Mut zur Entdeckung – und manchmal zur Enttäuschung
„Blutwild“ von Saskia te Marveld
Wie war das nochmal mit meinen guten Vorsätzen?
Mehr neue Autor:innen lesen. Mehr abseits der bekannten Namen stöbern. Mehr Mut zum Unbekannten.
Tja. Ich habe es wieder getan.
Und diesmal war es eindeutig der Klappentext, der mich erwischt hat. Serienkiller. Makabre Kunstwerke. Eine traumatisierte Ex-Kommissarin. Waldhütte. Körperteile in Formaldehyd.
Hallo?! Das klang nach genau meinem Beuteschema. Düster. Brutal. Psychologisch. Verstörend.
Also: rein ins Buch. Große Erwartungen. Große Hoffnung auf einen nervenzerfetzenden Thriller.
Und leider… nur teilweise erfüllt.
Die Grundidee von „Blutwild“ ist richtig stark. Wirklich. Eine Frau, die der Hölle entkommen ist, die ihr Leben neu aufgebaut hat, und plötzlich wieder mit den Spuren ihres Peinigers konfrontiert wird – das hat enormes Potenzial. Anka ist eine spannende Protagonistin: ehemalige Polizistin, heute Resilienztrainerin, empathisch, hilfsbereit, innerlich gezeichnet. Ihre Vergangenheit ist nicht einfach ein Nebensatz, sondern prägt jede ihrer Entscheidungen.
Sie hat ihre Gefangenschaft überlebt. Sie hat ihren Unterschenkel verloren. Sie lebt mit einer Prothese. Sie lebt mit Erinnerungen, die nie ganz verschwinden.Und dann taucht diese SMS auf.
HILFE. GPS-Daten.
Und plötzlich ist alles wieder da.
In einer Waldhütte stößt sie auf diese verstörenden „Ausstellungsstücke“ – Körperteile wie Kunstwerke arrangiert. Und sofort ist klar: Das ist kein Zufall. Das ist persönlich.
Atmosphärisch funktioniert das richtig gut. Die düstere Stimmung, die Bedrohung, dieses Gefühl, dass jederzeit etwas passieren kann – das ist gelungen. Ich war definitiv emotional drin. Ich habe mit Anka mitgezittert. Mitgezweifelt. Mitgehofft.
Aber. Und jetzt kommt das große Aber. Mir fehlte Tiefe. Struktur. Ausarbeitung.
Gerade Ankas Vergangenheit hätte so viel mehr Raum verdient. Es gibt kaum echte Rückblenden. Kaum detaillierte Einblicke in ihre Gefangenschaft. Dabei wäre genau das wichtig gewesen, um ihre Angst, ihre Reaktionen, ihre innere Zerrissenheit noch stärker greifbar zu machen. Stattdessen bleibt vieles angedeutet, angerissen, unfertig.
Auch die Handlung wirkte auf mich stellenweise sehr sprunghaft. Manche Wendungen kamen, ohne richtig vorbereitet zu werden. Andere Ideen wurden eingeführt – und dann nicht konsequent weitergedacht. Etwa zur Hälfte gab es einen Twist, der mich kurz begeistert hat… und dann wieder ratlos zurückließ.
Ich hatte oft das Gefühl: Hier fehlt noch ein Feinschliff. Noch ein paar Kapitel. Noch ein bisschen mehr Erklärung. Noch etwas mehr Mut zur Tiefe.
Das Buch wollte viel. Sehr viel. Und genau daran ist es stellenweise gescheitert. Nicht, weil es schlecht ist. Sondern weil es besser hätte sein können.
Und das ist fast immer die frustrierendste Form von Enttäuschung.
Trotzdem: „Blutwild“ ist kein schlechtes Buch. Es ist düster, stellenweise beklemmend, unterhaltsam und mit einer starken Hauptfigur ausgestattet. Man merkt, dass hier Talent vorhanden ist. Dass Ideen da sind. Dass Potenzial da ist.
Es ist ein Debüt, das noch sucht. Noch probiert. Noch stolpert. Und das ist okay.
Denn genau dafür liest man neue Autor:innen: um Entwicklungen zu begleiten. Um zu sehen, wie jemand wächst. Wie jemand besser wird.
⭐️⭐️⭐ / 5
Ein atmosphärischer Thriller mit einer starken Hauptfigur und einer spannenden Grundidee – aber mit Schwächen in Ausarbeitung und Struktur. Ausbaufähig, nicht perfekt, aber definitiv interessant.
Und ganz ehrlich: Ich bin neugierig, was Saskia te Marveld als Nächstes schreibt.
Denn ich glaube, da steckt noch viel mehr drin. 📚✨
