Nachdem meine letzte Lesewoche stark von Fantasy geprägt war, hatte ich plötzlich wieder Lust auf etwas Bodenständigeres. Kein Drachenfeuer, keine Magie, keine epischen Schlachten – sondern einen guten, clever konstruierten Kriminalroman. Genau deshalb griff ich zu „Die Witwe“ von M. W. Craven, dem vierten Band der Reihe rund um DS Washington Poe und die brillante Analytikerin Tilly Bradshaw.
Und was soll ich sagen: Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten.
Schon der Einstieg macht neugierig. Washington Poe wird zu einem Mordfall in ein Hinterhofbordell in Carlisle gerufen – eine eher ungewöhnliche Ausgangslage für ihn, denn normalerweise hat er es mit deutlich größeren Kalibern zu tun, meistens mit Serienmördern. Dieser Fall scheint zunächst fast banal: ein eskalierter Streit mit einem Zuhälter, ein Mord, der auf den ersten Blick relativ klar wirkt.
Doch Poe wäre nicht Poe, wenn er sich mit dem Offensichtlichen zufriedengeben würde.
Schon bald fällt auf, dass am Tatort etwas fehlt: eine kleine Keramikfigur in Form einer Ratte. Auf den Fotos der Spurensicherung ist sie noch deutlich zu erkennen, doch später ist sie verschwunden. Das bedeutet, dass jemand aus dem Ermittlerteam sie genommen haben muss. Ein Detail, das zunächst unscheinbar wirkt – und doch der Beginn einer Spur ist, die in eine ganz andere Richtung führt.Hier kommt Tilly Bradshaw ins Spiel.
Mit ihrem unglaublichen Gedächtnis und ihrer analytischen Denkweise erinnert sie sich an einen alten, ungeklärten Banküberfall aus der Vergangenheit. Damals wurde nichts gestohlen – stattdessen wurde ebenfalls eine Keramikratte zurückgelassen. Eine merkwürdige Visitenkarte, die plötzlich eine Verbindung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Ereignissen herstellt.
Je tiefer Poe und Tilly graben, desto komplizierter wird der Fall. Was zunächst wie ein isoliertes Verbrechen wirkt, entpuppt sich als Teil eines viel größeren Geflechts. Plötzlich taucht sogar der MI5 auf der Bildfläche auf, und aus einem scheinbar kleinen Mordfall wird eine Angelegenheit von internationaler Bedeutung.
Was ich an dieser Reihe besonders liebe, sind die Figuren.
Washington Poe ist kein klassischer Ermittlerheld. Er ist stur, unbequem und hat ein großes Talent dafür, sich mit Vorgesetzten anzulegen. Regeln betrachtet er eher als Vorschläge, und Machtspiele kann er überhaupt nicht ausstehen. Gleichzeitig ist er brillant, hartnäckig und besitzt ein Gespür für Zusammenhänge, das ihn immer wieder auf die richtige Spur bringt.
Seine Partnerin Tilly Bradshaw ist dabei der perfekte Gegenpol. Ein mathematisches Genie, eine brillante Analystin – und gleichzeitig jemand, der sich mit sozialen Feinheiten lange schwergetan hat. Gerade diese Mischung macht sie zu einer unglaublich spannenden Figur. In diesem Band merkt man außerdem, dass sie sich weiterentwickelt. Sie gewinnt mehr Sicherheit im Umgang mit Menschen, ohne dabei ihre einzigartige Art zu verlieren.
Die Dynamik zwischen Poe und Tilly ist für mich weiterhin das Herz dieser Reihe.
Sie vertrauen einander blind, ergänzen sich perfekt und stehen füreinander ein – selbst dann, wenn die Situation kompliziert wird.
Ein kleines bisschen schade fand ich allerdings, dass einige Nebenfiguren diesmal weniger Raum bekommen haben. DI Flynn fehlt leider komplett, und auch die von mir sehr geschätzte Rechtsmedizinerin Estelle Doyle taucht nur kurz auf. Dafür bekommen wir es mit neuen Figuren zu tun, darunter der Geheimdienstchef Alastair Locke, der eine interessante Rolle spielt und Poe mehr als einmal überrascht.
Der Schreibstil von M. W. Craven bleibt auch in diesem Band gewohnt flüssig und angenehm zu lesen. Besonders mag ich den trockenen britischen Humor, der immer wieder durchblitzt und selbst in ernsten Situationen für kleine, subtile Schmunzler sorgt.
Eine Besonderheit dieses Falls ist außerdem der militärische Hintergrund, der immer wieder auftaucht. Das entsprechende Fachvokabular wirkt anfangs etwas ungewohnt, wird aber gut erklärt – was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass Craven selbst viele Jahre in der britischen Armee gedient hat.
Die Ausgangssituation unterscheidet sich zudem deutlich von den vorherigen Bänden. Dieses Mal geht es nicht darum, einen Serienmörder zu jagen, sondern zunächst darum, die Sicherheit eines internationalen Gipfels zu gewährleisten. Doch wie so oft entwickelt sich der Fall ganz anders als erwartet.
Besonders spannend fand ich die technischen Aspekte der Ermittlungen.
Die Fähigkeiten von Tilly – und auch die des Täters – im Bereich Technik und digitale Tricks waren faszinierend zu lesen. Obwohl ich mich selbst nicht als völligen Computer-Laien bezeichnen würde, gab es hier einige Dinge, die mich wirklich überrascht haben.
Der Spannungsbogen bleibt dabei konstant hoch und trägt die Geschichte bis zum Ende. Die Handlung schlägt mehrere unerwartete Richtungen ein, und genau das hat mir besonders gefallen: Nichts läuft so, wie man es zunächst vermutet.
Was Poes persönliche Geschichte betrifft, passiert in diesem Band allerdings nicht allzu viel. Seine eigene „Agenda“, die sich durch die Reihe zieht, tritt etwas in den Hintergrund. Dafür deutet sich am Ende eine neue Bekanntschaft an, die in zukünftigen Bänden durchaus noch wichtig werden könnte.
Für mich bleibt die Washington-Poe-Reihe von M. W. Craven eine der spannendsten Krimiserien der letzten Jahre. Auch „Die Witwe“ hat mich wieder bestens unterhalten – clever konstruiert, mit starken Figuren und einer Geschichte, die immer wieder überrascht.
Ein Krimi, der Spannung, Humor und intelligente Ermittlungsarbeit wunderbar miteinander verbindet.
⭐ 4 von 5 Sternen – und eine klare Empfehlung für alle, die britische Krimis mit Charakter lieben.
