Manche Reihen fühlen sich mit der Zeit an wie alte Bekannte. Man weiß genau, was einen erwartet – und freut sich trotzdem jedes Mal wieder darauf. Vielleicht sogar gerade deshalb.
Bei mir ist das mit der Reihe „Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln“ ganz eindeutig so. Und mit Der Kurator von M. W. Craven hat sich dieses Gefühl einmal mehr bestätigt.
Mittlerweile ist es schon der dritte Band, den ich gelesen habe – und ja, meine Erwartungen waren hoch. Sehr hoch. Vielleicht sogar ein kleines bisschen gefährlich hoch. Aber was soll ich sagen? Craven hat mich wieder komplett abgeholt.
Schon der Einstieg ist typisch für ihn: skurril, düster, verstörend – und irgendwie auch makaber faszinierend. Abgetrennte Finger, liebevoll in Wichtelpaketen verpackt? Willkommen im neuen Fall für Washington Poe und Tilly Bradshaw. Ab diesem Moment war klar: Das hier wird nichts für schwache Nerven. Und nichts für „Ich lese nur noch zehn Seiten vor dem Schlafengehen“.
Natürlich beginnen Poe und Tilly sofort zu ermitteln – und natürlich läuft absolut nichts nach Plan. Verdächtige gestehen Dinge, die sie eigentlich nicht wissen können. Leugnen Beweise, die eindeutig scheinen. Spuren führen ins Nichts. Und irgendwo dazwischen sitzt man als Leserin und denkt: Okay… Moment… was genau passiert hier eigentlich?
Genau das liebe ich an Craven.
Er spielt mit Erwartungen. Baut Theorien auf. Lässt sie zusammenbrechen. Führt einen in eine Richtung – nur um im nächsten Kapitel alles wieder über den Haufen zu werfen. In kurzen, knackigen Kapiteln treibt er die Handlung voran, ohne je das Tempo zu verlieren. Es fühlt sich an, als würde man permanent einen kleinen Sprint hinlegen. Keine Zeit zum Durchatmen. Keine Zeit zum Abschweifen. Nur: weiterlesen.
Besonders intensiv fand ich wieder die Atmosphäre. Ein großer Teil der Handlung spielt auf einer kleinen, fast unbewohnten Insel in der Irischen See. Abgeschieden. Rau. Still. Und genau deshalb so beklemmend. Diese klassische Locked-Room-Stimmung – niemand kommt rein, niemand raus, irgendwo dazwischen ein Täter – ist hier unglaublich stark umgesetzt. Ich hatte beim Lesen ständig dieses kalte Gefühl im Nacken, als würde gleich etwas passieren. Dieses leise Unbehagen, das einen nicht loslässt.
Und dann sind da natürlich Poe und Tilly.
Diese beiden tragen die Reihe für mich ganz klar. Poe mit seiner rauen, eigensinnigen Art, seinem trockenen Humor und seinen inneren Narben. Tilly mit ihrer brillanten Intelligenz, ihrer Loyalität und ihrer ganz eigenen Sicht auf die Welt. Ihre Dynamik ist einfach großartig. Mal witzig, mal emotional, mal tiefgründig – und immer glaubwürdig. Sie fühlen sich längst nicht mehr wie Romanfiguren an, sondern wie Menschen, die man schon lange begleitet.
Was mich besonders beeindruckt hat: Bis zur letzten Seite hatte ich keine Ahnung, wie das Ganze ausgehen würde. Wirklich keine. Ich habe Theorien aufgestellt. Wieder verworfen. Neue entwickelt. Und lag am Ende trotzdem daneben. Diese Fähigkeit, Leserinnen und Leser so konsequent in die Irre zu führen, ohne dass es konstruiert wirkt, beherrscht Craven einfach meisterhaft.
Die Story bleibt komplex, logisch und durchdacht – selbst dann, wenn sie unglaublich verschlungen wird. Alles fügt sich am Ende zusammen. Jedes Detail hat seinen Platz. Nichts fühlt sich zufällig an.
Für mich ist „Der Kurator“ wieder ein Paradebeispiel dafür, wie moderner, intelligenter Krimi aussehen kann: spannend, düster, clever, mit Humor und starken Figuren. Kein 08/15-Serienkiller-Thriller, sondern ein Buch, das mitdenkt, fordert und überrascht.
Ich habe das Buch verschlungen. Ich habe mitgerätselt. Ich habe geflucht. Ich habe gestaunt. Und ich habe es viel zu schnell beendet.
⭐️⭐️⭐️⭐️✨ 4,5/5 Sterne
Ein hochspannender, atmosphärischer und clever konstruierter Krimi, der einmal mehr zeigt, warum diese Reihe für mich zu den besten gehört, die der Thriller-Markt aktuell zu bieten hat.
Die Fortsetzung liegt übrigens schon auf meinem Nachttisch.
Und ich ahne: Schlaf wird wieder überbewertet. 📚🖤





