Manchmal frage ich mich wirklich, ob wir Menschen, die Bücher nicht nur lesen, sondern leben, nicht alle ein kleines bisschen widersprüchlich sind. Ob wir nicht voller kleiner Paradoxe stecken, die für Außenstehende überhaupt keinen Sinn ergeben – für uns selbst aber völlig logisch sind. Oder zumindest irgendwie vertraut.
Ein Beispiel aus meinem Leben: das Meer.
Wenn ich mir einen Urlaub aussuchen dürfte, müsste man mir eigentlich gar keine Auswahl geben. Es wäre immer das Meer. Immer. Schuhe aus, Sand unter den Füßen, Salz in der Luft, Wind im Gesicht. Ich liebe es, einfach dazustehen und zu schauen. Auf die Wellen. Auf dieses endlose Kommen und Gehen. Egal ob Sturm oder Sonnenschein – es beruhigt mich, erdet mich, bringt mich zurück zu mir selbst. Und natürlich schwimme ich auch. Rein ins Wasser, treiben lassen, durchatmen. In diesen Momenten fühle ich mich wirklich zuhause.
Und jetzt kommt das Absurde:
Bücher, die am Meer spielen, interessieren mich überhaupt nicht.
So gar nicht.
Ich lese den Klappentext, sehe „romantische Geschichte am Strand“ oder „Sommer am Meer“ – und innerlich bin ich schon wieder weg. Keine Neugier. Kein Kribbeln. Kein „Das muss ich lesen“. Obwohl ich im echten Leben wahrscheinlich gerade mit den Füßen im Wasser stehen möchte. Es ergibt keinen Sinn. Und trotzdem ist es so.
Noch so ein Widerspruch: meine Höhen- und Flugangst.
Nicht dieses harmlose „Ich mag keine Leitern“-Gefühl. Sondern richtig. Mit Herzklopfen, schwitzigen Händen und dem inneren Wunsch, einfach wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Fliegen stresst mich. Hohe Gebäude machen mich nervös. Aussichtsplattformen sind für mich eher Mutproben als Freizeitspaß.
Und trotzdem sitze ich abends auf dem Sofa und reite in Büchern völlig angstfrei auf Drachen durch die Lüfte. Ich stürze mich mit den Figuren in Luftschlachten, fliege über Abgründe, springe von Türmen und denke mir beim Lesen: Ja, klar. Mach ich auch. Würde ich verstehen.
Würde ich natürlich niemals.
Im echten Leben wäre ich vermutlich schon beim Gedanken daran kurz vor der Ohnmacht.
Ich liebe düstere Thriller, bin aber privat eher Team „Ich erschrecke schon bei unerwarteten Geräuschen“. Ich lese über Monster, Dämonen und apokalyptische Welten – und zucke bei einer Spinne im Bad zusammen. Ich verschlinge emotionale Liebesgeschichten – und bin im echten Leben manchmal mit Smalltalk überfordert.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Wir Bookies sind einfach speziell. Auf die schönste Art.
Wir fliehen in Welten, die wir selbst vielleicht nie betreten würden. Wir erleben Gefahren, Dramen, Abenteuer und Extreme – sicher eingekuschelt mit Buch, Decke und Tee. Wir fühlen alles, ohne wirklich etwas zu riskieren. Wir dürfen mutig sein, wild, verzweifelt, verliebt, furchtlos – für ein paar Stunden zwischen zwei Buchdeckeln.
Vielleicht lieben wir Bücher genau deshalb so sehr.
Weil sie uns erlauben, widersprüchlich zu sein.
Weil wir dort alles sein dürfen.
Ohne Absturz. Ohne Verletzung. Ohne nasse Füße – außer im echten Urlaub am Meer, den ich natürlich trotzdem mache.
Und jetzt seid ihr dran:
Habt ihr auch solche kleinen Lese-Paradoxe?
Dinge, die ihr im echten Leben liebt – aber in Büchern meidet?
Oder Dinge, die ihr im Buch feiert – aber niemals selbst tun würdet?
Bitte sagt mir, dass ich nicht allein so herrlich widersprüchlich bin. 📚💙✨
