Wie ich zu Vera Buck stehe, wisst ihr inzwischen wahrscheinlich. Oder? 😅
Ich habe irgendwann völlig zufällig eines ihrer Bücher in die Hand genommen, wollte eigentlich nur kurz reinlesen und tja … seitdem bin ich ihr verfallen. Wenn Vera Buck draufsteht, muss ich inzwischen eigentlich gar nicht mehr lange überlegen.
Entsprechend gespannt war ich auf „Keine Angst, Darling“. Und allein der Klappentext hat bei mir schon sämtliche Alarmglocken klingeln lassen. Eine abgeschottete Luxussiedlung in Florida, eine nach außen perfekte Familie, Millionen Follower, die dieses Leben bewundern – und Frauen, die verschwinden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten?
Ja. Bitte. Her damit.
Willkommen im perfekten Leben
Lea scheint genau das zu haben, was sich viele wünschen. Sie lebt mit ihrem Mann Matt und ihrer Tochter in Sancta Familia, einer luxuriösen, streng abgeschirmten Wohnanlage in Florida. Ihr Leben sieht aus wie aus einem Hochglanzmagazin. Ein wunderschönes Zuhause, ein erfolgreicher Ehemann, eine glückliche Familie – und Millionen Menschen verfolgen online begeistert ihren Alltag.
Zumindest ist das die Version, die Lea nach außen zeigt.
Ihre Schwester Paula lebt in Deutschland und betrachtet dieses perfekte Leben deutlich skeptischer. Als Lea plötzlich nicht mehr erreichbar ist, wird aus einem unguten Gefühl echte Sorge. Paula reist nach Florida, um herauszufinden, was mit ihrer Schwester passiert ist.
Doch Lea ist nicht da. Matt behauptet, sie sei in einem Retreat. Kein Grund zur Sorge. Natürlich.
Denn wenn ich in einem Thriller eines gelernt habe, dann wohl: Wenn alle behaupten, man müsse sich wirklich überhaupt keine Sorgen machen, sollte man sich wahrscheinlich sehr große Sorgen machen.
Paula beginnt nachzuforschen und je genauer sie sich Sancta Familia ansieht, desto mehr bekommt die makellose Fassade Risse.
Und was darunter zum Vorschein kommt, fand ich teilweise erschreckender als so manchen blutigen Thriller.
Wenn Kontrolle als Liebe verkauft wird
Ein großer Teil der Geschichte dreht sich um die Beziehung zwischen Lea und Matt – und genau diese fand ich unglaublich beklemmend.
In Sancta Familia herrscht ein sehr bestimmtes Bild davon, wie eine glückliche Ehe auszusehen hat. Der Mann führt, trifft die Entscheidungen und gibt die Regeln vor. Die Frau unterstützt ihn, kümmert sich um Familie und Haushalt und ordnet sich unter.
Ein Rollenbild, das eigentlich aus einer längst vergangenen Zeit stammen könnte und trotzdem erschreckend aktuell wirkt.
Besonders gut fand ich, dass Vera Buck Lea dabei nicht einfach als naive Frau darstellt, bei der man sich ständig fragt: Warum gehst du nicht?
Stattdessen zeigt sie Stück für Stück, wie Lea überhaupt an diesen Punkt gekommen ist.
Denn solche Strukturen entstehen eben nicht unbedingt von heute auf morgen.
Es beginnt mit kleinen Dingen. Entscheidungen werden einem abgenommen. Grenzen verschieben sich. Kontrolle wird als Fürsorge verkauft. Einschränkungen werden mit Sicherheit begründet. Und irgendwann ist aus all diesen kleinen Schritten etwas geworden, das von außen betrachtet vollkommen offensichtlich erscheint – für die Person mittendrin aber längst zur Normalität geworden ist.
Gerade diese Entwicklung fand ich erschreckend glaubwürdig.
Matt und Lea leben nicht irgendwo versteckt fernab der Zivilisation. Sie leben in einer luxuriösen Community, die Sicherheit, Wohlstand und Gemeinschaft verspricht.
Ein Paradies hinter hohen Zäunen.
Zumindest solange man sich an die Regeln hält.
Zwei Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten
Mindestens genauso wichtig wie die Ehe zwischen Lea und Matt ist die Beziehung zwischen Lea und Paula.
Auch die ist alles andere als unkompliziert.
Paula versteht viele Entscheidungen ihrer Schwester nicht. Gleichzeitig hat sie dieses starke Bedürfnis, Lea zu beschützen. Sie ist die große Schwester, die aufpassen möchte, selbst wenn Lea ihre Hilfe vielleicht gar nicht haben will.
Durch die Vergangenheit der beiden wird aber immer deutlicher, woher diese Dynamik kommt.
Genau das mochte ich unglaublich gerne. Vera Buck verteilt nicht einfach klare Rollen von Gut und Böse. Sie gibt ihren Figuren Vorgeschichten, Verletzungen und Gründe für ihr Verhalten.
