„Meine tote Schwester“

Es gibt Autorinnen, bei denen ich inzwischen gar nicht mehr lange überlegen muss, ob ich ein neues Buch lesen möchte. Sobald ein neuer Thriller erscheint, wandert er automatisch auf meine Liste – einfach, weil ich inzwischen weiß, dass mich ihre Geschichten zuverlässig packen werden. Genau so ist es für mich mittlerweile bei Catherine Shepherd.

Mit „Meine tote Schwester“ hat sie wieder genau das geliefert, was ich mir von einem guten Psychothriller wünsche: Spannung, Geheimnisse, atmosphärische Gänsehaut und diese Art von Geschichte, bei der man ständig denkt, man hätte endlich alles verstanden – nur um wenige Seiten später wieder komplett an den eigenen Theorien zu zweifeln.

Schon die Ausgangssituation hat mich sofort abgeholt.
Ein verlassenes Haus. Eine tote Schwester. Elf Jahre alte Geheimnisse. Und dann zieht plötzlich ein neuer Nachbar ein, über den erschreckende Gerüchte kursieren.

Allein diese Kombination sorgt direkt für diese unterschwellige Spannung, die sich durch das gesamte Buch zieht. Zwischen Mias Fenster und der alten Villa liegen gerade einmal dreißig Meter – und trotzdem wirkt das Haus wie eine völlig andere Welt. Ein Ort voller Erinnerungen, Ängste und ungeklärter Fragen.

Besonders gelungen fand ich dabei die Atmosphäre. Catherine Shepherd schafft es unglaublich gut, dieses bedrückende Gefühl aufzubauen, dass hinter jeder Kleinigkeit mehr steckt. Das Haus selbst wird fast zu einer eigenen Figur innerhalb der Geschichte. Still, verlassen und gleichzeitig voller Geheimnisse.

Und genau diese Fragen treiben die Handlung konstant voran.

Was ist damals mit Jasmin passiert?
Warum stand das Haus so lange leer?
Und vor allem: Wer ist Lukas wirklich?

Mia als Protagonistin mochte ich dabei wirklich gern. Anfangs wirkt sie eher ruhig und zurückhaltend, fast unsicher. Doch je mehr sich die Ereignisse zuspitzen, desto deutlicher zeigt sich, dass deutlich mehr Stärke in ihr steckt, als sie selbst glaubt.

Gerade ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte fand ich sehr gelungen. Sie beginnt, Dinge zu hinterfragen, selbst nach Antworten zu suchen und sich nicht einfach mit dem zufrieden zu geben, was andere ihr erzählen wollen.

Und dann ist da Lukas.

Ganz ehrlich?
Er ist genau die Art Figur, bei der man die ganze Zeit schwankt.

Sympathisch oder gefährlich?
Verletzlich oder manipulativ?
Opfer oder Täter?

Durch seine Vergangenheit und die Gerüchte, die ihn begleiten, bleibt ständig dieses Misstrauen bestehen. Gleichzeitig schafft die Autorin es aber auch, ihn nahbar wirken zu lassen. Und genau diese Unsicherheit macht ihn als Figur so spannend.

Auch Nora, seine Mutter, bringt nochmal zusätzliche Dynamik in die Geschichte. Ihre Art, Lukas beschützen zu wollen, wirkt nachvollziehbar – gleichzeitig sorgt sie aber auch dafür, dass man sich ständig fragt, was sie vielleicht selbst verschweigt.

Besonders gut gefallen hat mir die Erzählweise mit den wechselnden Perspektiven. Dadurch bekommt man immer wieder neue Einblicke, entdeckt neue Hinweise und stellt seine bisherigen Vermutungen plötzlich wieder infrage.

Und genau das liebe ich an guten Thrillern.

Dieses permanente Miträtseln.

Dieses Gefühl, ständig kurz davor zu sein, die Wahrheit zu erkennen – und dann doch wieder überrascht zu werden.

Die Geschichte spielt dabei gekonnt mit falschen Fährten und Wendungen. Kaum dachte ich, ich hätte verstanden, wohin alles führt, kam der nächste Twist und hat wieder alles durcheinandergebracht.

Trotzdem wirkt die Handlung nie künstlich kompliziert. Alles fügt sich am Ende schlüssig zusammen und ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich allerdings bestehen: Einige Nebenfiguren hätten für mein Gefühl einen runderen Abschluss verdient. Während die Hauptgeschichte sehr zufriedenstellend aufgelöst wird, bleiben bei manchen Figuren noch kleine offene Fragen zurück.

Das hat mein Leseerlebnis aber kaum geschmälert.

Denn insgesamt ist „Meine tote Schwester“ genau die Art Thriller, die ich unglaublich gerne lese: atmosphärisch, spannend und voller psychologischer Spannung, ohne dabei überladen zu wirken.

Ein Buch, das einen konstant im Ungewissen lässt und genau dadurch dafür sorgt, dass man immer weiterlesen möchte.

Für mich ganz klar starke 4 von 5 Sternen ⭐️

Und definitiv eine Empfehlung für alle, die Thriller mit düsterer Atmosphäre, Geheimnissen und vielen Wendungen lieben.