Es gibt diese Thriller, die man liest und danach sofort wieder vergisst. Und dann gibt es jene, die sich langsam festsetzen – mit Atmosphäre, mit einem Gefühl von Unbehagen, das bleibt, selbst wenn man das Buch längst zugeschlagen hat. Genau deshalb greife ich immer wieder so gern zu diesem Genre. Gute Thriller schaffen es, Spannung nicht nur über Tempo zu erzeugen, sondern über Stimmung, Figuren und Fragen, die einen nicht mehr loslassen.
Und genau so ein Buch war für mich Coram House.
Bailey Seybolt – Coram House
Schon die Ausgangslage hat mich sofort neugierig gemacht: ein verlassenes Waisenhaus, ein verschwundener Junge und ein Geheimnis, das seit Jahrzehnten im Dunkeln liegt. Vermont, Ende der 1960er-Jahre. Ein heißer Sommertag, ein neunjähriger Junge verschwindet spurlos – und niemand kann bis heute sagen, was wirklich geschehen ist. Allein diese Vorstellung hat etwas zutiefst Beunruhigendes.
Fünfzig Jahre später betritt Alex Kelley diese Geschichte. Sie ist keine Ermittlerin, keine Polizistin, keine typische Thriller-Heldin. Alex ist True-Crime-Autorin – angeschlagen, erschöpft, beruflich und emotional an einem Tiefpunkt. Der Auftrag, über Coram House zu schreiben, wirkt zunächst wie ein Rettungsanker. Doch je tiefer sie in alte Akten, Zeugenaussagen und vergessene Dokumente eintaucht, desto klarer wird: Dieser Fall ist alles andere als abgeschlossen.
Was mich von Anfang an gepackt hat, war die Atmosphäre. Bailey Seybolt versteht es hervorragend, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Das winterliche Vermont, der See, die Kälte, die Einsamkeit – all das fühlt sich greifbar an. Das verlassene Waisenhaus wirkt dabei wie ein stiller Zeuge, der mehr weiß, als er preisgibt. Diese bedrückende Stimmung zieht sich durch das ganze Buch und verleiht der Geschichte eine Tiefe, die weit über einen klassischen Thriller hinausgeht.
Besonders gelungen fand ich den Aufbau auf mehreren Zeitebenen. Die Vergangenheit und die Gegenwart greifen immer wieder ineinander, ohne verwirrend zu sein. Stattdessen entsteht langsam ein Mosaik aus Erinnerungen, Andeutungen und unbequemen Wahrheiten. Auch die Schicksale der Kinder, die einst in Coram House lebten, haben mich sehr berührt. Hier geht es nicht nur um einen einzelnen Fall, sondern um Verlust, Schuld und die Frage, was passiert, wenn Unrecht nie wirklich aufgearbeitet wird.Die Spannung ist dabei eher leise, fast unterschwellig. Coram House setzt nicht auf permanente Action oder Schockmomente, sondern auf psychologischen Druck. Man spürt ständig, dass etwas nicht stimmt – und dass Alex sich mit jeder neuen Erkenntnis selbst in Gefahr bringt. Als dann plötzlich ein weiterer Todesfall auftaucht, kippt die Stimmung endgültig, und aus Recherche wird Überlebenskampf.
Ganz perfekt war das Buch für mich dennoch nicht. An manchen Stellen war ich als Leserin gedanklich ein kleines Stück voraus, und beim Finale hätte ich mir gewünscht, dass bestimmte Enthüllungen noch etwas feiner vorbereitet worden wären. Das hat meinen Lesefluss nicht zerstört, aber es hat verhindert, dass mich das Ende komplett umgehauen hat.
Trotzdem bleibt Coram House ein intensiver, atmosphärisch dichter Thriller, der sich Zeit nimmt und genau dadurch wirkt. Wer schnelle, laute Hochspannung sucht, wird hier vielleicht nicht fündig. Wer jedoch psychologische Spannung, starke Settings und Geschichten liebt, die langsam unter die Haut gehen, sollte dieses Buch unbedingt lesen.
Für mich ist es ein sehr gelungenes Debüt mit einer spannenden Hauptfigur und viel erzählerischem Potenzial.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – und bin mir ziemlich sicher, dass ich Bailey Seybolt im Auge behalten werde.
Und jetzt interessiert mich eure Meinung:
Welcher Thriller hat euch zuletzt wirklich gepackt?
