Es gibt Bücher, die liest man einfach – und dann gibt es Bücher, die einen noch lange begleiten, weil sie etwas in einem auslösen. „Die Psyche des Bösen“ von Axel Petermann gehört für mich ganz klar zu letzterer Kategorie. Es ist kein Buch, das man einfach zuschlägt und sofort zur nächsten Geschichte übergeht. Es ist eines, das nachhallt. Das Fragen stellt. Und das einen zwingt, genauer hinzusehen.
Axel Petermann ist für mich schon lange kein Unbekannter mehr. Durch frühere Bücher, TV-Formate und auch seine Zusammenarbeit mit Petra Mattfeldt wusste ich bereits, mit welcher Präzision und welchem Blick für Details er arbeitet. Trotzdem hat mich dieses Buch nochmal auf eine ganz andere Weise beeindruckt. Vielleicht, weil es sich nicht nur mit den Taten selbst beschäftigt, sondern viel tiefer geht. Es geht um das Warum. Um die Gedanken hinter den Verbrechen. Um die Psyche der Menschen, die solche Taten begehen.
Im Zentrum stehen drei Fälle, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und genau das macht das Buch so spannend. Da ist das Verschwinden eines jungen Mädchens kurz vor der Wende, ein Fall voller Unsicherheiten, Spuren, die ins Leere laufen, und Fragen, die auch Jahrzehnte später nicht vollständig beantwortet sind. Dann ein Mordfall, der eigentlich längst aufgeklärt wurde, bei dem aber Zweifel bleiben. Und schließlich die Geschichte eines Jungen, der schon früh Gewalt zeigt und später tatsächlich zum Mörder wird. Drei Fälle, drei Perspektiven – und doch verbindet sie alle die Frage, was in einem Menschen vorgehen muss, damit er eine solche Tat begeht.
Was dieses Buch für mich so besonders gemacht hat, ist die Art, wie Petermann an diese Fälle herangeht. Er erzählt nicht einfach nach, was passiert ist. Er arbeitet. Er analysiert. Er hinterfragt. Und man merkt auf jeder Seite, dass hier jemand schreibt, der nicht nur theoretisches Wissen hat, sondern jahrzehntelange Erfahrung. Seine Herangehensweise ist ruhig, sachlich und respektvoll – und genau das macht die Wirkung so intensiv. Es geht nicht um Sensation oder Schockmomente, sondern um Verständnis. Um das genaue Hinsehen.
Besonders eindrücklich fand ich, wie viel Mühe er sich auch noch Jahre später mit den Fällen gibt. Er spricht mit Zeitzeugen, recherchiert in Archiven, lässt sich alte Akten zuschicken, besucht Tatorte und rekonstruiert Abläufe. Dabei erklärt er immer wieder, warum er bestimmte Schlüsse zieht, welche Gedanken ihn leiten und wo auch er an Grenzen stößt. Gerade das hat mir unglaublich gut gefallen, weil es die Ermittlungsarbeit so greifbar macht. Man fühlt sich beim Lesen nicht wie ein außenstehender Beobachter, sondern eher wie jemand, der selbst Teil dieses Prozesses ist.
Ein Beispiel, das mir besonders im Kopf geblieben ist, ist der Fall eines verschwundenen Mädchens, bei dem sogar eine mögliche Verbindung zur Stasi im Raum stand. Eine Theorie, die zunächst gar nicht so abwegig wirkt – zumindest, wenn man den historischen Kontext betrachtet. Doch durch gezielte Nachfragen und sorgfältige Recherche konnte Petermann diese Spur entkräften. Und genau solche Momente zeigen, wie wichtig es ist, Dinge nicht vorschnell als gegeben hinzunehmen. Wie wichtig es ist, immer weiterzufragen.
Auch der Fall eines bereits verurteilten Täters hat mich sehr beschäftigt. Gerade hier wird deutlich, wie schwierig es ist, objektiv zu bleiben – vor allem, wenn Emotionen im Spiel sind. Petermann gelingt genau das. Er betrachtet den Fall aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne vorschnell zu urteilen. Und zeigt dabei auch, welche Rolle Fehler innerhalb von Ermittlungen oder Gutachten spielen können. Das war stellenweise wirklich erschreckend zu lesen.
Am meisten unter die Haut gegangen ist mir jedoch die Geschichte rund um Roger B.
Ein Junge, der schon früh auffällig wird. Der Gewalt zeigt, die man in diesem Alter kaum greifen kann. Und bei dem sich die Frage stellt: Hätte man etwas verhindern können? Hätte man früher eingreifen müssen? Petermann begegnet ihm später erneut – im Gefängnis. Allein diese Tatsache verleiht dem Buch eine zusätzliche Intensität. Es zeigt, dass hinter jeder Tat ein Mensch steht. Und dass es oft keine einfachen Antworten gibt.
Was dieses Buch für mich so eindringlich macht, ist nicht nur der Inhalt, sondern auch das, was es beim Lesen auslöst. Man beginnt automatisch, Dinge zu hinterfragen. Eigene Denkmuster. Eigene Vorurteile. Wie schnell man selbst urteilt, ohne alle Fakten zu kennen. Wie sehr man sich von Emotionen leiten lässt. Und wie schwierig es eigentlich ist, wirklich neutral zu bleiben.
Natürlich ist es schade, dass viele Namen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert wurden. Dadurch wird es schwer, selbst weiter zu recherchieren. Aber gleichzeitig ist es absolut nachvollziehbar – und letztlich auch wichtig.
Am Ende bleibt für mich ein Buch, das weit mehr ist als „nur“ True Crime. Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche. Mit Schuld, mit Motiven, mit Entscheidungen. Und mit der Erkenntnis, dass es selten einfache Antworten gibt.
„Die Psyche des Bösen“ ist kein Buch für nebenbei. Es ist eines, auf das man sich einlassen muss. Aber wenn man das tut, bekommt man eine unglaublich tiefgehende, durchdachte und beeindruckende Analyse, die noch lange nachwirkt.
Für mich ganz klar: 5 von 5 Sternen ⭐️
Und eine große Empfehlung für alle, die True Crime nicht nur konsumieren, sondern wirklich verstehen wollen.


