„Das Internat: Jeder hat ein Geheimnis. Niemand ist sicher“ von Hannah Richell

 Manchmal sind es genau diese Bücher, bei denen einen schon die Atmosphäre von der ersten Seite an einfängt. Ein abgelegenes Internat, dunkle Wälder, Geheimnisse hinter alten Mauern – „Das Internat: Jeder hat ein Geheimnis. Niemand ist sicher“ von Hannah Richell klang für mich genau nach dieser perfekten Mischung aus Spannung und Gänsehaut.

Und ich muss sagen: Der Einstieg hat mich tatsächlich sofort abgeholt.

Schon das Cover, die düstere Stimmung und vor allem die Karte des Internatsgeländes schaffen eine ganz besondere Atmosphäre. Ich liebe solche Details, weil sie das Gefühl verstärken, wirklich Teil dieser Welt zu sein. Gerade bei einem so weitläufigen Setting wie Thorncombe war die Karte für mich mehr als nur ein nettes Extra – sie hat mir geholfen, mich zu orientieren und noch tiefer in die Geschichte einzutauchen.

Die Ausgangssituation ist vielversprechend: Nach einer Halloween-Nacht wird ein Mädchen tot im Wald gefunden. Weißes Kleid, schwarze Vogelmaske, rätselhafte Worte auf ihrem Körper – ein Bild, das sofort Fragen aufwirft und eine fast schon unheimliche Faszination auslöst. Ist es ein Ritual? Ein Unfall? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Im Zentrum der Geschichte stehen mehrere Perspektiven.

Da ist Ellie, eine Schülerin, die sich im Internatsleben alles andere als wohlfühlt. Ihre Mutter Rachel arbeitet als Schulpsychologin an genau dieser Schule, während ihr Vater Ben als Ermittler in den Fall hineingezogen wird – und damit zwangsläufig auch wieder in das Leben seiner Exfrau.

Dieses Geflecht aus familiären Beziehungen, Konflikten und alten Spannungen zieht sich durch das gesamte Buch und nimmt viel Raum ein. Stellenweise fast mehr, als es die eigentliche Kriminalgeschichte tut.

Und genau hier beginnt für mich auch das Problem.

Denn so atmosphärisch der Einstieg ist, so schnell verliert die Geschichte danach an Zug.

Die Handlung tritt über weite Strecken auf der Stelle, verheddert sich in privaten Konflikten und zwischenmenschlichen Dramen, ohne dass die eigentlichen Ermittlungen wirklich vorankommen. Dabei waren gerade diese Ermittlungen durchaus interessant und wirkten auch authentisch – sie wurden nur leider oft zu schnell abgehandelt oder von Nebenschauplätzen überlagert.

Was mir ebenfalls gefehlt hat, war die Tiefe der Figuren.

Viele Charaktere blieben für mich schwer greifbar, ihre Motive wirkten nicht immer nachvollziehbar und ihre Emotionen konnten mich nur selten wirklich erreichen. Dadurch fiel es mir schwer, eine echte Verbindung aufzubauen oder wirklich mitzufiebern.

Dabei hätte gerade das Setting so viel Potenzial geboten.

Die altehrwürdige Schule, die dunklen Wälder, die unterschwellige Bedrohung – all das schreit förmlich nach einer intensiven, dichten Geschichte. Besonders die Legende rund um das Internat hätte eine viel größere Rolle spielen können. Sie war da, sie wurde angerissen – aber letztlich blieb sie eher im Hintergrund. Und genau das empfand ich als verschenkte Chance, gerade weil sie perfekt zur düsteren Halloween-Atmosphäre gepasst hätte.

Auch der Spannungsbogen konnte mich leider nicht durchgehend überzeugen.

Der Anfang macht neugierig, keine Frage. Aber im Mittelteil verliert die Geschichte deutlich an Tempo, und selbst der Plottwist am Ende konnte das für mich nicht mehr komplett ausgleichen. Er war solide, gut inszeniert – aber eben nicht überraschend genug, um wirklich Eindruck zu hinterlassen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit relativ hohen Erwartungen an das Buch herangegangen bin.

„Das Wochenende“ von Hannah Richell hatte mir damals unglaublich gut gefallen – intensiv, raffiniert, emotional packend. Im Vergleich dazu bleibt „Das Internat“ leider ein Stück zurück.

Es ist kein schlechtes Buch. Wirklich nicht.

Es hat eine tolle Atmosphäre, ein starkes Setting und eine interessante Grundidee. Aber es fehlt an Tiefe, an Spannung, an diesem gewissen Etwas, das eine Geschichte wirklich unvergesslich macht.

Am Ende bleibt für mich ein Thriller, der sich gut lesen lässt, der aber nicht lange nachwirkt. Einer von denen, die man liest – und dann relativ schnell wieder vergisst.

Ein atmosphärischer Thriller mit viel Potenzial, der dieses leider nicht ganz ausschöpft.

Spannend im Ansatz, aber zu wenig intensiv in der Umsetzung.

Für mich sind es 3 von 5 Sternen ⭐️ – ein Buch nach dem Motto: Kann man lesen, muss man aber nicht.