‚Body Number One‘ von Helen Fields

 Serienmörderjagd in Edinburgh?

Ganz ehrlich: Setz mir dieses Stichwort vor, und ich bin sofort dabei. Neblige Straßen, dunkle Gassen, das Gefühl, beobachtet zu werden – genau mein Terrain. Und mit ‚Body Number One‘ hat Helen Fields mich einmal mehr genau dort abgeholt, wo Thriller für mich am besten funktionieren: mitten im Unbehagen.

Schon die Ausgangslage ist verstörend. Mehrere Todesfälle in Edinburgh, brutal, scheinbar willkürlich, ohne erkennbares Muster. Ein junger Mann, erschlagen im Park. Ein Obdachloser, erstochen im Gewerbegebiet. Eine Mutter, totgefahren. Keine Verbindung, kein roter Faden – nur das nagende Gefühl, dass all das kein Zufall sein kann. Diese Ungewissheit zieht sich wie ein kalter Nebel durch die ersten Kapitel und lässt einen nicht mehr los.

Die Mordkommission um Detective Sergeant Sam Lively steht vor einem Rätsel – und genau hier kommt Dr. Connie Woolwine ins Spiel. Sie ist keine laute, dominante Profilerin, sondern eher das Gegenteil: ruhig, sensibel, beinahe zerbrechlich wirkend. Und doch besitzt sie diese besondere Gabe, Menschen zu lesen, Abgründe zu erkennen, ohne sich darin zu verlieren. Gerade diese leise Art hat mich fasziniert. Connie drängt sich nicht auf, sie beobachtet – und trifft damit oft schmerzlich ins Schwarze.

Sam Lively wiederum ist ein Ermittler, der mehr mit sich herumträgt, als er zeigt. Zwischen den Zeilen spürt man seine innere Zerrissenheit, seine Müdigkeit, vielleicht auch Schuld. Er ist kein klassischer Held, sondern jemand mit Ecken, Kanten und Narben. Genau das macht ihn für mich greifbar – und interessant.

Eine zweite, sehr intensive Ebene eröffnet die Geschichte um Dr. Beth Waterfall. Ihre Vergangenheit ist geprägt von Angst, Verlust und einem Stalker, der nie gefasst wurde. Als sie plötzlich Zeichen entdeckt, dass dieser Albtraum vielleicht doch nicht vorbei ist, wird die Bedrohung erschreckend real. Beths Kapitel haben mich emotional besonders getroffen, weil sie so nah am Alltag bleiben. Diese Form von Angst kennt keine Actionmusik, keine großen Effekte – sie schleicht sich leise an und setzt sich fest. Und genau deshalb wirkt sie so beklemmend.

Die Handlung entwickelt sich rasant und gnadenlos. Die Brutalität der Morde ist nichts, was man einfach wegliest – sie hinterlässt Spuren. Besonders stark fand ich den Moment, in dem eine scheinbar zufällige Beobachtung im St. Columba Hospital plötzlich eine neue Perspektive eröffnet. Ab da beginnt sich das Puzzle langsam zusammenzusetzen, und man merkt: Jetzt wird es gefährlich. Für alle Beteiligten.

Helen Fields’ Schreibstil ist direkt, präzise und erzeugt eine konstant düstere Atmosphäre. Es gibt kaum Atempausen. Besonders effektiv sind die kurzen Einblicke in die Gedankenwelt des Killers. Szenen wie die Beobachtung der Parkhauseinfahrt der Klinik haben mir einen regelrechten Schauer über den Rücken gejagt. Dieses Gefühl, dass jemand immer zusieht – egal, wo man ist – zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Body Number One‘ ist ein harter, atmosphärisch dichter Thriller, der weniger auf Effekthascherei setzt, sondern auf psychologischen Druck und stetig wachsende Bedrohung. Die Mischung aus Ermittlungsarbeit, emotionalen Nebensträngen und der beklemmenden Nähe zum Täter hat mich überzeugt. Kein Wohlfühlbuch, aber ein sehr intensives Leseerlebnis.

4/5 ⭐️ – düster, spannend und absolut lesenswert für alle, die Serienkiller-Thriller mit Tiefgang mögen.