Sophie L. von Matthew Blake

Manchmal liest man ein Buch wegen einer einzigen Frage. Einer Idee, die sich sofort im Kopf festsetzt und nicht mehr loslässt.

Bei Sophie L. von Matthew Blake war es genau diese:

Was, wenn eine Erinnerung dich das Leben kosten kann?

Allein dieser Gedanke hat mich neugierig gemacht. Eine Gedächtnisexpertin. Eine Großmutter, die plötzlich behauptet, sie habe vor Jahrzehnten einen Mord begangen. Paris. Ein berühmtes Hotel. Vergangenheit, die wieder an die Oberfläche drängt. Das klang nach psychologischem Thriller mit Tiefgang. Nach Spannung, Abgründen und großen Fragen rund um Schuld, Wahrheit und Erinnerung.

Also: gelesen. Und… gemischte Gefühle.

Im Mittelpunkt steht Olivia Finn, die in einem Londoner Krankenhaus als Gedächtnisexpertin arbeitet. Als sie erfährt, dass ihre Großmutter Josephine in Paris aufgetaucht ist und behauptet, eigentlich Sophie zu heißen und einen Mord begangen zu haben, reist sie sofort zu ihr. Doch noch bevor Olivia wirklich Antworten bekommt, wird Josephine ermordet. Und plötzlich steht nicht nur die Vergangenheit der Großmutter im Raum, sondern auch Olivias eigene Geschichte.

Die Grundidee ist wirklich stark. Sehr sogar. Der Roman spielt mit Erinnerung, Verdrängung, Schuld und Manipulation – Themen, die unglaublich viel Potenzial bieten. Besonders gefallen hat mir der Perspektivwechsel, der der Handlung Dynamik verleiht und verschiedene Blickwinkel eröffnet. Dadurch bleibt die Geschichte in Bewegung und wirkt nie statisch.

Allerdings hat sich das Buch für mich weniger wie ein klassischer Thriller gelesen, sondern eher wie ein ruhiger, atmosphärischer Krimi. Die Spannung ist da – aber sie ist leise. Subtil. Mehr unterschwellig als nervenzerreißend. Wer Hochspannung und ständige Cliffhanger erwartet, wird hier vermutlich enttäuscht.

Was mich am meisten gestört hat, war der Umgang mit Olivias Beruf. Eine Gedächtnisexpertin in einem Roman über Erinnerungen? Das ist eigentlich eine Steilvorlage. Ich hatte mir erhofft, dass genau dieses Fachwissen eine zentrale Rolle spielt. Dass Olivia analysiert, hinterfragt, Muster erkennt. Doch genau das passiert kaum. Ihr Know-how bleibt erstaunlich blass und wird für die Handlung nur oberflächlich genutzt. Das war für mich eine verpasste Chance.

Auch emotional blieb ich häufig auf Distanz. Die Enthüllungen rund um ihre Großmutter sind eigentlich erschütternd – und doch wirkt Olivia oft sehr kontrolliert, fast kühl. Obwohl ihre Beziehung als eng beschrieben wird, kam diese innere Erschütterung bei mir nicht immer an. Ich hätte mir mehr emotionale Tiefe, mehr innere Zerrissenheit gewünscht.

Ähnlich ging es mir mit einigen Nebenfiguren, vor allem mit Tom. Er bleibt über weite Strecken sehr blass, wirkt eher funktional als lebendig. Auch der familiäre Hintergrund – insbesondere das Schicksal von Olivias Mutter und ihre Schuldgefühle – wird zwar angeschnitten, aber nicht wirklich ausgearbeitet. Dabei hätte genau das der Geschichte viel mehr Gewicht geben können.

Einige Entwicklungen waren für mich relativ früh absehbar. Dadurch verlor das Finale ein wenig an Kraft. Die Auflösung kam mir zu knapp vor und psychologisch nicht so tiefgehend, wie ich es mir gewünscht hätte.

Und trotzdem: Ich habe das Buch gern gelesen.

Der Schreibstil ist angenehm, ruhig und atmosphärisch. Paris als Schauplatz ist schön eingefangen. Die Grundidee trägt die Geschichte. Und trotz meiner Kritikpunkte habe ich mitgerätselt und wollte wissen, wie alles zusammenhängt.

Sophie L.“ ist ein solides, gut lesbares Buch mit einer sehr starken Ausgangsidee, das für mich eher als Krimi denn als Thriller funktioniert. Es hätte an vielen Stellen mehr Tiefe, mehr Konsequenz und mehr psychologischen Mut vertragen können – bleibt aber dennoch unterhaltsam.

Meine Erwartungen waren nach dem Vorgänger höher. Enttäuscht bin ich nicht. Begeistert aber auch nicht.

⭐️⭐️⭐️ 3/5 Sterne

Ein Roman mit viel Potenzial, schöner Atmosphäre und interessanter Grundidee – der für mich leider nicht ganz ausgeschöpft wurde.