Ich konnte nicht jede Entscheidung nachvollziehen, aber ich konnte verstehen, woher sie kam.
Und das ist für mich ein großer Unterschied.
Diese verdammten Wendungen!
Was die Spannung angeht, hatte mich Vera Buck wirklich von der ersten Seite.
Ich habe bei Thrillern inzwischen oft das Problem, dass ich ziemlich früh anfange, mögliche Auflösungen durchzuspielen. Und wenn man viel in diesem Genre liest, liegt man leider auch immer häufiger richtig.
Hier? Nope.
Ich hatte Theorien. Natürlich hatte ich Theorien.
Und Vera Buck hat sie mir teilweise mit einer einzigen neuen Information komplett zerlegt.
Mehr als einmal dachte ich, jetzt verstanden zu haben, worauf die Geschichte hinausläuft. Dann wird irgendwo ein Detail eingestreut und plötzlich sieht die ganze Situation vollkommen anders aus.
Genau DAS möchte ich bei einem Thriller!
Dabei bleibt die Geschichte durchgehend angenehm kompakt. Es gibt für mich keine unnötigen Nebenhandlungen, keine seitenlangen Erklärungen und keine Stellen, bei denen ich dachte: Jetzt komm doch bitte endlich zum Punkt.
Die Kapitel flogen nur so dahin.
Zusätzlich wird die klassische Erzählung immer wieder durch fiktive TikTok-Transkripte, Tagebucheinträge und andere Einschübe unterbrochen. Das passt nicht nur hervorragend zu Leas öffentlichem Leben, sondern zeigt auch wunderbar den Unterschied zwischen dem, was Millionen Menschen online sehen – und dem, was tatsächlich hinter verschlossenen Türen passiert.
Gerade dieser Gegensatz zwischen perfekter Social-Media-Welt und Realität hat für mich wahnsinnig gut funktioniert.
Ein Thriller, der unangenehm aktuell wirkt
Was mich an „Keine Angst, Darling“ besonders beschäftigt hat, ist die Tatsache, dass vieles eben nicht nach völlig überzogener Thrillerfantasie klingt.
Vera Buck greift Lebensmodelle und Vorstellungen auf, die auch heute wieder öffentlich propagiert und über soziale Medien teilweise regelrecht romantisiert werden.
Und natürlich darf jeder sein Leben so führen, wie er möchte.
Problematisch wird es dort, wo aus einer freiwilligen Entscheidung Erwartung wird. Wo Abhängigkeit entsteht. Wo Kontrolle als Schutz verkauft wird und eine Frau irgendwann kaum noch selbst entscheiden kann, wie ihr eigenes Leben aussehen soll.
Gerade deshalb fand ich auch das Nachwort unglaublich lesenswert.
Vera Buck erzählt dort mehr darüber, woher die Idee zur Geschichte stammt, und geht auf die problematischen Strukturen hinter solchen Lebenswelten, häusliche Gewalt und mögliche Folgen ein. Auch ihre Gedanken zum Ende des Buches fand ich sehr interessant.
Und dieses Ende …
Darüber sage ich natürlich nichts. Aber ich hatte Gesprächsbedarf. Sehr viel Gesprächsbedarf.
Mit „Keine Angst, Darling“ hat Vera Buck für mich endgültig bewiesen, dass mein zufälliges Reinlesen damals ziemlich gefährlich für meinen SUB war. 😅
Ich liebe, wie sie gesellschaftliche Themen in Thriller verpackt, ohne dass sich die Geschichte irgendwann wie eine Abhandlung darüber liest. Im Mittelpunkt steht immer noch ein verdammt spannender Plot.
Lea hat mich beschäftigt. Paula hat mich mitfiebern lassen. Sancta Familia hat mich von Anfang an misstrauisch gemacht und bei manchen Wendungen hat Vera Buck mir einfach mal gepflegt den Boden unter den Füßen weggezogen.
Dazu dieser Kontrast zwischen der makellosen Onlinewelt und dem, was hinter verschlossenen Türen passiert.
Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen.
Spannend von Anfang bis Ende, unangenehm nah an der Realität und mit Wendungen, die mich tatsächlich überraschen konnten.
Vera Buck hat sich damit endgültig einen Platz auf meiner Liste der Autorinnen gesichert, deren Bücher ich wahrscheinlich lesen würde, ohne vorher auch nur den Klappentext anzuschauen.
Und jetzt verabschiede ich mich nur sehr ungern von Lea und Paula.
5 von 5 Herzen 🖤
Für diese Idee. Für die Umsetzung. Für die Wendungen.
Und dafür, dass Vera Buck es mal wieder geschafft hat, dass aus „Ich lese nur noch ein Kapitel“ plötzlich eine ziemlich kurze Nacht wurde.