Bloom von Delilah S. Dawson – wenn Cottagecore plötzlich ziemlich düster wird

Bei einem Buch, das als Mischung aus Cottagecore und brutalem Horror beschrieben wird, hatte ich sofort ziemlich konkrete Bilder im Kopf. Eine idyllische Kleinstadtatmosphäre, ein hübscher Wochenmarkt, selbst gemachte Seifen und Kerzen – und irgendwo hinter dieser perfekten Fassade lauert etwas richtig Böses.

Ich war neugierig.

Allerdings kann ich direkt sagen: „Bloom“ von Delilah S. Dawson war ganz anders, als ich nach dem Klappentext erwartet hatte.

Wer hier einen klassischen Horrorroman erwartet, bei dem es von Anfang an düster und brutal zur Sache geht, sollte seine Erwartungen vielleicht ein wenig anpassen. Zumindest ging es mir so. Lange Zeit liest sich „Bloom“ nämlich eher wie eine intensive, zunehmend merkwürdige Liebesgeschichte, unter deren hübscher Oberfläche man zwar ständig etwas Unheilvolles vermutet, bei der der eigentliche Horror aber erstaunlich lange auf sich warten lässt.

Das meine ich allerdings gar nicht unbedingt negativ.

Denn obwohl ich ein völlig anderes Buch im Kopf hatte, konnte mich die Geschichte trotzdem gut unterhalten.

Worum geht es in „Bloom“?

Rosemary – oder Ro – versucht nach der schmerzhaften Trennung von ihrem Freund einen Neuanfang.

Sie zieht in eine andere Stadt, möchte Abstand zu ihrem bisherigen Leben gewinnen und endlich den Roman beenden, an dem sie schreibt.

Eigentlich könnte das der Beginn eines ziemlich ruhigen neuen Lebensabschnitts sein.

Bis Ro auf einem Wochenmarkt Ash begegnet.

Ash ist wunderschön, faszinierend und irgendwie anders als alle Menschen, denen Ro bisher begegnet ist. An ihrem Stand verkauft sie selbst hergestellte Seifen und Kerzen aus natürlichen Zutaten und Ro fühlt sich praktisch sofort zu ihr hingezogen.

Dabei ist diese Anziehung für sie selbst überraschend.

Bisher hatte Ro sich nicht zu Frauen hingezogen gefühlt, doch bei Ash ist plötzlich alles anders. Aus der anfänglichen Faszination entwickelt sich immer mehr und Ro beginnt, regelmäßig auf den Markt zurückzukehren.

Die beiden kommen sich näher.

Doch irgendetwas stimmt nicht.

Ash wirkt geheimnisvoll, es gibt Dinge in ihrem Leben, über die sie nicht spricht, und hinter der wunderschönen Cottagecore-Fassade verbirgt sich etwas, das Ro besser niemals entdeckt hätte.

Erst einmal überraschend wenig Horror

Ich glaube, mein größtes Problem mit „Bloom“ waren tatsächlich meine Erwartungen.

Denn nach der Beschreibung des Buches hatte ich mit einem deutlich klassischeren Horrorroman gerechnet.

Genau das bekommt man zunächst nicht.

Stattdessen nimmt sich Delilah S. Dawson ziemlich viel Zeit für Ro und Ash. Wir erleben, wie Ro sich immer stärker zu dieser Frau hingezogen fühlt, wie sich ihre Beziehung entwickelt und wie Ash langsam immer mehr Raum in ihren Gedanken einnimmt.

Über weite Strecken hatte ich deshalb eher das Gefühl, eine ungewöhnliche und zunehmend unheimliche Liebesgeschichte zu lesen.

Natürlich liegt die ganze Zeit etwas in der Luft.

Man weiß schließlich, welches Genre man aufgeschlagen hat. 😅

Und vielleicht ist genau das gleichzeitig Fluch und Vorteil dieser Geschichte. Denn selbst in den scheinbar harmlosen Momenten wartet man darauf, dass endlich etwas passiert.

Ein schöner Wochenmarkt.

Duftende Seifen.

Kerzen.

Essen.

Eine attraktive Frau, in die Ro sich immer mehr verliebt.

Eigentlich könnte alles so gemütlich sein.

Nur weiß man eben: Das hier ist ein Horrorroman.

Und plötzlich betrachtet man jedes noch so harmlose Detail ein bisschen misstrauischer.

Ro hat die Geschichte für mich getragen

Sehr gut funktioniert hat für mich Rosemary.

Die Geschichte wird durch ihre Gefühle unglaublich intensiv, weil man ihre Faszination für Ash so unmittelbar miterlebt.

Ro befindet sich ohnehin in einer verletzlichen Phase ihres Lebens. Die Trennung liegt hinter ihr, sie versucht, noch einmal neu anzufangen und ihren eigenen Weg zu finden. Dann taucht Ash auf und löst etwas in ihr aus, mit dem sie selbst nicht gerechnet hat.

Diese zunehmende Faszination konnte ich gut nachvollziehen.

Man erlebt, wie Ro immer tiefer in diese Beziehung hineingerät und wie wichtig Ash für sie wird. Gleichzeitig sitzt man als Leser natürlich da und möchte sie manchmal am liebsten an den Schultern packen und fragen:

Ro … bist du dir wirklich sicher, dass hier alles in Ordnung ist?

Denn während sie sich immer stärker verliebt, bleibt dieses ungute Gefühl.

Ich wusste zwar relativ früh, in welche Richtung sich das Geheimnis um Ash bewegen könnte, trotzdem wollte ich wissen, wann Ro endlich hinter die Fassade blickt.

Gerade dadurch entsteht eine ganz eigene Art von Spannung.

Bei Ash hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht

Ash selbst blieb für mich dagegen etwas schwieriger.

