Manchmal gibt es Autor:innen, bei denen man nach einem Buch weiß: Wenn da etwas Neues erscheint, bin ich wieder dabei. Ohne langes Zögern. Ohne großes Abwägen. Einfach, weil man diesem Namen inzwischen vertraut.
Genau so ging es mir nach Allein gegen die Lüge – und deshalb musste auch Good Night, Pretty Girl von Alex Finlay sofort bei mir einziehen.
Schon die Grundidee hat mich gepackt. Zwei grausame Verbrechen, fünfzehn Jahre voneinander entfernt. Zwei Nächte, die sich erschreckend ähneln. Zwei Mal überlebt jeweils nur ein Mädchen. Und beide hören dieselben Worte:
„Good night, pretty girl.“
Allein dieser Satz hat mir beim Lesen regelmäßig eine Gänsehaut beschert.
Die Geschichte beginnt mit dem Überfall auf eine Videothek an Silvester 1999. Vier junge Mädchen, Nachtschicht, Routine – bis alles eskaliert. Nur Ella überlebt. Der mutmaßliche Täter verschwindet, der Fall bleibt ungelöst. Jahre später wiederholt sich das Grauen in einer Eisdiele. Drei Tote. Eine Überlebende: Jessie. Und plötzlich wird klar, dass die Vergangenheit nie wirklich abgeschlossen war.
Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist die Art, wie Finlay seine Figuren aufbaut. Im Mittelpunkt stehen vier Menschen, die alle auf ihre Weise mit den Taten verbunden sind:Ella, die nie richtig loslassen konnte.
Jessie, die nicht nur Opfer sein will, sondern Antworten sucht.
Chris, der Bruder des damaligen Verdächtigen, der seit Jahren unter einem Schatten lebt, den er sich nie ausgesucht hat.
Und Sarah Keller, die FBI-Agentin, die versucht, Ordnung in all das Chaos zu bringen.
Alle vier tragen ihre eigene Geschichte mit sich herum. Ihre Perspektiven unterscheiden sich, ihre Motivationen auch – und genau das macht die Handlung so lebendig. Man bekommt nie nur eine Wahrheit serviert, sondern immer wieder neue Blickwinkel auf dieselben Ereignisse.
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: in der Gegenwart mit den neuen Morden und in Rückblicken auf 1999. Der Fokus liegt klar auf dem Jetzt, während die Vergangenheit eher dosiert eingestreut wird. Das hat mir gut gefallen, weil die Spannung dadurch konstant hoch bleibt, ohne dass man sich in endlosen Rückblenden verliert.
Typisch für Finlay sind auch hier wieder die kurzen, knackigen Kapitel. Kaum hat man sich in eine Perspektive eingelesen, wechselt sie – natürlich genau dann, wenn es gerade besonders spannend wird. Dieses kleine, fiese Spiel mit der Neugier beherrscht er einfach perfekt. „Nur noch ein Kapitel“ funktioniert hier leider überhaupt nicht. Man liest immer weiter. Und weiter. Und weiter.
Inhaltlich ist „Good Night, Pretty Girl“ sehr clever konstruiert. Hinweise werden gestreut, Spuren gelegt, falsche Fährten eingebaut. Man glaubt zwischendurch immer wieder, ein Stück weiter zu sein – nur um kurz darauf festzustellen, dass man sich vielleicht doch geirrt hat. Dieses Miträtseln hat mir großen Spaß gemacht.
Im direkten Vergleich zu „Allein gegen die Lüge“ bleibt dieses Buch für mich jedoch minimal zurück. Nicht, weil es schlechter geschrieben wäre – im Gegenteil. Sondern weil mich die Figuren dort emotional noch etwas stärker gepackt haben. Vor allem die Familiengeschichte aus dem ersten Buch hat mich tiefer berührt. Hier blieb ich zu manchen Charakteren ein kleines Stück auf Distanz, besonders zu Jessie. Ich mochte sie, aber sie ist mir nicht ganz so nah gekommen wie andere Figuren bei Finlay.
Das ist allerdings Kritik auf sehr hohem Niveau.
Denn unterm Strich ist „Good Night, Pretty Girl“ ein extrem spannender, sauber konstruierter Thriller mit starkem Tempo, interessanten Figuren und einer durchdachten Handlung. Finlay beweist erneut, dass er weiß, wie man Geschichten aufbaut, Spannung hält und Leser:innen bei der Stange lässt.
Für mich steht nach diesen beiden Büchern fest: Dieser Autor wandert auf meine „Blind-kaufen-Liste“. Umso mehr freue ich mich, dass bereits ein weiteres Buch auf Deutsch angekündigt ist.
Ein atmosphärischer, clever erzählter Thriller, der mit zwei Zeitebenen, starken Perspektiven und einem konstanten Spannungsbogen überzeugt. Auch wenn er für mich minimal hinter dem Vorgänger zurückbleibt, ist das hier ein sehr starkes Leseerlebnis.
⭐️⭐️⭐️⭐️ 4/5 Sterne
Und falls ihr „Allein gegen die Lüge“ noch nicht kennt: Unbedingt nachholen. Beide Bücher lohnen sich – und zeigen, warum Alex Finlay aktuell zu den spannendsten Namen im Thrillerbereich gehört. 📚🖤
