„Der Fährmann“

Nachdem mir „Die Schwarzgeherin“ von Regina Denk schon so gut gefallen hatte, war für mich klar: Dieses Buch muss ich lesen.

Und manchmal gibt es diese Geschichten, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass sie einen nicht mehr loslassen werden. „Der Fährmann“ ist genau so ein Buch.

Wir begleiten die Geschichte über viele Jahre hinweg – beginnend im Jahr 1894, als alles noch leichter scheint, als die Figuren noch Kinder sind und das Leben vor ihnen liegt. Doch schon früh liegt eine gewisse Schwere über allem, die sich im Laufe der Zeit immer weiter verdichtet.

Im Zentrum stehen Hannes, Elisabeth, Josef und Annemarie – vier junge Menschen, deren Leben untrennbar miteinander verbunden ist. Und doch stehen sie von Anfang an unter einem Stern, der nichts Gutes verheißt.

Hannes ist Fährmann. Ein Beruf, der nicht nur gefährlich ist, sondern auch mit einem strengen Brauch verbunden: Er darf keine Familie gründen, keine Frau heiraten, um im Falle seines Todes niemanden schutzlos zurückzulassen. Und doch gehört sein Herz längst Elisabeth.

Elisabeth wiederum ist Josef versprochen – nicht aus Liebe, sondern aus Pflicht. Eine Entscheidung, die nicht nur sie selbst betrifft, sondern auch Annemarie, ihre beste Freundin, die sich ebenfalls Hoffnungen gemacht hatte.

Schon hier beginnt ein Geflecht aus Gefühlen, aus unausgesprochenen Wünschen, aus Neid, Liebe und Enttäuschung – und man spürt sofort: Das kann nicht gut gehen.

Was Regina Denk hier erschafft, ist mehr als nur eine Geschichte. Es ist eine Atmosphäre.

Die beiden Orte Hohenwart und Siegering, getrennt durch die Salzach und doch durch den Fährmann verbunden, wirken so lebendig, als würde man selbst dort stehen. Man spürt die Enge dieser Gemeinschaft, die Abhängigkeiten, die unausgesprochenen Regeln, nach denen alle leben.

Und dann kommt der Krieg.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs verändert sich alles. Was vorher schon angespannt war, wird endgültig zerrissen. Nationalismus, Gewalt, Misstrauen – all das frisst sich in die Gemeinschaft hinein und lässt nichts mehr so, wie es einmal war.

Besonders eindringlich fand ich die Darstellung der Figuren.

Die Perspektivwechsel zwischen Hannes, Elisabeth, Annemarie und Josef geben der Geschichte eine unglaubliche Tiefe. Man versteht ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Fehler – auch wenn man sie nicht immer nachvollziehen kann.

Hannes ist dabei für mich der emotionale Anker.

Ein ruhiger, beständiger Charakter, der versucht, für die anderen da zu sein, selbst wenn er selbst daran zerbricht. Seine Stärke liegt gerade in seiner Zurückhaltung, in dem, was er nicht sagt.

Elisabeths Leben auf dem Steiner-Hof hingegen ist geprägt von Unterdrückung. Der alte Steiner bestimmt alles, Josef steht ihm in nichts nach. Ihre Stimme zählt nicht, ihre Wünsche spielen keine Rolle.

Und genau hier zeigt sich eine der größten Stärken dieses Buches: Die schonungslose Darstellung der damaligen Gesellschaft.

Die Rolle der Frauen, die Abhängigkeit, das Patriarchat – all das wird nicht beschönigt. Es ist hart, oft schwer zu ertragen, und genau deshalb so eindringlich. Man liest Szenen, die weh tun, die wütend machen, die einen sprachlos zurücklassen.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – entwickelt die Geschichte eine unglaubliche Sogwirkung.

Man kann nicht aufhören zu lesen. Kapitel für Kapitel zieht einen tiefer hinein, selbst dann, wenn man merkt, dass es immer schlimmer wird.

Denn genau das ist es: Wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen – kommt es doch.

Und irgendwo dazwischen gibt es sie trotzdem: diese kleinen, leisen Momente. Augenblicke von Nähe, von Hoffnung, von Menschlichkeit. Sie sind selten, fast zerbrechlich – aber gerade deshalb so wertvoll.

Der Fährmann“ ist kein leichtes Buch.

Es ist düster, aufwühlend und stellenweise kaum auszuhalten. Aber es ist auch unglaublich kraftvoll, atmosphärisch dicht und sprachlich wunderschön erzählt.

Ein historischer Roman, der nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine ganze Welt lebendig macht – mit all ihren Schattenseiten.

Für mich ist es eine klare Empfehlung.

Ein Buch, das nachhallt.

Ein Buch, das man nicht einfach wieder vergisst.