Es gibt Autorinnen, zu denen greift man fast automatisch. Nicht, weil jedes Buch perfekt ist – sondern weil man weiß, was einen grundsätzlich erwartet. Spannung. Dunkle Abgründe. Dieses unterschwellige Gefühl, dass gleich etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.
Lisa Jackson gehört für mich genau in diese Kategorie. Seit Jahren lese ich ihre Thriller immer wieder gern, und auch wenn nicht jeder Titel ein Highlight ist, bin ich doch jedes Mal neugierig genug, mich erneut darauf einzulassen.
„Never Safe – Wann wirst du sicher sein?“ ist ein Stand-alone-Thriller, der mit einem extrem starken Ausgangspunkt beginnt – und mich genau damit sofort hatte.
Heiligabend. Ein Datum, das für Wärme, Familie und Sicherheit stehen sollte. Für Kara markiert es den Beginn eines lebenslangen Albtraums. Mit sieben Jahren entkommt sie knapp einem Mörder, der einen Großteil ihrer Familie brutal auslöscht. Ihre ältere Schwester Marlie zwingt sie damals, sich zu verstecken – und verschwindet selbst spurlos. Zwanzig Jahre später ist nichts wirklich verheilt. Und als Karas Halbbruder Jonas, der einst für die Morde verurteilt wurde, plötzlich freikommt, beginnen alte Wunden erneut zu bluten. Gleichzeitig erhält Kara rätselhafte Nachrichten, die sie unweigerlich zu Marlie zurückführen. Zu Fragen, die nie beantwortet wurden. Zu Erinnerungen, die sie lieber verdrängt hätte.Und dann geschieht erneut ein Mord.
Plötzlich ist klar: Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Und Kara könnte selbst das nächste Opfer sein.
Lisa Jackson erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven. Wir begleiten Kara und Wesley – den Sohn des Mannes, der ihr damals das Leben rettete. Wesley ist Journalist, getrieben von dem Wunsch, die Wahrheit ans Licht zu bringen, und bildet einen interessanten Gegenpol zu Karas verschlossener, misstrauischer Art. Gemeinsam graben sie sich immer tiefer in die Geschehnisse von damals ein. Parallel dazu verfolgt man ein Ermittlerduo bei der Polizeiarbeit – ein Handlungsstrang, der für mich leider der schwächste war. Die Ermittler bleiben blass, fast klischeehaft, und wirken weder besonders kompetent noch wirklich greifbar. Insgesamt kommt die Polizei hier nicht gerade gut weg.
Dafür punktet der Thriller klar mit seinem zentralen Rätsel. Lisa Jackson versteht es, Hinweise zu streuen, Verdächtige aufzubauen und die Neugier ihrer Leser:innen konstant zu kitzeln. Immer wieder glaubt man, eine Spur erkannt zu haben – nur um kurz darauf wieder ins Zweifeln zu geraten. Dieser Thriller lebt weniger von Action als von der Frage: Wem kann man trauen? Und was ist damals wirklich passiert?
Allerdings muss ich ehrlich sagen: Zwischendurch gab es Längen. Gerade im Mittelteil verliert die Spannung stellenweise an Schärfe. Dazu kommen Nebenfiguren, die sehr eindimensional bleiben. Besonders Tante Faiza wirkte auf mich eher wie eine Funktion im Plot als wie ein echter Mensch. Auch die übrigen Nebencharaktere sind recht simpel gezeichnet, was schade ist – vor allem, weil ich weiß, dass Lisa Jackson das durchaus besser kann.
Kara hingegen ist gelungen. Sie ist die einzige Figur, die wirklich Tiefe bekommt. Ihre traumatische Vergangenheit, ihre Angst, ihre Isolation – all das ist nachvollziehbar und emotional greifbar. Ihretwegen bleibt man dran, leidet mit, hofft mit und fürchtet sich mit ihr. Die angedeutete Liebesgeschichte hätte es für mich übrigens nicht gebraucht. Sie bleibt oberflächlich, fast beiläufig, und trägt kaum etwas zur Handlung bei.
Unterm Strich ist „Never Safe – Wann wirst du sicher sein?“ ein spannender Thriller mit einer starken Grundidee und einer überzeugenden Hauptfigur. Der Plot funktioniert, die Atmosphäre ist düster, und der psychologische Druck ist spürbar. Abzüge gibt es für die schwachen Ermittler, die flachen Nebenfiguren und einige Längen. Trotzdem: Für Fans von Lisa Jackson und für Leser:innen, die gerne rätseln und sich von alten Familiengeheimnissen in den Bann ziehen lassen, ist das Buch definitiv einen Blick wert.
⭐️⭐️⭐️✨ 3,5/5 Sterne
Spannend, aber mit Luft nach oben – und ein Thriller, der zeigt, warum ich Lisa Jackson trotz allem immer wieder gern lese.
