„Tannengrab“ von Ines Buck

Ich knüpfe an meine guten Vorsätze an.

Mehr entdecken. Mehr hinschauen. Mehr lesen abseits der lauten Namen. Und manchmal stößt man dabei auf Autor:innen, bei denen man sich ernsthaft fragt, warum sie eigentlich noch nicht viel präsenter sind. Ines Buck ist für mich genau so ein Fall. Zu wenig bekannt – und das sollte sich dringend ändern.

Mit „Tannengrab“ schickt sie Kommissarin Karla Sommerfeld erneut in einen Fall, der leise beginnt, aber eine umso düsterere Tiefe entfaltet.

Ein Knochenfund im Wald. Entdeckt von einem Kind beim Spielen. „Von einem Wildschwein“, glaubt die kleine Mathilda. Doch Karla ahnt sofort: Das hier ist menschlich. Und mit dieser Ahnung beginnt eine Geschichte, die weit über einen klassischen Kriminalfall hinausgeht. Denn was zunächst nach einem alten, vielleicht harmlosen Fund aussieht, entpuppt sich als Überrest einer jungen Frau, die vor fünf Jahren spurlos verschwunden ist. Ein Dorf, das schweigt. Eltern, die nervös reagieren. Und ein Wald, der mehr verbirgt, als er preisgeben will.

Der Einstieg ist bewusst ruhig gehalten – und ja, das Tempo ist zunächst gedrosselt. Statt sofort auf Spannung zu setzen, nimmt sich Ines Buck Zeit für ihre Hauptfigur. Wir lernen Karla nicht nur als Ermittlerin kennen, sondern auch als Tochter einer an Demenz erkrankten Mutter, als Frau mit einer offenen Vaterwunde und als Mensch, der versucht, Privates und Berufliches irgendwie in Balance zu halten. Mir persönlich hat genau das gefallen, auch wenn ich anfangs kurz dachte: Da dürfte gern etwas schneller etwas passieren.

Und dann passiert es. Spürbar. Unaufhaltsam. Ab dem Moment, in dem klar wird, wessen Knochen dort gefunden wurden, zieht die Geschichte deutlich an und lässt einen nicht mehr los.

Der Schreibstil ist angenehm, flüssig und sehr klar. Keine unnötigen Schnörkel, kein künstliches Drama. Karla Sommerfeld wirkt strukturiert, analytisch und ruhig – jemand, der lieber denkt als laut wird. Ihr Kollege Henning Meyer bildet anfangs einen starken Kontrast: etwas lethargisch, zurückhaltend, beinahe passiv. Doch im Verlauf entwickelt er sich spürbar weiter, wächst in seine Rolle hinein und wird zu einem glaubwürdigen, verlässlichen Partner. Diese Entwicklung mochte ich sehr, weil sie nicht über Nacht geschieht, sondern organisch.

Die Figuren insgesamt sind gut ausgearbeitet, greifbar und realistisch. Lediglich beim Opfer hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht – hier blieb für mich noch Potenzial, um die emotionale Wirkung weiter zu verstärken.

Der Fall selbst ist logisch konstruiert, gut durchdacht und frei von unnötigen Verwirrspielen. Und dann kommt dieses Ende. Eine Wendung, die ich so wirklich nicht habe kommen sehen – leise, aber wirkungsvoll. Genau solche Auflösungen mag ich: nicht laut, nicht spektakulär um jeden Preis, sondern klug.

„Tannengrab“ ist ein eher ruhiger Krimi, der mit Atmosphäre, Figurenzeichnung und einem cleveren Fall überzeugt. Kein Hochglanz-Thriller, sondern solide, ehrliche Krimikost mit Substanz. Für mich ein kurzweiliges, sehr angenehmes Leseerlebnis – und definitiv ein weiterer Beweis dafür, dass es sich lohnt, auch jenseits der großen Namen zu lesen.

Ich hoffe sehr, dass Karla Sommerfeld und Henning Meyer noch viele weitere ungeklärte Fälle – vielleicht auch den einen oder anderen Cold Case – in Birkenweiler lösen dürfen. Band 1 werde ich definitiv noch nachholen.

⭐️⭐️⭐️⭐️ 4/5 Sterne

Klare Leseempfehlung – und eine Autorin, die mehr Aufmerksamkeit verdient.