Rauhnächte von Ellen Sandberg

Die Rauhnächte üben schon seit Jahren eine ganz eigene Anziehungskraft auf mich aus. Diese geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren, voller alter Bräuche, Aberglauben und stiller Magie – eigentlich wollte ich sie längst bewusst erleben und zelebrieren. Als mir also dieses Buch begegnete, war sofort klar: Das muss ich lesen.

Hinter dem Namen Ellen Sandberg verbirgt sich Inge Löhnig, eine Autorin, deren Krimis ich schon lange sehr schätze. „Rauhnächte“ ist eine überarbeitete und neu adaptierte Fassung eines älteren Jugendbuchs, das hier für ein erwachsenes Publikum neu erzählt wurde. Da ich die ursprüngliche Version nicht kenne, kann ich keine Vergleiche ziehen – ich bin ganz unvoreingenommen in diese Geschichte eingetaucht.

Schon rein optisch hat mich das Buch sofort abgeholt. Das Cover ist wunderschön: die winterliche Kälte, die stille Landschaft, der Fuchs – all das wirkt ruhig und gleichzeitig unheimlich. Nach der Lektüre kann ich sagen: Dieses Cover passt perfekt zur Geschichte und fängt ihre Stimmung erstaunlich gut ein.

Im Mittelpunkt steht Pia, 22 Jahre alt, deren Welt an Heiligabend ins Wanken gerät. Ein aufgeschnapptes Gespräch ihrer Eltern bringt eine Wahrheit ans Licht, die alles verändert: Pia ist adoptiert. Plötzlich ergibt dieses diffuse Gefühl des Andersseins, das sie ihr Leben lang begleitet hat, einen Sinn – und wirft gleichzeitig unzählige neue Fragen auf. Auf der Suche nach Antworten reist sie nach Wasserburg am Inn, in die Heimat ihrer leiblichen Mutter. Dort, inmitten von Raureif, alten Gassen und schaurigen Maskengestalten, beginnen die Rauhnächte – und mit ihnen kehren Geheimnisse zurück, die lange verborgen lagen.

Was dieses Buch für mich ganz klar auszeichnet, ist seine Atmosphäre. Sie ist düster, kalt, stellenweise richtig unheimlich und passt damit perfekt in die dunkle Jahreszeit. Immer wieder gab es Szenen, die mir eine Gänsehaut beschert haben, einfach weil die Stimmung so dicht und greifbar war. Diese unterschwellige Bedrohung, dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, zieht sich konsequent durch die Geschichte.

Auch die Einbindung der Rauhnächte hat mir sehr gefallen. Die alten Bräuche, der Glaube an Geister, das Öffnen der Grenzen zwischen den Welten – all das verleiht dem Roman eine mystische Tiefe. Ich habe einiges über diese Zeit gelernt und fand es spannend, wie selbstverständlich Aberglaube und Realität hier miteinander verwoben werden.

Trotzdem hatte ich mit dem Buch meine Schwierigkeiten. Die Geschichte empfand ich stellenweise als sehr langatmig, teilweise sogar langweilig. Gerade in der Mitte zog sich der Plot für mein Empfinden unnötig in die Länge, ohne wirklich neue Impulse zu setzen.

Am meisten gestört hat mich jedoch die Hauptfigur. Mit Pia bin ich bis zum Schluss nicht warm geworden. Sie handelt oft impulsiv, wirkt naiv und emotional unreif. Immer wieder stößt sie Menschen ohne nachvollziehbaren Grund vor den Kopf, und ihr Verhalten fühlte sich für mich häufig unnatürlich an. Leider entwickelt sich dieser Eindruck im Verlauf der Geschichte kaum weiter.

Auch die plötzlich eingefügte Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Sie kam aus dem Nichts, entwickelte sich viel zu schnell und blieb für mich emotional völlig leer. Die Gefühle wirkten nicht glaubwürdig und schienen für den eigentlichen Plot vollkommen überflüssig. Für mich fühlte sich dieser Teil eher wie ein Relikt aus der ursprünglichen Jugendbuchfassung an – auch wenn das natürlich nur eine Vermutung ist.

Unterm Strich bleibt für mich ein Buch mit einer großartigen Idee, einer starken Atmosphäre und einem faszinierenden Setting, das sein Potenzial jedoch nicht vollständig ausschöpft. Die Rauhnächte selbst haben mich gepackt – die Geschichte und ihre Figuren leider nur bedingt.

⭐️⭐️⭐️ / 5

Stimmungsvoll und atmosphärisch, aber insgesamt zu zäh und mit einer Protagonistin, zu der ich keinen Zugang gefunden habe.