„Man liest immer das, was man gerade braucht.“
Dieser Satz ist mir schon so oft begegnet, dass ich ihn irgendwann kaum noch bewusst wahrgenommen habe. Er taucht auf Instagram auf, in Buchblogs, in Rezensionen, in Gesprächen mit anderen Leserinnen. Fast wie ein stilles Mantra unserer kleinen Buchbubble. Und lange habe ich darüber hinweggenickt, ohne groß darüber nachzudenken.
Ja ja, klingt schön. Klingt klug. Klingt ein bisschen poetisch.
Aber stimmt das wirklich?
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Ich glaube, da ist tatsächlich etwas dran. Und zwar mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.
Wenn ich meine eigenen Lesephasen betrachte, erkenne ich oft erst im Nachhinein ein Muster. Zeiten, in denen ich nur leichte Romance verschlungen habe. Zeiten, in denen es plötzlich nur Thriller sein durften. Phasen voller Fantasy, Magie, Drachen und fremder Welten. Und dann wieder Monate, in denen ich kaum ein Buch beenden konnte.
Und fast immer hatte das etwas mit mir zu tun. Mit meinem Alltag. Meiner Stimmung. Meiner inneren Verfassung.
Gerade im Fantasy-Bereich fällt mir das extrem auf.
Wenn mein Kopf voll ist, wenn alles zu laut wird, wenn das echte Leben mir gerade zu viel abverlangt – dann greife ich fast automatisch zu Fantasy. Zu Geschichten, in denen andere Regeln gelten. In denen Magie existiert. In denen Probleme mit Schwertern, Zaubern oder Mut gelöst werden. In denen Gut und Böse oft klarer getrennt sind als im echten Leben.Fantasy ist für mich dann keine Unterhaltung. Es ist Flucht. Rettungsboot. Atemholen.
Ich tauche ab in fremde Welten, weil meine eigene mir gerade zu eng ist.
Und plötzlich merke ich: Ich brauche gerade genau das.
An anderen Tagen wiederum habe ich Lust auf Thriller. Auf Spannung. Auf Rätsel. Auf dieses Miträtseln und Mitfiebern. Dann will mein Kopf beschäftigt werden. Ablenkung durch Adrenalin. Durch „Was passiert als Nächstes?“.
Manchmal greife ich zu emotionalen Liebesgeschichten. Meist dann, wenn ich selbst Nähe, Wärme oder Trost brauche. Wenn mein Herz ein bisschen angeschlagen ist. Oder einfach müde.
Und manchmal… lese ich fast gar nichts.
Auch das gehört dazu.
Dann sagt mein Inneres vielleicht: Ich brauche gerade Pause. Ruhe. Kein Input. Keine Geschichten. Nur Sein.
Früher habe ich mich dafür oft verurteilt. Habe gedacht: Warum liest du gerade so wenig? Was stimmt nicht mit dir?
Heute sehe ich das anders.
Vielleicht lese ich dann einfach gerade das, was ich brauche: nichts.
Was ich an diesem Spruch so schön finde, ist, dass er Lesen von Leistung befreit. Von Zahlen. Von Challenges. Von „Ich muss noch fünf Bücher diesen Monat schaffen“.
Er erinnert mich daran, dass Lesen etwas sehr Intimes ist. Etwas Persönliches. Etwas, das mit unserer Stimmung, unseren Sorgen, unseren Hoffnungen und unseren Bedürfnissen verknüpft ist.
Wir wählen unsere Bücher nicht zufällig. Sie wählen uns oft genauso.
Vielleicht greifen wir genau deshalb zu bestimmten Geschichten, ohne es bewusst zu planen. Weil irgendetwas in uns sagt: Das hier tut mir gerade gut. Oder: Das hier lenkt mich ab. Oder: Das hier hilft mir, Dinge zu fühlen, die ich sonst wegdrücke.
Und manchmal merken wir erst nach dem Lesen, warum genau dieses Buch jetzt richtig war.
Ich glaube, man liest nicht immer nur aus Lust.
Man liest aus Sehnsucht.
Aus Müdigkeit.
Aus Überforderung.
Aus Hoffnung.
Aus Neugier.
Aus dem Wunsch, für ein paar Stunden jemand anders zu sein.
Und vielleicht ist genau das der Zauber daran.
Wie ist das bei euch?
Habt ihr auch das Gefühl, dass eure Bücher oft zu eurer Lebensphase passen?
Greift ihr in stressigen Zeiten eher zu Fantasy?
In ruhigen Phasen zu anderen Genres?
Oder lest ihr einfach, worauf ihr Lust habt – ganz ohne Analyse?
Ich bin gespannt auf eure Gedanken. 📚💙





