M. W. Craven – Der Kurator

Britisch? Aber bitte sofort.

Es gibt diese Reihen, bei denen man schon beim Erscheinen eines neuen Bandes innerlich die Tage zählt, den SuB ignoriert und alles andere konsequent beiseiteschiebt. Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln gehört für mich ganz eindeutig dazu. Und jedes Mal, wenn M. W. Craven einen neuen Fall ankündigt, weiß ich: Das wird wieder genau mein Ding.

M. W. Craven – Der Kurator

Schon mit den ersten Seiten war ich wieder mitten drin. Cumbria, düstere Stimmung, britischer Humor – und dann diese „Weihnachtsgeschenke“: abgetrennte Finger, hübsch verpackt, inklusive kryptischer Botschaft. Willkommen zurück, Washington Poe. Willkommen zurück, Tilly Bradshaw. Genau so habe ich euch vermisst.

Der Fall ist komplex, brutal und alles andere als geradlinig. Nichts ergibt auf den ersten Blick Sinn, und genau das liebe ich an Cravens Art zu erzählen. Verdächtige gestehen Dinge, die sie unmöglich wissen können, leugnen gleichzeitig Beweise, die eigentlich eindeutig sind, und plötzlich führen scheinbar belanglose Details – wie ein gemeinsamer Urlaub vor drei Jahren – in eine Richtung, die man so nicht kommen sieht. Als dann auch noch eine in Ungnade gefallene FBI-Agentin auftaucht und die These vom klassischen Serienkiller infrage stellt, nimmt die Geschichte endgültig eine düstere, hochspannende Wendung.

Was M. W. Craven für mich so besonders macht, ist diese Mischung aus messerscharfem Plot, überraschenden Twists und trockenem, nie plattem Humor. In kurzen, knackigen Kapiteln treibt er die Handlung gnadenlos voran, legt falsche Fährten, zieht sie im nächsten Moment wieder weg – und man sitzt da, denkt „Ah, jetzt hab ich’s!“ … nur um zwei Kapitel später festzustellen: Nein. Hast du nicht.

Und dann sind da natürlich Poe und Tilly. Diese Dynamik. Diese Gegensätze. Poe, der raue, eigensinnige Ermittler, und Tilly – liebenswert, loyal, hochintelligent, scheinbar naiv und doch mit allen Wassern gewaschen. Ihre Beziehung ist das emotionale Herz der Reihe. Sie tragen die Geschichte, geben ihr Tiefe, Humor und Menschlichkeit. Für mich sind sie längst mehr als nur Ermittlerfiguren – sie fühlen sich vertraut an.

Ganz ehrlich: Es gibt aktuell nur wenige Thriller- und Krimireihen, bei denen ich wirklich ungeduldig auf die Fortsetzungen warte. Zu oft ähneln sich Figuren, Fälle und Ermittlungswege. Vieles wirkt austauschbar, vorhersehbar, glattgebügelt.

Nicht so hier.

Craven unterläuft konsequent Erwartungen, überrascht, ohne konstruiert zu wirken, und erzählt Fälle, die intelligent, logisch und gleichzeitig emotional sind. „Der Kurator“ ist erneut ein Beweis dafür, wie gut durchdacht diese Reihe ist. Trotz der Seitenzahl fliegt man nur so durch die Geschichte – keine Längen, keine unnötigen Spielereien, sondern Spannung pur.

Kann man „Der Kurator“ ohne Vorkenntnisse lesen?

Ja, der Fall ist in sich abgeschlossen. Aber: Die wahre Stärke der Reihe liegt in der Entwicklung der Figuren, in den kleinen Anspielungen, den gemeinsamen Erlebnissen, der gewachsenen Beziehung zwischen Poe und Tilly. Wer mittendrin einsteigt, verpasst emotionale Nuancen, die diese Reihe so besonders machen. Mein klarer Rat: von Anfang an lesen. Es lohnt sich.

Für mich gehört Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln inzwischen zu den besten Ermittlerreihen, die der Thriller-Markt aktuell zu bieten hat. Und „Der Kurator“ reiht sich nahtlos ein.

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ 5/5 Sterne – für das Buch und für die ganze Reihe.

PS: Am 02.02. erscheint Band 4 – und ich freue mich jetzt schon unverhältnismäßig doll darauf. 🖤📖