Natürlich gehört ihre geheimnisvolle Art zur Geschichte. Sie soll nicht sofort vollkommen durchschaubar sein. Schließlich lebt ein großer Teil der Handlung davon, dass Ro immer weiter in Ashs Welt hineingezogen wird, während man gleichzeitig spürt, dass dort irgendetwas überhaupt nicht stimmt.

Trotzdem hätte ich mir gerade im weiteren Verlauf mehr über sie gewünscht.

Vor allem ihre Vergangenheit hätte mich unglaublich interessiert.

Es gibt Hinweise und einzelne Informationen, die einen kleinen Blick darauf ermöglichen, was hinter Ash steckt. Für meinen Geschmack wurde dieser Teil allerdings nur angerissen.

Und das fand ich schade.

Gerade nachdem immer deutlicher wird, was für ein Mensch Ash tatsächlich ist, hatte ich so viele Fragen. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Verhaltensweisen kommen, was sie geprägt hat und wie sie zu der Person geworden ist, die Ro kennenlernt.

Hier wäre für mich definitiv noch Potenzial gewesen.

Ein paar zusätzliche Einblicke hätten Ash vermutlich noch faszinierender und gleichzeitig verstörender gemacht.

Cottagecore trifft auf etwas ziemlich Hässliches

Was ich dagegen richtig gelungen fand, ist der Kontrast.

Denn optisch beziehungsweise atmosphärisch beginnt diese Geschichte fast schon gemütlich.

Der Wochenmarkt, handgemachte Produkte, natürliche Zutaten, Seifen, Kerzen – Ash verkörpert zunächst ziemlich genau diese wunderschöne Cottagecore-Ästhetik.

Alles wirkt weich, natürlich und irgendwie heimelig.

Und genau deshalb funktioniert die dunkle Seite der Geschichte umso besser.

Denn irgendwann bekommt diese perfekte Oberfläche Risse.

Das Geheimnis um Ash ist düster, brutal und definitiv nichts, was man hinter diesem hübschen Marktstand erwarten möchte. Gerade dieser Gegensatz hat für mich den Reiz von „Bloom“ ausgemacht.

Das Buch ist nicht über seine gesamte Länge hinweg ein brutaler Horrorroman.

Der Horror schleicht sich vielmehr in etwas hinein, das zunächst wunderschön aussieht.

Und plötzlich fühlt sich die Gemütlichkeit gar nicht mehr so gemütlich an.

Vorhersehbar – bis es das plötzlich nicht mehr war

Bei einem Teil der Handlung hatte ich relativ schnell eine Ahnung, worauf das Ganze hinauslaufen könnte.

Das hat mir allerdings nicht unbedingt die Spannung genommen.

Denn irgendwann war für mich weniger die Frage, ob mein Verdacht stimmt, sondern vielmehr, wann Ro die Wahrheit erkennen wird und was anschließend passiert.

Ich wollte wissen, wie weit die Geschichte gehen würde.

Und dann kam das Ende.

Tja.

Damit hatte ich wiederum überhaupt nicht gerechnet.

Nachdem ich mich während des Buches bei einigen Dingen ziemlich sicher gefühlt hatte, hat mir das Finale tatsächlich noch einmal den Teppich unter den Füßen weggezogen.

Und genau das fand ich großartig.

Plötzlich war dieses Gefühl da, das ich bei Horror und Thrillern so gerne habe: Man beendet die letzten Seiten, klappt das Buch zu und muss das Gelesene erst einmal kurz sacken lassen.

Das Ende hat meinen Gesamteindruck von „Bloom“ für mich noch einmal deutlich aufgewertet.

Mein Fazit zu „Bloom“

„Bloom“ von Delilah S. Dawson ist für mich kein klassischer Horrorroman und genau das sollte man meiner Meinung nach vor dem Lesen wissen.

Wer aufgrund der Beschreibung eine Geschichte erwartet, die von Anfang bis Ende brutal und erschreckend ist, könnte zunächst etwas irritiert sein. Mir ging es jedenfalls so.

Stattdessen beginnt „Bloom“ fast wie eine Liebesgeschichte.

Wir begleiten Ro dabei, wie sie nach einer schmerzhaften Trennung versucht, ihr Leben neu zu ordnen und dabei auf die faszinierende Ash trifft. Ihre Beziehung entwickelt sich intensiv und gleichzeitig liegt über allem dieses unangenehme Gefühl, dass hinter Ashs perfekter Fassade etwas nicht stimmt.

Ro konnte mich dabei als Protagonistin überzeugen. Ich habe mit ihr mitgefühlt, teilweise mit ihr gelitten und gleichzeitig darauf gewartet, dass sie endlich erkennt, was sich direkt vor ihren Augen abspielt.

Bei Ash hätte ich mir dagegen noch mehr Tiefe gewünscht. Gerade ihre Vergangenheit und die Hintergründe ihres Verhaltens hätten für meinen Geschmack ausführlicher erzählt werden dürfen.

Trotzdem funktioniert der Kontrast zwischen der wunderschönen Cottagecore-Atmosphäre und dem brutalen Geheimnis dahinter richtig gut.

Und dann ist da dieses Ende.

Nachdem ich einen Teil der Geschichte durchaus kommen gesehen hatte, hat mich das Finale komplett überrascht. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet – und genau deshalb blieb mir „Bloom“ nach der letzten Seite noch eine ganze Weile im Kopf.

Anders als erwartet? Definitiv.

Aber trotzdem faszinierend, intensiv und auf seine ganz eigene Weise ziemlich verstörend.

Und vielleicht ist die wichtigste Frage nach diesem Buch sowieso eine ganz andere:

Wie weit würdet ihr gehen, um euer eigenes Leben zu retten?

★★★★☆ 4 von 5 Sternen