Wenn es ein Buch gibt, das ich nicht nur gelesen, sondern regelrecht gelebt habe, dann war es Der Kastanienmann. Buch, Serie – beides hat mich komplett abgeholt. Umso klarer war für mich: Das neue Buch von Søren Sveistrup muss gelesen werden. Ohne Wenn und Aber.
Auch wenn Der Kuckucksjunge nicht als direkte Fortsetzung vermarktet wird, fühlt es sich doch wie ein Wiedersehen an. Gleiche Mordkommission, bekannte Figuren, vertraute Atmosphäre – und gleichzeitig eine neue, eigenständige Geschichte, die problemlos für sich stehen kann. Aber eben mit genau diesem düsteren Sveistrup-Vibe, der mich schon beim Kastanienmann nicht mehr losgelassen hat.
Wenn ein Satz reicht, um Gänsehaut auszulösen„Hab dich.“
Mehr braucht es nicht. Diese Worte sind die letzte Nachricht auf dem Handy von Silje Thomsen, bevor sie an einem grauen Februartag in Kopenhagen verschwindet. Für Kommissarin Naia Thulin schrillen sofort alle Alarmglocken – denn exakt dieselbe Nachricht erhielt eine junge Frau kurz vor ihrem Mord. Zufall? Ganz sicher nicht.
Widerwillig muss Naia erneut mit Mark Hess zusammenarbeiten. Nach den Ereignissen rund um den Kastanienmann wollte sie ihm eigentlich nie wieder begegnen. Doch während alte Spannungen noch ungelöst im Raum stehen, überschlagen sich die Ereignisse: Eine grausam zugerichtete Frauenleiche, ein weiterer Vermisstenfall – und wieder diese zwei Worte.
Hab dich.
Ab diesem Punkt war ich verloren.
Hochspannung auf fast 700 Seiten – ohne eine einzige Durststrecke
Sveistrup schafft etwas, das nur wenige Autoren beherrschen: Er hält die Spannung über hunderte Seiten konstant hoch. Kein Leerlauf, kein unnötiges Ausschmücken, kein Kapitel, das man „nur schnell hinter sich bringen“ möchte. Im Gegenteil – ich hatte permanent das Gefühl, getrieben zu werden. Von der Geschichte. Von der Bedrohung. Von dieser unterschwelligen Angst, die sich leise, aber gnadenlos festsetzt.
Die Perspektiven wechseln klug zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ermittlungsarbeit und Opferblickwinkeln. Gerade Letzteres hat mich extrem mitgenommen. Die Angst, die Panik, dieses Gefühl, beobachtet zu werden – das ist so intensiv beschrieben, dass es fast körperlich weh tut. Stalking als Albtraum, psychologisch durchdacht und erschreckend real.
Ja, ich hatte relativ früh eine Vermutung. Und ja, sie war richtig.
Aber: Das hat der Spannung keinen einzigen Millimeter genommen. Weil es hier nicht nur um das Wer geht, sondern um das Wie, Warum – und vor allem um den Weg dorthin
Figuren, Dynamik, Atmosphäre – alles greift ineinander
Naia Thulin und Mark Hess tragen diese Geschichte. Ihre Dynamik ist angespannt, rau, emotional aufgeladen – und genau deshalb so glaubwürdig. Alte Konflikte stehen unausgesprochen zwischen ihnen, während sie gleichzeitig gezwungen sind, perfekt zusammenzuarbeiten. Diese Reibung verleiht der Handlung zusätzliche Tiefe.
Die Ermittlungen sind detailreich, düster und kompromisslos. Verfolgungsjagden, falsche Fährten, emotionale Konflikte – alles fügt sich zu einem beklemmenden Gesamtbild zusammen. Ich hatte mehrfach das Gefühl, selbst verfolgt zu werden. Als müsste ich mich beim Lesen umdrehen.
Und dann dieses Finale.
Der Showdown in der verschneiten, eisigen Sommerhaussiedlung am See war purer Nervenkitzel. Kalt, brutal, atemlos. Ich habe die Seiten verschlungen, während mein Puls gefühlt immer schneller wurde.
Der Kuckucksjunge ist ein psychologisch ausgefeilter, komplexer Thriller, der genau das liefert, was ich mir erhofft habe – und mehr. Er ist hart, intensiv, beängstigend nah an der Realität und unfassbar gut geschrieben.
Für mich ist dieses Buch ein absolutes Highlight und der Beweis, dass Søren Sveistrup zu den ganz Großen des Genres gehört.
Ein Thriller, der nicht nur spannend ist, sondern sich festsetzt. Im Kopf. Unter der Haut.
⭐ 5 von 5 Sternen
Uneingeschränkte Leseempfehlung.
