Es gibt Psychothriller… und dann gibt es Psychothriller.
Für mich gehören die Bücher von Rebekah Stoke ganz klar zur zweiten Kategorie. Es gibt viele Autorinnen und Autoren, die versuchen, ihre Leser zu schockieren, dabei aber entweder zu vorhersehbar bleiben oder sich in übertriebener Brutalität verlieren. Rebekah Stoke schafft für mich genau die richtige Balance. Wenn auf ihren Büchern Psychothriller steht, dann weiß ich inzwischen, dass auch wirklich einer drinsteckt – düster, verstörend, nervenaufreibend und definitiv nichts für schwache Nerven. Genau so mag ich dieses Genre.
Auch „Das Stück“ hat mich wieder komplett in seinen Bann gezogen.
Der Einstieg gelingt unglaublich leicht. Schon nach wenigen Seiten lernt man Jake und Robyn kennen. Eigentlich sollte ihr gemeinsamer Angelurlaub eine Chance sein, ihre Beziehung nach Jakes Seitensprung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Doch statt Ruhe und Versöhnung wartet etwas ganz anderes auf sie.
Parallel dazu begegnen wir Brian.
Und genau ab diesem Moment war ich gefesselt.
Brian ist eine Figur, die mich gleichzeitig schockiert, abgestoßen und fasziniert hat. Er nimmt den Leser tief mit in seine Gedankenwelt, erzählt von seiner Vergangenheit und lässt einen Stück für Stück verstehen, warum er heute der Mensch ist, der er geworden ist. Verstehen bedeutet dabei natürlich nicht entschuldigen – ganz im Gegenteil. Trotzdem schafft Rebekah Stoke etwas, das ich an Psychothrillern besonders liebe: Sie zeichnet ihre Figuren nicht einfach schwarz oder weiß, sondern zeigt, wie zerstörerisch Erlebnisse aus der Vergangenheit einen Menschen prägen können.
Die Geschichte springt immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nach und nach setzen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen und mit jeder Enthüllung wird deutlicher, wie grausam die Wahrheit tatsächlich ist.
Was mir besonders gefallen hat: Hier geht es nicht darum, den Täter zu erraten. Man weiß relativ früh, mit wem man es zu tun hat. Dadurch kann man sich vollkommen auf die eigentliche Geschichte konzentrieren – und genau die hat es in sich.
Teilweise war das, was passiert, selbst für mich wirklich heftig.
Grausam, psychisch extrem belastend und an manchen Stellen auch ziemlich ekelig. Es gibt Szenen, bei denen ich kurz schlucken musste und dachte: Okay… das ist gerade wirklich hart. Für meinen persönlichen Geschmack war die Grenze zum Ekel manchmal ganz leicht überschritten. Trotzdem hat es für die Geschichte funktioniert und nie wie reine Effekthascherei gewirkt.
Besonders mit Robyn habe ich unglaublich mitgefiebert. Was sie im Laufe der Handlung durchmachen muss, war teilweise kaum auszuhalten. Immer wieder hoffte ich, dass sich für sie endlich alles zum Guten wenden würde. Gleichzeitig konnte ich das Buch keine Sekunde aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen musste, wie alles zusammenhängt.
Rebekah Stoke versteht es einfach, Spannung konstant aufrechtzuerhalten. Obwohl die Kapitel meist etwas länger sind, hatte ich nie das Gefühl, dass sich die Geschichte zieht. Ihr Schreibstil liest sich flüssig und sorgt dafür, dass man komplett in die Handlung eintaucht. Besonders gelungen fand ich die wechselnden Ich-Perspektiven der Figuren. Dadurch bekommt man einen intensiven Einblick in ihre Gedanken und Gefühle – sogar in Brians verstörende Gedankenwelt.
Immer wieder gibt es Rückblicke, die sowohl Jakes und Robyns Beziehung als auch Brians Vergangenheit beleuchten. Genau diese Rückblenden machen die Figuren greifbar und verleihen der Geschichte noch mehr Tiefe.
Als ich schließlich dachte, dass nun alle Fragen beantwortet wären und das Buch zu einem runden Ende gefunden hätte, kam der Epilog.
Und ganz ehrlich?
Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Der Epilog hat mich noch einmal komplett überrascht und dafür gesorgt, dass ich das Buch erst einmal einen Moment zuklappen musste, um alles zu verarbeiten.
Für mich beweist Rebekah Stoke erneut, warum sie inzwischen zu meinen liebsten Psychothriller-Autorinnen gehört. Sie schafft es, schockierende Szenen mit einer packenden Handlung und psychologisch interessanten Figuren zu verbinden. Ihre Bücher sind nichts für zartbesaitete Leser, aber genau das macht sie für mich so besonders.
Wenn ihr Psychothriller mögt, die nicht nur spannend sind, sondern euch auch schockieren, verstören und noch lange nach der letzten Seite beschäftigen, dann solltet ihr euch „Das Stück“ unbedingt ansehen.
🖤 4,5 von 5