Zwischen Helikoptermutter und „asi

Zwischen Helikoptermutter und „asi“ – warum wir als Eltern eigentlich nur verlieren können (und trotzdem lachen sollten)

Ich sag’s, wie es ist: Ich liebe Carolin Kebekus. Wirklich. Diese Mischung aus laut, direkt, unbequem und gleichzeitig so unfassbar treffend – genau mein Humor. Und als ich den Titel „8000 Arten, als Mutter zu versagen“ gesehen habe, wusste ich: Das wird wehtun. Aber auf die gute Art.

Denn mal ehrlich – heute kannst du als Eltern doch eigentlich nur verlieren.

Machst du zu viel, bist du die Helikoptermutter.

Machst du zu wenig, bist du verantwortungslos.

Stillst du zu lange – Problem.

Stillst du nicht – Problem.

Gehst du früh arbeiten – Rabenmutter.

Bleibst du zu Hause – nicht ambitioniert genug.

Es gibt kein Dazwischen. Also bleibt doch eigentlich nur eins: Humor.

Mein persönlicher Tiefpunkt als Mutter? Der Pekip-Kurs.

Ich bin reingegangen mit der naiven Vorstellung von Austausch, Gemeinschaft und vielleicht sogar netten Gesprächen.

Ich bin raus – innerlich schreiend.

Und ich laufe bis heute. Weg von Mütter-Wettbewerben, von Entwicklungsvergleichen, von „Meiner schläft schon durch“ und „Meine macht Baby-Yoga seit der dritten Woche“.

Kebekus packt genau diese gesellschaftliche Dauerbeobachtung bei den Hörnern. Sie zerlegt dieses perfekt inszenierte Mutterbild, das uns täglich aus Social Media entgegenlacht: makellose Frauen, die drei Tage nach der Geburt aussehen wie frisch aus dem Spa. Babys, die friedlich schlummern, während Mama mit Flat White und High-Waist-Leggings in die Kamera lächelt.

Und dann die Realität: Blut, Schweiß, Wochenbett, Schlafmangel, Zweifel.

Sie schreibt über Schwangerschaft, als wäre sie nicht dieses rosafarbene Wunderland, sondern das, was sie oft auch ist: überwältigend, absurd, körperlich extrem. Über Instagram-Körperbilder. Über das Konzept der „Belly-Only-Pregnancy“, bei der angeblich nur der Bauch wächst – während sie sich eher der „Ass-Only“-Fraktion zuordnet. Ich habe laut gelacht. Und gleichzeitig genickt.

Und dann dieser gesellschaftliche Chor der Besserwisser.

„Zu alt.“

„Zu unverantwortlich.“

„Im achten Monat noch auf der Bühne?“

Als dürfte eine Frau nicht gleichzeitig schwanger UND berufstätig sein. Als müsste sie sich rechtfertigen für ihre Existenz.

Was ich an diesem Buch so liebe, ist die Ehrlichkeit. Kebekus romantisiert nichts – aber sie verteufelt auch nichts. Sie zeigt beides: die unfassbare Liebe. Und die unfassbare Überforderung. Sie spricht über Geburten, die nicht nach Instagram-Ästhetik riechen, über Wochenbett-Realität, über blutige Brustwarzen und über das absurde Phänomen, dass Brüste im Internet gefeiert werden – solange sie keinen biologischen Zweck erfüllen.

Sie spricht über Druck.

Druck, perfekt auszusehen.

Druck, perfekt zu erziehen.

Druck, perfekt zu funktionieren.

Und sie sagt im Grunde: Ihr könnt euch eure Meinung sonst wohin stecken.

Dieses Buch hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Und vermutlich werden genau die, die ihn am dringendsten bräuchten, ihn nicht lesen. Aber für alle anderen ist es eine Befreiung. Eine Erinnerung daran, dass Mutterschaft kein Wettbewerb ist. Kein Hochglanzprojekt. Kein Leistungssport.

Kinder sind ein Geschenk.

Und gleichzeitig sind sie Arbeit, Schmerz, Chaos und Selbstzweifel.

Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Wahrheit überhaupt.

Ich bin dreifachmutter. Und ich kann euch sagen: Jeder einzelne Abschnitt fühlte sich an wie ein Blick in mein eigenes Leben. Diese To-Do-Listen in der Schwangerschaft. Die Vorsätze. Die Vorstellung, was man alles „besser“ machen wird. Und dann kommt das echte Leben – und lacht laut. Der Druck beginnt schon mit dem positiven Test. Instagram zeigt durchtrainierte „Belly-only“-Bäuche, während man selbst eher zur „Alles-only“-Fraktion gehört. Ernährungsvorschriften. Sportprogramme. Rasur-Tipps für die Geburt – man könnte ja kommentiert werden. Ernsthaft?

Und dann diese Kommentare. „Zu alt.“ „Zu unverantwortlich.“ „Muss das jetzt sein?“ Die Dreistigkeit, mit der wildfremde Menschen glauben, ein Urteil über Körper, Alter oder Lebensentscheidungen fällen zu dürfen, ist beeindruckend. Kebekus kontert das brillant – mit Humor und einem feinen Gespür dafür, wie absurd das alles ist.

Besonders gefeiert habe ich ihre ehrliche Beschreibung von Geburt und Wochenbett. Kein weichgezeichneter Filter. Kein „Ich lag mit Baby im Arm im Bett und sah aus wie aus dem Katalog“. Sondern Schmerzen. Tränen. Überforderung. Und dieser enorme innere Druck, sofort alles perfekt machen zu wollen. Das Kind. Den Haushalt. Die Beziehung. Den eigenen Körper. Und bitte dabei lächeln.

Ich musste beim Lesen immer wieder an meinen ersten Pekip-Kurs denken. Mein persönlicher Tiefpunkt. Diese perfekt organisierten Mütter mit pädagogischem Überbau und selbstgemachter Quetschie. Ich bin gelaufen. Und ich laufe innerlich noch heute. Fort von diesem subtilen Wettbewerb, wer das beste Bio-Kind großzieht.

Kebekus spricht genau darüber: über diesen gesellschaftlichen Dauerkommentar. Wie man sein Kind schlafen legt. Wie lange man stillt. Ob man stillt. Warum man stillt. Warum man nicht stillt. Und ja – Männer dürfen Brüste feiern, aber bitte nicht, wenn sie ihren biologischen Zweck erfüllen. Willkommen im Paradox.

Dieses Buch ist keine Abrechnung mit Mutterschaft. Es ist eine liebevolle, ehrliche Umarmung für alle, die mittendrin stecken. Für die, die nachts wachliegen. Für die, die zweifeln. Für die, die lachen, obwohl sie weinen könnten.

Kinder sind ein Geschenk. Aber sie sind auch Arbeit. Schmerz. Chaos. Und unfassbar viel Verantwortung. Und ich habe großen Respekt vor jeder Frau, die diesen Weg geht – egal wie. Mit Make-up oder ohne. Mit Karriere oder ohne. Mit Pekip oder ohne.

Carolin Kebekus hält uns den Spiegel vor – und sagt dabei im Grunde nur: Du bist nicht allein. Und du darfst unperfekt sein.

Und vielleicht ist genau das der größte Trost von allen.