Manchmal tappt man als Leser in Fallen, von denen man im Nachhinein nicht mal weiß, wie man sie übersehen konnte. Meine persönliche Lieblingsfalle: „Ich lese mal eben Band zwei“. Ganz harmlos, ganz unschuldig. Cover gefällt, Klappentext klingt spannend, kein fetter Hinweis auf Reihe. Zack – drin. Erst mittendrin dämmert es: Moment … da gibt es Vorgeschichten. Menschen mit Vergangenheit. Beziehungen, die schon atmen, bevor man sie überhaupt kennt. Tja. Passiert mir. Regelmäßig.
Neulich habe ich in einer Buchhandlung gesehen, dass Reihen dort ganz dezent mit „Band 1“, „Band 2“ und so weiter markiert waren. Ich hätte vor Rührung fast applaudiert. Warum das nicht überall Standard ist, bleibt mir ein Rätsel. Denn Herzfluch von Andreas Gruber ist genau so ein Fall: gelesen, verschlungen – und direkt beschlossen, Band 1 definitiv nachzuholen. Und zwar nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus ehrlicher Lust.
Schon die Ausgangslage hat mich gepackt. Eine verschwundene Frau. Eine junge Urlauberin, zuletzt gesehen auf einer glamourösen Party der Athener High Society. Parallel dazu eine Wiener Privatdetektivin, Elena Gerink, die einem zu Unrecht freigesprochenen Mörder hinterherjagt, der seit fünfzehn Jahren untergetaucht ist. Zwei Fälle, zwei Richtungen – und dieses unterschwellige Gefühl, dass sie irgendwann kollidieren müssen. Spoiler: Sie tun es. Und zwar mit Wucht.
Als sich die Spuren auf einer kleinen griechischen Privatinsel kreuzen, wird aus Neugier pure Anspannung. Elena, ihr Mann Peter und Dino Scatozza, Entführungsspezialisten des österreichischen BKA, geraten gemeinsam in einen Strudel aus alten Geheimnissen, verdrängter Schuld und einer Vergangenheit, die alles andere als ruhen will. Die Insel selbst ist dabei mehr als nur Schauplatz – sie ist ein geschlossener Raum, fast ein eigener Charakter. Bedrückend schön, klaustrophobisch, gefährlich. Ein Ort, der flüstert, droht und schließlich schreit.
Der Schreibstil? Tückisch gut. Einmal angefangen, gibt es kein Zurück. Man fliegt durch über 600 Seiten, weil alles so leichtfüßig geschrieben ist und gleichzeitig eine enorme Dichte hat. Die Perspektiven wechseln, die Spannung bleibt konstant hoch, und jedes neue Puzzleteil klickt mit einem leisen, befriedigenden Ja, genau so. Ich war nicht nur Leserin – ich war Teil des Teams. Elena, Peter, Dino: Figuren mit Ecken, Eigenheiten und Geschichte, ohne überladen zu wirken. Genau richtig dosiert.
Der Fall selbst entwickelt sich von einer vermeintlich „klassischen“ Entführung zu etwas viel Größerem. Fast Mythologischem. Fantasievoll, grausam, verstörend genial. Man merkt richtig, wie das Tempo anzieht – nicht abrupt, sondern unaufhaltsam. Und dann dieses Finale. Groß. Brutal. Emotional. Ich war mir sicher, ich hätte es durchschaut. Hatte ich nicht. Überhaupt nicht. Ich musste nach der letzten Seite erst einmal Luft holen und das Buch beiseitelegen. Diese Art von Ende, die nachhallt und einen leicht fassungslos zurücklässt.
Ja, der Mittelteil hatte für mich ein paar Längen. Aber ehrlich? Geschenkt. In der Gesamtbetrachtung fällt das kaum ins Gewicht, weil alles andere so stark ist. Die letzten Kapitel explodieren förmlich, voller Bilder, detailreich, grausam, intensiv. Grubers Fantasie ist nichts für zarte Gemüter – aber beeindruckend in ihrer Konsequenz.
Herzfluch ist ein spannender, temporeicher, harter Thriller mit Sogwirkung, starken Figuren und einem fiesen Cliffhanger. Ideenreich konstruiert, atmosphärisch dicht und absolut lesenswert. Ich habe das Buch geliebt, verschlungen, inhaliert – und werde Band 1 definitiv nachholen.
4,5/5 ⭐️
Und jetzt beginnt das Warten auf Band 3. Herr Gruber, bitte keine zehn Jahre Pause. Wirklich nicht.
