Bitte. Bitte lass das nicht das Ende gewesen sein.
Ich meine das ernst.
Falls Marc Raabe tatsächlich beschlossen haben sollte, die Art-Mayer-Reihe an dieser Stelle zu beenden, dann möchte ich offiziell Protest einlegen. 😭
Denn nachdem im letzten Band endlich der große Handlungsstrang rund um Dana abgeschlossen wurde, war ich ehrlich gesagt unsicher, ob die Reihe dieses Niveau überhaupt halten kann.
Im Morgengrauen – Marc Raabe
Dana, Milla, die ganze Geschichte dahinter – das war über mehrere Bücher hinweg das emotionale Herzstück der Reihe. Und genau deshalb habe ich mich gefragt, wie es danach weitergehen soll.
Die Antwort?
Offensichtlich so, dass ich das Buch wieder viel zu schnell gelesen habe, viel zu wenig geschlafen habe und nach dem Ende mit deutlich mehr Fragen dastand als vorher.
Also eigentlich genau so, wie man es von Marc Raabe kennt.
Schon die Ausgangssituation hat mich sofort gepackt.
Eine junge Frau geht viral. Ihr Gesicht bleibt verborgen, aber ihre Videos verbreiten sich rasend schnell im Netz. Darin erzählt sie von einer Affäre mit dem Bundeskanzler. Wahrheit? Inszenierung? Politische Kampagne?
Niemand weiß es.
Und dann verschwindet ausgerechnet der Kanzler.
Spätestens da war ich verloren.
Ich liebe Thriller, die persönliche Schicksale mit politischen Machtspielen verbinden. Wenn man nie genau weiß, wer manipuliert wird, wer die Wahrheit sagt und wer längst seine eigenen Interessen verfolgt.
Genau daraus zieht Im Morgengrauen einen großen Teil seiner Spannung.
Und Spannung ist hier wirklich dauerhaft vorhanden.
Nicht diese Art von Spannung, die alle hundert Seiten mal auftaucht.
Sondern dieses permanente Gefühl von Unruhe.
Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Dass sich die Schlinge immer enger zuzieht.
Dass jeden Moment alles eskalieren könnte.
Und meistens tut es das dann auch.
Marc Raabe schafft es erneut, die Geschichte so aufzubauen, dass man ständig weiterlesen muss.
Nur noch ein Kapitel. Nur noch eine Seite. Nur noch eine Enthüllung. Wer seine Bücher kennt, weiß genau, wie gefährlich dieser Gedanke ist. 😅
Besonders beeindruckend finde ich dabei immer wieder seine Figuren.
Art Mayer gehört inzwischen für mich zu den spannendsten Ermittlern im deutschsprachigen Thrillerbereich.
Nicht, weil er perfekt wäre.
Sondern weil er es eben nicht ist.
Art trägt seinen eigenen Ballast mit sich herum. Seine Fehler. Seine Vergangenheit. Seine Zweifel.
Und genau das macht ihn so greifbar.
Dasselbe gilt für Nele.
Ich liebe die Dynamik zwischen den beiden inzwischen wirklich.
Sie funktionieren nicht, weil sie ständig einer Meinung sind. Sie funktionieren, weil sie sich vertrauen. Weil sie sich ergänzen.
Weil sie sich auffangen, wenn der andere kurz davor ist, unterzugehen. Nichts daran wirkt künstlich oder konstruiert. Es fühlt sich einfach echt an.
Und genau deshalb fiebert man mit beiden so unglaublich mit.
Besonders gefreut habe ich mich außerdem darüber, wie viel Raum auch die Nebenfiguren wieder bekommen.
Milla bleibt weiterhin eines meiner Highlights.
Diese Mischung aus Schlagfertigkeit, Intelligenz und kindlicher Direktheit sorgt immer wieder dafür, dass selbst in den düstersten Momenten kleine Lichtblicke entstehen.
Und dann wäre da noch Leo.
Ich werde bewusst nicht zu viel verraten, aber über ihn öffnen sich weitere Türen in Arts Vergangenheit.
Fragen, die schon lange im Raum stehen.
Wunden, die nie richtig verheilt sind.
Und genau solche Momente liebe ich.
Wenn eine Reihe nicht nur spannende Fälle erzählt, sondern ihre Figuren über mehrere Bücher hinweg wachsen lässt.
Für mich macht genau das den Unterschied zwischen einem guten Thriller und einer wirklich großartigen Reihe aus.
Ein absolutes Highlight waren außerdem die Videotagebücher von Kessy. Diese Kapitel haben dem Buch nochmal eine ganz eigene Intensität verliehen.
Während Art und Nele versuchen herauszufinden, was passiert ist, bewegt man sich mit Kessy unaufhaltsam auf den Tag zu, an dem alles zusammenbrechen wird.
Man weiß die ganze Zeit, dass etwas Schreckliches passieren muss. Aber man weiß nicht wann. Nicht wie. Und vor allem nicht warum. Genau diese Mischung aus Wissen und Nichtwissen erzeugt eine Spannung, die mich komplett gefesselt hat.
Manchmal war ich den Ermittlern gedanklich einen Schritt voraus. Und gleichzeitig komplett ahnungslos. Das muss man erstmal schaffen.
Auch atmosphärisch war das Buch wieder unglaublich stark. Die Schauplätze fühlen sich nie wie bloße Kulissen an. Sie leben. Sie erzählen Geschichten. Sie haben Narben. Besonders die Szenen im alten Stellwerk haben bei mir für echtes Gänsehautfeeling gesorgt.
Diese leicht klaustrophobische Stimmung.
Diese Dunkelheit.
Dieses Gefühl, dass hinter jeder Ecke etwas lauern könnte. Genau solche Momente machen Marc Raabes Bücher für mich so besonders.
Und dann kommt dieses Ende.
Oder besser gesagt: Dieses vermeintliche Ende.
Denn ganz ehrlich? Für mich fühlt sich hier überhaupt nichts abgeschlossen an.
Viel zu viele Fragen stehen noch im Raum.
Viel zu viele Figuren haben Geschichten, die noch weitererzählt werden müssen.
Wie geht es mit Art und Juli weiter?
Was passiert mit Leo?
Wie entwickelt sich alles rund um Nele, Roman und Lasse?
Und überhaupt: Kann man uns nach all den Jahren wirklich einfach so zurücklassen?
Ich hoffe wirklich nicht.
Denn so sehr ich diesen Band geliebt habe, so sehr möchte ich eigentlich noch nicht Abschied nehmen.
Im Morgengrauen ist für mich ein absolutes Thriller-Highlight.
Düster, intelligent, emotional und voller Spannung. Marc Raabe verbindet politische Intrigen, persönliche Schicksale und komplexe Figuren erneut zu einem Thriller, den man kaum aus der Hand legen kann.
Besonders die Dynamik zwischen Art und Nele, die Videotagebücher von Kessy und die vielen emotionalen Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass ich jede einzelne Seite verschlungen habe.
Und genau deshalb hoffe ich aus tiefstem Herzen, dass dies noch nicht das letzte Wiedersehen mit Art Mayer war.
5 von 5 🖤🖤🖤🖤🖤
