Lost Place, Psychiatrie und ein Cold Case? Ja bitte. Sofort.

Manchmal liest man einen Klappentext und weiß sofort:

Das ist mein Buch.

Ein verlassener Ort?

Eine alte Psychiatrie?

Ein ungelöster Fall aus den Achtzigern?

Ganz ehrlich: Mehr muss man mir eigentlich nicht sagen.

Als ich von ‚Eisenblume: Ein Fall für Fredrika Storm‘ von Frida Skybäck gelesen habe, war ich direkt angefixt. Lost-Place-Setting plus skandinavischer Krimi plus Cold Case? Das klingt wie maßgeschneidert für mich. Und ja – ich habe mir schon beim Lesen des Titels gedacht: Mit den Namen werde ich mich bestimmt wieder anfreunden. Spoiler: Hat geklappt. 😄

Die Geschichte beginnt im Oktober 1987.

Aus der psychiatrischen Klinik St. Lars verschwinden zwei junge Menschen: Tommy Svensson und die 17-jährige Ann-Louise Sparre. Keine Spuren von Gewalt. Kein Abschiedsbrief. Keine Erklärung. Einfach weg.

35 Jahre später wird das alte Klinikgebäude – inzwischen eine verfallene Ruine – erneut zum Tatort. In einer Wand wird ein Leichnam gefunden. Eingemauert. Konserviert von der Zeit. Es ist Tommy. Gestorben an einer Überdosis Beruhigungsmittel. Angeblich.

Und damit beginnt für Fredrika Storm und Henry Calment ein Fall, der tiefer geht, als zunächst gedacht.

Schon der Einstieg hat mich abgeholt. Frida Skybäck schreibt ruhig, flüssig und gleichzeitig so fesselnd, dass man sehr schnell im Geschehen ist. Kein langes Vorgeplänkel, kein zähes Herantasten – man ist direkt mittendrin.

Als großer Lost-Place-Fan war ich von der Atmosphäre sofort begeistert. Diese alte Psychiatrie, dem Verfall überlassen, voller Geschichte, voller unausgesprochener Geheimnisse – allein dieser Ort trägt schon unglaublich viel Spannung in sich. Man spürt beim Lesen förmlich den Staub, die Kälte, die Stille in den verlassenen Fluren. Und gleichzeitig diese unterschwellige Frage: Was ist hier wirklich passiert?

Auch der Cold-Case-Aspekt hat mir sehr gefallen. Durch Rückblicke in die Vergangenheit bekommt man immer wieder neue Puzzlestücke. Man lernt das damalige Klinikleben kennen, die Hierarchien, die Machtverhältnisse, die Abhängigkeiten. Gleichzeitig bleibt der Fall in der Gegenwart spannend und präsent. Diese Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart ist sehr gelungen.

Im Mittelteil muss ich allerdings ehrlich sein: Da zieht sich die Handlung stellenweise etwas. Das ständige Befragen ehemaliger Mitarbeiter, das Wühlen in Erinnerungen, die oft lückenhaft oder widersprüchlich sind, wirkt manchmal etwas langatmig. Schade eigentlich, denn genau hier steckt so viel Potenzial. Vertuschung? Schweigen? Schuld? Wegsehen? All das schwebt ständig im Raum.

Trotzdem: Es lohnt sich, dranzubleiben. Denn es gibt einige wirklich gelungene Wendungen, mit denen ich so nicht gerechnet hätte.

Besonders spannend fand ich auch das Thema der psychiatrischen Behandlung in früheren Jahrzehnten. Dinge, die heute absolut undenkbar wären, galten damals als normal. Medikamente, Methoden, Umgang mit Patienten – das alles ist teilweise erschreckend und bedrückend. Das Buch wirft hier ganz nebenbei wichtige Fragen auf, ohne belehrend zu wirken.

Fredrika und Henry haben mir als Ermittlerduo sehr gut gefallen. Beide sind nicht perfekt, tragen ihre eigenen Päckchen mit sich herum und wirken dadurch sehr menschlich. Man lernt sie auch privat kennen, versteht ihre Motive und ihre Zweifel. Für mich waren sie greifbar, authentisch und sympathisch. Ich freue mich definitiv auf weitere Fälle mit ihnen.

Die Nebenfiguren bleiben dagegen etwas blasser. Gerade bei ehemaligen Mitarbeitern der Klinik hätte ich mir teilweise mehr Tiefe und Profil gewünscht. Hier wäre noch mehr möglich gewesen.

Unterm Strich ist „Eisenblume“ für mich ein typischer skandinavischer Krimi im besten Sinne: düster, ruhig, schwer, atmosphärisch – und mit einer Geschichte, die nachwirkt.

Kein schneller Action-Thriller.

Kein Dauerfeuer an Schockmomenten.

Sondern ein ruhiger, intensiver Fall, der sich langsam entfaltet.

Wer skandinavische Krimis liebt, Lost-Place-Settings mag und gerne in alte Geheimnisse eintaucht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Die Atmosphäre ist stark, der Fall spannend, die Ermittler überzeugend. Trotz kleiner Längen im Mittelteil hat mich das Buch sehr gut unterhalten.

⭐️⭐️⭐️⭐️ 4/5 Sterne

Für mich ein gelungener Auftakt mit viel Potenzial – und ich bin definitiv bereit für den nächsten Fall von Fredrika Storm und Henry Calment. 📚🖤