahintersteckt, wird Obalski undercover in ihr Umfeld eingeschleust. Doch je tiefer die Ermittlungen führen, desto deutlicher wird, dass hier nicht nur einzelne Menschen handeln, sondern ganze Strukturen wirken.

Schon nach wenigen Kapiteln war ich komplett in der Geschichte drin. Nicht nur wegen des Falls selbst, sondern vor allem wegen der Atmosphäre. Über allem liegt diese permanente Anspannung. Dieses Gefühl, dass jederzeit etwas eskalieren könnte. Dass irgendwo jemand zusieht. Dass hinter jeder Nachricht, jedem Kommentar und jeder scheinbar harmlosen Begegnung etwas Größeres lauert.

Besonders beeindruckt hat mich, wie geschickt Susanne Kaiser Spannung und gesellschaftliche Themen miteinander verbindet. Oft habe ich bei Romanen, die aktuelle Debatten aufgreifen, das Gefühl, dass entweder die Botschaft oder die Handlung im Vordergrund steht. Hier funktioniert beides gleichzeitig. Die gesellschaftliche Dimension macht den Kriminalfall sogar noch stärker, weil sie ihm eine erschreckende Glaubwürdigkeit verleiht.

Was mich dabei besonders beschäftigt hat, war das Motiv der modernen Hexenjagd. Frauen, die sichtbar sind. Frauen, die laut sind. Frauen, die Macht haben oder Einfluss ausüben. Genau diese Frauen geraten ins Visier. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht haben, sondern weil sie existieren und Raum einnehmen. Dieses Thema zieht sich durch die gesamte Geschichte und wirkt nie aufgesetzt. Im Gegenteil. Es ergibt sich ganz selbstverständlich aus den Ereignissen und macht vieles noch bedrückender.

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie viel davon eigentlich Fiktion ist.

Und irgendwann kam ich zu dem Punkt, an dem ich diese Frage gar nicht mehr beantworten konnte.

Denn vieles wirkt erschreckend real. Die Mechanismen hinter digitalem Hass, die Dynamik von Hetzkampagnen und die Geschwindigkeit, mit der sich Empörung und Aggression verbreiten, kennen wir alle längst aus den Nachrichten oder sozialen Medien. Genau deshalb hat mich das Buch stellenweise so unangenehm erwischt. Nicht, weil die Autorin besonders drastische Szenen beschreibt, sondern weil man ständig das Gefühl hat, dass all das genauso auch außerhalb der Buchseiten passieren könnte.

Oder längst passiert.

Trotz dieser gesellschaftlichen Schwere verliert die Geschichte aber nie ihre Spannung. Ich habe wirklich bis zum Schluss gerätselt, wem man vertrauen kann und wer welche Rolle in diesem Geflecht aus Manipulation, Angst und Macht spielt. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, worauf alles hinausläuft, kam eine neue Information, die meine Theorie wieder über den Haufen geworfen hat.

Genau solche Krimis liebe ich.

Nicht die, die auf möglichst viele Leichen setzen, sondern die, die einen ständig zum Nachdenken bringen.

Auch die Figuren haben für mich hervorragend funktioniert. Sie wirken nicht wie Schablonen, die eine bestimmte Botschaft transportieren sollen, sondern wie Menschen mit eigenen Motiven, Unsicherheiten und Interessen. Gerade dadurch wirken viele Konflikte so glaubwürdig.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Tatsache, dass Witch Hunt keine einfachen Antworten liefert. Das Buch zeigt, wie komplex die Themen sind, die es verhandelt. Es gibt nicht den einen Schuldigen, der alles ausgelöst hat und dessen Verhaftung plötzlich alle Probleme löst. Stattdessen geht es um Systeme, Dynamiken und gesellschaftliche Strukturen. Genau das macht die Geschichte so stark und gleichzeitig so unbequem.

Für mich war Witch Hunt deshalb weit mehr als ein spannender Krimi. Es ist ein Gesellschaftskrimi, der aktuelle Themen aufgreift, ohne jemals belehrend zu wirken. Ein Buch, das Spannung erzeugt und gleichzeitig Fragen stellt, die noch lange nach der letzten Seite im Kopf bleiben.

Und genau solche Geschichten bleiben mir am Ende oft am stärksten in Erinnerung.

Weil sie nicht nur unterhalten.

Sondern etwas auslösen.


‚Hazelthorn’ von C.G. Drews

Manche Bücher liest man. Und manche Bücher kriechen einem unter die Haut.

Hazelthorn’ von C.G. Drews gehört ganz eindeutig zur zweiten Kategorie.

Schon nach wenigen Seiten hatte ich dieses Gefühl von unterschwelliger Beklemmung. Dieses leise Unbehagen, das sich langsam ausbreitet und mit jeder Seite stärker wird. Nicht die Art von Horror, die einen mit Schockmomenten überfällt. Sondern die Art, die sich in den Schatten versteckt, hinter Türen wartet und einem ständig das Gefühl gibt, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt.

Und genau das macht dieses Buch so besonders.

Die Geschichte beginnt auf Hazelthorn Manor, einem alten, düsteren Anwesen voller Geheimnisse. Dort lebt Evander seit seiner Kindheit praktisch versteckt vor der Welt. Sein Leben wird von Regeln bestimmt. Regeln, die scheinbar zu seinem Schutz existieren.

Verlasse niemals das Anwesen.

Betritt niemals den Garten.

Und vor allem: Sei niemals wieder allein mit Laurie.

Allein diese Ausgangssituation hat mich sofort neugierig gemacht.

Denn natürlich möchte man wissen, warum.

Warum darf Evander nicht hinaus?

Warum ist der Garten so gefährlich?

Und warum scheint ausgerechnet Laurie eine Gefahr für ihn darzustellen?

