Manchmal sind es nicht die laut beworbenen Neuerscheinungen, die einen am meisten berühren. Manchmal ist es dieses eine, unscheinbare Buch, an dem man fast vorbeigegangen wäre. Eines, das nicht schreit: „Lies mich!“, sondern eher leise flüstert. Und wenn man hinhört, merkt man plötzlich: Dieses Flüstern hat Kraft.
Genau so ging es mir mit Die Schwarzgeherin von Regina Denk.
Zum Glück habe ich diesem Roman eine Chance gegeben. Denn ich hätte sonst eine Geschichte verpasst, die mich tief bewegt, beeindruckt und lange begleitet hat.
Wir befinden uns in einem abgelegenen Tal in den Tiroler Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Fortschritt und Aufklärung hier kaum angekommen sind. Das Leben ist hart, karg, entbehrungsreich. Wer nicht funktioniert, fällt durch. Wer anders ist, wird ausgegrenzt.
Im Mittelpunkt steht Theres. Als junges Mädchen wächst sie in dieser rauen Welt auf, geprägt von Armut, Strenge und emotionaler Kälte. Diese Kindheit macht sie hart – aber auch mutig, stolz und widerstandsfähig. Als der geheimnisvolle Xaver ins Tal kommt, verliebt sie sich. Doch diese Liebe endet abrupt, in einer Nacht voller Gewalt, Misstrauen und Angst. Xaver verschwindet. Theres bleibt zurück – schwanger, verstoßen, allein.
Was sie dann tut, ist mutig und radikal: Sie kehrt der Dorfgemeinschaft den Rücken und zieht sich in die Hochalpen zurück. Dort bringt sie ihre Tochter Maria zur Welt und lebt fortan in Einsamkeit, von dem, was die Berge ihr schenken. Frei. Unabhängig. Und doch niemals ganz losgelöst von ihrer Vergangenheit.
Der Roman begleitet Theres und später auch Maria über viele Jahre hinweg – etwa von 1850 bis 1883. Die Kapitel wechseln zwischen den beiden Perspektiven, ergänzt durch einzelne geheimnisvolle Einschübe einer unbekannten Erzählerin und durch poetische Zwischenspiele aus der Sicht eines Adlerweibchens. Was auf dem Papier vielleicht ungewöhnlich klingt, fügt sich beim Lesen erstaunlich harmonisch zusammen.Regina Denks Schreibstil ist dabei eine große Stärke dieses Buches. Er ist bildhaft, intensiv, manchmal schonungslos, dann wieder leise und zart. Die Landschaft wird so lebendig beschrieben, dass man den Wind spürt, den Schnee knirschen hört und die Kälte fast selbst fühlt. Der eingesetzte Dialekt verleiht der Geschichte zusätzliche Authentizität und sorgt für eine ganz eigene, alpine Atmosphäre.
Schon das erste Kapitel – mit der kleinen Theres und den Kätzchen, die keine Chance bekommen – hat mich erschüttert. Es macht sofort klar, in welcher Welt wir uns hier bewegen: einer Welt ohne viel Platz für Mitgefühl. Und doch erzählt dieser Roman nicht nur von Härte, sondern auch von Liebe, Loyalität und stiller Hoffnung. Von Leopold. Von seinem Sohn. Von Menschen, die trotz allem füreinander einstehen.
Besonders gefallen hat mir die Spiegelung der Handlung durch das Leben des Steinadlers. Diese Passagen waren für mich wie kleine Atempausen. Fast meditativ. Naturbeobachtung als Gegenpol zum menschlichen Drama.
Die verschiedenen Zeitebenen sind klar gekennzeichnet, was die Orientierung erleichtert. Außerdem ist die Geschichte in eine Rahmenerzählung eingebettet, die zum Miträtseln einlädt. Immer wieder dachte ich: Jetzt habe ich es verstanden. Nur um später festzustellen: Vielleicht doch nicht. Diese kleinen Irreführungen haben mir großen Spaß gemacht.
Natürlich ist auch dieses Buch nicht vollkommen. Ein paar Fragen bleiben offen. Ich hätte zum Beispiel gern mehr darüber erfahren, woher Theres ihr medizinisches Wissen nimmt. Manche zeitlichen Abläufe wirken nicht ganz rund. Und gegen Ende werden die schroffen Kanten der Geschichte ein kleines bisschen geglättet.
Aber ehrlich? Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.
Ich war von der ersten bis zur letzten Seite gefangen. Gefangen in einer Welt voller Überlebenswillen, Stolz, Verletzlichkeit und innerer Stärke. In einer Landschaft, die wunderschön und gnadenlos zugleich ist. In einer Geschichte, die zeigt, wie sehr Herkunft, Umgebung und Erwartungen ein Leben prägen – und wie schwer es ist, sich davon zu befreien.
„Die Schwarzgeherin“ ist für mich ein kraftvoller, intensiver und atmosphärisch dichter Roman, der lange nachhallt. Einer, der nicht laut ist, aber tief trifft.
Für mich schon jetzt eines meiner Highlights des Jahres.
Ich empfehle dieses Buch allen, die starke Frauenfiguren lieben, sich von Bergpanoramen verzaubern lassen und Geschichten mögen, die nicht beschönigen, sondern ehrlich erzählen. Wer Lokalkolorit, historische Tiefe und emotionale Wucht schätzt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
So müssen Bergromane sein. 🏔️📚
