‚Schatten Eis’ von Anne Nordby

Es gibt Thriller, die einen mit rasanten Wendungen und Action durch die Seiten jagen.

Und dann gibt es Bücher wie ‚Schatten Eis’ von Anne Nordby.

Bücher, die ihre Spannung ganz anders aufbauen.

Leiser. Düsterer. Fast schon schleichend.

So, als würde sich langsam eine dünne Eisschicht über alles legen, bis man irgendwann merkt, dass man längst mittendrin steckt.

Genau das hat Anne Nordby hier geschafft.

Und ganz ehrlich?

Allein die Mischung aus Nordic Noir, Grönland, alten Legenden und einer Ermittlerin mit einer außergewöhnlichen Begabung hat mich sofort neugierig gemacht.

Denn wie oft liest man schon einen Thriller, in dem grönländische Mythologie eine so zentrale Rolle spielt?

Eben. Im Mittelpunkt steht Marit Rauch Iversen.

Heute arbeitet sie für die Polizei in Kopenhagen und besitzt eine Fähigkeit, die sie sofort von vielen anderen Ermittlerfiguren unterscheidet: Sie ist eine sogenannte Super-Recognizerin. Sie kann Gesichter außergewöhnlich präzise wiedererkennen und selbst kleinste Merkmale speichern.

Schon allein dieses Detail fand ich unglaublich spannend.

Gerade im Thrillerbereich begegnet man oft ähnlichen Ermittlertypen und deshalb mag ich es sehr, wenn Autoren ihren Figuren etwas Besonderes mitgeben, das nicht künstlich wirkt.

Doch Marit trägt noch weit mehr mit sich herum als diese besondere Begabung.

Denn ihre Vergangenheit ist eng mit Grönland verbunden. Mit Erinnerungen. Mit Verlust. Und mit dem Anngiaq.

Einer düsteren Gestalt aus der grönländischen Mythologie, die sich wie ein Schatten durch die Geschichte zieht.

Bereits als Kind verlor Marit ihre Familie unter tragischen Umständen. Die Geschichten über den Anngiaq begleiten sie seitdem wie ein Echo aus ihrer Vergangenheit.

Und genau diese Verbindung zwischen persönlichen Traumata und den aktuellen Ermittlungen macht einen großen Teil der Atmosphäre des Buches aus.

Denn die eigentliche Handlung beginnt mit mehreren grausamen Morden in Kopenhagen.

Morden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Doch je tiefer Marit und ihre Kollegen graben, desto deutlicher wird, dass die Wurzeln des Falls weit über Dänemark hinausreichen.

Bis nach Grönland.

Zu alten Geheimnissen.

Und zu Wahrheiten, die offenbar niemals ans Licht kommen sollten.

Was mir besonders gut gefallen hat, war die Art, wie Anne Nordby Realität und Mythologie miteinander verbindet.

Lange Zeit bleibt völlig offen, ob tatsächlich etwas Übernatürliches hinter den Ereignissen steckt oder ob die eigentliche Bedrohung von Menschen ausgeht.

Genau diese Unsicherheit sorgt dafür, dass man ständig zwischen verschiedenen Möglichkeiten schwankt.

Ist da wirklich mehr?

Oder sehen die Figuren nur Gespenster der Vergangenheit?

Dieses Spiel mit den Erwartungen funktioniert hervorragend.

Vor allem, weil die Autorin nie versucht, die Spannung künstlich zu erzeugen.

Stattdessen baut sich eine permanente unterschwellige Bedrohung auf.

Nichts wirkt hektisch. Nichts übertrieben. Aber man spürt ständig, dass etwas nicht stimmt. Dass hinter allem noch eine weitere Wahrheit lauert. Und genau das hat mich durch die Geschichte getragen.

Überhaupt lebt Schatten Eis viel stärker von Atmosphäre als von Tempo.

Wer einen Thriller sucht, der auf jeder zweiten Seite mit Schockmomenten um sich wirft, wird hier vermutlich nicht glücklich.

Wer dagegen düstere, psychologische Spannung liebt, dürfte hier deutlich mehr finden.

Besonders die Schauplätze haben mir gefallen.

Die Kälte.

Die Einsamkeit.

Die Verbindung zwischen Kopenhagen und Grönland.

All das erzeugt eine Stimmung, die perfekt zur Geschichte passt.

Man spürt förmlich den Wind, die Dunkelheit und dieses Gefühl, dass manche Geheimnisse besser begraben geblieben wären.

Allerdings gab es auch einen Punkt, der mir das Lesen stellenweise erschwert hat.

Und das waren tatsächlich die vielen grönländischen und dänischen Begriffe sowie Namen.

Einerseits finde ich es großartig, dass die Autorin so viel kulturelle Authentizität in die Geschichte einfließen lässt.

Andererseits musste ich gerade zu Beginn immer wieder nachschlagen.

Wer das Buch als E-Book liest, kennt das Problem vermutlich: Jedes Nachschlagen reißt einen kurz aus der Geschichte heraus.

Dazu kommt, dass sich einige Namen für mich optisch sehr ähnlich gelesen haben, wodurch ich besonders bei Nebenfiguren gelegentlich ins Stocken geraten bin.

Das hat meinen Lesefluss stellenweise etwas gebremst.

Allerdings nie so stark, dass es meine grundsätzliche Begeisterung für die Geschichte geschmälert hätte.

Denn genau diese kulturelle Tiefe macht das Buch letztlich auch besonders.

Schatten Eis fühlt sich anders an als viele Thriller, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Nicht unbedingt lauter. Nicht spektakulärer. Aber eigenständiger. Und das bleibt im Gedächtnis.

Mit Schatten Eis verbindet Anne Nordby klassische Ermittlungsarbeit mit grönländischer Mythologie, persönlicher Vergangenheit und einer konstant bedrückenden Atmosphäre.

Der Thriller lebt weniger von rasanten Wendungen als von seiner Stimmung, seinen Geheimnissen und der Frage, ob manche Legenden vielleicht doch einen wahren Kern besitzen.

Nicht immer war der Zugang durch die vielen fremdsprachigen Begriffe ganz leicht, dafür bekommt man aber eine Geschichte, die sich deutlich von vielen anderen Thrillern abhebt.

Düster. Kalt. Unheimlich. Und genau deshalb so faszinierend.

🖤🖤🖤🖤

4 von 5 Sternen