‚Hazelthorn’ von C.G. Drews

Manche Bücher liest man. Und manche Bücher kriechen einem unter die Haut.

Hazelthorn’ von C.G. Drews gehört ganz eindeutig zur zweiten Kategorie.

Schon nach wenigen Seiten hatte ich dieses Gefühl von unterschwelliger Beklemmung. Dieses leise Unbehagen, das sich langsam ausbreitet und mit jeder Seite stärker wird. Nicht die Art von Horror, die einen mit Schockmomenten überfällt. Sondern die Art, die sich in den Schatten versteckt, hinter Türen wartet und einem ständig das Gefühl gibt, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt.

Und genau das macht dieses Buch so besonders.

Die Geschichte beginnt auf Hazelthorn Manor, einem alten, düsteren Anwesen voller Geheimnisse. Dort lebt Evander seit seiner Kindheit praktisch versteckt vor der Welt. Sein Leben wird von Regeln bestimmt. Regeln, die scheinbar zu seinem Schutz existieren.

Verlasse niemals das Anwesen.

Betritt niemals den Garten.

Und vor allem: Sei niemals wieder allein mit Laurie.

Allein diese Ausgangssituation hat mich sofort neugierig gemacht.

Denn natürlich möchte man wissen, warum.

Warum darf Evander nicht hinaus?

Warum ist der Garten so gefährlich?

Und warum scheint ausgerechnet Laurie eine Gefahr für ihn darzustellen?

Als dann auch noch Evanders Vormund stirbt und er plötzlich nicht nur das Vermögen, sondern auch Hazelthorn Manor erbt, beginnt sich langsam ein Netz aus Geheimnissen, Lügen und verdrängten Wahrheiten zu öffnen.

Und ganz ehrlich? Je tiefer die Geschichte ging, desto unangenehmer wurde sie. Im besten Sinne.

Denn C.G. Drews erschafft hier eine Atmosphäre, die mich während des gesamten Buches begleitet hat.

Dieses Anwesen lebt. Nicht im wörtlichen Sinne. Aber es fühlt sich an, als würde es atmen. Jeder Flur. Jeder Raum. Jede knarrende Treppe. Und dann natürlich dieser Garten.

Dieser albtraumhafte, wuchernde Garten, der sich wie eine eigene Kreatur durch die Geschichte zieht.

Bedrohlich. Hungrig. Unberechenbar.

Die Pflanzen in Hazelthorn sind weit entfernt von allem Romantischen oder Märchenhaften.

Sie sind grotesk. Faszinierend. Und manchmal einfach nur verstörend. Genau deshalb konnte ich nie aufhören zu lesen.

Denn ständig wollte ich wissen, was als Nächstes hinter den Hecken, Mauern oder Erinnerungen verborgen liegt.

Besonders beeindruckt hat mich dabei Evander. Er ist keine typische YA-Hauptfigur. Kein selbstsicherer Held. Kein Auserwählter.

Kein Charakter, der sofort auf jede Situation eine Antwort hat. Im Gegenteil. Evander wirkt oft verloren. Überfordert. Verunsichert.

Er kämpft mit Erinnerungen, die sich nur bruchstückhaft zeigen, mit seiner Isolation und mit einer Realität, die ihm selbst zunehmend entgleitet.

Dadurch entsteht eine enorme Nähe zu ihm.

Man erlebt die Geschichte nicht nur mit ihm.

Man fühlt sich genauso orientierungslos.

Genauso unsicher.

Und genau deshalb funktionieren viele Enthüllungen so gut.

Denn die Fragen, die sich dem Leser stellen, beschäftigen auch Evander.

Was ist wirklich passiert?

Wem kann man vertrauen?

Und vor allem: Was ist eigentlich real?

Natürlich müssen wir auch über Laurie sprechen.

Denn Laurie ist eine dieser Figuren, die sich konsequent jeder klaren Einordnung verweigern.

Mal wirkt er charmant. Mal gefährlich. Mal verletzlich. Und dann wieder vollkommen undurchschaubar.

Immer wieder hatte ich das Gefühl, ihn endlich verstanden zu haben.

Nur um wenige Kapitel später festzustellen, dass ich offensichtlich gar nichts verstanden habe.

Und genau das macht seine Dynamik mit Evander so spannend.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, leise Romance, die nie die Handlung dominiert.

Sie drängt sich nicht in den Vordergrund.

Sie existiert vielmehr zwischen den Zeilen. In Blicken. In Gesten. In Momenten des Vertrauens. Gerade deshalb wirkte sie für mich unglaublich authentisch.

Denn eigentlich erzählt Hazelthorn keine Liebesgeschichte.

Es erzählt eine Geschichte über Einsamkeit. Über Identität. Über Manipulation. Über Angst. Und darüber, was passiert, wenn Menschen ihr ganzes Leben lang glauben, sie seien falsch.

Die Romance verleiht all dem lediglich einen zusätzlichen, bittersüßen Unterton.

Was mich außerdem unglaublich beeindruckt hat, war der Schreibstil.

Ich weiß, dass poetische Sprache manchmal Geschmackssache ist.

Aber hier hat sie für mich perfekt funktioniert.

C.G. Drews schreibt bildhaft, atmosphärisch und stellenweise fast schon hypnotisch. Manche Sätze wirken wie kleine Messer. Andere wie Gedichte. Und trotzdem verliert sich die Geschichte nie komplett in ihrer Sprache. Sie bleibt greifbar. Emotional. Verstörend.

Besonders gelungen fand ich auch die Horrorelemente. Sie werden nie inflationär eingesetzt. Die Autorin verlässt sich nicht auf billige Schockmomente.

Stattdessen entsteht der Horror aus der Atmosphäre, den Figuren und der stetigen Unsicherheit darüber, was wirklich geschieht.

Und genau das ist für mich oft viel wirkungsvoller.

Natürlich konnte ich nicht jede Wendung überraschen.

Einige Entwicklungen habe ich kommen sehen.

Aber das hat meinem Leseerlebnis überhaupt nicht geschadet.

Denn bei Hazelthorn geht es für mich weniger um den Überraschungseffekt als um die Reise selbst.

Um dieses langsame Abgleiten in etwas Dunkles.

Etwas Trauriges. Etwas Unheimliches. Und dann dieses Ende.

Dieses wunderschöne, schmerzhafte, perfekte Ende. Eines dieser Enden, die nicht laut sind. Die nicht alles erklären. Aber genau deshalb noch lange nachhallen.

Hazelthorn ist düster, melancholisch und stellenweise erschreckend schön.

Eine Geschichte voller Geheimnisse, Einsamkeit, toxischer Beziehungen, Manipulation und der Frage, wer wir eigentlich sind, wenn uns niemand mehr sagt, wer wir sein sollen.

Der Horror sitzt hier nicht nur zwischen den Pflanzen und den Mauern von Hazelthorn Manor.

Er sitzt oft direkt im Herzen der Figuren.

Und genau deshalb geht diese Geschichte so unter die Haut.

Ein atmosphärischer, poetischer und beklemmender Roman, der mich noch lange nach der letzten Seite beschäftigt hat.