Als dann auch noch Evanders Vormund stirbt und er plötzlich nicht nur das Vermögen, sondern auch Hazelthorn Manor erbt, beginnt sich langsam ein Netz aus Geheimnissen, Lügen und verdrängten Wahrheiten zu öffnen.

Und ganz ehrlich? Je tiefer die Geschichte ging, desto unangenehmer wurde sie. Im besten Sinne.

Denn C.G. Drews erschafft hier eine Atmosphäre, die mich während des gesamten Buches begleitet hat.

Dieses Anwesen lebt. Nicht im wörtlichen Sinne. Aber es fühlt sich an, als würde es atmen. Jeder Flur. Jeder Raum. Jede knarrende Treppe. Und dann natürlich dieser Garten.

Dieser albtraumhafte, wuchernde Garten, der sich wie eine eigene Kreatur durch die Geschichte zieht.

Bedrohlich. Hungrig. Unberechenbar.

Die Pflanzen in Hazelthorn sind weit entfernt von allem Romantischen oder Märchenhaften.

Sie sind grotesk. Faszinierend. Und manchmal einfach nur verstörend. Genau deshalb konnte ich nie aufhören zu lesen.

Denn ständig wollte ich wissen, was als Nächstes hinter den Hecken, Mauern oder Erinnerungen verborgen liegt.

Besonders beeindruckt hat mich dabei Evander. Er ist keine typische YA-Hauptfigur. Kein selbstsicherer Held. Kein Auserwählter.

Kein Charakter, der sofort auf jede Situation eine Antwort hat. Im Gegenteil. Evander wirkt oft verloren. Überfordert. Verunsichert.

Er kämpft mit Erinnerungen, die sich nur bruchstückhaft zeigen, mit seiner Isolation und mit einer Realität, die ihm selbst zunehmend entgleitet.

Dadurch entsteht eine enorme Nähe zu ihm.

Man erlebt die Geschichte nicht nur mit ihm.

Man fühlt sich genauso orientierungslos.

Genauso unsicher.

Und genau deshalb funktionieren viele Enthüllungen so gut.

Denn die Fragen, die sich dem Leser stellen, beschäftigen auch Evander.

Was ist wirklich passiert?

Wem kann man vertrauen?

Und vor allem: Was ist eigentlich real?

Natürlich müssen wir auch über Laurie sprechen.

Denn Laurie ist eine dieser Figuren, die sich konsequent jeder klaren Einordnung verweigern.

Mal wirkt er charmant. Mal gefährlich. Mal verletzlich. Und dann wieder vollkommen undurchschaubar.

Immer wieder hatte ich das Gefühl, ihn endlich verstanden zu haben.

Nur um wenige Kapitel später festzustellen, dass ich offensichtlich gar nichts verstanden habe.

Und genau das macht seine Dynamik mit Evander so spannend.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, leise Romance, die nie die Handlung dominiert.

Sie drängt sich nicht in den Vordergrund.

Sie existiert vielmehr zwischen den Zeilen. In Blicken. In Gesten. In Momenten des Vertrauens. Gerade deshalb wirkte sie für mich unglaublich authentisch.

Denn eigentlich erzählt Hazelthorn keine Liebesgeschichte.

Es erzählt eine Geschichte über Einsamkeit. Über Identität. Über Manipulation. Über Angst. Und darüber, was passiert, wenn Menschen ihr ganzes Leben lang glauben, sie seien falsch.

Die Romance verleiht all dem lediglich einen zusätzlichen, bittersüßen Unterton.

Was mich außerdem unglaublich beeindruckt hat, war der Schreibstil.

Ich weiß, dass poetische Sprache manchmal Geschmackssache ist.

Aber hier hat sie für mich perfekt funktioniert.

C.G. Drews schreibt bildhaft, atmosphärisch und stellenweise fast schon hypnotisch. Manche Sätze wirken wie kleine Messer. Andere wie Gedichte. Und trotzdem verliert sich die Geschichte nie komplett in ihrer Sprache. Sie bleibt greifbar. Emotional. Verstörend.

Besonders gelungen fand ich auch die Horrorelemente. Sie werden nie inflationär eingesetzt. Die Autorin verlässt sich nicht auf billige Schockmomente.

Stattdessen entsteht der Horror aus der Atmosphäre, den Figuren und der stetigen Unsicherheit darüber, was wirklich geschieht.

Und genau das ist für mich oft viel wirkungsvoller.

Natürlich konnte ich nicht jede Wendung überraschen.

Einige Entwicklungen habe ich kommen sehen.

Aber das hat meinem Leseerlebnis überhaupt nicht geschadet.

Denn bei Hazelthorn geht es für mich weniger um den Überraschungseffekt als um die Reise selbst.

Um dieses langsame Abgleiten in etwas Dunkles.

Etwas Trauriges. Etwas Unheimliches. Und dann dieses Ende.

Dieses wunderschöne, schmerzhafte, perfekte Ende. Eines dieser Enden, die nicht laut sind. Die nicht alles erklären. Aber genau deshalb noch lange nachhallen.

Hazelthorn ist düster, melancholisch und stellenweise erschreckend schön.

Eine Geschichte voller Geheimnisse, Einsamkeit, toxischer Beziehungen, Manipulation und der Frage, wer wir eigentlich sind, wenn uns niemand mehr sagt, wer wir sein sollen.

Der Horror sitzt hier nicht nur zwischen den Pflanzen und den Mauern von Hazelthorn Manor.

Er sitzt oft direkt im Herzen der Figuren.

Und genau deshalb geht diese Geschichte so unter die Haut.

Ein atmosphärischer, poetischer und beklemmender Roman, der mich noch lange nach der letzten Seite beschäftigt hat.