Manchmal gibt es diese Autor:innen, die etwas mit einem machen. Die nicht einfach nur Geschichten erzählen, sondern einen verschlucken. Die eine Atmosphäre erschaffen, die sich wie Nebel um die Gedanken legt und selbst Tage später noch nicht ganz verschwunden ist. Rachel Gillig ist für mich genau so eine Autorin. Ihre Sprache ist eigen, fast poetisch, immer ein wenig düster und doch voller Gefühl. Und ich muss es zugeben: Mein inneres Buch-Alarm-System hat komplett versagt – ich habe diese Neuerscheinung einfach nicht mitbekommen. Wie konnte das passieren?
Wenn ihr ‚One Dark Window‘ und ‚Two Twisted Crowns’ geliebt habt, dann werdet ihr mit ‚The Knight and the Moth’ wieder genau dieses besondere Gefühl erleben. Dieses leise Frösteln. Dieses Ziehen im Herzen. Dieses „Nur noch ein Kapitel“, obwohl es längst nach Mitternacht ist.
Sybil Delling lebt seit neun Jahren in der Kathedrale von Aisling. Neun Jahre voller Rituale, Omen, Weissagungen. Sie trägt ihren Schleier, ihre Nummer, ihre Rolle – wie eine zweite Haut. Sie glaubt an das, was man ihr beigebracht hat. An die Zeichen der Götter. An die Ordnung der Kirche. Und doch spürt man von Anfang an diese leise Sehnsucht in ihr. Nach Nähe. Nach echter Zuneigung. Nach einem Leben außerhalb der kalten Mauern.
Als der Ritter Rodrick „Rory“ Myndacious auftaucht, gerät dieses sorgfältig errichtete Weltbild ins Wanken. Er glaubt nicht an ihre Visionen. Er begegnet ihr mit Skepsis, mit Spott – und doch mit einer Intensität, die Sybil aus dem Gleichgewicht bringt. Und als sie in seiner Zukunft ein Omen sieht, das selbst sie nicht deuten kann, beginnt etwas zu bröckeln. Nicht nur in ihrer Welt, sondern auch in ihrem Glauben.
Dann verschwinden ihre Schwestern. Eine nach der anderen. Und mit ihnen Sybils letzte Sicherheit.
Was ich an dieser Geschichte so liebe, ist die Entwicklung. Sybil ist keine Rebellin von Anfang an. Sie ist geprägt, indoktriniert, fest verwurzelt im System. Und genau deshalb ist ihr innerer Wandel so kraftvoll. Man spürt jede Unsicherheit, jeden Zweifel, jeden Schritt in Richtung Freiheit. Ihr Mut wächst nicht laut – er wächst still. Und gerade das macht ihn so stark.
Rory ist anfangs alles, was sie nicht braucht. Arrogant. Ketzerisch. Provokant. Und doch zeigt sich unter dieser rauen Oberfläche eine Loyalität, die mich überrascht hat. Seine Gefühle für Sybil sind nicht großspurig oder dramatisch inszeniert – sie liegen in Blicken, in kleinen Gesten, in Momenten des Schutzes. Diese leise Intensität zwischen den beiden hat mich mehr berührt als jede laute Liebeserklärung.
Und dann das Setting. Das Land Traum mit seinen fünf Weilern, die jeweils einem Omen unterstehen. Die Kirche als allgegenwärtige Macht. Die Äbtissin, die alles lenkt wie eine unsichtbare Hand. Es ist düster, gotisch, bedrückend – aber nie überladen. Rachel Gillig versteht es, Atmosphäre zu weben. Wie Spinnfäden, die man erst bemerkt, wenn man längst darin gefangen ist.
Auch die Nebenfiguren tragen die Geschichte. Die Schwestern, die Sybils Herz bilden. Maude, die Ritterin, die ihr zum ersten Mal echte Wärme schenkt. Der junge König, dessen Entwicklung schmerzlich zu beobachten ist. Und der Gargoyle – trocken, respektlos, überraschend weise. Er brachte genau die richtige Portion Leichtigkeit in all die Dunkelheit.
Die Spannung bleibt konstant. Durch die Weissagungen, die Reisen, die Jagd nach den Omen, die ständige Gefahr, entdeckt zu werden. Und dann dieses Ende. Dieser Cliffhanger. Er kam nicht leise. Er kam wie ein Schlag. Und ließ mich mit offenem Mund zurück.
‚The Knight and the Moth’ ist düster, emotional, intensiv. Eine Geschichte über Glauben und Manipulation. Über Mut und Selbstbestimmung. Über Liebe, die sich langsam entfaltet und dabei umso stärker wirkt.
Für mich ein absolutes Highlight.
5/5 Sterne – und ich warte jetzt schon sehnsüchtig auf Band zwei.
