Kannst du die Schatten lieben, wenn du weißt, was sich in ihnen verbirgt?
The Wren in the Holly Library – Der Kuss des Zaunkönigs von K.A. Linde
Das ist nicht nur die zentrale Frage in The Wren in the Holly Library, sondern auch der perfekte Startschuss für eine Geschichte, die alles andere als rosarote Fantasy ist. Wir reden hier nicht von einer romantischen Heldinnenreise mit Regenbögen, sondern von einer Welt, die vor Düsternis, Intrigen und Geheimnissen nur so strotzt. Und ja – genau das war mein Jam.
Willkommen in den Schatten von New York
K.A. Linde entführt uns nach New York. Aber nicht in das touristische „Times-Square-und-Liberty-Statue“-New York, sondern in ein dunkles, von Monstern beherrschtes Setting, das irgendwo zwischen Urban Fantasy und Dystopie liegt.
Vor 13 Jahren haben die Monster die Herrschaft übernommen. Für Menschen heißt das: überleben, improvisieren, beten, dass man nachts nicht im Schatten verschwindet.
Für Kierse heißt das: stehlen, tricksen, überleben. Sie ist eine Straßendiebin, die sich mit kleinen Gaunereien durchs Leben schlägt. Und wie das bei Fantasy-Diebinnen so ist: eines Nachts tappt sie direkt in die Falle. Sie bricht in eine Villa ein – ausgerechnet in die von Graves, einem der mächtigsten und gefährlichsten Wesen überhaupt.
Und statt sie einfach zu zerreißen (wäre ja auch zu einfach), macht Graves ihr ein Angebot: einen Deal, der so verführerisch wie tödlich ist. Damit setzt Kierse nicht nur ihr Leben aufs Spiel, sondern – Überraschung – auch ihr Herz.
Atmosphäre zum Reinfallen
Ich liebe es, wenn Bücher ein Setting haben, das einen sofort packt. Und hier war’s genauso.
- Der Monster-Markt im Third Floor: ein Ort, der gleichzeitig absolut abstoßend und total faszinierend ist. Ein Markt voller Schrecken, Verbotenem, Kreaturen, die einem im echten Leben Albträume bescheren würden – und trotzdem wollte ich dort verweilen, jede Ecke erforschen, jedes Geheimnis lüften.
- Die Holly Library: Eine Bibliothek, die von der legendären Trinity College Library in Dublin inspiriert sein soll. Da ich selbst schon dort war, konnte ich sofort ein klares Bild vor Augen haben – diese endlosen Gänge voller Bücher, dieser sakrale Vibe. Nur hier eben mit einer dunklen Note, passend zum düsteren Ton der Geschichte.
K.A. Linde hat es geschafft, bekannte Orte mit einer magisch-bedrohlichen Stimmung zu verweben, sodass man beim Lesen das Gefühl hat, direkt durch diese Schattenwelt zu streifen.
Figuren zwischen Licht und Dunkelheit
Kierse ist eine Protagonistin, wie ich sie mag: mutig, schlagfertig, aber auch realistisch genug, um nicht als „perfekte Heldin“ zu wirken. Sie weiß, wo ihre Stärken liegen, sie kennt ihre Schwächen, und trotzdem springt sie ins Ungewisse – ganz nach dem Motto „wird schon“. Ich mochte ihre Bodenständigkeit und ihre Art, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Graves dagegen … hach, Graves. Fatal schön, gefährlich, charmant, unberechenbar. Er ist der Inbegriff von morally grey: nie klar Held, nie klar Bösewicht. Lange wusste ich nicht, ob er Kierse retten oder zerstören würde. Und genau das macht ihn so spannend.
Die Dynamik zwischen den beiden entwickelt sich langsam – erst geschäftlich, dann immer persönlicher, bis es schließlich knistert. Und ja, es ist diese Art von langsamer, gefährlicher Anziehung, die einen beim Lesen zum Schmunzeln bringt, weil man weiß: Das wird noch Ärger geben.
Ein kleiner Kritikpunkt: Die Nebenfiguren wie Gen und Ethan hätten ruhig mehr Raum verdient. Sie spielen eine wichtige Rolle, bleiben aber blasser als nötig. Da wäre Potenzial für Tiefe und zusätzliche Emotionen gewesen.
Story & Stimmung
Die Handlung ist spannend und voller Wendungen. Manche Twists habe ich erahnt, andere haben mich wirklich überrascht – und genau das liebe ich. Dazu kommen die unterschwelligen Vibes von Die Schöne und das Biest, die durch die Dynamik zwischen Kierse und Graves durchschimmern. Nur eben ohne Kitsch und mit deutlich mehr Dunkelheit.
Besonders cool fand ich, dass die Geschichte Elemente aus irischer Mythologie und Sagen einbindet: Druiden, Hohepriesterinnen, Gestaltwandler – eine Vielfalt, die den Urban-Fantasy-Teil deutlich bereichert.
Natürlich gibt es hier und da Längen, aber die Gesamtstimmung, diese Mischung aus Gefahr, Geheimnissen und moralischen Grauzonen, hat mich so gepackt, dass ich das Buch kaum weglegen wollte.
The Wren in the Holly Library ist düstere Urban Fantasy, wie ich sie mag: geheimnisvoll, atmosphärisch, mit einer toughen Protagonistin und einem Love Interest, der für stundenlange Diskussionen sorgen könnte.
⭐️⭐️⭐️⭐️ (4/5)
Eine klare Empfehlung für alle, die Lust haben, in eine Welt voller Schatten, Monster und moralischer Grauzonen einzutauchen.
👉 Und jetzt die Frage an euch:
Wie steht ihr zu „morally grey“-Charakteren? Seid ihr Team „rettet die Welt“ oder eher Team „ich nehm, was mir passt und der Rest ist mir egal“?
